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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Altjahresabend, 31.12.2010

Predigt zu Jesaja 30:15-17, verfasst von Christoph Rehbein

Liebe Gemeinde,

Gott hilft, wie er geholfen!
Was für eine Zuversicht strömt uns aus dem Text des Liedes zu, das wir gerade eben gesungen haben! [EG 329
»Bis hierher hat mich Gott gebracht«] Geschrieben wurde es Ende des 17. Jahrhunderts von einer der wenigen Liederdichterinnen in unserem Gesangbuch. Gewiss ist sie die mit dem längsten Namen: Ämilie Juliane Reichsgräfin von Schwarzburg-Rudolstadt, geborene Gräfin zu Barby. Barby liegt in Sachsen-Anhalt – Rudolstadt in Thüringen, schon etwas näher bei uns...

Der Text des Liedes freilich kommt uns erst dann näher, wenn wir uns als Hintergrund vergegenwärtigen, welch schwere Schicksalsschläge die Gräfin in ihrem Leben hinnehmen musste: Bereits im Alter von fünf Jahren kam sie als Vollwaise in die Familie ihres Onkels, später verstarb eines ihrer beiden Kinder noch im Wochenbett, kurz danach wurden alle ihre drei geliebten Pflegeschwestern von den Masern dahingerafft – Ämilie Juliane war 32. Irgendwann danach hat sie dieses Lied geschrieben mit engem biblischem Bezug zum Propheten Samuel. Der einen Stein aufstellte, nachdem das kleine Israel einen Angriff der Philister überstanden hatte: Eben Ezer, mit Gottes Hilfe.

Bis hierher hat uns Gott gebracht...

Ich könnte mir gut vorstellen, die Gräfin hat dieses Lied an einem Jahrestag oder gar zu Silvester gedichtet – und Kraft gezogen aus der Lektüre der Bibel. Bei Samuel gelesen (1. Sam. 7,12) und in der Passionsgeschichte: Durch Christi Blut hilft mir mein Gott – er hilft, wie er geholfen. Anders als in unserer Zeit wurde damals in fast jedem Lied der Tod mit bedacht. Alle Dichtung war auch ein Ausdruck der ars moriendi, der hohen Kunst, sich auf das Sterbenmüssen vorzubereiten.

Ja – und es wird wahr, woran Ämilie glaubt: Gott hilft! Die Gräfin wird immerhin 69 Jahre alt und stirbt als elffache Großmutter und durch ihre Dichtkunst und Menschlichkeit weithin anerkannte thüringische Landesmutter.

Liebe Schwester, lieber Bruder in der Gemeinde, ich weiß nicht, ob Sie in diesen Tagen Zeit gefunden haben für eine persönliche Jahresbilanz. Vielleicht sind Sie dankbar wie die Dichterin, dass Sie trotz einer schweren Krankheit oder trotz der Trauer über einen Menschen, den Sie loslassen mussten, am Jahresende sagen können: Gott sei Dank, ich bin noch ganz da – bis hierher hat mich Gott gebracht. Oder es geht Ihnen ganz anders: Sie gehen mit großen Sorgen in das neue Jahr. Und sind sich gar nicht sicher, ob Sie in dieses Bekenntnis einstimmen können: Gott hilft, wie er geholfen...

Hören wir hin, was uns der Predigttext für den Altjahrsabend zu sagen hat.

Wir hören aus Jesaja 30 die Verse 15-17 in der Übersetzung der Neuen Zürcher Bibel von 2007:

Denn so spricht Gott der HERR, der Heilige Israels:
In Umkehr und Gelassenheit werdet ihr gerettet,
     in der Ruhe und im Vertrauen liegt eure Stärke.
Ihr aber wolltet nicht und sagtet: Nein! Auf Pferden werden wir fliehen!
     Darum werdet ihr fliehen.
Und auf Rennpferden werden wir reiten!
     
Darum werden eure Verfolger rennen.
Tausend werden fliehen vor dem Drohen eines Einzigen,
vor dem Drohen von fünfen werdet ihr fliehen,
     bis ihr ein Rest seid,
     
wie ein Heereszeichen auf dem Gipfel des Bergs
     und wie ein Feldzeichen auf dem Hügel.

Ganz schön traurig, dieses Bild am Schluss: Wer möchte schon ein Rest sein, ein letztes „Feldzeichen auf dem Hügel“ nach verlorenem Kampf?
Immerhin zeigt der Prophet Jesaja einen Weg, auf dem es gelingen kann, dass wir am Ende des nächsten Jahres wie die Gräfin Ämilie sagen können: Es stimmt doch! Gott hilft – wie ER geholfen! „Barmherzig und gnädig ist der HERR, geduldig und von großer Güte“ (Psalm 103,8). 

IN UMKEHR UND GELASSENHEIT WERDET IHR GERETTET. IN DER RUHE UND IM VERTRAUEN LIEGT EURE STÄRKE. IHR ABER WOLLTET NICHT.

Warum wollten sie nicht? Was war das Problem der Menschen in Jerusalem, wo der Prophet Jesaja im 8. Jahrhundert vor Christus seinen Beruf ausübte? Ein paar Verse vor unserem Text lässt sich das nachlesen. Ein „widerspenstiges Volk“ nennt Jesaja seine Mitbürger, „verlogene Kinder, die nicht hören wollen auf die Weisung des HERRN.“ Zu ihren Propheten sagen die Leute: „Lasst uns in Ruhe mit dem Heiligen Israels!“ Sie nehmen ihre Prediger nicht ernst – und diese sehen zu Recht den politischen Niedergang Judas kommen nach der nun schon 200 Jahre zurückliegenden großen Zeit der Könige David und Salomo: TAUSENDE WERDEN FLIEHEN VOR DEM DROHEN EINES EINZIGEN. Die Schaukelpolitik, die die Könige der Jesaja-Zeit (deren Namen keiner mehr nennt...) betreiben zwischen Assyrien und Ägypten, wird Juda nicht gut tun. Sie ist deswegen kraftlos, weil das Volk seine Identität verloren hat. Weil die Hebräer auf ihr Grundgesetz, die Tora, nicht mehr hören wollen.

Diese Situation, liebe Gemeinde, ist nun gewiss nicht eins zu eins auf unsere gesellschaftspolitische Lage fast 3000 Jahre später in einem anderen Erdteil übertragbar. Schon das Buch des Propheten Jesaja selbst ist eine Anleitung zur Aktualisierung bleibender Wahrheiten: Ab Kapitel 40 spiegelt sich die spätere Situation des babylonischen Exils – und nicht länger steht Gerichtsprophetie im Zentrum der Botschaft, sondern Hoffnung. Hoffnung auf Rückkehr nach Jerusalem, so dass der „zweite Jesaja“ auch „Evangelist des AT“ genannt wird. Die Aktualisierung für uns heute, liebe Gemeinde, besteht in der Vergegenwärtigung dessen, womit in zeitloser Gültigkeit das Volk sein Nicht-auf-Gott-hören-Wollen begründet: AUF PFERDEN WERDEN WIR FLIEHEN... UND AUF RENNPFERDEN WERDEN WIR REITEN.

Seitdem er das Paradies verlassen musste, spätestens seit dem Brudermord des Kain, scheint der Mensch immer auf der Flucht zu sein – und das mit hoher Geschwindigkeit. Aus den Rennpferden der damals Mächtigen wurden in unserer Gegenwart schnelle Eingreiftruppen, Hochgeschwindigkeitszüge, Langstrecken-Raketen, Flugzeuge mit Überschallgeschwindigkeit – und auch auf deutschen Autobahnen fehlt wider alle Vernunft bis heute ein Tempo-Limit. Kaum noch einer von uns kommt ohne das schnellste Medium unserer Tage klar: Wer für das Internet keinen schnellen Rechner hat und nicht wenigstens DSL, ist abgehängt und wie rausgeworfen aus dem rasenden Lauf der Zeit.

Mir ging es in den letzten Wochen als Gewohnheitsmenschen frühmorgens oft etwas seltsam, denn unser Zeitungs-Austräger kam durch Schnee und Eis kaum durch. Und so durfte ich entdecken, wie gut das nachhaltige Lesen eines wertvollen Buches und die ausführlichere Meditation der Herrnhuter Losung mir zu Beginn des Tages taten.

Ich bin wohl auf diese Weise herangeführt worden an die klare Ansage des Predigttextes für den Silvestertag: IN UMKEHR UND GELASSENHEIT WERDET IHR GERETTET; IN DER RUHE UND IM VERTRAUEN LIEGT EURE STÄRKE. Zurückgeführt vom schnellen „Überfliegen“ tagesaktueller Meldungen zur Besinnung auf den, dessen Güte alle morgen neu ist.

„In der Ruhe liegt die Kraft“, diese Weisheit kam mir in den Sinn. Nicht einmal das vielgepriesene virtuelle Lexikon kann die Herkunft des Sprichworts klären – vielleicht weil es so wenig markant ist. So geht es spätestens auf den zweiten Blick hier im Bibeltext auch um deutlich mehr! Es geht ums Ganze, es geht um Gott! Denn alle vier Begriffe, die Jesaja nennt als Basis für (nicht weniger und nicht mehr als) unsere Rettung (!) und unsere Stärke, sind nicht denkbar ohne Bezug auf den Heiligen Israels: Umkehr zu Gott, Gelassenheit vor Gott, Ruhe in (oder: durch) Gott und Vertrauen auf Gott.

Nun ließe sich über jedes dieser vier starken Worte eine je eigene Predigt halten. Doch ich nehme lieber den Tipp eines geschätzten Kollegen auf und predige noch eine kurze Weile unter der Überschrift des schönen Wortes „Einkehr“: Wenn es uns gelingt, liebe Gemeinde, in diesen stillen Tagen um die Jahreswende Einkehr zu halten bei uns selbst, in unseren Wohnungen und Ferienquartieren, uns dabei weit zu öffnen für den, der bei uns einkehren will... Wenn wir unseren geschäftigen Alltag durch das neugeborene Kind aus Bethlehem heilsam unterbrechen lassen, dann wird unsere Gelassenheit wachsen vor Beginn des neuen Jahres, Ruhe wird in unsere Herzen einströmen und das Vertrauen auf Gott wird fest und stark.

Warum? Einfach weil es uns biblisch verheißen und in Christus besiegelt ist! Und weil die Weisheit früherer Generationen das Kirchenjahr so eingerichtet hat (und weil auch das Geschäftsjahr, Gott sei Dank, davon geprägt ist!), dass es nach Weihnachten nicht gleich wieder vorbei ist mit der Ruhe. So bekommen wieder mehr Menschen ein Gespür dafür, dass es unseren Herzen und Sinnen gut tut, inmitten oder neben aller Böllerei den Jahreswechsel be-sinn-lich zu begehen und sich nicht (wie früher?) be-wusst-los zu trinken...

Bis hierher hat mich Gott gebracht durch seine große Güte... – wer noch keine Gelegenheit hatte, Rückschau zu halten und neben dem, was schwer war, auch den Wirkungen des Segens nachzuspüren, mit dem Gott jede/n von uns durch 2010 begleitet hat, findet vielleicht in diesem Gottesdienst, bei der Feier des Abendmahls oder später in der Nacht im Austausch mit oder bei Freunden zuhause die Ruhe dazu.

Apropos Gottesdienst: Wir Kirchen tun gut daran, uns in ökumenischer Verbundenheit und im Vertrauen auf unseren Herrn weiterhin für den Sonntagsschutz in unserem Land einzusetzen. Wir haben damit eine Aufgabe, die uns auch mit vielen nichtkirchlichen Organisationen wie den Gewerkschaften verbindet. Jeder Sonntag und jeder Feiertag bietet die Gelegenheit, unseren Alltag für eine lange Weile unterbrechen zu lassen, aus flüchtigem Getriebensein auszubrechen und einzukehren bei dem, der in uns das Ur-Vertrauen auf das Leben erneuert und damit stärkt für die „Chancen des Alltags“ (Ernst Lange).

Ich möchte schließen, indem ich Ihnen die nicht so exakte, aber den Ohren vielleicht vertrautere Übersetzung des ersten Verses nach Martin Luther vorlese und im Anschluss daran zwei Verse, die Jochen Klepper dazu gedichtet hat (dessen Lied zur Jahreswende – EG 64 »Der du die Zeit in Händen hast« – wir gleich noch singen werden):

           DENN SO SPRICHT DER HERR, DER HEILIGE ISRAELS:
WENN IHR UMKEHRTET UND STILLE BLIEBET, SO WÜRDE EUCH GEHOLFEN:
DURCH STILLESEIN UND HOFFEN WÜRDET IHR STARK SEIN.


           Trostlied am Morgen – von Jochen Klepper:

Wenn ihr stille bliebet,
wo dem Herzen graut,
wo euch Angst betrübet,
dass kein Heil ihr schaut:
     so wäret ihr in Sorgen,
     wie sie keiner sah,
     stark und fest geborgen
     und der Hilfe nah.

Seid ihr hoffend stille,
strömt die Kraft euch zu.
Stets bleibt Gottes Wille,
dass ER Wunder tu.
     Durch Stillesein und Hoffen
     werdet stark und fest,
     seht den Himmel offen,
     der euch nicht verlässt.

Amen.



Pastor Christoph Rehbein
Göttingen
E-Mail: christoph.rehbein@refo-goettingen.de

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