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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

5. Sonntag nach Epiphanias, 06.02.2011

Predigt zu Jesaja 40:12-25, verfasst von Elisabet Mester

Wer misst die Wasser mit der hohlen Hand, und wer bestimmt des Himmels Weite mit der Spanne und fasst den Staub der Erde mit dem Maß und wiegt die Berge mit einem Gewicht und die Hügel mit einer Waage? Wer bestimmt den Geist des HERRN, und welcher Ratgeber unterweist ihn? Wen fragt er um Rat, der ihm Einsicht gebe und lehre ihn den Weg des Rechts und lehre ihn Erkenntnis und weise ihm den Weg des Verstandes? Siehe, die Völker sind geachtet wie ein Tropfen am Eimer und wie ein Sandkorn auf der Waage. Siehe, die Inseln sind wie ein Stäublein. Der Libanon wäre zu wenig zum Feuer und seine Tiere zu wenig zum Brandopfer. Alle Völker sind vor ihm wie nichts und gelten ihm als nichtig und eitel. Mit wem wollt ihr denn Gott vergleichen? Oder was für ein Abbild wollt ihr von ihm machen? Der Meister gießt ein Bild, und der Goldschmied vergoldet’s und macht silberne Ketten daran. Wer aber zu arm ist für eine solche Gabe, der wählt ein Holz, das nicht fault, und sucht einen klugen Meister dazu, ein Bild zu fertigen, das nicht wackelt. Wisst ihr denn nicht? Hört ihr denn nicht? Ist’s euch nicht von Anfang an verkündigt? Habt ihr’s nicht gelernt von Anbeginn der Erde? Er thront über dem Kreis der Erde, und die darauf wohnen, sind wie Heuschrecken; er spannt den Himmel aus wie einen Schleier und breitet ihn aus wie ein Zelt, in dem man wohnt; er gibt die Fürsten preis, da sie nichts sind, und die Richter auf Erden macht er zunichte: Kaum sind sie gepflanzt, kaum sind sie gesät, kaum hat ihr Stamm eine Wurzel in der Erde, da lässt er einen Wind unter sie wehen, dass sie verdorren, und ein Wirbelsturm führt sie weg wie Spreu. Mit wem wollt ihr mich vergleichen, dem ich gleich sei? Spricht der Heilige.

Jesaja 40, 12-25 revidierte Luther-Übersetzung


Liebe Gemeinde!

Als ich ein Kind war, hat mein Vater mich mitunter nachts geweckt, um mir die Sterne zu zeigen. Das ging nur im Urlaub, wenn wir verreist waren, denn zuhause in der großen Stadt war der Himmel auch nachts viel zu hell zum Sternegucken. Aber im Sommer standen wir dann manchmal mitten in der Nacht auf der Terrasse unseres Ferienhauses und schauten gemeinsam in den Himmel hinauf. Mein Vater zeigte mir den großen Wagen und den kleinen Wagen. Er erklärte mir auch, dass viele der Sterne, die wir jetzt sehen können, schon vor Jahrmillionen erloschen sind. Weil sie aber so weit von uns entfernt sind und deshalb ihr Licht so unglaublich lange braucht, um unsere Erde zu erreichen, sehen wir heute noch ihr Leuchten. Das fand ich damals beunruhigend. Ich habe mich gefragt, ob das auch bei anderen Dingen so sein kann – dass ich sie sehe, obwohl sie schon nicht mehr da sind. Ich habe auch darüber nachgedacht, ob man von mir noch etwas sehen wird, wenn ich einmal nicht mehr da bin. Ein Licht womöglich. „Das weiße Band, das sich da den Himmel entlang zieht“, sagte mein Vater, „das ist die Milchstraße. Unser Sonnensystem gehört auch dazu. Weil wir ganz am Rand der Milchstraße wohnen, können wir sie sehen.“ Ob man nur das erkennen kann, in dem man nicht zu sehr drin steckt – das ist mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Ob man also tatsächlich am Rand sein muss, um sehen zu können, was in der Mitte ist. Damals, als ich ein Kind war, hat es sich für mich recht ungemütlich angefühlt, so ein Randsiedler des Universums zu sein als Erdenbewohner. Natürlich war es schön, Ferien zu haben, mitten in der Nacht aufzustehen und mit dem Vater auf der Terrasse einen Kakao zu trinken und dabei die Sterne anzusehen. Aber ich kam mir so klein vor dabei. Hier standen wir nun beide vor unserem Ferienbungalow und sahen hinauf in den unendlich weiten Himmel. Aber die dort oben konnten uns unmöglich sehen hier unten. Wir waren ja winzig klein, wir waren doch zum Verschwinden gering. Zwei Menschen auf dem Kontinent Europa, auf dem Planeten Erde, in einem nicht sehr großen Sonnensystem am Rand der Milchstraße.

„Was guckst du denn so traurig?“, fragte mein Vater. „Ich fühl mich elend“, sagte ich. „Ganz krümelklein und kümmerlich. Der Himmel ist so groß über uns. Da bemerkt uns doch keiner.“ Mein Vater schaute mich verwundert an. „Gott hat den Himmel doch nicht groß gemacht, damit du dir klein vorkommen sollst“, erwiderte er. „Im Gegenteil. Ganz erhaben fühlen kannst du dich, wenn du denkst: In diese große Welt hat er mich hinein gesetzt, auf diese eine Erde. Er wollte, dass ich da bin. Und hier bin ich nun!“ Da ist mir eingefallen, dass wir zum Ferienbeginn im Kölner Dom gewesen waren. Ich hatte vorher noch nie einen so großen Raum gesehen. Die Decke erschien mir so hoch, als stieße sie an den Himmel. Aber ich hatte mich nicht klein gefühlt dort, sondern richtig groß. Es war mir gewesen, als müsste ich tief einatmen, und als ob meine Schultern dann von unsichtbaren Fäden nach oben gezogen würden, weil ich irgendwie über mich selbst hinaus wachsen sollte. Dieses Gefühl nenne bis ich heute für mich das „Kathedralen-Gefühl“: Wenn ich die herrliche Weite um mich herum wahrnehme und mich gleichzeitig wunderbar groß fühlen kann.

„Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk“ – so haben wir vorhin im Psalm gesprochen – „den Mond und die Sterne, die du bereitet hast: Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt.“ (Psalm 8)

Es dient Gottes Ehre nicht, wenn wir Menschen uns klein machen, wenn wir uns niedrig und gering fühlen. Er hat uns groß gemeint und großartig gemacht. Wer sich daran freut, kann Gott loben aus befreitem Herzen.

Leider stellen wir uns Gott nicht immer so vor. Viele von uns haben schon in früher Jugend mit einem Gottesbild Bekanntschaft gemacht, das ganz anders ist. Da sitzt ein sehr weit entfernter Gott auf einer Wolke und betrachtet alles von oben her. In ein großes Buch trägt er das ein, was er von uns sieht – leider sieht er nur unsere Fehler. Die wird er uns dann später mal präsentieren.

Das ist den Kindern wirklich einmal so beigebracht worden. Heute wissen wir, dass sie nicht nur gruselig ist, diese Vorstellung von Gott, sondern auch falsch. Gott sei Dank, dass sie nicht mehr gilt, und dass wir keine Angst mehr haben müssen, wenn wir sagen: Gott sieht uns.

Ja, er sieht uns an. Obwohl die Erde so klein ist, ein winziger Planet in einem unbedeutenden Sonnensystems am Rande der Milchstraße, weit draußen im Weltall, wie ein Tropfen am Eimer nur. Ihm ist dieser Tropfen nicht zu gering. Er sieht uns an und freut sich, dass wir da sind. Dass wir heute am Sonntag hier zusammengekommen sind, um Gottesdienst zu feiern. Denn er kennt diesen kleinen blauen Planeten. Er kennt ihn nicht nur, weil er ihn gemacht hat, sondern auch aus eigener Erfahrung als Bewohner. Denn er ist herunter gekommen zu uns, als Kind geboren, und hat gesehen und gefühlt, wie es ist, einer von uns zu sein. Das ist das wahre Bild von Gott: das menschliche Gesicht von Jesus. Und so erscheint die Pracht des Schöpfers für uns nicht allein am Himmel, wo er die Sterne ausgebreitet hat. Wir erkennen sie in einem Menschenkind, das in der Futterkrippe liegt, weil sonst kein Platz für es da war. In diesem neugeborenen Menschen sehen wir das Licht Gottes. Bei uns soll es Platz finden, dieses Menschenkind, in unseren Herzen und Gedanken, dass wir’s annehmen und verstehen: unser Gott ist ein naher, ein menschlicher Gott. Er sieht uns freundlich an und versteht uns. Er liebt uns und will bei uns sein. Die Herrlichkeit Gottes erkennen wir auch im Kreuz: In einem Gott, der sich nicht zu schade war zu leiden, und der auf der Schattenseite des Lebens keinen Raum gelassen hat, den er nicht kennen gelernt hätte – niemand könnte sagen: Das, was ich durchmache, ist Gott fremd.

Krippe und Kreuz.

Das sind keine metallenen oder geschnitzten Götzenbilder, liebe Gemeinde. Wir brauchen keinen Handwerksmeister zu rufen, dass er uns das gießen und vergolden oder aus Holz bauen soll. Es reicht, wenn wir’s ins Herz hinein nehmen und sagen können: Das ist der wahre Gott. Er ist uns nah. Er ist ganz anders, als wir ihn uns vorgestellt hatten.

Wir dachten, unsere Erde wäre für ihn nur ein kleiner Tropfen am Eimer. Wir meinten womöglich, wir wären verloren in den Weiten des Weltalls, wären wie unwichtige Sandkörner am Rande des Universums, ganz unbedeutende Staubkörner, zufällig entstanden, für die sich keiner wirklich interessierte. Wir stellten uns vielleicht vor, dass Gott weit weg ist und gar nicht weiß, dass es uns gibt. Das ist alles falsch. Ausgedachtes Menschenwerk.

Richtig ist, dass Gott uns gemacht hat, nach seinem Bild hat er uns geschaffen als Mann und Frau, und hat uns nur wenig geringer gemacht als sich selbst. Mit Ehre und Herrlichkeit hat er uns gekrönt.

Augen hat er uns gegeben, damit wir sehen, und Nasen, dass wir riechen können – so wie er. Einen Mund hat er uns gegeben, dass wir schmecken können und Worte finden – ganz wie er. Ohren hat er uns geschenkt, dass wir die anderen hören, und auch ein fühlendes Herz, dass wir ihm ähnlich sind.

So ähnlich sind wir ihm, dass er es schließlich wagte, die Seite zu wechseln und zu uns zu kommen, in unserer Haut zu stecken und ein Mensch zu sein.

Wir brauchen nichts zu tun für diesen Gott. Wir müssen ihm nichts geben, kein Opfer will er von uns haben. Er hat auch nichts davon, wenn wir Bilder von ihm machen lassen – seien sie nun aus Gold oder aus unseren eigenen Gedanken gefertigt. Diese Vorstellungen taugen nichts. Denn unser Gott ist anders. Er ist menschlich.

Wie gut tut es uns, wenn wir verstehen und annehmen, dass er sich ein Bild von uns und unserem Leben gemacht hat! Er ist zu uns gekommen und einer von uns geworden, um sich dies Bild machen zu können.

„Mit wem wollt ihr mich vergleichen, dem ich gleich sei, spricht der Heilige?“

Nur mit Jesus Christus können wir dich vergleichen – das ist unsere Antwort. Mit diesem Menschen, der im Stall von Bethlehem geboren wurde, der als Zimmermann in Nazareth aufwuchs, der als Prediger durchs Land zog, der als Helfer und Heiler bekannt wurde, als Aufrührer hingerichtet wurde und als treuer Zeuge für die Liebe wieder dahin gegangen ist, wo er hergekommen war. Mit ihm wollen wir Gott vergleichen und verstehen, wie kostbar ihm unsere Erde und ihre Menschheit ist, wie sehr er ihn liebt, diesen Tropfen am Eimer, und wie viel wir ihm wert sind – jede und jeder Einzelne von uns. Amen.


EG 511, 1-3 Weißt du, wieviel Sternlein stehen


 



Pastorin Elisabet Mester
Hannover
E-Mail: mester@annastift.de

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