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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

5. Sonntag nach Epiphanias, 06.02.2011

Predigt zu Jesaja 40:12-31, verfasst von Hans Theodor Goebel

 


12 Wer misst die Wasser mit der hohlen Hand, und wer bestimmt des Himmels Weite mit der Spanne und fasst den Staub der Erde mit dem Maß und wiegt die Berge mit einem Gewicht und die Hügel mit einer Waage?
13 Wer bestimmt den Geist des HERRN, und welcher Ratgeber unterweist ihn?
14 Wen fragt er um Rat, der ihm Einsicht gebe und lehre ihn den Weg des Rechts und lehre ihn Erkenntnis und weise ihn den Weg der Einsicht?
15 Siehe, die Völker sind geachtet wie ein Tropfen am Eimer und wie ein Sandkorn auf der Waage. Siehe, die Inseln sind wie ein Stäublein.
16 Der Libanon wäre zu wenig zum Feuer und seine Tiere zu wenig zum Brandopfer.
17 Alle Völker sind vor ihm wie nichts und gelten ihm als nichtig und eitel.
18 Mit wem wollt ihr denn Gott vergleichen? Oder was für ein Abbild wollt ihr von ihm machen?
21 Wisst ihr denn nicht? Hört ihr denn nicht? Ist's euch nicht von Anfang an verkündigt? Habt ihr's nicht gelernt von Anbeginn der Erde?
22 Er thront über dem Kreis der Erde, und die darauf wohnen, sind wie Heuschrecken. Er spannt den Himmel aus wie einen Schleier und breitet ihn aus wie ein Zelt, in dem man wohnt.
23 Er gibt die Fürsten preis, dass sie nichts sind, und die Richter auf Erden macht er zunichte.
24 Kaum sind sie gepflanzt, kaum sind sie gesät, kaum hat ihr Stamm eine Wurzel in der Erde, da lässt er einen Wind unter sie wehen, dass sie verdorren, und ein Wirbelsturm führt sie weg wie Spreu.
25 Mit wem wollt ihr mich also vergleichen, dem ich gleich sei? spricht der Heilige.
26 Hebet eure Augen in die Höhe [zu den Sternen] und seht! Wer hat dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen. Seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.
27 Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber«?
28 Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, seine Einsicht hat keine Grenze.
29 Er gibt den Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden.
30 Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen.
31 Aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.


Liebe Gemeinde,

das hört sich an, als disputierte hier einer mit Leuten, die sagen: Gott könnt ihr vergessen. Mit dem ist nicht mehr zu rechnen. Der hat uns vergessen.

Gegen solch eine Lebenseinstellung hat vor mehr als zweieinhalb Jahrtausenden dieser Prophet seine Stimme erhoben. So wie hier hat er wohl disputiert mit Menschen seines jüdischen Volkes in der babylonischen Gefangenschaft. Da saßen sie. Jerusalem war schon vor Jahrzehnten gefallen. Seine Mauern geschleift. Der Tempel des Gottes Israels ausgebrannt und geplündert. Die Oberschicht des Volkes in die Hauptstadt des Feindes deportiert. Samt dem König, dem Nachkommen Davids, dem Träger der göttlichen Verheißung, den die Sieger geblendet und in Ketten abgeführt hatten. Alles, worauf sie gehofft und getraut hatten, alles worauf sie stolz gewesen waren - es war dahin.

Sie konnten nur noch klagen.
An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten. Unsere Harfen hängten wir an die Weiden dort im Lande. Denn die uns gefangen hielten, hießen uns dort singen und in unserm Heulen fröhlich sein: »Singet uns ein Lied von Zion!« Wie könnten wir des HERRN Lied singen im fremden Lande? (Psalm 137,1-4)

Wenn Menschen ganz in der Tiefe sind, kommen die Klagen. Wir kennen das. Und aus Klagen werden Anklagen. Auch gegen Gott. Aber gegen Gott klagen, mit ihm rechten und kämpfen - dazu brauchen Menschen Kraft, vielleicht manchmal die wilde Kraft der Verzweiflung. Nicht alle haben die. Sie sind einfach zu müde und sind ohne jede Hoffnung: Gott - der kann uns auch nicht helfen!
Da ist die Resignation nicht weit. Menschen vergraben sich. Sie versinken in ihrer Trauer. Das kennen wir auch.

Und nun erhebt der Prophet seine Stimme.
Was hat er dagegen zu sagen? Zunächst hat er einfach zu fragen.
Er fragt zurück. In immer neuen Anläufen.
Die Wasser der Meere, die Himmel und den Staub der Erde - wer misst sie mit seiner Hand? Die Berge und Hügel - wer wiegt sie mit Waagschalen und Gewichten? Meint ihr denn wirklich, ihr könntet auch nur die Welt vermessen mit euren „alltäglichen Maßeinheiten"?
Gegenüber der Zeit des Propheten haben wir heute ungeahnte wissenschaftliche Fortschritte gemacht - im Erschließen kosmischer Räume und im Erforschen ferner Planeten, und ebenso in der Entdeckung der Bausteine des Lebens und in der Entschlüsselung menschlichen Erbguts. Reicht dieser Fortschritt zur Vermessung unserer Welt, des Lebens auf unsrer Erde, eines Lebens ohne Not, reicht unsere Technologie für die Vermessung eines seligen Lebens?

Der Blick des Propheten wandert von der Welt weg zu Gott. Und wieder fragt er: Wer ermisst Gottes Geist? Wer lehrt ihn Erkenntnis? Wer ist sein Ratgeber und bestimmt ihn?
Länder und Völker kommen in den Blick. Entfernte Kontinente in den Meeren. Welt-Mächte, die Geschichte schreiben und deren Vernichtungskraft die Juden nicht nur einmal erfahren haben.
Siehe
, sagt der Prophet, die Völker sind wie ein Tropfen am Eimer. Siehe, die Inseln wiegen vor Gott wie ein Stäublein auf der Waage.
Mit wem wollt ihr denn Gott vergleichen, dass er ihm gleich sei?
Hört ihr denn nicht? Wisst ihr denn nicht? Erkennt ihr denn nicht?
Ist euch nicht von Anfang der Welt her verkündet, dass euer Gott die Himmel ausgespannt hat wie einen Schleier, wie ein Zelt, darin zu wohnen? Die Mächtigen, die in der Politik und auf den Finanzmärkten zu sagen haben, auch solche, die nur ihren Profit im Sinn haben, das Recht verdrehen und die Völker beherrschen und ausbeuten - er stürzt sie, er macht sie zu einem Nichts. Wie wenn der Wind in einen Haufen Spreu fährt, so werden sie davongeweht.
Was der Prophet hier anführt, geht gegen die Erfahrung seines jüdischen Volkes. Es geht gegen die Erfahrung von Macht auf der einen und Ohnmacht auf der anderen Seite, wie sie die Geschlagenen, Vertriebenen, Verhungernden, Gefolterten, Umgebrachten bis heute in der Weltgeschichte machen.

Der Prophet beruft sich auf eine Kunde von alters her, die ihm mit seinem Volk gemeinsam sei. Ist's euch nicht von Anfang an verkündigt? Habt ihr's nicht gelernt von Anbeginn der Erde?

Kann es sein, dass das klagende Volk nicht gehört hat? Und dass auch wir heute einfach nicht hören? Weil sich andere Stimmen melden, Stimmen aus unsrer Welt, aus unsrer Lebenserfahrung, aus unserem Inneren? Stimmen, die Gottes Stimme überlagern? Und es gibt doch - und es gab schon immer - von Gott her etwas zu hören. Das ist anders. Das rückt die Machtverhältnisse im Himmel und auf der Erde zurecht. Das kommt nicht aus uns selbst. Auch kann unsre Welt selbst es uns nicht sagen.

Der Prophet meint eine Kunde, die uns sagt: Was ihr seht, ist eine verkehrte Welt. In Wahrheit sind die Machtverhältnisse anders. Gott sitzt im Regiment - über die Natur wie über die Mächtigen in der Weltgeschichte.
Warum hilft er dann nicht, räsonieren die Leute.
Aber vielleicht sind wir nur blind und taub wie damals die Klagenden in Babylon?

Hebet eure Augen in die Höhe und seht!
Der Prophet lenkt den Blick zu den Sternen. Die waren gewaltige Gottheiten im alten Babylon. Verehrt als oberste Herren und Garanten der Weltmacht. Wer hat sie denn geschaffen?, fragt der Prophet. Doch er, der die Kraft und die Macht hat. Die Sterne sind nur seine Geschöpfe. Er ruft sie mit Namen, weist ihnen ihren Ort an, treibt sie auf ihre Bahn wie ein Hirte seine Schafe über die Steppe und keins geht ihm verloren.
Mögen mächtige Gestirne am Himmel, mögen Stars und Sternlein auf der Erde aufsteigen und verglühen, - „keins fällt je aus Gottes Plan". Können wir so kindlich von Gott reden und denken? Oder ist vielleicht gerade das ihm angemessen?

Mit wem wollt ihr mich vergleichen, dass ich ihm gleich sei? spricht der Heilige. Er, der Unausforschliche, der keinen Ratgeber braucht und für dessen Einsicht es keine Grenze gibt - er, der auch den Weltraum lenkt, der Unvergleichliche.

Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem HERRN verborgen und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber«?
Ihr denkt, wenn ihr auf die Weltmächte seht und auf eure eigene Kraftlosigkeit und Ohnmacht: Gott ist müde, er kann nicht helfen. Da habt ihr nur, sagt der Prophet, eure eigene Müdigkeit auf Gott projiziert. Ihr habt euch ein Bild von Gott gemacht, das euch gleicht.
Aber so ist er nicht, der Ewige. Der Prophet dreht das Bild wieder um. Gott ist weder müde noch kraftlos. Sein ist die Macht, aber er ist auch nicht einfach nur der Allmächtige. Sondern er nimmt an euch teil. Er ist der Gott, der dem Müden Kraft gibt und Stärke dem Unvermögenden. Der Allmächtige ist der Kraft Gebende für die Kraftlosen.

Was ist das für eine Botschaft, die da in die Ohren der Müden und Ohnmächtigen des jüdischen Volkes gesagt wird und in die Ohren der Elenden aller Völker!

Auch in die Ohren der Kirche.
Unsrer Kirche, die so schnell in „babylonische Gefangenschaft" gerät. Wenn sie ihre Zukunft mit „alltäglichen Maßeinheiten" misst und sich selbst gefangen setzt in ihren Berechnungen. Die Statistiken prognostizieren ihr: Die Mitgliederzahlen nehmen ab und die Finanzmittel werden geringer. Die Bedeutung der Kirche schwindet, ihr Einfluss in der Gesellschaft nimmt ab. Die Verweltlichung schreitet voran, aber auch andere Religionen machen sich breit und das Christentum fühlt sich zurückgedrängt.
Wir können in der Kirche zu Gefangenen von solchen Berechnungen werden.

Da tut es uns nur gut, dass der Prophet unseren Blick auf den „ewigen Gott" richtet: Er gibt den Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden.
Die Hebräische Bibel gebraucht gern das Bild vom Adler, der seine Schwingen ausbreitet und auffährt mit neuer Kraft. Kraft, die Gott gibt, wo Männer mit ihrer Kraft müde werden, straucheln und fallen.
Wem Gott so neu Kraft gibt, der bekommt sie zum Laufen, und die Kraft erschöpft sich nicht.

Wohin sollen sie laufen, all die Müden, die neue Kraft bekommen? Laufen sollen sie aus ihrer Gefangenschaft heraus - in die Freiheit hinein. Heraus aus der Gefangenschaft ihres Klagens und Anklagens, aus der Gefangenschaft ihres Rechnens und Sorgens um die eigene Zukunft - hinein in die Freiheit, Gott zu loben und auf ihn zu warten.
Das Geheimnis der neuen Kraft für die Müden bekommt niemand in seine Hand. Es liegt im Warten. Nicht im Erwarten, sich aus eigener Kraft fit zu machen und fit zu werden. Sondern im Gespanntsein auf ihn. Im Harren auf Gott. Die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft...

Wir haben versucht, der Stimme aus der Bibel Israels zuzuhören. Und sagen vielleicht: Gut hast du disputiert, Prophet. Aber ein Gottesbeweis, der uns vom Nichtglauben zum Glauben an Gott führte, war das nicht. - So einen Gottesbeweis kann der Prophet selber auch nicht führen.
Vielleicht aber kann er mit seinen Worten auch uns fragen, wie er damals sein Volk gefragt hat. Und seine Fragen erschüttern ein wenig die Selbstsicherheit unseres Nichtglaubens.
Dazu eine kleine Geschichte, sozusagen ein „Himmelslachen":

Zwei Frauen sitzen in der Synagoge. Sagt die eine: Ich denke, du glaubst nicht an Gott. Sagt die andere: Weiß ich denn, ob ich recht habe?

Amen.

 



Dr. Hans Theodor Goebel
Köln
E-Mail: HTheo_Goebel@web.de

Bemerkung:

Entgegen der Textabgrenzung (Jes 40,12-25) in der Perikopenordnung betrachte ich mit dem Kommentar von Westermann Jes 40,12-31 als „Einheit" und die Verse 40,19-20 als „Zusatz". Die Verse 19f schließen wohl gut an 40,18 an, sie führen das (in der damaligen babylonischen Umwelt aktuelle) Thema des Götzenbildes mit Schilderung seiner handwerklichen Herstellung weiter. Für den Gedankengang im Ganzen ist dieser Exkurs jedoch nicht notwendig, die Predigt über den Text könnte durch seine Hinzunahme überfrachtet werden (s. Claus Westermann, Das Buch Jesaja. Kapitel 40-66 (ATD), Göttingen 1966, 41ff; vgl. Hans-Joachim Kraus, Das Evangelium der unbekannten Propheten. Jesaja 40-66, Neukirchen-Vluyn, 1990, 11f).








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