Göttinger Predigten

deutsch English español
português dansk Schweiz

Startseite

Aktuelle Predigten

Archiv

Besondere Gelegenheiten

Suche

Links

Gästebuch

Konzeption

Unsere Autoren weltweit

Kontakt
ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Kantate, 06.05.2007

Predigt zu Jesaja 12:1-6, verfasst von Eberhard Busch

An jenem Tage wirst du sprechen: Ich danke dir, Herr, denn du hast mir gezürnt; da hat dein Zorn sich gewendet, und du hast mich getröstet. Siehe, Gott ist mein Heil! Ich bin getrost und fürchte mich nicht. Denn meine Stärke und mein Loblied ist der Herr, und er ward mir zum Heil. Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Quellen des Heils und werdet sprechen an jenem Tage: „Danket dem Herrn, rufet seinen Namen, tut kund unter den Völkern seine Taten, verkündet, dass sein Name erhaben ist! Lobsinget dem Herrn; denn Großes hat er getan, kund sei das in aller Welt. Jauchze und juble, Bewohnerin Zions! Denn groß ist in deiner Mitte der Heilige Israels." (nach Zürcher Bibel)

 

Der heutige Sonntag trägt im Kirchenjahr den lateinischen Namen „Kantate", was auf Deutsch soviel heißt wie: „Singt!" Das erinnert an den Aufruf in der Mitte des eben verlesenen Bibeltextes: „Singt!" Und dieser Aufruf bestimmt eigentlich alle Verse des zwölften Kapitels im Jesajabuch; man darf es ein Psalmlied nennen. Wir müssen wohl dazu aufgefordert werden, das zu tun, wozu dieses Lied uns einlädt - so, wie es in einem unserer Kirchenlieder heißt: „Wach auf, mein Herz, und singe!" Es ist ja zwar nicht so, als sei uns heute die Musik ferngerückt. Konzerte sind ausverkauft, in denen man unter üppigen Preisen einen von Experten vorgetragenen Gesang im klassischen oder im Pop-Stil anhören kann. Tritt man in Kaufhäuser, so schallt einem Musik entgegen, die uns zum Kaufen anregen will. Und auf den Straßen oder in den Bahnen und Bussen kann man so viele fast nicht mehr ansprechen, weil sie in ihren Ohren Kapseln zum Hören irgendwelcher Töne haben. Aber merkwürdig, während wir hören, wie Andere Musik machen, singen wir selber immer weniger. Da sind allzu Viele in allen Altersgruppen gleichsam im Stimmbruch. Und von manchen hört man keinen Gesang, weil sie ohne Grund meinen, es gehe ihnen nicht gut. Wir müssen es wieder lernen und wieder üben, dem biblischen Aufruf zu folgen: „Singt!" Das heute zu uns sprechende Bibelwort lädt uns dazu ein. Und es klärt uns auf, dass zu jedem ordentlichen Gottesdienst der Gesang von Liedern gehört.

Es gibt nun freilich ein störendes Wort von Jesus, der sagte: „Wehe euch, die ihr hier lacht; denn ihr werdet weinen und heulen!" Wie sollen wir denn das verstehen? Will Jesus uns vielmehr dazu anleiten, statt frohgemut zu singen und zu lachen, klagend und mürrisch durchs Leben zu gehen? Passen wir gut auf! Es geht unserem Herrn nicht darum, uns die Freude am Singen zu vermiesen. Es geht ihm darum, uns Freude am rechten Singen zu machen. Es gibt nämlich auch ein verkehrtes Singen und Jubeln. Und das verkehrte Singen kann man daran erkennen, dass es allenfalls stattfindet, wenn man dazu in Stimmung ist. Wenn man dazu in Stimmung ist oder sich dazu in Stimmung bringt, wohlan, dann kann man lachen, dann kann man jubeln und singen. Aber wenn man nicht in Stimmung ist, dann ist man vielleicht zu Tode betrübt oder zumindest geht und fährt man mit einem Gesicht umher, das missmutig und missgelaunt ist.

Rechtes Singen ist daran erkennbar, dass es nicht aufhören muss, wenn man dazu nicht in Stimmung ist. Es kann auch dann angestimmt werden, wenn es einem nicht gut geht und wenn man traurig ist. Der schwäbische Liederdichter Philipp Hiller reimte einmal: „Drum wein ich, wenn ich wein, / doch noch mit Loben ..." Und ein anderes Mal: „Man kann den Kummer sich vom Herzen singen ..." Diese Zeilen haben wohl jene verwunderliche biblische Geschichte vor Augen, die erzählt: Der Apostel Paulus und sein Gefährte Silas seien einst in Philippi wegen ihrer Evangeliumspredigt ausgepeitscht und ins Gefängnis geworfen worden, wo ihre Füße in einen Schraubstock schmerzhaft eingeklemmt wurden. Und dann wörtlich: „Um Mitternacht beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und es hörten sie die Gefangenen" (Apg. 16,25). Während sie tief drunten sind und nicht weiter wissen und ernstlich leiden, loben sie Gott. Sie sagen nicht: Was sie durchmachen, ist nicht so schlimm und tut nicht weh. Es ist schlimm. Es tut weh. Aber jetzt machen sie mit dem Ernst, wie es der Reformator Johannes Calvin zu unserem Psalmlied sagt: „dass niemand aus Herzensgrund Gott Loblieder singt, der nicht im Bewusstsein seiner Schwachheit bittend und flehend seine Stärke bei dem einen Gott sucht." Haben wir sonst nichts zu loben, und gerade dann, wenn wir Hartes erfahren, so haben wir auf alle Fälle Grund, Gott zu loben. 

*

Auf alle Fälle? Unser Text scheint eine Ausnahme davon zu kennen, dass Gott auf alle Fälle zu loben ist. Da ist etwas, was einem das Loben im Halse stocken lassen möchte. Und das kommt nicht aus unserem Alltag und nicht von dem, was einem dort an Dunklem widerfahren kann. Das kommt von Gott her. Unser Bibeltext sagt von Gott ein Wort, das wir vielleicht am liebsten auslöschen möchten: Er spricht vom Zorn Gottes. Aber täuschen wir uns nicht! Wir wissen nicht, was Gottes Güte und Liebe ist, wenn wir nicht auch Gottes wohlbegründeten, strengen Zorn anerkennen. Wir wissen es nicht, was es heißt, dass Gott Ja zu seinem Volk sagt, wenn uns nicht klar ist, dass wir es viel mehr verdient haben, dass Gott zu seinem Volk Nein sagt. Denken wir nur daran, dass wir es jetzt ja wissen könnten: wie wir Menschen das von Gott gut Geschaffene, die Gott gehörende Erde kränken, zerstören und ausplündern. Aber seit die Nachricht von der nunmehr drohenden Riesenkatastrophe soeben durch die Medien ging, ist das anscheinend schon wieder vergessen und verdrängt oder durch Pläne von völlig ungenügenden Maßnahmen und durch törichte Blindheit auf die Seite geschoben. Verhalten sich die Menschen nunmehr nicht erst recht nach dem Spruch: „Lasset uns essen und trinken; denn morgen sind wir tot"? Was soll denn Gott mit solchen wirren Geschöpfen machen? Muss er nicht Nein zu ihnen sagen?

Und tatsächlich sagt Gott ja auch ein Nein. Aber es ist kein vernichtendes sondern ein sie neu ausrichtendes Nein. So sagt es ja unser Psalmlied völlig überraschend: „Ich danke dir, Herr, denn du hast mir gezürnt." Welch ein erstaunlicher Satz! Der Zorn Gottes, sein unerbittliches Nein zu mir ist offenbar so etwas wie eine Straßensperre auf meinem Weg ins Verderben und in den Abgrund. Ja, „ich danke dir, dass du Gott mir ein Fortfahren auf dieser Straße - nicht nur verboten hast, sondern dass du das in deinem Zorn verhinderst und unterbindest."  Können wir es im Moment nicht verstehen, bäumen wir uns vielleicht sogar dagegen auf, dass das Nein Gottes zu uns sich querstellt auf dem Weg, auf dem wir marschieren, der Tag wird kommen, wo wir sprechen werden: „Ich danke dir, Herr, denn du hast mir gezürnt." Dann sind wir nahe daran, dass wir verstehen, dass dieses Nein Gottes zu uns und zu unserer Verkehrtheit schon heimlich voller Ja zu uns ist. Und wir verstehen, dass wir nicht umsonst Gott darum bitten dürfen: es möge sein heimliches Ja zu uns sich eines guten Tages als sein offenes, unbedingtes Jawort zeigen.

So heißt es in dem Psalmlied: „Es wende sich dein Zorn, dass du mich tröstest." Diese Wendung seines Zorns wird uns die Quelle eines großen Trostes sein. Ein Ausleger bemerkt dazu: Trösten meint hier kein bloßes Vertrösten. Sondern kurz: „Trösten heißt helfen." Ja, Gott ist Hilfe. Und diese Hilfe ist in der Tat wie eine Quelle, aus der wir gutes, frisches Wasser schöpfen können. Unser Text sagt: "Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Quellen des Heils." Johannes Calvin sagt dazu: „In diesem Leben ist nichts so unentbehrlich wie das Wasser, und keine Knappheit so unerträglich wie die an Wasser ... Nicht ohne guten Grund vergleicht (das Psalmlied) Gottes Barmherzigkeit mit einer Quelle, die alles Durstige und Ausgedörrte tränkt, die die wegen Sonnenglut Verschmachtenden erquickt und den vor Mattigkeit Gebeugten neues Leben schenkt." So Calvin. Eben diese Erfahrung richtet uns auf und gibt uns Zuversicht. Sie verleiht unserer vertrockneten Kehle eine Stimme, in der wir mit unserem Psalmlied singen und sagen können: „Gott ist meine Hilfe. Ich habe Vertrauen und fürchte mich nicht. Denn meine Stärke und mein Loblied ist der Herr."

*

Und nun ist es zuletzt wichtig, dass wir uns klar machen: Solches Lied ist kein echtes Loblied, wenn wir es nur für uns in einer stillen Ecke anstimmen. Damit können wir nicht „müßig sitzen bleiben", wie Calvin anmerkt. Sondern stimmen wir dieses Loblied an, dann stehen wir auf. Dann brechen wir auf. Dann nehmen wir das ernst, wozu unser Text uns aufruft - uns: Junge und Alte, Gesunde und Behinderte, Komplizierte und Einfache, Pastoren nicht nur, sondern ebenso auch die so genannten Laien: Ihr alle, „tut kund unter allen Völkern Gottes Taten." Ihr habt sie nicht zu euren Meinungen zu bekehren. Aber tut ihnen Gottes Taten kund, tut es mit Worten nicht nur, sondern mit Taten und mit Taten nicht nur, sondern auch mit Worten. Warum sollen wir Gott so rühmen? Darum, weil er die Hilfe ist: der Höchste uns nahe, „der Heilige Israels in unserer Mitte", der große Anführer der großen Gegenbewegung gegen den Tod und für das Leben, gegen das Zerstören und Ausplündern seiner guten Schöpfung zugunsten eines friedlichen Zusammenlebens seiner Menschen und ihres Zusammenlebens mit all den anderen verschiedenen Geschöpfen Gottes.

Wir feiern recht den Sonntag Kantate, wenn wir unsere Stimme zu Lobe dieses Gottes erheben - so, dass sie auch von unseren Mitmenschen gehört wird. Wir werden das tun, wenn wir verstehen, was der bekannte Prediger Schweizer Pfarrer Walter Lüthi erfahren hat. Er schrieb, sein Leben sei dadurch bestimmt worden, dass Gott sich dreimal mit seinem Nein ihm in den Weg stellte, den er eigentlich gehen wollte. So wurde er der tapfere Zeuge, der während des zweiten Weltkriegs der Regierung seines Landes widersprach zugunsten des Lebens von tödlich bedrohten Juden. Auf solche Weise sucht und findet Gott gewiss auch heute, „unter allen Völkern", auch unter uns Menschen, die ihn, den Gott des Lebens, loben - Menschen, die ihn damit loben, dass sie zugunsten des Lebens gegen die tödliche Bedrohung von Gottes geliebten Geschöpfen aufstehen.   



Prof. Dr. Eberhard Busch
Göttingen
E-Mail: eberhard.busch@theologie.uni-goettingen.de

(zurück zum Seitenanfang)