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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Heiligabend, 24.12.2010

Predigt zu 2. Samuel 7:4-6.12-14a, verfasst von Uwe Graebe

Liebe Gemeinde,

der Trubel der Tage vor Weihnachten ist vorbei. Die Geschäfte zum Ende des Jahres sind erledigt, die Akten in den Regalen verstaut, die Geschenke für die Lieben sind besorgt. Und, ja, was man in unserer christlichen Minderheitenexistenz hier in Jerusalem schon fast vergessen könnte: Unsere Geschwister in Deutschland haben jetzt auch die Hektik der Weihnachts­märkte, Advents­feiern und der Dauerbeschallung mit Weih­nachts­lie­dern in den Kaufhäusern endlich hinter sich.

Es ist Zeit, nach Hause zu kommen.

Es ist Zeit, den Ort zu finden, nach dem ich mich schon so lange sehne. Die Freunde, die Familie, die vertrauten Gerüche und Geräusche. Und eines der Lieder aus dem Radio begleitet mich dann doch noch auf dem Weg. Wie ein Ohrwurm, der einfach nicht aus dem Kopf raus will. Kein besonders anspruchsvolles Lied, eher ein Liedchen – und dennoch Ausdruck einer großen Sehnsucht: „Driving home for Christmas“ von Chris Rea.

„Oh, I can’t wait to see those faces / I’m driving home for Christmas, yea.” Ein Stau, rote Ampeln, das Gesicht eines Fahrers auf der Nebenspur. „I’m driving home for Christmas / Get my feet on holy ground...“ – Das ist es doch: Zuhause, heiliger Boden. Ich selbst sein dürfen. Geborgen sein, geschützt an diesem Heiligtum.

Kein Wunder, dass König David seinem Gott ein solches Zuhause verschaffen möchte. Damals, vor gut dreitausend Jahren. Auch David hat endlich Ruhe nach den Jahren des Trubels. Jerusalem ist erobert. Die Philister besiegt. Und die Bundeslade endlich angekommen. Wirklich angekommen? Wir lesen den Predigttext im Zweiten Samuelbuch, im siebenten Kapitel:

Als nun der König in seinem Hause saß und der HERR ihm Ruhe gegeben hatte vor allen seinen Feinden umher, sprach er zu dem Propheten Nathan: Sieh doch, ich wohne in einem Zedernhause, und die Lade Gottes wohnt unter Zeltdecken. Nathan sprach zu dem König: Wohlan, alles, was in deinem Herzen ist, das tu, denn der HERR ist mit dir.
     In der Nacht aber kam das Wort des HERRN zu Nathan: Geh hin und sage zu meinem Knecht David: So spricht der HERR: Solltest du mir ein Haus bauen, dass ich darin wohne? Habe ich doch in keinem Hause gewohnt seit dem Tag, da ich die Israeliten aus Ägypten führte, bis auf diesen Tag, sondern ich bin umhergezogen in einem Zelt als Wohnung. Habe ich die ganze Zeit, als ich mit den Israeliten umherzog, je geredet zu einem der Richter Israels, denen ich befohlen hatte, mein Volk Israel zu weiden, und gesagt: Warum baut ihr mir nicht ein Zedernhaus?
     Darum sollst du nun so zu meinem Knechte David sagen: So spricht der HERR Zebaoth: Ich habe dich genommen von den Schafhürden, damit du Fürst über mein Volk Israel sein sollst, und bin mit dir gewesen, wo du hingegangen bist, und habe alle deine Feinde vor dir ausgerottet; und ich will dir einen großen Namen machen gleich dem Namen der Großen auf Erden. Und ich will meinem Volk Israel eine Stätte geben und will es pflanzen, dass es dort wohne und sich nicht mehr ängstigen müsse und die Kinder der Bosheit es nicht mehr bedrängen. Und wie vormals, seit der Zeit, da ich Richter über mein Volk Israel bestellt habe, will ich dir Ruhe geben vor allen deinen Feinden. Und der HERR verkündigt dir, dass der HERR dir ein Haus bauen will.
     Wenn nun deine Zeit um ist und du dich zu deinen Vätern schlafen legst, will ich dir einen Nachkommen erwecken, der von deinem Leibe kommen wird; dem will ich sein Königtum bestätigen. Der soll meinem Namen ein Haus bauen, und ich will seinen Königsthron bestätigen ewiglich. Ich will sein Vater sein und er soll mein Sohn sein. Wenn er sündigt, will ich ihn mit Menschenruten und mit menschlichen Schlägen strafen; aber meine Gnade soll nicht von ihm weichen, wie ich sie habe weichen lassen von Saul, den ich vor dir weggenommen habe. Aber dein Haus und dein Königtum sollen beständig sein in Ewigkeit vor mir, und dein Thron soll ewiglich bestehen.
     Als Nathan alle diese Worte und dies Gesicht David gesagt hatte, kam der König David und setzte sich vor dem HERRN nieder und sprach: Wer bin ich, Herr HERR, und was ist mein Haus, dass du mich bis hierher gebracht hast? (...)
     So fange nun an, zu segnen das Haus deines Knechts, damit es ewiglich vor dir sei; denn du, Herr HERR, hast’s geredet und mit deinem Segen wird deines Knechtes Haus gesegnet sein ewiglich.

Meinem Gott ein Haus schaffen... Kaum ist bei König David ein wenig Ruhe eingekehrt, schon muss er etwas Neues angehen: Wo wohnt Gott? In Decken oder in einem Palast? Wo wohnt Gott für dich? Wo ist für dich der Ort, an dem du dich Gott besonders nahe fühlst? Vielleicht der selbe Ort, an dem auch du ganz und gar zu Hause bist? Viele aus unserer Gemeinde sind in den Weihnachtsurlaub nach Deutschland geflogen. „Heimaturlaub“, wie man sagt. Andere sind gerade am Heiligen Abend zu uns nach Jerusalem oder Bethlehem gekommen, weil sie in dieser Nacht gerade hier Gottes Nähe in einzigartiger Weise zu erfahren hoffen...

Ob sie Gott finden – und dabei selbst Heimat finden? „Wohlan, alles, was in deinem Herzen ist, das tu, denn der HERR ist mit dir“, spricht Nathan. Bis zu jener Nacht. Bis es dann doch ganz anders kommt: „Solltest du mir ein Haus bauen, dass ich darin wohne?“, spricht Gott durch Nathan zu David. Solltest du wirklich meinen, du könnest mich an einem Ort in dieser Welt dingfest machen?

Es ist Nacht, als diese Vision über Nathan kommt. Nacht – wie jene Nacht „als sie aber keinen Platz in der Herberge“ fanden. Und das Ereignis des Kommens Gottes zu den Menschen im Stall stattfinden musste. Es ist Nacht – wie diese Nacht, heute, in der vielleicht einige hundert Menschen nicht mehr in diese Kirche gepasst haben – obwohl sie doch mit Reisebussen den ganzen Weg aus Haifa oder Tel Aviv gekommen sind, um einmal zu sehen, wie Christen Weihnachten feiern. Und dabei vielleicht auch etwas von Gott zu erahnen.

Es ist Nacht, als Gott es eröffnet: Nein, ich habe keinen Ort in der Welt. Ich brauche auch gar keinen Ort. Aber dir habe ich immer wieder einen Ort gegeben – in all deiner Unbehaustheit. „Ich will meinem Volk Israel eine Stätte geben“, spricht Gott durch Nathan. Und der Begriff, der hier für „Stätte“ gebraucht wird, ist der jüdischen Tradition zufolge einer der Namen Gottes selbst: Gott hat keinen Ort in der Welt. Aber die Welt hat ihren Ort in Gott. Und damit hast du einen Ort, an dem du Gott begegnen darfst.

Ich denke, jeder von uns kennt solche Orte, an denen er sich Gott besonders nahe fühlt. Die alte Dorfkirche am Ort der Kindheit. Der Berg, der Garten, das Meer. Und eben: Jerusalem. Bethlehem. Doch: Ach was, das Kindheitsdorf habe ich längst verlassen müssen. Berg, Garten und Meer liegen fern. Und hier in Jerusalem oder Bethlehem? – Viele haben die Erfahrung gemacht, wie sehr ihre Erwartungen hier enttäuscht wurden, wie schockiert sie waren über den Trubel und die Unruhe an diesen Orten.

Der König David mag ganz unruhig geworden sein angesichts der Vision des Propheten Nathan. Doch da geschieht das Wunder: Dieser Gott, in dem die ganze Welt ihren Ort hat, er zieht mit dir in deiner Unbehaustheit. Er wird Mensch – jenseits von allen Zedernpalästen oder modernisierten Altbauwohnungen, in denen du dich nur für kurze Zeit häuslich einrichten darfst. Er zieht mit dir: in deiner Existenz als Arbeitsnomade, Tourist, suchender Pilger – und sogar auf deinem Weg ins Seniorenheim, wenn deine Kräfte nachlassen.

In all seiner Unruhe bekommt David von Gott selbst das zugesprochen, was eigentlich der Ausgangspunkt seines Anliegens war: „Ich will dir Ruhe geben vor allen deinen Feinden.“

Ruhe, ja. Aber nicht, indem du Gott irgendwo „dingfest“ machst. Daher haben wohl auch diejenigen Rabbiner heutzutage Recht, die sagen, dass der Dritte Tempel niemals von Menschenhand gebaut werden dürfe. Gott selbst wird dereinst seinen Tempel bauen. So, wie er seinen Tempel gebaut hat, als er Mensch geworden ist in dieser Nacht in Bethlehem.

Gott kommt an Weihnachten nach Hause. Er kommt nach Hause, indem er in die Fremde geht. In einen Stall. Da, wo du gar nichts mehr hast, wo du dich selbst zur Ruhe setzen könntest – da wird ER Mensch. Da nimmt er Wohnung bei dir und schenkt dir die Ruhe, die du brauchst. Und die Heimat, nach der du dich sehnst.

Driving home for Christmas / Get my feet on holy ground. Auch deine Füße dürfen diesen heiligen Boden berühren. Denn Gott wird sein Haus bauen unter uns. In dieser Nacht. In dieser Nacht der Unbehaustheit und der tiefen Sehnsucht nach Zuhause. Auch, wenn du jetzt noch suchst und auf dem Wege bist und eine tiefe Unruhe in dir trägst: Du wirst endlich aus der Fremde nach Hause kommen. Weil Gott in dieser Nacht in die Fremde gegangen und Mensch geworden ist.

Amen.



Propst Dr Uwe Graebe
Jerusalem
E-Mail: uwe.graebe@evangelisch-in-jerusalem.org

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