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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Kantate, 06.05.2007

Predigt zu Jesaja 12:1-6, verfasst von Jochen Arnold

Betörende Zukunftsmusik

Warum singen wir eigentlich in der Kirche?
Haben Sie sich das schon einmal gefragt, liebe Gemeinde?
Würde es nicht reichen, im Gottesdienst zu beten und auf das Wort Gottes zu hören?

Heute, am Sonntag Kantate, werden wir förmlich darauf gestoßen, über unser Verhältnis zur Kirchenmusik nachzudenken und zu dieser Frage zu positionieren. Es wäre jetzt spannend unter Ihnen ein kleines Meinungsbild zu erheben, vielleicht unter der Frage: Welche Bedeutung hat für Sie die Musik im Gottesdienst?

Sie dürften dann ankreuzen:

Vielleicht gehören Sie auch zu denen, die zwar sehr wichtig ankreuzen, aber zugleich auch eine andere Form von Musik im Gottesdienst wünschen. Unseren Wochenspruch: Singet dem Herrn ein neues Lied! Interpretieren Sie ganz eindeutig in eine Richtung: Mehr neue Lieder, mehr Gospelmusik! Mehr musikalische Innovation, Mut zum Experiment! Damit wären wir dann schon mitten in einer ganz aktuellen Debatte um die Stilistik der Kirchenmusik.

Doch hören wir, was der Prophet Jesaja in seinem 12. Kapitel uns zum Thema anbietet...

            Lesung des Predigttextes aus Jes 12

Sie haben recht gehört, liebe Gemeinde. Das klingt fast wie ein Psalm.

Ein Psalm mitten in einem Prophetenbuch! Das mag uns vielleicht verwundern. Aber es stimmt. Es handelt sich tatsächlich um ein prophetisches Danklied, um hymnische Zukunftsmusik, um einen „zukunfts-trächtigen" Psalm im besten Sinne des Wortes.

Ein Psalm, der unser heutiges Motto „Singet dem Herrn ein NEUES Lied!" in ganz eigentümlicher Weise entfaltet und einlöst: Denn was wir da hören ist ein neues Lied. Es trägt Zukunft in sich. Welche Tonart und Form hat es, dieses neue Lied?

I Das neue Lied

Keine Frage, das Lied, das uns der Prophet ins Ohr singt, schlägt begeisterte, hymnische Töne an, viel Dur klingt da und wenig Moll. Es besteht aus zwei Teilen, vielleicht können wir sogar sagen: aus zwei Strophen. Zuerst singt da einer und dann verwickelt er auch noch andere in sein Lied: Die erste Strophe wird eingeleitet mit „Ich danke dir, Gott" und die zweite enthält die prägnante Aufforderung: „Preist den Herrn!" Dank und Lob, wie gemacht für den heutigen Sonntag. Vor diesen beiden Sätzen stoßen wir allerdings auf eine andere Wendung, eine Wendung die aufhorchen lässt:

An jenem Tag werdet ihr sagen, ruft der prophetische Sänger zu Beginn der zweiten Strophe seinen Volksgenossen zu und auch die erste Strophe beginnt ähnlich: An jenem Tag wirst Du Folgendes sagen.

Was ist das für ein Tag, den Jesaja kommen sieht? Was muss da passiert sein, dass die Bürgerschaft Jerusalems singen und Gott loben kann, ja mehr noch: dass diese prophetische Zukunftsmusik auch uns - hier und heute - ergreift?

Hören wir dazu etwas genauer hin. Horchen wir hinein in unseren Psalm, was es da so an Zwischentönen zwischen Gott und Menschen gibt. Die Dissonanzen sind sparsam, die harmonischen Wohlklänge üppiger vertreten, ohne dass die Spannung ganz aufgelöst wäre. Nein, dieses Lied ist kein belangloses Liedchen. Es deutet vielmehr eine Geschichte mit Gott an, eine Geschichte mit Höhen und Tiefen, die auch unsere sein könnte. Der Spitzensatz lautet:

Ich preise dich, Gott, weil du zornig warst und sich dein Zorn gewandelt hat und du mich tröstest.

Wir ahnen: Da gab es also offensichtlich eine Krise, eine Beziehungskrise zwischen Gott und Menschen. Die dunklen Wolken scheinen abgezogen zu sein. Gottes Zorn und Gericht sollen ein Ende haben, und sein Trost, Gottes Hilfe und neue Zuwendung haben offenbar wieder die Oberhand. Wir spüren jedenfalls: Das ist kein Gottesbild, das mit Weichzeichner gemalt ist. Da hat auch das Tiefe und Schwere unserer Erfahrung, ja die Schattenseiten in Gott selbst ihren Ort.

II. Gipfel-Visionen

Was hat der Prophet vor Augen? Dazu müssen wir uns in die Situation des Jesaja versetzen, so gut wir das heute eben können. Er hat Visionen, er redet Dinge, die ihm von Gott aufgetragen und verheißen sind: Gericht und Gnade hat er auszurichten als Spruch Gottes. Jesaja lebt in Jerusalem im Südreich Juda, das Nordreich Israel ist bereits von den Assyrern deportiert worden.

Gottes Geist packt ihn, führt ihn gleichsam auf einen hohen Berg und lässt ihn in die Zukunft schauen. Ich stelle mir vor, dass er die kommenden geschichtlichen Ereignisse wie Gebirgszüge vor sich sieht, die einen in der Nähe, die anderen in weiter Ferne. Mindestens drei oder vier Bergketten und- gipfel sieht er vor sich. In den ersten 11 Kapiteln seines Buches hat Jesaja sie bereits ausgebreitet. Sie sind gleichsam die Voraussetzung für das „neue Lied".

1. Die erste Bergkette: Gericht

Über der ersten Bergkette hängen dunkle Wolken: Jesaja muss Gericht ansagen (Jes 8,5-10):

Weil dieses Volk die ruhig dahinfließenden Wasser von Siloah verachtet hat, darum wird der Herr die gewaltigen und großen Wasser des Eufrat, (den König von Assur und seine Macht) über sie dahinfluten lassen. Und der Fluss wird alle seine Kanäle überfluten und über alle seine Ufer treten. Auch Juda wird er ergreifen und wird es überschwemmen, dass das Wasser den Leuten bis an den Hals reicht. Die Ausläufer der Fluten bedecken dein Land weit und breit....

2. Die zweite Bergkette: Befreiung aus der Verbannung

Über der zweiten Bergkette leuchtet es heller. Jesaja darf das Ende der Verbannung ankündigen: Gott stellt für die Völker ein Zeichen auf, um die Versprengten Israels wieder zu sammeln.... Er zerschlägt den Euphrat in sieben Bäche, dass man mit Sandalen hindurch gehen kann. So entsteht eine Straße für den Rest seines Volkes, der übrig gelassen wurde von Assyrien, eine Straße, wie sie es für Israel gab, als es aus Ägypten heraufzog. (Jes 11,12ff)

Diese Worte gehen unserem neuen Lied unmittelbar voran. Wenn das alles eingetroffen ist, dann soll es erklingen. Wir sehen: Das Kühne dieses neuen Liedes ist, dass hier für etwas gedankt, was noch gar nicht passiert ist, dass Gott hier gepriesen wird für eine Tat, die er noch gar nicht getan hat. Ganz schön mutig, nicht wahr, liebe Gemeinde?

Können wir das auch? Dürfen wir da auch miteinstimmen? Ist das nicht leichtsinnig dieses neue Lied, so als ob man mit der Kreditkarte einkauft und noch gar nicht weiß, ob das Geld bis zum Monatsende reichen wird? 

Wir haben das Glück, liebe Gemeinde, dass wir dieses neue Lied heute von einem anderen Berggipfel aus anstimmen dürfen...

III. Erfüllung und neue Verheißungen

Wir wissen: Jesaja hat den Mund nicht zu voll genommen. Es ist eingetroffen, was der Prophet gesehen hat: Das Gericht über Israel und Juda mit all seinen Schrecken, aber auch die wunderbare Rückkehr der Juden nach Jerusalem haben tatsächlich stattgefunden. Und damit nicht genug. Wir stehen gleichsam zwischen einer dritten und vierten Bergkette, die Jesaja gesehen hat:

3. Die dritte Bergkette: Der Retter (Jes 9 und 11) und der österliche cantus firmus

Im Kapitel 9 und 11 des Propheten heißt es: Denn es ist uns ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben. Und sein Name soll heißen:  Wunder-Rat, Ewig-Vater, Friedefürst...

Oder weiter unten: Der Geist des Herrn lässt sich auf ihm nieder: Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Gottesfurcht.

Da ist von einem Erlöser die Rede, von einem, der in ganz besonderer Weise mit Gott selbst in Verbindung steht, der als Kind auf die Welt kommt und Wunder tut, ja Ewigkeit eröffnet.

Als Christen dürfen wir glauben und bekennen, dass Jesaja hier das göttliche Kind, den Prediger vom Reich Gottes, den Menschensohn und Menschenfreund Jesus, vor sich gesehen hat.

Ihm gilt also das neue Lied auch schon: Und zu ihm können wir mit den Worten aus unserem Zukunftspsalm sagen: Ich vertraue dir und fürchte mich nicht. Du bist meine Kraft und meine Stärke, bist mir Jeschua [hebr. Name für Jesus], Rettung, Hilfe aus der Not.

Damit haben wir eine Begründung, ein messianisches Fundament, sozusagen den österlichen cantus firmus für das neue Lied gefunden:

Martin Luther schreibt in einer Gesangbuchvorrede: „Singet dem Herrn ein neues Lied. Denn Gott hat unser Herz und Mut fröhlich gemacht durch seinen lieben Sohn, welchen er für uns gegeben hat zur Erlösung von Sünden, Tod und Teufel. Wer solches mit Ernst glaubt, der kann's nicht lassen, er muss fröhlich und mit Lust davon singen und sagen, dass es andere auch hören und herzukommen." (WA 35, 477)

Martin Luthers Ermutigung geht also in eine ganz ähnliche Richtung: Weil Gottes Wort nicht leer zurückkommt, sondern erfüllt, was es verspricht, deshalb können wir getrost und fröhlich das neue Lied anstimmen und auch andere damit einladen. Das ist nicht peinlich, weil zu fromm, oder womöglich zu gewagt! Denn Gott selbst hat uns den Himmel auf- und die Hölle zugeschlossen. Welch eine gute Nachricht! Wir werden Teilhaber an der größten Gewinnausschüttung aller Zeiten, am Sieg Gottes über den Tod.  

Doch selbst damit noch nicht genug, liebe Gemeinde, da ist - wie damals bei Jesaja, die Hoffnung auf ein Letztes, dass sich noch erfüllen soll und als wahr erweisen wird. Wir sollen mit Jesaja den Blick auf eine vierte Bergkette, nein auf den Berg schlechthin tun dürfen.

4. Der Berg schlechthin: Die Wallfahrt der Völker (Jes 2)

In Jesaja 2 heißt es: Zur letzten Zeit wird der Berg des Herrn fest bestehen und höher als alle Berge sein. An jenem Tage werden alle Nationen herzulaufen und sagen: Kommt lasst uns auf den Berg Gottes gehen, zum Hause Jakobs.... Und sie werden Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen...Und sie werden hinfort nicht mehr lernen Krieg zu führen...

Was diese Vision im Zeitalter der Globalisierung bedeutet, muss ich uns nicht ausmalen, liebe Gemeinde. Menschen aus aller Herren Länder, Völker mit unterschiedlichen Religionen und Überzeugungen... - sie werden Frieden haben und gemeinsam einen Gott anrufen. Dann wird es keinen 11. September mehr geben und der Irakkrieg und das Morden von Kindern, alles wird nicht mehr sein, man hat es schlechterdings verlernt, Gewalt anzuwenden.

Eine schönere Vision gibt es nicht für diese Welt und für Gott.

Zukunftsmusik? Ja gewiss. Doch vielleicht ist auch das Lied des Reiches Gottes, das den ewigen Frieden ankündigt und feiert, schon gesungen worden: We shall overcome....

Ich komme zum Schluss und wage zu behaupten, dass sich die Frage, warum wir in der Kirche, oder besser: warum wir im Reich Gottes singen, eigentlich fast erübrigt hat.

Das Geheimnis des neuen Liedes ist es, heute vom Morgen zu singen, weil wir vom Gestern wissen, oder anders gesagt: Aus dem, was Gott getan hat, die Freude für heute und die Hoffnung für morgen zu schöpfen und damit ein Zeichen des Reiches Gottes hörbar zu machen: ein neues Lied, dessen Melodie uns trägt: heute, morgen und an jedem neuen Tag.

[Bei Paul Gerhardt, unserem Jubilar, klingt das so:
Ich singe dir mit Herz und Mund,
Herr meines Herzens Lust.
Ich singe und mach auf Erden kund,
was mir von dir bewusst.]



Direktor Dr. Jochen Arnold
Evangelisches Zentrum für Gottesdienst und Kirchenmusik
Hildesheim
E-Mail: Jochen.Arnold@michaeliskloster.de

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