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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

5. Sonntag nach Epiphanias, 06.02.2011

Predigt zu Jesaja 40:12-25, verfasst von Sven Keppler

 


I. Normalerweise geht es bei ihnen nicht um Religion. Sondern sie reden am liebsten über ihren Alltag. Liebe Gemeinde, ich spreche von drei Freundinnen. Einmal im Monat treffen sie sich zum Kaffee. Dann tauschen sie sich aus über die vergangenen Wochen. Monika erzählt vom Stress in der Praxis, wo sie am Empfang sitzt. Susanne schwärmt von einem Buch, das sie entdeckt hat. Und Claudia träumt davon, die Kinder einmal bei den Großeltern zu parken und mit dem Mann ein paar Tage an die Nordsee zu fahren.
Normalerweise geht es bei ihnen nicht um Religion. Aber diesmal ist es anders. Monika hatte wieder einmal einen anstrengenden Tag in der Praxis. Einige Patienten warteten schon seit zwei Stunden. Und jetzt war zum dritten Mal an diesem Morgen jemand Unangemeldetes gekommen, der starke Schmerzen hatte. „Meinen Sie denn, wie sind zum Vergnügen hier?", hatte einer von den Wartenden geknurrt. Und war zur Rezeption gegangen. „Wir zählen hier wohl nicht. Lassen Sie mich jetzt sofort zum Doktor. Sonst haben Sie mich hier zum letzten Mal gesehen." Ein unangenehmer Typ. Monika spürte, dass ihr die Situation entglitt. Da war aus dem Behandlungszimmer eine ältere Frau gekommen. Gleichzeitig rief der Arzt den Störenfried auf. Und die ältere Frau hatte Monika die Hand auf den Unterarm gelegt. Hatte sie angelächelt und war dann gegangen.
Als sie ihren Freundinnen davon erzählt, kommt Monika immer noch nicht aus dem Staunen heraus. Die Szene war ja eigentlich nicht ungewöhnlich. Aber für sie war es wie eine Erscheinung. Mit ihrem inneren Auge blickt sie der Frau immer noch hinterher. „Meint ihr, das war ein Engel?", fragt sie die Freundinnen. Die stutzen. „Für Dich bestimmt", lächelt Susanne. Und dann schweigen sie einen Moment - was selten vorkommt.

II. „Glaubt ihr eigentlich..." Claudia fragt vorsichtig, mit etwas belegter Stimme. „Glaubt ihr eigentlich, dass man Gott begegnen kann? So richtig von Angesicht zu Angesicht?" „Typisch Claudia", lacht Monika. „Ich frage nach einem Engel, und schon willst Du den ganzen Gott!" Susanne lacht mit. Aber Claudia bleibt am Ball. „Ich meine das ernst. Ich sag ja gar nicht, dass Du in dieser Frau Gott gesehen hast. Aber ich habe vor einiger Zeit wieder mit dem Beten angefangen. Und da kommen mir schon solche Fragen."
Und dann erzählt Claudia. Für einige Wochen hatte sie die Schwiegermutter zu Gast. Der war es nicht gut gegangen. Claudia und ihr Mann hatten sie zu sich geholt. Claudia hatte das Gefühl, diese Frau zum ersten Mal richtig kennen gelernt zu haben. Erst hatte sie es seltsam gefunden, dass die Schwiegermutter vor dem Essen immer schnell ein stilles Gebet gemurmelt hatte. Irgendwann hatte sie gesagt: „Wir können auch gemeinsam beten, wenn Du das möchtest." Die Kinder hatten sich angeschaut und mit den Schultern gezuckt. Aber von da an war es Brauch: Komm Herr Jesus, sei Du unser Gast.
Vor dem Zubettgehen hatten sich die beiden Frauen dann einmal länger unterhalten. Hatten über das Beten gesprochen. Das Gefühl der alten Frau, dabei manchmal nicht allein zu sein. Dass Gott ihr über die Schulter schaut. Aber wenn sie sich dann umdreht, ist er weg. Und bei den nächsten Malen kommt sie sich dann immer ganz einsam vor. „Hast Du eine Sehnsucht, ihm zu begegnen?", hatte Claudia gefragt. „Ja schon," meinte die Schwiegermutter. „Aber die wird wohl unerfüllt bleiben. Warum macht es uns Gott bloß so schwer? Warum können wir ihm nicht direkt begegnen? Von Angesicht zu Angesicht. Wie wir beiden uns jetzt gerade unterhalten." An diesem Abend hatte Claudia selbst wieder mit dem Beten begonnen. Nicht weil sie nun selber Gott sehen wollte. Aber sie wollte herausfinden, ob sie wohl auch diese Sehnsucht hat.
Wieder schwiegen die drei Freundinnen einen Moment. Monika fühlte sich an ihr Erlebnis mit der älteren Frau erinnert. Wie Claudias Schwiegermutter hatte sie so ein Gefühl gehabt. Aber sie konnte es nicht wirklich festmachen. Sie wusste auch nicht, was sie sagen sollte.
Als erste brach Susanne das Schweigen. „Mich erinnert das irgendwie an diese Nahtodereignisse. Da hab ich neulich von gelesen. Menschen, die für kurze Zeit klinisch tot waren. Manche von denen erzählen, dass sie ein helles Licht gesehen hätten. Glaubt ihr so was?" Es war eine erregte Stimmung im Raum. Das ungewohnte Thema. Die Ahnungen, die sich nicht genau festmachen ließen. Auch die Vertrautheit der Freundinnen, die auch mit anderen Menschen lange nicht über Religiöses gesprochen hatten. Die aber spürten, dass diese Fragen sie doch beschäftigten.
„Würdet ihr Gott eigentlich begegnen wollen?", fragte Susanne wieder. Und die drei waren sich einig. Ja, irgendwie schon. Aber der Gedanke war ihnen zugleich auch etwas unheimlich.

III. Liebe Gemeinde - würden Sie ihm begegnen wollen? Spüren Sie in sich diese Sehnsucht: Gott nah zu sein, ihn unmittelbar zu erfahren, ohne dass er sich entzieht? Und kennen Sie dann auch die Frage von Claudias Schwiegermutter: Warum macht Gott es uns bloß so schwer?
Der heutige Predigttext nähert sich diesen Fragen von einer anderen Seite. Auch der Prophet Jesaja spricht von der Unsichtbarkeit Gottes. Kein Bild, das wir uns von Gott machen, wird ihm gerecht. Gott ist anders als alles, was wir aus unserer Anschauung kennen. Jesaja gerät darüber ins Schwärmen. Denn für ihn ist das der Ausdruck der Größe Gottes. Ich lese aus dem 40. Kapitel des Jesajabuches die Verse 12-25.

IV. Jesaja ist überwältigt von Gottes Größe. In seinem überschwänglichen Glück schwärmt er davon, wie herrlich dieser Gott ist. Denn für ihn geht eine quälende Leidenszeit zuende. Ein halbes Jahrhundert lang war Jesajas Volk zerschlagen. Nach verlorenen Kriegen und Aufständen lag es am Boden. Bedrückt von einer Besatzungsmacht, die Eliten deportiert. Und nun sollte die Wende eintreten. Die Exilierten sollten zurückkehren und das Land wieder aufleben. Gott hatte ihm das verheißen. Sollte er da in seinem Glück nicht schwärmen von diesem Gott? Dass Gott über alle Maße groß und mächtig ist - für Jesaja ist das der Grund seines Glückes. Denn Gott wird seine Macht einsetzen, um seinem Volk aufzuhelfen.
Kann ein Mensch die Wasser der Meere mit seinen Händen messen? Oder die Weiten des Himmels mit seinem Spann durchziehen? Nein, niemand kann das. Wir heutigen versuchen, diese Größen zu berechnen. Aber je mehr wir rechnen, umso mehr wird uns die Unermesslichkeit des Alls bewusst. Wer sollte da den Gott vermessen können, der doch diese enorme Welt geschaffen hat?
Kann ein Mensch sich gegen die Wucht der Völker wehren, wenn sie Krieg führen? Oder ihre Wanderungen aufhalten, wenn Hunger und Not sie in Bewegung setzen? Niemand kann das. Wir versuchen es durch Grenzzäune und Bündnissysteme, durch Raketenschirme und Entwicklungshilfe. Aber unser Scheitern führt uns die überwältigende Gewalt der Menschheit vor Augen. Und doch sind wir vor Gott wie ein Sandkorn, verschwindend gering.
Unsere Bilder von Gott sind rührend in ihrer Hilflosigkeit. Genau wie unsere Versuche, unserer Existenz Beständigkeit zu verleihen. So gering sind wir im Vergleich zur Größe Gottes. So singt Jesaja. Für ihn sind das alles Gründe zum Schwärmen. Denn er erlebt, wie Gott seine überlegene Macht einsetzt: zum Wohl des Propheten und zum Heil seines Volkes. Wunderbar, wenn ein Mensch das so erleben kann!

V. Aber was Jesaja glücklich macht, ist für andere schwer zu ertragen. Warum versuche ich denn, Gott zu greifen? Warum versuche ich, ihn zu vergleichen mit dem, was ich kenne? Weil ich Sehnsucht nach ihm habe. Weil ich nicht erfahren habe, dass mein Leben sich gerade zum Guten wendet. Weil ich einsam bin und nicht verstehen kann, warum Gott es uns so schwer macht.
Deshalb ist Monika so dankbar für die Begegnung mit der Frau, die ihr wie ein Engel vorkommt. Sie hofft, in ihr etwas von Gott gespürt zu haben. Und deshalb hält Claudias Schwiegermutter so tapfer am Gebet fest. Sie hofft, dabei doch zu erfahren, dass Gott ihr nah ist. Sie dankt ihm für das Essen und erkennt darin, dass Gott nicht nur unendlich groß und fern ist, sondern sie auch im Kleinen versorgt. Dass Gott sie ernst nimmt und sie nicht nur als nichtiges Staubkorn ansieht.
Warum mag Claudia so lange nicht gebetet haben? Vielleicht ja, weil ihr der Gott gleichgültig geworden ist, für den sie nur wie ein Sandkorn oder eine Heuschrecke ist. Wie du mir, so ich dir. Und doch hat sie die Sehnsucht angesteckt, die sie bei ihrer Schwiegermutter gespürt hat. Und doch merken die Freundinnen, wie gut es ihnen tut, über ihre verschütteten Sehnsüchte zu sprechen.

VI. Warum macht es uns Gott so schwer? So hart das ist, aber es stimmt ja, was Jesaja sagt. Wir sind wirklich unendlich verschieden voneinander: Wir Menschen hier und unser Gott dort. Es liegt nicht in unserer Hand, ob uns das beglückt wie den Propheten. Oder ob wir daran verzweifeln, weil wir darin die Ferne Gottes erleben. Auch Jesaja wird unter der Ferne und Fremdheit Gottes gelitten haben - bevor Gott sich ihm und seinem Volk aufs Neue zuwandte. Nur weil Gott ihm nahe kam, wird das Unerträgliche zu einem Grund des Glücks.
Mich beeindruckt die Haltung von Menschen wie Claudia und ihrer Schwiegermutter. Sie halten am Gebet fest, auch wenn sie nicht viel von Gott erleben. Sie weichen ihrer Sehnsucht nicht aus, auch wenn sie unerfüllt bleiben könnte. Dadurch bleibt in ihnen die Hoffnung wach, dass Gott ihnen doch immer wieder begegnen kann. Sei es, indem sie täglich satt werden. Sei es, indem etwas von seiner Freundlichkeit uns in einem anderen Menschen begegnet. Sei es, indem wir auf Erfahrungen hören, die andere Menschen gemacht haben. Menschen, die im Tod ein Licht erblickt haben. Wie Jesaja, für dessen zerschlagenes Volk ein neues Leben begann. So kann es auch uns geschehen, dass Gottes Größe für uns etwas Wunderbares wird. Amen.

 



Pfarrer Dr. Sven Keppler
Versmold
E-Mail: sven.keppler@kk-ekvw.de

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