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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Trinitatis, 03.06.2007

Predigt zu Numeri 6:22-27, verfasst von Berthold W. Köber

Und der HERR redete mit Mose und sprach:

Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet:

Der HERR segne dich und behüte dich;

der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;

der HERR erhebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.
Denn ihr sollt meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.

Unter Gottes Segen

 

Schwestern und Brüder, liebe Gemeinde,

diese Worte der Heiligen Schrift kommen uns bekannt vor. Ja, natürlich. Sie werden als Segen über uns im Gottesdienst gesprochen und mit ihnen gehen wir nach Hause in den Alltag der Welt. Gottes Segen empfangen wir aber auch bei besonderen Anlässen: bei der Taufe, bei der Konfirmation und bei der Trauung. Auch über unsere Verstorbenen wird als Letztes der Segen gesprochen.

Den Segen Gottes wünschen wir uns aber auch gegenseitig: zu den Feiertagen, bei Festen, zu bestimmten Vorhaben, bei Abschieden und wenn wir auf Reise gehen. So begleitet der Segen unser ganzes Leben. Er ist für uns fast zu etwas Selbstverständlichem geworden, so dass wir uns kaum Gedanken darüber machen, was der Segen eigentlich ist. Diese Worte der Schrift leiten uns an, darüber nachzudenken.

Wir Menschen sprechen uns einander den Segen zu, aber derjenige, der eigentlich segnet, das ist Gott. Er allein kann und will segnen. Er tut das durch uns, Menschen, und er hat geboten, dass wir es in seinem Namen tun. Das heißt, wir tun es in seinem Auftrag, in seiner Vollmacht und in seiner Kraft. Solchem Segnen verheißt er Erfüllung. Er selbst steht dahinter mit seinem machtvollen Wirken und mit seiner Gegenwart. Darum ist der Segen nicht nur ein frommer Wunsch und Gebet, sondern Zusage, Zuspruch, der sich ereignet als reales Geschehen.

Was ist mit dem Segen Gottes gemeint? Der Inhalt des Segens ist das Leben, das er selbst geschaffen hat, das er bejaht, behütet, erfüllt und mehrt. Mit dem Segen sind alle guten Gaben dieses geschöpflichen Lebens gemeint: Wachstum, Gedeihen, Gesundheit, Wohlbefinden, Wohlstand, Gelingen lassen unserer Arbeit, Erfolg, Lebensfülle, Rettung und Bewahrung.

Im Segen handelt Gott an uns. Unserem Schriftwort können wir entnehmen, dass er dieses auf dreifache Weise tut.

I

1. Er behütet dich. Damit ist unser alltägliches Leben angesprochen. Dieses ist vielfach bedroht von vielen Gefahren und verschiedenen Mächten, die das Leben stören und zerstören, es lebensunwert machen, ihm Freude und Sinn nehmen. Solche Mächte des Bösen sind: Krankheit, Not, Schmerzen, Leid, Unglück, Schaden, Verluste.

Es gibt auch die Macht der Sünde. Wie viel Böses fügen die Menschen einander zu: Enttäuschungen, Verletzungen, üble Nachrede, Feindschaft, Intrigen, Heimtücke, Schädigung, Mobbing... Und wir selbst sind auch oft voller Verzweiflung, Verbitterung, Auflehnung und Resignation und finden keinen Frieden.

Es gibt auch vielfache gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Machtzwänge. Wir sind ihnen ausgeliefert, und wir müssen sehen und erfahren, wie oft sie zerstörerisch auf die Menschen und auf die Umwelt wirken.

Die größte Macht besitzt aber der Tod. Er zerstört Gemeinschaft, Hoffnungen und Freude und versetzt in Trauer und Angst und lässt uns immer wieder unserer eigenen Ohnmacht bewusst werden. Wir sind ihm hilflos preisgegeben.

Wenn uns nun gesagt wird, dass Gott uns behütet, dann werden wir daran erinnert, dass Gott für uns wie ein Hirte ist. Er möchte uns beschützen und bewahren, er stellt sich diesen Mächten entgegen und möchte uns Geborgenheit und Frieden schenken. „Siehe, der Hüter Israels schläft und schlummert nicht" heißt es im Psalm 121.

II

Gott lässt sein Angesicht leuchten und ist gnädig. Damit ist die Gottesbeziehung angesprochen. Was uns Menschen in unserer Besonderheit und Einmaligkeit kennzeichnet, das ist unser Angesicht. Es macht uns erkennbar und unverwechselbar.

Unser Angesicht kann verschiedenes ausdrücken. Freude und Trauer, Zufriedenheit und Sorge - es ist ein Spiegel unserer Seele. Unser Blick ist Ausdruck unserer Gesinnung, und Blicke bringen oft viel mehr zum Ausdruck als Worte. Wenn wir uns freundlich zulächeln oder gar uns strahlend anblicken, so spricht daraus unsere Zuneigung, Freundschaft und Liebe. Liebe lässt im Besonderen das Angesicht leuchten. Unser Angesicht kann aber auch Gleichgültigkeit, Zorn, Hass und Ablehnung zum Ausdruck bringen.

Wenn der Segen als leuchtendes Angesicht Gottes beschrieben wird, dann bedeutet das, dass er uns gut gesinnt ist, uns liebt, dass er uns Freude und Gutes verheißt, dass er Gedanken des Friedens und nicht des Leides für uns hat. Gott könnte auch zornig, ungnädig und abweisend sein. Grund dafür geben ihm die Menschen zur Genüge durch ihre Gottlosigkeit und ihre Lieblosigkeit. Doch der Segen Gottes meint seine Freundlichkeit, sein Wohlwollen, seine Gunst und seine Gnade, Vergebung und neues Sein.

III

Gott erhebt sein Angesicht und gibt Frieden. Damit ist die Gesamtheit unseres Lebens angesprochen. Durch unser Angesicht wird die Kommunikation miteinander erst richtig möglich. Durch unseren Blick treten wir miteinander in Kontakt. Wenn wir mit Menschen in Verbindung treten wollen, wenden wir uns ihnen zu. Der Blickkontakt, das gegenseitige Ansehen, ist unerlässlich. Es ist Zeichen von Freundschaft und Bereitschaft, einander anzunehmen, aufeinander zu hören, miteinander Gemeinschaft zu haben.

Es gibt auch das Gegenteil davon. „Ich kann dich nicht mehr sehen; verschwinde vor meinen Augen" - das ist ein schlimme Demütigung und besonders für Kinder auch Strafe. Dadurch wird jede Beziehung abgebrochen. Wenn man mit einem Menschen keinen Kontakt mehr haben will, wendet man sich von ihm ab und vermeidet jede Begegnung und jeden Blickkontakt mit ihm. Und wenn man ihm unerwartet auf der Straße begegnet, weicht man ihm aus, oder, wenn das nicht mehr möglich ist, blickt man demonstrativ in eine andere Richtung.

Der Segen bedeutet, dass Gott uns ansehen und annehmen möchte, er möchte Gemeinschaft mit uns haben und spricht uns diese zu. Solche Gemeinschaft bedeutet Frieden - in umfassendem Sinn. Das bringt das hebräische Wort Shalom zum Ausdruck. Schalom bedeutet Frieden in allen Lebensbereichen und Beziehungen, Heilung und Heil. Schalom ist Frieden mit Gott, und dieser umfasst den Frieden mit den Menschen, mit der ganzen Schöpfung und Welt und auch mit mir selbst. Dadurch wird unser Verhältnis zu Gott, zu einander und zur gesamten Schöpfung und auch zu uns selbst neu und heil im umfassendsten Sinn. Der gesamte Inhalt des Segens Gottes ist in diesem Begriff, Schalom, enthalten und ausgedrückt.

IV

Die Bibel ist ein umfassendes Zeugnis von Gottes segnendem Handeln. Aus dem Alten Testament erfahren wir, dass Gott zunächst die ganze Kreatur und dann im Besonderen den Menschen als Mann und Frau segnet (Gen. 1,22.28). Träger des Segens Gottes werden dann besonders Abraham und seine Nachkommen, das Volk seines Bundes mit seinen Königen und Priestern. Gottes Segen wird zunächst in der Familie empfangen und weitergegeben und dann im kultischen Handeln. Der Segen erweist sich wirksam in der Fruchtbarkeit des Leibes, des Ackers, des Viehs, als Gedeihen, Wohlstand und Lebensfülle, als Bewahrung und Rettung (Dtn 28,3-13).

 

Wo wird für uns dieses segnende Handeln Gottes erfahrbare Wirklichkeit? Wo erfahren wir Gott als den Hirten, der uns behütet, wo leuchtet sein Angesicht über uns, wo wendet er sich uns persönlich zu? Für uns wird der Segen Gottes Wirklichkeit in unserem Herrn Jesus Christus. In ihm erfährt dieses segnende Handeln Gottes seine Ver-Körperung, seine Erfüllung und Vollendung. Er ist für uns der gute Hirte, das leuchtende Angesicht Gottes, der Immanuel, der Gott-mit-uns. Sein ganzes Leben und Wirken ist darin zusammengefasst, dass er von Gott gesandt ist zu segnen, weil der Segen Abrahams in ihm zur Erfüllung gekommen ist (Gal 4, 9, Apg 3,25 f.) Der Inhalt des Segens ist seine vergebende, rettende und neu schaffende Heilsgegenwart - als des gekreuzigten, auferstandenen und lebendigen Herrn. Sein Segensgruß, mit dem er als der Auferstandene unter die nach seinem Kreuzestod wieder versammelten Jünger tritt, soll sie dieser seiner lebendigen, heilenden Gegenwart vergewissern (Luk 24,36; Joh 20,19.26). An seiner Segensvollmacht bekommen die Jünger wie auch die Gemeinde Anteil. Darin ist unser segnendes Handeln begründet.

V

Der Segen wird uns zugesprochen. Das geschieht in Gestalt der Fürbitte, denn es ist Gott, der segnet, und sein segnendes Handeln ist uns Menschen unverfügbar, es kann nur erbeten werden. Es sind aber nicht nur sinnvolle und schöne Worte, die dabei ausgesprochen werden, sondern der Segen ist Zuspruch, der die Gabe wirklich mitteilt, von der er spricht: die Heilsgegenwart des lebendigen Herrn. Denn Gott selbst steht dahinter in der Machtfülle seines Wirkens und Seins. Durch ihn wird uns sein Leben schaffendes, rettendes und neu machendes Heilshandeln persönlich zugeeignet.

Eine persönliche Bemerkung sei mir erlaubt. Das Wort Segnen begegnet uns auch im ganz profanen Sprachgebrauch, etwa dann, wenn berichtet wird, dass ein Gesetz „abgesegnet" worden ist. Solche Profanierung ist mir bedauerlich und zugleich ärgerlich.

VI

Wenn wir aber mit diesem Segen Gottes leben, warum werden wir dann trotzdem von Leid und Krankheit heimgesucht, warum gibt es so viel Enttäuschungen und Misserfolge, und warum sind wir dennoch dem Tod ausgeliefert? Wir sagten, der Inhalt des Segens Gottes ist die Nähe und die Gegenwart Jesu. Es geht also nicht in erster Reihe und ausschließlich um unser irdisches Wohlbefinden, um Gesundheit und Erfolg an sich, sondern um seine Nähe. Wenn er uns nahe ist, dann kann gerade auch Krankheit und Leid, Misserfolg und Leiden in seiner vielfachen Gestalt für uns zum Segen werden. Das ist die neue Dimension, die durch Jesus Christus Wirklichkeit geworden ist.

Unser schönes Wort segnen kommt von dem lateinischen Begriff signare crucem, dass heißt übersetzt, mit dem Kreuz zeichnen. Wir werden gesegnet mit dem Zeichen des Kreuzes, als dem Zeichen des Heils, der Zugehörigkeit zu Jesus.

VII

All diese Gedanken finde ich eindrücklich und schön zusammengefasst in dem bekannten Irischen Segen:

Der Herr sei über dir,
um dich zu behüten vor allem Bösen;
Der Herr sei vor dir,
um dir den rechten Weg zu zeigen;
Der Herr sei neben dir,
um dich in die Arme zu schließen
und dich zu schützen;
Der Herr sei hinter dir,
um dich zu bewahren
vor der Heimtücke böser Menschen;
Der Herr sei unter dir,
um dich aufzufangen, wenn du fällst,
und dich aus der Schlinge zu ziehen;
Der Herr sei in dir,
um dich zu trösten, wenn du traurig bist,
und dich zu stärken;
Der Herr sei um dich
um dich zu verteidigen,
wenn andere über dich herfallen;
Der Herr sei über dir,
um dich zu segnen.
So segne dich der gütige Gott.

Amen. 



Prof. Dr. Berthold W. Köber
Köln
E-Mail: bwkoeber@gmx.de

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