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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Trinitatis, 03.06.2007

Predigt zu Numeri 6:22-27, verfasst von Wolfgang Vögele

Liebe Gemeinde,

Das segnende Angesicht Gottes richtet sich auf die hilfsbedürftigen Menschen. Der Gott , der segnet,  sieht die Menschen. Heute gerät dieser Segenssatz in Vergessenheit: Die Menschen wollen sich nicht sehen lassen. Die Menschen wollen selbst sehen.

Um besser und schöner und vor allem mehr zu sehen, um das sehr Große und das sehr Kleine zu sehen, haben die Menschen eine Reihe von technischen Hilfsmitteln entwickelt: das Fernrohr und das Teleskop, das Mikroskop, aber auch das Fernsehen und das Kino. Der Mensch hat sich Prothesen geschaffen, um mehr sehen zu können.

Der Mensch hat aus sich selbst einen Prothesengott gemacht. Diese Formulierung stammt von Siegmund Freud, dem Begründer der Psychoanalyse.  Allein ist der Mensch schwach, hilfsbedürftig und sterblich. Also muß er sich mit allen zu Gebote stehenden Mitteln stärken und schützen. Mit mehr immer mehr technischen Hilfsmitteln schaffen sich die hilfsbedürftigen Menschen einen scheinbar sicheren Schutz- und Machtraum: Dort wollen sie uneingeschränkte Herrschaft ausüben, und zu gerne würden sie für immer den Gefährdungen und Risiken des Lebens entkommen. Sie sehnen sich nach dem sicheren geschützten Ort, an dem das Leben nicht bedroht ist. Und dafür brauchen die menschlichen Prothesengötter Computertomographen und MP3-Player, Rührgeräte und ABS-System, elektronische Wegfahrsperren und Flachbildfernsehgeräte. Die Rüstungsgegenstände der Technik sollen die Prothesengötter stark und unverwundbar machen. 

Der Prothesengötter benötigen alle möglichen Hilfsmittel, um sich allmächtig zu geben. Sie wollen sich selbst zu Göttern machen, um nicht von anderen Göttern abhängig zu sein. Und wenn der Prothesengott seine Hilfsmittel ablegt, dann steht er wieder als schwacher, sterblicher Mensch da. Aber in der Zeit der MP3-Player und Scanner und USB-Sticks wird diese Schwäche häufig überspielt. Die sogenannten Prothesen haben die Schwächen des Menschen unsichtbar gemacht.

II. Kult und Keile aus der Steinzeit

Im Karlsruher Schloß (1) ist zur Zeit eine wunderbare Ausstellung zu sehen, die Ausgrabungsfunde aus der Zeit vor 12000 Jahren zeigt. Damals verwandelten sich die Menschen aus Jägern und Sammlern zu seßhaften Bauern: Sie gründeten Dörfer und Siedlungen, sie bauten Getreide an, betrieben Vorratshaltung und errichteten riesige kultische Anlagen.  An den Fundorten in der Türkei gruben Archäologen riesige T-förmige Pfeiler mit Tierreliefs aus. Heutige Besucher können in Karlsruhe die Nachbildungen sehen; sie stehen fasziniert davor und fragen sich, wie Menschen ohne große technische Hilfsmittel solche gewaltigen Steine bewegen konnten.

Man weiß nicht genau, welchem religiösen Zweck die kreisförmig angeordneten, vergrabenen Pfeiler und die Tempelanlagen dienten. Sicher ist: Für die Menschen, die vor 12000 Jahren lebten, besaßen Tod und Geburt, Essen und Trinken, Krankheit und Gesundheit viel größere Bedeutung als für uns heute: Es war für sie unmittelbare, tägliche Wirklichkeit. Keine Fernsehsendung lenkte sie davon ab.

Auch die Steinzeitbewohner besaßen erste einfache Prothesen: Messer aus Obsidian und Beile aus Stein, reich verzierte Tonschalen und Schmuckketten waren für die Bewohner dieser ersten menschlichen Siedlungen die ersten Hilfsmittel zum Überleben. Mit deren Hilfe machten sie ihr entbehrungsreiches Leben nachhaltiger und dauerhafter; ihnen gelang es, die eigene Lebenserwartung zu verlängern und darum verbreitete sich ihr Lebens- und Arbeitsmodell vom fruchtbaren Halbmond Kleinasiens nach Europa und nach Asien.

Eigentlich will ich ja in einer Predigt keine Werbung für Fernsehen machen, aber im Moment ist im ersten Programm eine spannende Serie (2) zu sehen: Sie zeigt eine Gruppe von Menschen, die für einige Monate in einer Steinzeitsiedlung lebten, wie sie vor 4000 existiert haben könnte. Diese Menschen mußten lernen, wie man ein Feuer entfacht. Sie mußten lernen, Getreide zu entspelzen und zu mahlen. Sie mußten plötzlich Schweine schlachten und sich aus Fellen Kleidung und Schuhe nähen. Wegen des schlechten Wetters erwies sich das alles als so schwierig, daß mehrfach die Hilfe der Fernsehleute herbeigerufen werden mußte. Das durchnäßte Giebeldach der Steinzeithütte wurde dann vorübergehend mit einer Plastikplane abgedeckt. Neben dem schwierig zu bearbeitenden Getreide aß man Erbsen, einige Rüben, wilde Möhren, Sellerie und ein bunter Strauß an Wildkräutern. Und die beteiligten Kinder jammerten, weil sie keine Pizza und keine Spaghetti bekamen.

III. Blick auf den segnenden Gott

Was hat das alles mit dem Segen Aarons zu tun?

Fernsehen und Museum geben den Blick auf eine seit Jahrtausenden vergangene alte Zeit frei, in der die Menschen nur einen Bruchteil unserer heutigen modernen Prothesen zur Verfügung hatten. Die Menschen der Steinzeit beschäftigten sich nicht mit Konzerten, Büchern und Fernsehen, sondern für sie standen im Vordergrund Nahrung, Zusammenleben, Gesundheit. Das schiere Überleben war wichtiger als der Glück und Nervenkitzel verheißende Event. Die Prothesen, die ihnen zur Verfügung standen, waren einfacher, weniger und schlichter. Sie erforderten viel Erfahrung, Genauigkeit, Sorgfalt und  jahrelange Übung.

Den Segen Aarons haben wir vorhin als Predigttext gehört. Vielleicht haben Sie nicht so genau hingehört, weil sie diese Worte kennen. Denn der Liturg spricht sie feierlich am Ende eines jeden Gottesdienstes. Wer sie also häufig gehört hat, hat die alten Worte längst in Erfahrung, Erinnerung und Unterbewußtsein aufgenommen. Scheinbar nichts, worüber man sich noch länger Gedanken machen müßte. Dennoch öffnen die heiligen Segensworte den Blick für Zeitunterschiede.

Die Segensworte Aarons stammen aus alter Zeit, zwar nicht aus der Steinzeit, aber immerhin sind sie mehr als 2500 Jahre alt. Seitdem sprechen sich Menschen diese Segensformel im Namen Gottes zu.

Und das erste, was man daraus lernen kann, ist der ganz materielle Sinn dieser Segensworte. Es geht um Nachkommen und Nahrung, um Reichtum und um Vieh. Der von Gott gesegnete Mensch hat alles, was er zum Überleben braucht: Nahrung und Nachkommen. Der segnende und vertrauensvolle Blick Gottes schafft Fülle, Wohlstand, Überfluß. Man kann sich das an einem anderen Segenswort aus dem 5.Buch Mose deutlich machen: „Gesegnet wird sein die Frucht deines Leibes, der Ertrag deines Ackers und die Jungtiere deines Viehs, deiner Rinder und deiner Schafe. Gesegnet wird sein dein Korb und dein Backtrog. Gesegnet wirst du sein bei deinem Eingang und gesegnet bei deinem Ausgang." (Dtn 28,3-6)

Das ist etwas Wichtiges, was wir uns in Erinnerung rufen sollten: Was für uns selbstverständlich geworden, haben die Alten ganz und gar nicht für selbstverständlich gehalten. Sie sahen das tägliche Überleben als Geschenk Gottes. Daran erinnert uns das Segenswort: Für das Toastbrot, das wir aus dem Regal im Supermarkt holen, wuchs irgendwann einmal Getreide. Ein Bauer hat sich Sorgen gemacht, ob das Wetter bis zur Ernte wohl halten würde. Das Schnitzel vom Metzger war noch ein paar Tage davor ein lebendiges Schwein, das im Stall hungrig gefressen hat.

Das Volk Israel, das vor 2500 Jahren in Palästina siedelte, wußte ganz genau: Wir haben wichtige Hilfsmittel und Prothesen, um selbst zu überleben. Aber dieses Überleben gelingt uns nicht aus eigener Kraft. Wir sind angewiesen auf den Ursprung des Lebens, auf den Gott, der diese Welt für uns geschaffen hat. Und darum bitten wir Gott um seinen gnädigen Segen.

Und der barmherzige Gott, der die Welt für die Menschen geschaffen hat, läßt diesen Segen erteilen. Seine Priester sprechen den Segen Gottes in seinem Namen aus. Und die hörenden und sehenden Menschen empfangen dankbar, worum sie gebeten haben.

Heute hat sich das geändert: Denn in den Prothesen, die wir uns zum unbestreitbaren Fortschritt konstruiert haben, liegt eine gefährliche Versuchung. Die Versuchung lautet: Je bessere Prothesen wir bauen, desto besser sind wir vor Gefahren und Risiken des Lebens geschützt. Und desto weniger brauchen wir einen unsichtbaren Gott.

Liebe Gemeinde, das aber ist ein Irrtum. Denn kein technischer Fortschritt hat ein menschliches Leben unsterblich gemacht. Und der Segen Aarons hilft uns in zwei Richtungen. Die vielen fortschrittlichen Prothesen haben den Menschen in den letzten Jahrhunderten zu enormen technischen, kulturellen und zivilisatorischen Erfolgen verholfen. Und dennoch bleibt da eine Grenze, die Menschen nicht einmal mit Hilfe von Prothesen überschreiten können. Die Segensformel des Mose und des Aaron zeigen: Wir Menschen bleiben angewiesen auf den barmherzigen Gott, der der Ursprung des Lebens ist. Der Segen Aarons stellt sozusagen die richtigen Größenverhältnisse wieder her. Er hilft uns, pragmatisch und nüchtern unsere Endlichkeit und Sterblichkeit und Schwäche zu erkennen. Wir erkennen die Täuschung, welche im blendenden Fortschritt technischer Hilfsmittel auch liegt. Der Segen Aarons befreit die Menschen von der Illusion selbstgeschaffener Allmacht. Das ist das eine.

Das andere ist: Der Gott, welcher der Ursprung des Lebens ist, läßt die Menschen nicht allein. Er begleitet sie auf ihren Lebenswegen. Er sieht sie von Angsicht zu Angesicht. Er schafft Frieden. Er behütet die Menschen. Und er ist gnädig.

Das zeigt sich nicht nur an Überleben und Wohlstand. Das zeigt sich an den vielen Geschichten der Bibel, in denen Gott zaghafte oder ängstliche, übertreibende oder  mutlose, ruhelose oder einsame, alte oder junge, gesunde oder kranke Menschen begleitete, sie nicht alleine ließ. Zuallererst zeigt sich dieser Segen an der Geschichte des Jesus von Nazareth, der wie kein zweiter mit dem Segen Gottes durch das Leben, durch unendliches Leiden und schließlich sogar durch den Tod ging. An ihm zeigt sich die Gegenwart göttlichen Segens. Gott spricht uns Menschen diesen Segen zu. Das genügt.

Andere Hilfs- und Lebensmittel braucht es nicht. Der wahre Gott macht uns in seinem Segen zu wahren Menschen, ohne Prothesen. Amen.

Lieder:

139,1-3
Psalm 145 (EG 773)
Antiphon: 789.3
628,1
280,1-3
140,1-5
580,1-3



(1)   http://www.landesmuseum.de/website/Deutsch/Sonderausstellungen/Aktuell/Vor_12.000_Jahren_in_Anatolien_-_Die_aeltesten_Monumente_der_Menschheit/Ausstellung.htm

(2)   http://www.swr.de/steinzeit/



PD Dr. Wolfgang Vögele
Christuskirche Karlsruhe
E-Mail: wolfgang.voegele@aktivanet.de

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