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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Heiligabend, 24.12.2010

Predigt zu Jesaja 60:1-7, verfasst von Jan Hermelink

Musik zum Beginn:         Joh. Seb. Bach, Trio-Sonate d-moll für Flöte und Orgel, Erster Satz

Eingangslied: EG  39, 1–5 (Kommt und lasst uns Christus ehren)

[zum Altar]

Wir feiern diesen Gottesdienst zum Weihnachtsfest
im Namen Gottes:  des Vaters – des Sohnes – des Heiligen Geistes.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn,

Gem.: der Himmel und Erde gemacht hat.

[Begrüßung]     Dank für Musik und Vorbereitung Gottesdienst
(Baum, Kerzen ...)
nur einige Lieder auf der Tafel ...
                      

Lassen Sie uns – im Wechsel – beten mit Psalm 96 / EG 738
Ich bitte die Männer, mit mir zu beginnen,
und die Frauen, mit den eingerückten Versen zu antworten.

Gem.:              Ehr sei dem Vater und dem Sohn...

Der Herr sei mit Euch      und mit deinem Geist

Lasst uns beten:                                 [Gemeinde steht]

Gelobet seist Du, Jesus Christus:

Du bist ein Menschenkind geworden –

damit wir Gottes Kinder werden.

Du bist arm geworden –

auf dass wir reich werden.

Du hast bist verletzlich geworden –

damit wir – verletzt und gekränkt, wie wir sind –

Trost und Hilfe finden.

Wir bitten dich:

Öffne unser Herz, mache es hell und weit,

löse die Erstarrung, lass den Blick weit werden:

dass dein Licht uns erleuchte,         

            dass es aufscheine in dem, was wir tun und sagen.

Dir sei Ehre in Ewigkeit.

Gem.:    Amen

Alttestamentliche Lesung – zugleich der Predigttext      [Gemeinde steht]

Jesaja 60, 1–7

Lied:                EG 19 (Oh komm, oh komm, du Morgenstern)

Epistel-Lesung                                                             [Gemeinde steht]

            2 Kor 4, 6–10

Lied:                EG 40, 1–3 (Dies ist die Nacht, da mir erschienen)

Lesung des Evangeliums           [Gemeinde steht bis Glaubensbekenntnis]

            Lukas 2, 1–7 

Lied:                EG 37, 1–3 (Ich steh’ an deiner Krippen hier)

            Lukas 2, 8–14

Lied:                EG 33 (Brich an, du schönes Morgenlicht)

            Lukas 2, 15–20                                            

Glaubensbekenntnis                                        

Lasst uns unseren Glauben bekennen mit den Worten
des Konzils von Nicäa – es ist voller Weihnachts-Motive.
Sie finden dieses Bekenntnis ganz vorne im Gesangbuch,
unter Nr. 06.2

 

Lied vor der Predigt: EG 56 (Weil Gott in tiefster Nacht erschienen)

 

Predigt mit Jes 60, 1–7

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde,

Weihnachten, Heiligabend –
das ist eine Fülle von Bildern,
eine Fülle von Gefühlen und Erinnerungen,
für jeden und jede von uns anders,
vielfältig – und zumeist sehr gemischt.

Kaum einer kann sich diesem Fest entziehen,
nicht einmal im Gottesdienst.

Aber der Gottesdienst an diesem Abend bietet die Chance,
sich zu konzentrieren:
auf einige Lieder, wenige Texte,
vielleicht einige Gedanken und Gefühle.

Die Gefühle bleiben gemischt; Licht und Finsternis sind präsent –
aber der Gottesdienst, das Singen und Hören
mögen uns doch zur Besinnung bringen,
uns genauer hinhören lassen, und gelassener hinsehen.

Zu dieser Konzentration, dieser genauen Gelassenheit
soll uns heute Abend ein Text aus dem Jesaja-Buch verhelfen:
ein prophetisches Wort, entstanden zur Zeit der persischen Besatzung,
drei oder vier Jahrhunderte vor der Geburt Jesu –
gerichtet an Jerusalem und seine Bewohner.

Steh auf, werde licht – denn dein Licht kommt,
und Gottes Herrlichkeit strahlt auf über dir.

Denn siehe: Finsternis bedeckt die Erde,
und Dunkel die Völker –
doch über dir erstrahlt Gott,
seine Herrlichkeit erscheint über dir.
Und Völker strömen zu deinem Licht
und Könige zu dem Glanz, der über dir erstrahlt.

Hebe deine Augen auf, und siehe:
Alle sind sie versammelt und kommen zu dir.
Deine Söhne kommen aus der Ferne,
deine Töchter werden auf den Armen herbei getragen.

So beginnt jedes Familienfest, so beginnt auch das Weihnachtsfest:
die Großfamilie versammelt sich,  Söhne und Töchter,
Freunde und Geschwister sind aus der Ferne angereist,
Enkel, Neffen und Nichten werden herbei getragen.

Die Szene, die hier aufleuchtet, kann viele Formen annehmen –
Schwiegertöchter kommen ebenso angereist wie Ex-Ehefrauen;
vielleicht versammelt man sich bei den Nachbarn;
oder man bleibt in Göttingen und empfängt die Freunde,
mit denen man jedes Jahr feiert.

Jedenfalls: Weihnachten ist – daran erinnert der alte prophetische Text uns zunächst – Weihnachten ist ein Fest des Wiedersehens.

Dafür nimmt man lange Reisen in Kauf, Verspätungen und überfüllte Züge, letzte Einkäufe beim Metzger und im Supermarkt -
denn man weiß: heute oder morgen, in den nächsten Tagen jedenfalls
werden wir uns wieder sehen.

„Steh auf, erhebe dich, lass dich erleuchten – denn dein Licht kommt.“
Ich höre diese Zeile auch ganz weltlich – vertraut, aber nicht alltäglich.

Ich stelle mir vor, wie ich übermorgen zu meinen Eltern fahre:
Wie jedes Jahr wird mein Vater auf dem Bahnsteig stehen,
vielleicht auch meine Schwägerin, mit meiner Nichte auf dem Arm.
Viele steigen aus, der Bahnsteig ist voll; alle halten Ausschau,
recken sich – und da: „Da ist er ja!“ – „Da sind sie!“

Ein Lächeln auf dem Gesicht des Vaters, ein verlegendes Grinsen bei meinem Bruder – und in mir wird etwas warm – weit, hell.
„Da bist Du ja!“ – Für diesen Moment lohnt sich die weite Reise;
für diesen Augenblick lohnt sich das Warten auf dem kalten Bahnsteig.

Andere Szenen fallen mir ein. Ich komme nach Bonn,
in die Neubausiedlung, in der ich aufgewachsen bin –
und treffe die Gemeindeschwester, die mich zur Kirche gebracht hat: „Ach, der Jan!“

Oder die Reise nach Schwaben, in eine Provinzstadt,
in die es die Freundin samt Familie vor einigen Jahre verschlagen hat:
„Schön, dass Du endlich mal vorbei kommst“.

„Da wird dein Herz beben und weit werden“,
da wird es hell um dich herum – und Du fängst an zu strahlen.

– Und dann geht es weiter, herunter vom Bahnsteig, ins warme Auto
und in die warme, wahrscheinlich überheizte Wohnung.
Andere werden begrüßt – „Mensch, bist Du schmal geworden“,
Reiseerlebnisse werden ausgetauscht –
dieses Jahr sicher besonders ausführlich.

Und dann, irgendwann, wenn man länger zusammen sitzt,
mehr voneinander mitbekommt –
dann ist auch anderes zu sehen – und zu hören.

Dann sehe ich die Erschöpfung auf dem Gesicht meiner Eltern,
auch bei meinen Geschwistern.
Dann merke ich wieder, wie einsam die Freundin lebt,
welche Verzweiflung in ihr steckt – und ebenso doch in mir.

Und wenn man mit den alten Freunden länger zusammen sitzt –
auch dieses Wiedersehen gehört zu Weihnachten –
dann wächst das Gefühl, sich doch auch einigemaßen fremd zu sein.

Irgendwann wird es mühsam mit dem Besuch –
und zwar nicht nur, weil wir es nicht mehr gewohnt sind,
so lange und so dicht aufeinander zu hocken.
Irgendwann wird es gereizt, empfindlich – denn wir teilen nicht nur die Freude, sondern auch die Enttäuschung, die Erschöpfung.

„Finsternis bedeckt die Erde, Dunkel liegt über den Völkern“ –
das ist bei aller Freude über das Wiedersehen nicht zu verdrängen.

Je genauer man hinsieht – und der Prophet schaut genau hin –,
um so massiver scheint dieses Dunkel zu werden.

Da wird dann die Fülle der Schafe und Kamele beschrieben,
ja beschworen; da wird ausgemalt,
wie die Lasttiere mit Gold, mit Seide, mit Gewürzen beladen herbeiströmen –
und dabei ist Jerusalem, damals wie heute,
eine bedrängte, ein besetzte, auch eine ärmliche Stadt.

Dieser ganze Aufwand: die prophetische Beschwörung der Herrlichkeit, des überirdischen Glanzes, der Schätze an Gold und Menschen –
dass soll offenbar auch verdecken,
dass es in der Gegenwart durchaus finster ist –
nicht nur unter den Völkern, sondern auch unter uns:
im eigenen Herzen und bei denen, die uns lieb sind.

Weihnachten ist das Fest des Wiedersehens, des Wiedererkennens.
Und da erkennen wir eben auch das wieder, was finster ist und bleibt:
dass die Mutter einfach nicht zuhören kann, weil sie ständig in die Küche rennt – das war doch schon immer so.
Oder die kleine Schwester – war sie nicht schon immer so missgelaunt,
überkritisch, mäkelig?

Weihnachten katapultiert uns zurück in die Kindheit,
ob wir es wollen oder nicht.
Weihnachten konfrontiert uns mit vergangenen Gefühlen, alten Wunden – aber was heißt hier alt, was heißt ‚vergangen’?

Jetzt, in der Gegenwart,
in diesen Tagen bricht die Enttäuschung wieder auf.
Jetzt, in diesen Tagen wird die Einsicht unausweichlich:
Nicht nur die Anderen sind die Alten geblieben –
auch ich selbst bin noch ganz der Alte: empfindlich, verkrampft,
zu laut oder zu still, ungeduldig sowieso. – Finster, finster.

‚Alles ist wie immer’ – das ist eine Botschaft des Weihnachtsfestes,
und es ist keine rein erfreuliche Botschaft.
Alles ist wie immer – die Freude des Wiedersehens,
die Erleichterung, daheim zu sein.
Das Weihnachtsfest lebt davon, dass wir zurückkehren in die alte Zeit – ob wir es wollen oder nicht.

Diese alte Zeit ist eine Zeit des Glücks, der Fülle, der reinen Freude –
und es ist auch eine Zeit des Dunkels, der Finsternis,
immer noch in den Ecken meines alten Zimmers nistet,
oder in den Sprüchen, die einen schon als Kind gekränkt haben.

Der prophetische Text lässt das alles sehen;
er markiert die Finsternis wie das Licht. 
Er deutet das Dunkel an – und überlässt es seinen Hörern und Leserinnen, dies bei sich selbst wieder zu erkennen.

Aber jene Szene, die der Text vor allem ins Licht rückt,
enthält – schaut man genauer hin – eben noch mehr
als jenes zwiespältige „Alles ist wie immer.“

„Mensch, bist du schmal geworden“ – oder:
„Wie groß du schon bist“ – und „Was Du alles zu erzählen hast ...“

Schaue und höre ich genauer hin –
dann ist eben nicht alles wie im letzten Jahr,
und es ist auch keineswegs alles schlimmer geworden.

Da gibt es eine neue Freundin, eine andere Stelle oder ein neues Projekt.
Da hat einer den Schock der Krankheit überwunden –
und ist ein wenig anders geworden:
schmaler, ruhiger, auch vorsichtiger mit sich.
Und ein anderer hat endlich geschafft, wovor er sich seit Jahren gefürchtet – und worauf er seit Jahren hin gelebt hat.

„Dann wirst du schauen, vor Freude strahlen“ –
und du wirst weiter erzählen, was dir widerfahren ist.

Wenn nicht alles ist wie immer, wenn Weihnachten mehr ist
als ein Wiedersehen und Wiedererkennen –
dann muss davon um so genauer, um so detaillierter erzählt werden;
dann werden die Kamele und Dromedare beschworen,
und jedes Land wird aufgezählt, das seine Schätze bringen soll,
nein: bei Lichte besehen schon gebracht hat. 

Bei aller Fremdheit, bei aller Übertreibung, die der prophetische Text zeigt – hier spiegelt sich doch die Gewissheit:
Es gibt etwas ganz Neues zu hören, zu sehen, zu bestaunen.

Die Söhne kommen zurück aus der Fremde – und diesmal bringen sie Enkel und Enkelinnen mit.
Die Freunde erwarten mich am Bahnhof – und dann zeigen sie voller Stolz die neue Praxis, den renovierten Wintergarten,
auch: das erste eigene Buch ...

Der Prophet predigt gewiss mehr, als ‚in Wirklichkeit’ zu sehen ist – aber was heißt hier ‚Wirklichkeit’?
Was ist denn am Heiligen Abend ‚in Wirklichkeit’ zu sehen?
Ein Neugeborenes in einem Nebenraum der Herberge?
Eltern, erschöpft von der langen Reise,
und unsicher, wie es weitergehen wird?

Das Leuchten auf dem Gesicht des Vaters, der stolze Blick der Mutter –
das muss erzählt, entfaltet, bebildert und besungen werden.
Dazu brauchen wir die Lieder und Texte des Festes.

Denn alles ist wie immer, vieles ist wieder zu erkennen –
und zugleich: Es bleibt nicht, wie es immer gewesen ist.

„Steh auf, Jerusalem, erhebe dich, Zion, lass dich erleuchten!“
Lass ich erleuchten von dem, was auf da auf dich zukommt,
öffne dein Herz für das, was dir verheißen ist!

Schauen wir also genauer hin in den nächsten Tagen:
auf die Freude des Wiedersehens – und auf die Trauer,
die dahinter stecken mag.

Schauen wir genauer hin: auf das Altvertraute, das uns begegnet,
und das wir mit Geduld und Gelassenheit begrüßen mögen –

und schauen wir auf das Neue:
auf die großen und kleinen Überraschungen –
auf all das, was überhaupt nicht zu erwarten war.

„Dann wird dein Herz beben und weit werden –
dann wirst du leuchten und strahlen“.
So möge es sein.  Amen.

Musik: Bach, Trio-Sonate d-moll, Dritter Satz (adagio dolce)

Fürbitte:

Wir wollen beten [aufstehen].

Auf die einzelnen Bitten mögen Sie antworten
mit „ Herr Gott, erhöre uns“

Ehre sei dir, Gott in der Höhe,
allmächtig und ewig bist du.
Ohnmächtig bist du geworden für uns: zum verletzlichen Kind,
zum Bruder und Gefährten in der Finsternis.

So bitten wir um dein Licht:
dass die Finsternis hell werde und unsere Angst weiche.
Gemeinsam rufen wir: Herr Gott, erhöre uns.

Wir bitten um Licht und um Frieden für alle Menschen:
für alle, die frieren und hungern,
für die Verfolgten und Gequälten,
für die Hochmütigen und für die Überforderten.
Gemeinsam rufen wir:
            Herr Gott, erhöre uns

Wir bitten dich um Frieden und Erleuchtung
für diese Stadt und für diese Universität:
für alle, die jetzt innehalten und zurückschauen
auf das was sie erreicht haben;
für alle, die auch in den nächsten Tagen am Schreibtisch sitzen,
im Labor stehen,
die nicht zur Ruhe kommen können.

Gemeinsam rufen wir:
            Herr Gott, erhöre uns

Wir bitten um dein Licht für die Kirche in aller Welt:
für die suchenden, die zweifelnden – und die getrosten Christen,
um Erleuchtung für alle, die heute Gottes Wort predigen –
und für alle, die sich davon berühren lassen.

Gemeinsam rufen wir:

Herr Gott, erhöre uns

Wir bitten dich um Licht und Frieden für die Kranken:
für die Einsamen, die Verzweifelten,
für alle Sterbenden – und für die, die ihnen beistehen.

Gemeinsam rufen wir:

Herr Gott, erhöre uns

Wir bitten dich um dein Lichht für die Menschen,
die uns besonders am Herzen liegen
in der Stille nennen wir Dir ihre Namen:

--

Gemeinsam rufen wir:

Herr Gott, erhöre uns

Nimm dich unser gnädig an,
rette und versöhne alle Menschen.

Dir allein gebührt der Ruhm, die Ehre, die Anbetung –
jetzt und immer, und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Vater unser im Himmel:
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe – wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute
und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn Dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Lied:    EG 27 (Lobt Gott, ihr Christen)

Abkündigungen Schluss-Musik – gut zum Hinausgehen ...
nachdem wir bei Segen und Lied schon stehen ...

Segen [Gemeinde erhebt sich]              [gesungen]

Gehet hin im Frieden des Herrn: 

Der Herr segne dich und behüte Dich,

Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über Dir
         und sei Dir gnädig,

Der Herr erhebe sein Angesicht auf Dich und gebe Dir Frieden.

          Gem.:  Amen

Schluss-Lied:   EG 44 (O du fröhliche, o du selige ...)

Musik zum Ausgang:       Bach, Trio-Sonate G-Dur für Flöte und Orgel, Dritter Satz (Allegro)

 



Prof. Dr. Jan Hermelink
Göttingen
E-Mail: Jan.Hermelink@theologie.uni-goettingen.de

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