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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Pfingstsonntag, 27.05.2007

Predigt zu Numeri 11:11-12.14-17.24-25, verfasst von Alfred Buß

Liebe Gemeinde,

I

Hier hat einer die Faxen dicke. Mose wirft Gott die Brocken hin: da hast du dein Volk zurück. Ich vermag all das Volk nicht allein zu tragen, es ist mir zu schwer! Was ist los auf dem Wüstenweg ins Gelobte Land? Krisenstimmung herrscht. Wie das so ist bei Krisen: Probleme unterschiedlicher Herkunft verdichten sich zu einem großen Krisenphänomen: es wird gemurrt, genörgelt, gequengelt, geweint. Das Volk schreit zu Mose; Mose schreit zu Gott. Es kommt nicht, wie sonst bei großen Notlagen, zu einer öffentlichen Klageversammlung zusammen; alle klagen jeweils vor ihrem Zelt, sippenweise. Sie klagen nicht wirklich, sie nörgeln, quengeln und jammern. Eine depressive Grundstimmung.

Der Anlass ist Überdruss am Manna. Eigentlich ist es ein Wunder: selbst in der Wüste werden sie täglich satt - vom Manna, einem Abfallprodukt der Schildläuse aus dem Saft der Tamarisken. Dem Volk ist es ein wahrhaft lausiges Produkt. Obwohl es satt macht, genügt es nicht mehr. Das Volk will Fleisch. In Wüstenzeiten gehen die Gedanken wohl zurück: zu den orientalischen Märkten Ägyptens, zu Fisch, Kürbissen, Wassermelonen, Lauch, Poree, Zwiebeln und Knoblauch. Vergessen ist die Fronarbeit, vergessen die Peitsche, vergessen die ständige Diskriminierung. Ein Salto mortale im Umgang mit Vergangenheit, wie so oft. Kurzfristige Konsumwünsche beherrschen das Denken und Wollen. Ein von Fleisch- und Gurkenphantasien besessenes Volk ist offenbar zu Höherem nicht fähig. Hin- und hergerissen ist es zwischen den Zeiten: vorwärtsgerufen ins Verheißene Land und zugleich wie magnetisch festgehalten an seiner Vergangenheit. Befreit von der Sklaverei und zugleich gierig nach Leben. Als Schwärme von Wachteln vom Meer her einfliegen, ersticken viele am Fleisch im Überfluss. Gier nimmt gefangen; Gier will die eigene innere Leere füllen und kann doch niemals wirklich satt werden.

Mose erlebt das Volk wie ein gefräßiges dickes Baby, das ihn wie eine Amme aussaugt und sich vor vollen Tellern die Augen ausweint. Diese Last ist ihm zu schwer. So absurd das Bild - Mose eine männliche Amme, ein Ammerich - so groß seine Verzweiflung: töte mich lieber! Erwürge mich doch! Die überschwere Last seines Amtes würgt ihn, nimmt ihm buchstäblich die Luft. Solche Todesmüdigkeit teilt Mose mit vielen späteren Propheten. Das Charisma schützt einen Menschen nicht davor, in eine schwere Krise zu geraten. Mose erlebt sich tief einsam, abgetrennt und belastet vom Volk, alleingelassen von Gott.

 

II

Solche Einsamkeit kennen nicht nur Menschen in Leitungsämtern. Wie viele fühlen sich überfordert und allein, bedrängt von zu schwerer Last; müde, manchmal sterbensmüde. Einsam bis du klein. Allein mit dem Kind, dem Haushalt, dem fehlenden Geld. Oder bedroht von Stellenabbau, Betriebsverlagerung, Konzernübernahme. Rund um die Uhr in Beschlag genommen durch die Pflege eines gebrechlichen oder die Betreuung eines demenzkranken Menschen.

Dann die Konturenlosigkeit des Alltags: Aufwachen ohne Lust, Arbeiten erledigen, weil es sein muss, Menschen treffen ohne Freude. Arbeit, die liegen bleibt, Papiere, die sich stapeln, Antworten geben müssen, ohne wirklich angesprochen zu sein. Zuschauen bei den abendlichen Bildern der Weltschrecken, aber nicht richtig beteiligt sein am eigenen Leben- wer kennt das nicht? Vergebliche Sehnsucht, die eigene Leere zu füllen; am Überfluss ersticken. Leben ohne eine Mitte.

Ain't gotten no spirit ist eine amerikanische Redewendung für seelen- und geistlose Verhältnisse. Nicht nur Mose erlebte sich tief einsam, abgetrennt und belastet vom Leben, alleingelassen von Gott, wir kennen das auch. Nicht selten fällt das zusammen: eine tiefe Krise im Beruf, im persönlichen Leben, im Glauben. Gut, wenn dann wenigstens eins noch gelingt: Gott anzurufen und um Änderung der Lage zu flehen. Und Mose sprach zu dem Herrn: Warum bekümmerst du deinen Knecht und warum finde ich keine Gnade vor deinen Augen?

 

III

Und Mose sprach zum Herrn...- Und der Herr sprach zu Mose. Gott tötet nicht, erwürgt nicht, entlässt Mose nicht, setzt sich nicht selbst an seine Stelle und schickt auch keine Legionen von Engeln. Er nimmt ihm die Last ab durch Helfer, die er selber suchen und finden soll. Gott entscheidet nicht für Mose, wer ausgesucht wird. Sammle mir siebzig Männer..., bringe sie vor die Stiftshütte, stelle sie dort vor dich. Amtleute sollen es sein; Menschen also, die sich bereits in Ägypten für das Volk haben prügeln lassen.

Eine Krise bietet die Chance, sich weiterzuentwickeln. Nicht die Führungskraft des Mose wird noch besser ausgestattet. Vielmehr wird die Verantwortung auf siebzig Schultern verteilt, damit sie mit dir die Last des Volkes tragen - und du nicht allein tragen musst. Nicht mehr einsam und alleine tragen. Sammle..., bringe..., stelle... Gottes Antwort beendet die Einsamkeit des Mose wie sein Getrenntsein vom Volk. Amtleute sind dazu da, Kommunikation im Volk möglich zu machen, dass Menschen zueinander kommen und der gegenseitige Austausch fließen kann.

 

IV

Doch hier findet mehr statt als Organisationsentwicklung durch Lastenverteilung. Sammle..., bringe..., stelle..., so will ich herniederkommen und dort mit dir reden und von deinem Geist, der auf dir ist, nehmen und auf sie legen. Hier wird nicht nur ein bisschen frischer Wind in den Alltag gepustet - hier werden Menschen neu auf ihre Füße gestellt. Gott fährt hernieder. So wie zu Pfingsten: Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus... erzählt Lukas in der Apostelgeschichte. Und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in anderen Sprachen... Die Jünger, eben noch erstarrt in Angst, hinter verriegelten Türen verschanzt, voller Furcht, entdeckt zu werden, predigen plötzlich in aller Öffentlichkeit. Eben noch todesmüde und in sich gekehrt, sind sie plötzlich außer sich - und doch ganz bei sich selbst und bei der Sache. In Verzückung und Ekstase treten sie auf - und reden doch so, dass jede und jeder sie in der eigenen Sprache versteht: klar, verständlich, alltagsbezogen und zukunftsweisend.

Wo Gott uns Menschen begegnet, da bekommen wir Klarheit in unser oft so verworrenes Leben. Gottes Geist entrückt Menschen nicht aus dem Alltag. Im Gegenteil. Er entfacht in Verzagten wieder Feuer und Leben und stellt sie auf ihre Füße und bringt sie zu sich selbst.

Davon erzählt die Bibel immer wieder. So auch der Prophet Ezechiel bei seiner Berufung (Ez 2,1f): Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, tritt auf deine Füße, so will ich mit dir reden. Und als er so mit mir redete, kam Leben in mich und stellte mich auf meine Füße, und ich hörte dem zu, der mit mir redete. Der sich selber auf die Füße stellen soll, spürt, was ihm widerfährt. Es kommt Leben in ihn und er wird auf die Füße gestellt. Das Leben bekommt eine Mitte; die innere Leere wird ausgefüllt.

So auch hier: Gott nimmt vom Geist Moses und teilt ihn auf die Siebzig aus. Feuerflammen, Kerzenlicht und Gottes Geist vermehren sich beim Teilen.

Davon erzählt schon das Alte Testament; es ist voller Zeugnisse vom Wirken des Geistes Gottes. Am Ende eines Treffens in der vergangenen Woche mit dem Rabbiner der jüdischen Kultusgemeinde Bielefeld wünschte der Rabbi uns allen Frohe Pfingsten. Nur das Wirken des Geistes Gottes könne uns helfen in unseren oft geistlosen Verhältnissen - auch zwischen Juden und Christen.

Gottes Geist überwindet Grenzen. Geht er zu weit? Die siebzig Ältesten in der Wüste und die Apostel zu Pfingsten gerieten in Verzückung, außer sich. Manchem erschien das bedrohlich: Sie sind voll von süßem Wein spotteten Augenzeugen zu Pfingsten; Mose, mein Herr, wehre ihnen, forderte schon Josua. Mose entgegnete ihm: Wollte Gott, dass sie alle im Volk des Herrn Propheten wären und der Herr seinen Geist über sie kommen ließe. Verzückung, Ekstase heißt außer sich sein. In der Liebe sind Menschen außer sich - und kommen sich doch darin selber näher. Das Ich wird in der Liebe sein Selbst los, weil es sein Selbst neu vom anderen her empfängt. Ja, wenn doch alle außer sich wären und so ganz bei Christus und deshalb ganz bei sich selbst. Eben ganz bei Trost.

Solche Verzückung aus Gottes Geist ist weit weg von unseren geist- und seelenlosen Alltagsverhältnissen. Was in der Wüste zu Zeiten des Mose und zu Pfingsten in Jerusalem geschah, erscheint uns außerordentlich; als einmaliges Gründungsgeschehen oder als unwiederholbares Sprachereignis. Hat Pfingsten dann überhaupt noch Bedeutung für uns heute?

 

V

Wir wünschen uns mehr Begeisterung in unserem Alltag, gerade unter Christenmenschen in Gemeinde und Kirche. Statt vieler Probleme und Mühsal mehr Leichtigkeit und Entzücken: Kirche als Lebensort ganz verschiedener Menschen, die sich verstehen. Eine Gemeinde, die Glaube, Liebe und Hoffnung ausstrahlt; aus den Kirchenfenstern leuchten Gottvertrauen und gelebte Solidarität. So müsste wohl ein Ort aussehen, an dem Gottes Geist Wohnung genommen hat. Ernüchtert gestehen wir ein: es ist nicht so.

Und doch, lasst uns zu Pfingsten festhalten: Gott fährt hernieder.

Auch in unsere kleinen Verhältnisse. Gott wurde Mensch, entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an. Er erniedrigte sich selbst...[1] So sehen wir Christen Gott in der Zuwendung Jesu: er redet mit uns, richtet uns auf und stellt uns auf die eigenen Füße. Diesen Jesus hat Gott erweckt, dessen sind wir Zeugen - predigt Petrus zu Pfingsten. Der Geist Christi kommt hernieder an die Stätten der Mühsal. Wo Menschen in Knechtschaft leben oder von Krankheit gezeichnet sind. Da hinein fährt das Außerordentliche; wo Menschen es nie erwartet hätten. Er führt heraus und macht aus Geknechteten Freie; er richtet auf und macht aus Niedergeschlagenen Aufrechte. Er belebt und macht aus Todgeweihten unendlich Getröstete. Auch heute, mitten unter uns. Du füllst des Lebens Mangel aus - singt Paul Gerhardt.

 

VI

Dieses Bild mag uns im Alltag beflügeln: Die christliche Kommunität Iona in Schottland hat als ihr Wahrzeichen die Wildgans gewählt. Sie ist das keltische Symbol für den Heiligen Geist. Die Kommunität erklärt hierzu: immer unterwegs, niemals gezähmt, in einer Ordnung zusammen fliegend wegen der besseren Geschwindigkeit, anstößig für die festen Siedler, aber eine Inspiration für unruhige Geister.[2]

Der Heilige Geist eine Wildgans, die Kirche eine lahme Ente? Jedenfalls im Käfig, auch im goldenen, stirbt der Sturmvogel namens Geist. Am Himmel sehe ich ihn in geordneter Formation. Plötzlich aber löst sich die feste Formation auf. Doch nur für einen Augenblick. Der vordere Sturmvogel hat seine Kraft für die anderen verausgabt. Jetzt kann er sich zurückfallen lassen und sich hinten anhängen.

Gottes Geist beflügelt und macht aus lahmen Enten majestätische Wildgänse, aus kummervollen Gestalten Entzückte und Verzückte, immer wieder. Darum bitten wir: Veni, craetor Spiritus! Komm, Schöpfer Geist. Erfülle die Herzen deiner Gläubigen und entzünde in ihnen das Feuer deiner Liebe.

Amen



[1] Phil. 2, 7.8

[2] http://www.klosterkirche.de/zeiten/pfingsten/pfingstsonntag.php

zur Iona Community siehe: http://www.ionacommunity.de



Präses Alfred Buß
Evangelische Kirche von Westfalen
E-Mail: Sekretariat_Praeses@lka.ekvw.de

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