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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

2. Sonntag nach Epiphanias, 16.01.2011

Predigt zu Exodus (2. Buch Mose) 33:17b-23, verfasst von Dietz Lange

 

Liebe Gemeinde!

Eine merkwürdige, uralte, urtümliche Geschichte ist das. Ihr geht der Bericht vom goldenen Kalb voraus. Das Volk Israel war enttäuscht über die lange Dauer seiner Wanderung von Ägypten durch die Wüste, enttäuscht von seinem Gott. Sie baten Aaron, den Bruder des Mose, er sollte ihnen einen Gott machen, einen Ersatzgott gewissermaßen. So machte er ihnen ein goldenes Götzenbild in Gestalt eines Kalbes oder besser eines Stiers, wie es das bei den Ägyptern gab. Gott war zornig über diesen Abfall und bestrafte das Volk. Mose aber bat für seine Landsleute, und Gott ließ sich besänftigen. Dann beginnt unsere Geschichte. Da spricht Gott zu Mose: „Du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, ich kenne dich mit Namen.“

Schon diese Vorstellung, dass hier Gott und Mose miteinander reden, wie zwei vertraute Menschen miteinander sprechen, zeigt, wie alt die Geschichte ist. Wir sollten uns aber hüten, sie einfach als naiv und überholt anzusehen. Was sie in ihrer altertümlichen Form sagen will, ist eine ganz tiefe Einsicht über Gott, die auch in unserer aufgeklärten Zeit noch aktuell ist.

Es beginnt damit, dass Mose Gott bittet: „Lass mich deine Herrlichkeit sehen.“ Für Herrlichkeit kann man auch Majestät oder Macht sagen. Mose will also ein sichtbares Zeichen dafür, dass Gott wirklich allmächtig ist. Einen Beweis, dass man sich auf ihn verlassen kann. Irgendetwas wirklich Spektakuläres, ein sensationelles Wunder, damit er dem Volk davon erzählen kann. Er hofft, dass die dann nie mehr auf die Wahnsinnsidee kommen, von einem Ersatzgott, einem Götzen, Hilfe zu erwarten.

Das ist nur scheinbar eine Sache, die in das Kindesalter der Menschheit gehört und uns nichts mehr angeht. Sicher, wir lassen uns nicht von einem Goldschmied ein goldnes Stierbild machen, um dann religiöse Tänze darum herum aufzuführen, so wie uns das von den Vorfahren der Israelis damals erzählt wird. Aber diese Aufgeklärtheit ist nur eine ganz dünne Schicht an der Oberfläche. Es mag ja sein, dass wir von dem Aberglauben an eine geheimnisvolle Zauberkraft des Maskottchens im Auto oder des Amuletts an der Halskette oder eines Unglücksdatums wie Freitag dem 13. frei sind. Aber selbst da wäre ich nicht so sicher, und zwar ziemlich egal, wie hoch unser Bildungsgrad ist. Was ist das? Nur eine liebenswerte Schwäche, oder doch Götzendienst?

Aber gehen wir zu Mose. Es muss ein wirklich tief religiöser Mann gewesen sein. Ihm war Aberglaube und Götzendienst wirklich zuwider. Wir dürfen sicher sein, dass er seinem Gott – und ihm allein – ehrlich und aus ganzem Herzen vertraut hat. Das will die Geschichte von dem vertrauten Gespräch Moses mit Gott ja auch zum Ausdruck bringen. Aber gerade weil er an seinem Gott hängt und ihm wirklich alles Gute zutraut, will er ein Zeichen von ihm. Vielleicht haben ihn ja doch Zweifel beschlichen. Er hatte plötzlich die ganze Volksmasse gegen sich, die Führung schien ihm entglitten zu sein. Wie fühlt man sich, wenn alle gegen einen sind, im Werk, im Büro oder sogar in der eigenen Familie? Wenn alle um mich herum meinen Glauben an einen allmächtigen Gott spöttisch zerpflücken? Wenn ich dann auch noch persönlich in aussichtsloser Lage bin: Entlassung im Betrieb, eine gescheiterte Beziehung, oder die ärztliche Auskunft, dass ich unheilbarer krank bin: Wie steht es dann mit meinem Vertrauen zu Gott? Da liegt es doch nahe, zu rufen: „Ich sehe den Weg nicht mehr vor mir, Gott. Wenn du mich da herausholst, wenn du mich gegen alle Erwartung doch wieder auf die Beine bringst, dann will ich dir wieder ganz vertrauen.“ Also, ich kann den Mose gut verstehen, wenn er so zu Gott redet.

Wichtig ist nun, was dann kommt, welche Erfahrung Mose mit seinem Gott macht. Wichtig deswegen, weil wir heute noch ganz ähnliche Erfahrungen mit unserem Gott machen können. Zunächst einmal sehen wir, was Gott nicht tut. Er erteilt dem Mose keinen Verweis wegen seiner Vorwitzigkeit, so wie es uns von Hiob erzählt wird. Mose wird auch nicht theoretisch darüber belehrt, dass man das Dasein Gottes nicht philosophisch oder sonst irgendwie beweisen kann. Sondern Gott wendet sich ihm freundlich zu. Er sagt: „Ich will alle meine Güte, alles, was du und dein Volk Gutes von mir erfahren haben, an dir vorüberziehen lassen.“ Und das ist viel, was Gott an mir, an uns Gutes getan hat, sogar noch in einem Leben, das auf den ersten Blick ganz missglückt und enttäuschend erscheint. Und dann: „Ich will dir meinen Namen nennen.“ Den Namen nennen, das ist in alter Zeit viel mehr als bloß eine Vorstellung: ‚Ich heiße Soundso.’ Es meint: Du kannst dich immer an mich wenden; ich entziehe mich dir nicht, wenn du mich brauchst.

Hilft das dem Mose – hilft das uns? Die Erinnerung an meine vergangene Geschichte mit Gott, an schöne, beglückende Erlebnisse mit der Familie und mit Freunden, die erste Liebe, das erste Kind, all das ist gut und schön. Aber da sind ja auch noch die anderen Erfahrungen, an denen ich fast zerbrochen wäre. Und vor allem: Ich lebe doch jetzt. Was hilft mir da ein Schatz von Erinnerungen? Und die Zusage, dass ich mich immer an Gott wenden kann, bleibt die nicht leer, solange ich nicht sehen kann, was dabei herauskommt?

In diesem Punkt geht es Mose nicht anders als Hiob. Seine Bitte um ein sichtbares Zeichen für Gottes Macht wird ihm nicht erfüllt. Insofern bleibt er mit der Unbegreiflichkeit Gottes allein. Man kann Gott nicht sehen. Wenn Menschen versuchen, das Gegenteil zu zeigen, hat das oft verheerende Folgen. Denken wir nur an den Spruch, Gott sei immer mit den stärkeren Bataillonen. In unserer Geschichte steht noch etwas anderes, etwas, das Mose sicher einen Schreck eingejagt hat und uns auch heute noch erschrecken kann. Gott kann man nicht sehen – wer ihn sieht, d. h. unmittelbar und ungeschützt mit ihm zusammenprallt, der muss sterben. Vor Gottes Allmacht sind wir so verschwindend winzig, und vor seiner unendlichen Güte sind wir so schuldbeladen, dass wir nur im Boden versinken können. Diese unheimliche Seite Gottes verschweigen wir heute gerne. Sie passt nicht zu unserem Bild von einem gefälligen Gott. Aber sie gehört zu ihm. Und wir begegnen dieser Seite Gottes auch heute, etwa in einer handfesten Lebenskrise oder in der Erfahrung einer nicht wieder gutzumachenden Schuld, die wir auf uns geladen haben.

Aber das ist nicht alles, was von Gott zu sagen ist, Gott sei Dank. In unserer Geschichte hält Gott seine Hand schützend über Mose, während er mit all seiner Güte an ihm vorüberzieht. Vor der Erfahrung, dass selbst die unendliche Güte Gottes etwas Unheimliches an sich hat, wird er hier bewahrt – und wir in unserem Leben sehr oft auch. Die Abgründigkeit, die zu Gott gehört, müssen viele von uns nicht in ihrer ganzen Tiefe durchleben. Stattdessen bekommt Mose eine schöne Zusage, mit der auch wir etwas anfangen können. Gott sagt zu ihm: „Du darfst nachher hinter mir hersehen.“ Ich denke, wir wissen ganz gut, dass das keine billige Vertröstung ist. Wir kennen das ja auch aus unserem eigenen Leben: In einer Zeit, in der wir an Gott gezweifelt haben oder sogar an ihm verzweifelt sind, da haben wir wirklich kein Licht gesehen. Aber im Nachhinein, manchmal erst nach Jahren, da ist uns ein Licht aufgegangen, was Gott für uns getan hat. Das gibt dann neuen Halt. Oft genug haben wir nicht das bekommen, worum wir ihn gebeten haben. Aber so schwer uns das manchmal fallen mag, am Ende steht die Einsicht, dass es so besser war. Deshalb gehört zum Gebet bei allem Nachdruck und aller Leidenschaft, die wir durchaus da hineinlegen dürfen, doch zugleich immer die andere Seite: „Nicht wie ich will, sondern wie du willst“, oder wie wir im Vaterunser beten: „Dein Wille geschehe.“

Amen.



Prof. Dietz Lange
Göttingen
E-Mail: dietzlange@aol.com

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