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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

1. Advent 2010, 28.11.2010

Predigt zu Jeremia 23:5-8, verfasst von Christian-Erdmann Schott

(5) Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird.
(6) Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: „Der Herr unsere Gerechtigkeit“.
(7) Darum siehe, es wird die Zeit kommen, spricht der Herr, dass man nicht mehr sagen wird: „So wahr der Herr lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat!“,
(8) sondern: „So wahr der Herr lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel herausgeführt und hergebracht hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.“ Und sie sollen in ihrem Lande wohnen
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Liebe Gemeinde,
keine Zeit im Kirchenjahr ist so von Erwartungen erfüllt wie die Adventszeit. Und wenn in den letzten Jahren immer wieder viel Negatives über vorweihnachtliche Hektik oder Konsumterror geschrieben worden ist, so bleibt diese Zeit mit einer gewissen Unverwüstlichkeit für viele doch immer noch eine schöne, eine besondere Zeit; eine Zeit nicht nur für Kinder, sondern überhaupt für Menschen, die sich ein kindliches Herz bewahrt haben. Für diese alle ist es eine Zeit der Vorfreude auf etwas, das noch vor uns liegt, ganz konkret natürlich eine Zeit der Vorfreude und Vorbereitung auf Weihnachten.

Es geht aber um mehr. Die Adventszeit ist keine bloße Vorweihnachtszeit. Das ist sie auch. Aber sie erinnert uns daran, dass wir in unserem Herzen, tief in uns eine Sehnsucht tragen – eine Sehnsucht nach Freude, nach Liebe, nach Lebenserfüllung, nach Geborgenheit, nach Heimat. So lange wir leben, gibt es diese Sehnsucht in uns. Sie ist nicht an ein bestimmtes Alter und auch nicht an eine Jahreszeit gebunden. Sie gehört zu unserem menschlichen Wesen.

Darum verwundert es nicht, dass sie auch bei Menschen in früheren Jahrtausenden anzutreffen ist. Sie kannten bereits diese Sehnsucht und haben versucht, sie zu beschreiben und in Worte zu fassen. Eine Fassung ihrer Bemühungen ist heute zum Predigttext bestimmt. Dabei ist klar, dass der Prophet Jeremia, dem wir sie verdanken, die Sprache seiner Zeit spricht und seine Erwartungen und Hoffnungen dementsprechend zeitgebunden ausdrückt.

Aber trotzdem: In diesen Worten, die jetzt bald 2700 Jahre alt sind, ist etwas ausgesprochen, was die Menschen zu allen Zeiten ersehnt und erhofft haben: eine gute Regierung, die klug und weise ist, die das Recht und die Gerechtigkeit im Lande durchsetzt und fördert, sodass Friede, Sicherheit, Eintracht herrschen und alle im Lande ein Zuhause, eine Heimat haben. Es ist das, was man in Alten Testament gern mit ‚Schalom’ ausdrückt; ein Wort, das wir heute oft hören, das auch in vielen modernen Liedern aufgegriffen und besungen wird.

Damals freilich, zu den Zeiten des Jeremia, dürften die Leute diese Botschaft mit besonderer Aufmerksamkeit gehört haben. Denn die Zeiten waren wirklich schlecht. Der König in Israel, Zedekia, kein echter David-Nachkomme, hatte das Land politisch in die falsche Richtung geführt. Er hatte sich von den Babyloniern mit ihrem König Nebukadnezar losgesagt und war zu den Ägyptern übergelaufen. Die Strafaktion der Babylonier stand bevor: die Eroberung Jerusalems, die Zerschlagung des jüdischen Staates, der Abtransport der Oberschicht ins Exil. Es sah schlecht aus. Dunkle Wolken standen am Horizont.

Aber hinter all diesen schweren Ereignissen sah Jeremia doch wieder Hoffnung: Befreiung aus dem Exil, Rückkehr in die Heimat, friedlichen Aufbau, Zukunft mit einem echten und gerechten Nachkommen Davids, mit einem König nach Gottes und der Menschen Herzen.

Wer sollte dieser König sein? Wann sollte dieser König seine Herrschaft antreten? Seitdem stand diese Frage ungelöst im Raum. Wirklich ungelöst? Die Leute von Jerusalem, die dem zum Passahfest auf einem Esel einreitenden Jesus zujubelten, meinten die Antwort zu wissen. Er ist dieser König. Er ist da. „Gelobt sei, der da kommt, im Namen des Herrn“, ein echter Nachfahre Davids.

Seitdem sagen die Christen, mit Jesus Christus ist der Friedefürst, der Schalom-Fürst, unter uns. Aber offensichtlich sagen das nur die Christen. Eine Legende erzählt, dass die Leute in ihrer Begeisterung einen Rabbi aufsuchten und ihm Freude strahlend diese Botschaft überbrachten. Der Rabbi hörte sich das an. Dann öffnete er das Fenster und hörte lange hinaus in das Getriebe der Welt.

Und er hörte das Schreien der Gequälten, der Gefolterten, das Weinen der unschuldig leidenden Kinder, das Tosen von Kriegen und Kanonen, das Stöhnen der Hungernden. Er schloss das Fenster und schüttelte den Kopf. Er kann es nicht glauben, dass der Friedefürst schon gekommen sein soll. Und mit ihm glaubt es das Judentum bis heute nicht.

Wie kommt die Christenheit dann aber dazu, diesen ihren Glauben festzuhalten und zu verbreiten – bis heute? Ich denke, die Christen haben hier eine doppelte Botschaft.

Der eine Teil besteht in der Gewissheit, dass die Welt durch das Kommen Jesu Christi tatsächlich bereits verändert worden ist. Denn er hat gezeigt durch Wort und Tat, dass es möglich ist, in dieser alten, nicht-friedlichen Welt den Frieden Gottes im Herzen zu spüren und sich davon bestimmen zu lassen – bis in die Todesstunde hinein. Er hat gezeigt, dass es möglich ist, unter den Bedingungen der Gott abgewandten Welt als Kind Gottes zu leben. Damit hat er allen, die das glauben und es umzusetzen versuchen, eine neue Möglichkeit des Lebens eröffnet.

Damit ist aber die Welt in ihrem Getriebe nicht verändert. Der Rabbi hat richtig gehört. Es ist so. Darum stehen wir hier auch nicht gegen das Judentum, sondern zusammen mit dem Judentum in einer Gemeinschaft der Hoffnung. Wir hoffen und warten darauf, dass der Tag kommt, an dem der umfassende Schalom Gottes sichtbar und für alle spürbar Wirklichkeit sein wird.

Diese noch unerfüllte Sehnsucht bleibt. Sie ist da und weist hinüber vom Ersten zum Zweiten Advent. Während das erste Kommen des Herrn für die Weltöffentlichkeit verborgen, nur für die Glaubenden erkennbar war, wird das zweite Kommen in großer Herrlichkeit sein und dann wird die Welt das sein, was sie nach Gottes Willen sein soll.

Für unseren Glauben aber gehört beides zusammen. Es ist die grundlegende Spannung, die in unserem Glauben steckt: die Spannung zwischen dem „Heute ist der Tag des Heils“ / „Gelobt sei, der da kommt“ und der Bitte „Dein Reich Komme“.

Am Ersten Advent liegt der Ton auf dem Gekommenen. Er hat sich gezeigt. Er hat uns einen Weg gewiesen. Wir sind nicht allein und nicht gottverlassen. Der Apostel Paulus hat das einmal sehr schön ausgedrückt mit einem Bild: „Gott, der da hieß das Licht aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben“ (2. Kor. 4,6). Dass dieser helle Schein uns in dieser Adventszeit leuchten, uns begleiten, wärmen und durch uns in unsere zerrissene Welt hinein strahlen möchte, das wünsche ich uns allen.
Amen.



Pfarrer em. Dr. Christian-Erdmann Schott
Mainz-Gonsenheim
E-Mail: ce.schott@arcor.de

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