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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Pfingstsonntag, 27.05.2007

Predigt zu Numeri 11:11-12.14-17.24-25, verfasst von Anke Fasse

Liebe Gemeinde,

Wüstenzeit!
Jeden Morgen klingelt der Wecker und der Lauf im Hamsterrad beginnt. Aufstehen,  das Frühstück machen, die Kinder wecken. Der Kampf gegen die Uhr und gegen die schlechte Laune wird für Frau Meyer jeden Tag  mühsamer. Dann, der Weg zur Arbeit. All die Anforderungen - Frau Meyer arbeitet und arbeitet, strampelt und strampelt ... Am Nachmittag der Haushalt, die Eltern, die besucht werden müssen, die Geschenke für den nächsten Geburtstag, die Arzttermine und, und, und... . Ganz zu schweigen von der entspannten Gute-Nacht-Geschichte für die Kinder, dem romantischen Abendessen mit ihrem Mann. Wie soll das alles gehen? Nein!!! Nein, so kann das nicht weitergehen. Frau Meyer stellt den Einkaufkorb mit einem Rums in die Ecke und bricht auf dem Küchenstuhl zusammen. Nein, so kann es nicht weitergehen. „Ich will nicht mehr. Ich kann nicht mehr. Ich schaffe das alles allein nicht. So macht das Leben keinen Spaß."
Überall nur Wüste.

Wüstenzeit!
Lange ist es her, da ist Frank gern zur Kirche gegangen. Er erinnert sich an die tollen, spannenden Geschichten, die im Kindergottesdienst erzählt wurden. Es wurde gesungen, gebetet, gespielt. Dann die Freizeiten als Jugendlicher. Was für eine tolle Gemeinschaft ist das gewesen! Was für besondere Gespräche über den Sinn des Lebens, über das, was trägt und Halt gibt! Ein paar Jahre später ist er noch einmal beim Kirchentag gewesen. Auch da spürte er etwas von dieser Gemeinschaft, von diesem besonderen Geist des Glaubens. Das alles ist jetzt schon Jahre, ja Jahrzehnte her. Der Beruf hat ihn seitdem sehr gefordert und ausgefüllt, jedenfalls was die Zeit anbetrifft. Doch daneben spürt er seit einiger Zeit wieder eine große Leere. Wo kann er sie neu finden, die Botschaft, die Halt und Sinn gibt? Wo ist sie, die Gemeinschaft? Es ist nicht möglich, nach all den Jahren da anzuknüpfen, wo er sich vor langer Zeit von der Kirche und dem eigenen Denken und Fragen rund um den Glauben zurückgezogen hat. Wo ist Gott heute für ihn zu finden? Wo die Gemeinschaft? Frustriert und einsam schaut er sich die Fotos längst vergangener Freizeiten an. Allein weiß er nicht, wie und wo er suchen soll.
Überall nur Wüste.

Wüstenzeit!
 Jetzt reicht es Mose. Er kann und will nicht mehr. Die Aufgabe ist ihm ein paar Nummern zu groß, die Last zu schwer. Als das Volk wieder einmal beim beschwerlichen Weg durch die Wüste klagt und murrt, sich an die Fleischtöpfe Ägyptens zurücksehnt, sagt er zu Gott: „Warum  tust du mir, deinem Diener, dies alles an? Womit habe ich es verdient, dass du mir eine so undankbare Aufgabe übertragen hast? Dieses Volk liegt vor mir wie eine drückende Last. Schließlich bin ich doch nicht seine Mutter, die es geboren hat! Wie kannst du von mir verlangen, dass ich es auf den Schoß nehme wie die Amme den Säugling und es auf meinen Armen in das Land trage, was du ihren Vätern zugesagt hast? Ich allein kann dieses ganze Volk nicht tragen, die Last ist mir zu schwer. Wenn du sie mir nicht erleichtern willst, dann hab wenigstens Erbarmen mit mir und töte mich, damit ich nicht länger diese Qual ausstehen muss."
Überall nur Wüste!

Wo  - wo ist eine Oase in der Wüste? Oder noch besser: Wo ist er, der Weg, der aus der Wüste herausführt, der Weg der Befreiung, der Weg in das gelobte Land?

Frau Meyer, Frank und Mose merken,  so kann es nicht weiter gehen. Es muss sich etwas ändern. Und alle sind sich bewusst, allein schaff ich das nicht.
Erschöpfung, Resignation, Frust und Ärger müssen heraus. Aber wohin? Mose bringt seine ganze Last vor Gott und erfährt von Gott Entlastung und Befreiung.
Wie sieht er aus, dieser Weg der Befreiung?
Hatte Mose sich vielleicht gewünscht angesichts der Schwierigkeiten von seiner Aufgabe und seinem Auftrag entbunden zu werden, handelt Gott ganz anders.
Der Herr antwortete Mose: „Versammle siebzig angesehene Männer aus dem Kreis der Ältesten Israels, die sich als Aufseher bewährt haben, und hole sie zum heiligen Zelt. Dort sollen sie sich neben dir aufstellen. Ich werde herabkommen und mit dir sprechen und werde von dem Geist, den ich dir gegeben habe, einen Teil nehmen und ihnen geben. Dann können sie die Verantwortung für das Volk mit dir teilen, und du brauchst die Last nicht allein zu tragen.      
Mose ging hinaus und teilte dem Volk mit, was der Herr gesagt hatte. Er versammelte siebzig Männer aus dem Kreis der Ältesten Israels und stellte sie rings um das Zelt auf. Der Herr kam in der Wolke herab und redete Mose an. Er nahm einen Teil des Geistes, den er Mose gegeben hatte, und gab ihn den siebzig Ältesten. Als der Geist Gottes über sie kam, gerieten sie in Begeisterung.

Liebe Gemeinde, der Weg der Befreiung ist zu finden, wo von dem „Mir allein ist alles zuviel" die Brücke zum „Gemeinsam sind wir stark, gemeinsam sind wir begeistert" gefunden wird. 

Ein Weg der Befreiung könnte sein, wenn Frau Meyer ihrer Familie, ihren Kollegen und Freunden von ihrer Erschöpfung und ihrem Frust im Hamsterrad erzählt. Wenn sie ihnen ihr Leid klagt und damit eben nicht allein bleibt, dann ist es möglich, gemeinsam nach Wegen heraus aus dieser Wüste suchen. Wie schön, wenn der Weg der Befreiung nicht in der Aufgabe von Arbeitsplatz und/oder Familie liegt, sondern in geteilter Verantwortung und in gemeinsamer Begeisterung für eine Sache, z.B. für das Unternehmen Familie. Leichtigkeit und Lebensfreude könnten nicht nur für Frau Meyer zurückkehren.

Ein Weg der Befreiung könnte sein, wenn Frank anderen von seiner Suche nach dem Sinn des Lebens, nach Gott erzählt. Vielleicht Freunden von damals. Vielleicht einem Menschen seines Vertrauens, vielleicht dem Pastor oder der Pastorin. Oder er macht sich nach all den Jahren in wenigen Wochen doch noch einmal auf zum Kirchentag nach Köln. Wenn er Menschen sucht und findet, die diese Fragen nach Gott mit ihm teilen, die sich gemeinsam für die Sache Gottes begeistern und ihr auf der Spur bleiben wollen, dann kann die Wüstenzeit des Glaubens nicht nur für Frank einem neuen begeisterten Aufbruch in Gemeinschaft weichen.

Liebe Gemeinde, Wege aus dem „Ich" hin zum „Wir", Wege aus der Einsamkeit hinein in eine erfüllte Gemeinschaft - das sind sie, die Wege der Befreiung. Wege, die nicht nur zu einer Oase, sondern in das gelobte Land weisen und führen.
Es lohnt sich zu solch einem Weg aufzubrechen, denn heute, Pfingsten, feiern wir solch einen begeisterten Aufbruch in und mit Gemeinschaft. Gott schenkt uns seinen Geist, der belebt und begeistert. Gott führt unterschiedliche Menschen durch diesen, seinen Geist zusammen, dass sie Kirche sind und gestalten; damals in Jerusalem und heute immer wieder neu.
Viele verschiedene Menschen sind heute aus unterschiedlichen Häusern hier zum Gottesdienst zusammengekommen, zur Gemeinschaft der Gläubigen. Aus der Einsamkeit zur Gemeinschaft! Aus wenigen werden viele. Gemeinsam wollen wir Gott auf der Spur bleiben, gemeinsam wollen wir uns immer wieder für und von Gott begeistern und erfüllen lassen, wollen Kirche sein und gestalten. Nicht einer und eine allein, das würde nicht gehen. Einer allein kann keine Gemeinde sein, kann keine Gemeinde gestalten, kann das alles nicht schaffen. Aber gemeinsam mit Gottes Geist wird es uns gelingen.
Natürlich wird es auch in Zukunft immer wieder Wüstenwege und -zeiten geben. Schwierigkeiten, Mühen und Anfragen. Auch Mose war nachdem ihm die siebzig Ältesten zur Seite gestellt waren nicht sofort im gelobten Land, sondern musste den Weg durch die Wüste weitergehen. Aber eben nicht allein. Der Weg ins verheißene Land ist weit und beschwerlich, aber wir müssen ihn nicht allein gehen, nicht als Frau Meyer, nicht als Frank und nicht als Kirche. Vertrauen wir nicht nur Pfingsten darauf, dass Gottes Geist uns immer wieder den Weg zur Gemeinschaft weist, uns immer wieder  befreit und begeistert.
Amen.  



Pfarrerin Anke Fasse
Wilhelmshaven/Sengwarden
E-Mail: pastorin@ev-kirche-sengwarden.de

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