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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

1. Advent 2010, 28.11.2010

Predigt zu Jeremia 23:5-8, verfasst von Andreas Pawlas

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird. Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: »Der HERR unsere Gerechtigkeit«. Darum siehe, es wird die Zeit kommen, spricht der HERR, dass man nicht mehr sagen wird: »So wahr der HERR lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat!«, sondern: »So wahr der HERR lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel herausgeführt und hergebracht hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.« Und sie sollen in ihrem Lande wohnen.

Liebe Gemeinde!

Wie häufig haben wir schon in unserem Leben so etwas gehört wie diese Prophezeiung Jeremias „Siehe, es kommt die Zeit!" Und genau deshalb mag mancher sicherlich nichts mehr hören, was so oder so ähnlich klingt wie das „Siehe, es kommt die Zeit!". Genau deshalb mag wohl mancher auch alle diese Konjunktur- und Wachstumsprognosen nicht mehr hören, diese Prophezeiungen blühender Landschaften oder auch diese Ansagen vom Wohlstand für alle oder vom unausweichlichen Hereinbrechen des sozialistischen Paradieses. Vielleicht aber war die Prophezeiung vom Kommen eines tausendjährigen nationalsozialistischen Reiches und dann der Zusammenbruch genau dieses Reiches besonders makaber und hat am Ende bewirkt, dass sich viele Ohren für Prophezeiungen einfach taub stellen.

Und dennoch scheint es nun einmal auf dieser Welt so zu sein, dass sich offenbar jeder, der Wahlen und Macht gewinnen will, der Sprache der Hoffnung bedienen muss: „Siehe, es kommt die Zeit". Und möglicherweise ist selbst dieser jüngste Wahlschlachtruf: „Yes, we can!" irgendwie zu dieser Sprache zuzurechnen.

Und benutzt nicht selbst die Werbung ganz gezielt die Sprache der Hoffnung, nein, die Sprache angeblicher Gewissheit? Denn wenn man das angepriesene Wundermittel nur lange genug einnimmt, dann wird alles gut und wunderbar werden. „Siehe, es kommt die Zeit". Allerdings ist uns da als erfahrenen Verbrauchern nur zu gut bewusst, dass mit solchen Ankündigungen uns als Kunden das Geld um so leichter aus der Tasche gezogen werden soll. Darum kann ich es ja auch gut verstehen, wenn man heutzutage so etwas nicht mehr hören mag, wie das „Siehe, es kommt die Zeit!".

Wenn aus diesem Grunde heutzutage selbst der erste Satz unseres Bibelwortes Schwierigkeiten hat, offene Ohren zu finden, was sollte sodann dabei die darauf folgende Erinnerung daran helfen, dass früher einmal das Alte Gottesvolk aus Ägyptenland geführt worden ist, und dass der König David dann etwas später die große Führungsgestalt war. Denn - so kann man hören - wen wollten schon solche angeblich inner-israelische Geschichten interessieren? Und überhaupt, was sollten wir heutzutage mit den Menschen von damals zu tun haben?

Und außerdem: Wenn da in unserem Bibelwort weiter ein Herrscher angekündigt wird, der angeblich wohl regieren soll und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben will, so muss das auch nicht ansprechend sein, denn das sagen sie doch alle! Ja, wenn es ums Herrschen geht, dann wird eben viel gesagt. Denn das hat eben mit Politik zu tun. Und Politik als Kunst des Möglichen ist doch nur das Resultat von Machtverhältnissen und Ergebnis irgendwelcher Kompromisse. Und wie sollten so ausgehandelte Ergebnisse mit allem auch von uns ersehnten Recht und mit Gerechtigkeit zu tun haben können?

Hier mag vielleicht einer der Gründe anklingen, weshalb in Deutschland eine ganz starke Partei die Partei der Nichtwähler ist, weshalb hier in Deutschland so viele Menschen einfach die Nase voll haben, und der Politik gar nichts mehr glauben, weshalb hier in Deutschland so viele Menschen keine Perspektive mehr sehen und sich abwenden, abtauchen und verkriechen, oder ihre Sehnsucht und ihren Kummer in Alkohol oder anderen Drogen ertränken. Dass es damit also eigentlich keine Chance dafür gibt, dass uns so eine alte Prophezeiung „Siehe, es kommt die Zeit" auch nur irgendwie erreichen könnte.

Aber warum ist nun überhaupt um Himmels willen so eine Prophezeiung als Heiliges Wort, als Wort Gottes festgehalten worden und zur Überlieferung bis in unsere heutigen Tage bestimmt worden? Gab es denn damals etwa nicht soviel Sehnsucht und Kummer, nicht soviel Missmut und Hoffnungslosigkeit, dass man sich verleiten ließ, auf solche Hoffnung zu schauen?

Aber völlig im Gegenteil! Denn es war damals kaum zum Aushalten. Warum? Weil das Land damals völlig verwüstet war. Und von denen, die den schlimmen Krieg überlebt hatten, waren die meisten Leute von den babylonischen Besatzern verschleppt worden ins ferne Babylon, zu Fron und elender Zwangsarbeit. Und da gab es wirklich keinerlei Hoffnung, jemals die Heimat wieder zu sehen. Alle Prophezeiung war völlig unrealistisch. Ja, das war wirklich Hoffnungslosigkeit. Und da hätte man wirklich keinen Sinn gehabt für solche heute in den Medien aufgeregt diskutierte Frage, wie die nach einer Rente mit 67, oder wer bei „Deutschland sucht den Superstar" gewinnt.

Halt! Jetzt nicht zu schnell so tun, als gäbe es hier in Deutschland nicht genügend ernste Probleme. Und da tut es mir weh zu hören, wie mancher, der hier vor wenigen Jahren konfirmiert worden ist, auch nach hundert Bewerbungen noch keine Lehrstelle gefunden hat. Und da tut es mir weh zu hören, wie mancher trotz fleißiger Arbeit, kaum genügend Geld hat, die Familie zu ernähren. Und wenn wir auf die aktuellen Terrorwarnungen des Bundesinnenministers hören, so hat die Bedrohung unserer Lebenswelt durch Terroranschläge nach der Katastrophe vom 11. September 2001 nicht an Bedeutung verloren.

Um so eindringlicher werden wir aber angesichts dieser Situation gerufen, Klarheit zu gewinnen darüber, was es denn ist, das uns wirklich eröffnen kann, „in dem Lande zu wohnen", was es denn ist, dass es uns wirklich gut geht an Leib und Seele, was es denn ist, was wir neben Nahrung und Behausung brauchen, um in Lebensfülle im Lande zu wohnen? Nein, gewiss kann es nicht wie damals darum gehen, dass wir aus einem Land der Gefangenschaft herausgeführt und -gebracht werden müssten. Und dennoch müssen wir hier in unserem Lande Klarheit gewinnen darüber, wie es eben sein soll, damit man in Lebensfülle in unserem Lande wohnen kann. Natürlich gehören Nahrung und Behausung dazu, Aber es ist doch offenkundig und muss nicht prophezeit werden, dass wahre Erfüllung unseres Lebens das alles übersteigen muss, was uns an Essen und Trinken, an Kleidung und Bruttosozialprodukt zukommen kann. Diese elementaren Grundbedürfnisse hat jedes Tier, machen aber noch keinen Menschen aus. Ebenso ist es offenkundig und muss nicht prophezeit werden, dass wahre Erfüllung unseres Lebens, wahres Suchen und Finden doch auch das alles übersteigen muss, was wir an Gerechtigkeit und Kompromiss in unserer Gesellschaft und auf der ganzen Welt erreichen können. Ja, es ist gewissermaßen eine bittere Erfahrung, dass unsere Sehnsucht so viel größer ist als alles unter uns Menschen Machbare. Darum um Himmels willen noch einmal gefragt: wenn nun alle Prophezeiungen und Utopien heutzutage abgewirtschaftet haben, wieso soll das dann mit dieser Prophezeiungen des Jeremia anders sein?

Doch weil sie auf Jesus Christus hinweist und ihn ankündigt, auf Jesus Christus, auf den wir uns in der Adventszeit ausrichten und auf seine Ankunft hoffen, auf seine Ankunft dann nicht nur im Stall von Bethlehem, sondern auf seine Ankunft in unseren Herzen, so dass wir ihn und die Befreiung, die von ihm ausgeht, wirklich begreifen können.

Aber damit kommen wir auf anderem Wege wieder genau zu dem wunden Punkt. Denn wer sollte das wirklich begreifen können - damals genauso wie heute -, was denn Adventshoffnung und -prophezeiung mit unseren konkreten Alltagsproblemen und zehrenden Alltagssehnsüchten zu tun hat, und mit dem, was uns unmittelbar bewegt und beschäftigt? Immerhin tritt Jesus von Nazareth doch gar nicht als gewiefter Politiker auf. Er präsentiert sich doch gar nicht als der starke Mann, der dynamisch und mit wenigen machtvollen Aktionen alle Probleme löst und ein mächtiges Weltreich aufrichtet, in dem ein auserwähltes Volk dann über alle anderen Völker herrscht. Eher ist es völlig grotesk, dass er auf einem Esel in Jerusalem einreitet, auf diesem Lasttier des kleinen Mannes und damit auf alle Zeichen politischer Macht und Herrschaft verzichtet. Aber damit kann er doch garantiert nicht unsere hochgespannten Erwartungen erfüllen! So hat man doch damals nicht gehofft, und so hoffen wir doch heute nicht. Denn das reicht doch einfach alles nicht, um Misswirtschaft und Perspektivlosigkeit zu beenden und die Menschen neu auszurichten! Das reicht doch alles nicht, um alle Gekränkten und Verstoßenen zu heilen und wieder aufzunehmen. Denn dazu ist doch viel, viel Geld und noch mehr handgreifliche Macht nötig, denn sonst ist doch gegen das Elend in unserer Welt nichts auszurichten.

Oder doch? Und wir haben vielleicht nur falsch gehofft und falsch gedacht und falsch geglaubt? Und es ist gerade Sinn der Adventszeit, umzudenken, umzufühlen, anders zu leben? Nein, in der Tiefe unseres Herzens wissen wir es, dass es letztlich gar nicht unser Geld ist, das uns unser Leben in seiner Tiefe wirklich erfüllen kann, sondern eigentlich die Erfahrung von Liebe und Geborgenheit, Freude und Dankbarkeit. Und genauso wissen wir es im Grunde, dass es letztlich gar nicht politische Macht ist, die uns unser Leben wirklich bewahrt, denn sie ist nur begrenzt und vergänglich. Umso mehr sehnen wir uns danach, unvergänglich und ewig gehalten zu sein, eben bei dem Ewigen, eben bei Gott. Und ferner wissen wir zumindest um die Erfahrung aller Gottesmänner und -frauen, dass unsere Wirklichkeit tatsächlich anders wird, wenn man sich von dieser Erfahrung wirklich getragen fühlt. Wenn man endlich ernst mit ihr macht, und seine Seele auf Gott hin ausrichtet und sich so nicht mehr völlig von Vergänglichem gefangen nehmen lässt, dann verlieren doch alle auf das Zeitliche ausgerichteten Sehnsüchte und Triebe ihre quälende Macht über uns und dann zieht von allein und ganz anders Gerechtigkeit und Frieden unter uns ein.

Und das übersteigt dann alle Politik von Leistung und Gegenleistung, weil das, was von Gott herkommt an Ewigkeit, Barmherzigkeit und Gnade, größer ist als wir es uns denken können. Wenn wir uns endlich darauf besinnen, dass das Entscheidende im Leben im Grunde nicht erarbeitet werden kann, sondern nur von Gott geschenkt werden kann, dann werden doch unsere Maßstäbe anders. Wenn uns im Licht der Adventskerzen einleuchtet, dass das Entscheidende im Leben nämlich Liebe und Vertrauen, Freude und Friede für unsere Seele und Gelingen und Vollenden, niemals erzwungen werden kann, sondern wirklich nur von Gott geschenkt werden kann, dann kommen wir doch von selbst wieder darauf, das Stillesein und Beten zu lernen und zu üben, um damit Gott von Herzen zu bitten und dann aber auch bereit zu werden, Gottes Wirken an uns zuzulassen.

Wenn wir wahrnehmen, wie die Prophezeiung Jeremias unser Herz für diese Dimension unseres Lebens öffnen will, dann könnten wir doppelt froh werden in dieser Adventszeit. Einerseits darüber, dass uns diese Ankündigung „Siehe, es kommt die Zeit" mit einem Male wie auf einer großen Bühne den Vorhang aufzieht, und wir endlich sehen können, was in unserem Leben wirklich gespielt wird, worauf es wirklich ankommt und dass wir von Gott her für unser Leben das Gute erwarten dürfen.

Andererseits könnten wir froh werden darüber, dass die prophezeite Zeit schon gekommen ist. Denn wir dürfen doch als Christenmenschen Advent und Weihnachten feiern. Ja, wir dürfen doch als Christenmenschen, wenn wir uns immer wieder von Sorge und Bedrohung gefangen nehmen lassen, trotzdem auch immer wieder feiern, dass Christus uns, unsere Gedanken und Gefühle herausreißen will aus dieser Gefangenschaft und uns die Augen öffnet, wovon wir eigentlich leben, nämlich von Gottes Güte und Barmherzigkeit. Diese adventliche Befreiung und Tröstung schenke der barmherzige Gott uns allen. Amen.



Pastor Dr. Andreas Pawlas
25365 Kl. Offenseth-Sparrieshoop
E-Mail: Andreas.Pawlas@web.de

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