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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Letzter Sonntag nach Epiphanias, 13.02.2011

Predigt zu Exodus (2. Buch Mose) 3:1-14, verfasst von Christiane Borchers

Liebe Gemeinde!

Feuer ist ein faszinierendes Element. Begrenzt und dosiert, sodass es für uns nicht zur Gefahr wird, ist es schön anzusehen. Die Flammen z. B. in einem Kaminofen zu beobachten, ist ein richtiges Programm: wie sie züngeln, sich ins Holz hineinfressen, nahe am Holz bläulich schimmern, nach oben ein leuchtendes Gelb annehmen. Wenn das Holz schließlich durchgebrannt ist, werden die Flammen kleiner und glutrot. Feuer wärmt, Feuer im Ofen oder am Lagerfeuer verbreitet eine anheimelnde, gemütliche Atmosphäre. Feuer in Form einer Kerze strahlt Ruhe und Frieden aus, zündet in uns selbst ein Licht der Hoffnung an.

In den Religionen des alten Orients ist eine Gottheit immer mit Feuer in Verbindung gebracht. Gott zeigt sich in den Elementen, er ist gegenwärtig in Blitz und Donner, in Feuer, Wasser und Luft. Er offenbart sich in den Naturgewalten, die Elemente sind Gott unterworfen. In der Schöpfungsgeschichte schafft Gott die Sonne, den Mond und die Sterne, also das Feuer. In Psalm 104, dem Schöpfungspsalm, wird Gott beschrieben als ein Gott, der auf den Fittichen des Windes daherkommt und Feuerflammen zu seinen Dienern macht.

Als sich zeigen soll, wer der wahre Gott ist - der Gott Israels oder der Gott der Baalspropheten -, sind die Priester der beiden Parteien sich einig, dass sich das durch ein Feuerzeichen vom Himmel erweisen würde. Auf dem Karmel sind sie zusammengekommen, die Priester des Gottes Baal und Elia, der Prophet des Gottes Israels. Sie wollen einen Stier zum Opfer bereiten, es selbst aber nicht anzünden, sondern das wollen sie den Göttern überlassen. Wessen Gott mit Feuer antwortet, der solle als der wahre Gott gelten. Beim Gebet des Elia fällt Feuer vom Himmel herab und frisst das Brandopfer samt aufgeschichtetem Holz (1. Kön 18,24ff).

Als Mose auf den Horeb steigt, um Weisung von Gott entgegenzunehmen, raucht oben der ganze Berg. Gott fährt auf den Berg herab im Feuer und redet mitten aus dem Feuer (Ex 19,18; Dtn 4,12).

Gott lässt den Garten mit Cheruben bewachen, die ein flammendes blitzendes Schwert halten, damit Adam und Eva die Rückkehr ins Paradies verwehrt bleibt. Auf dem Weg aus der Sklaverei zeigt sich Gott dem Volk Israel nachts in einer Feuersäule. Auch das Zweite Testament kennt Bezüge zwischen Gott und dem Element Feuer. Zu Pfingsten kommt der Heilige Geist über die Jüngerinnen und Jünger, es erscheinen ihnen Feuerzungen über ihren Köpfen. Im Endgericht wird sich Jesus offenbaren mit den Engeln seiner Macht in Feuerflammen (2. Thess 1,7f).

Gott und Jesus haben nach biblischem Zeugnis Macht über die Naturgewalten. Es ist der menschliche Versuch, göttliche Kraft und Autorität zu demonstrieren. Wie lässt sich das besser beschreiben als in Bildern von Feuer, Wasser und Wind, von Blitz und Donner! Alle Elemente und Gewalten müssen Gott und Jesus dienen. Auch wenn wir moderne Menschen des 21. Jahrhunderts das so nicht mehr sagen würden, so können wir doch nachvollziehen, dass es für Menschen im alten Orient und in der Antike adäquate Mittel waren, göttliche Wirkungsmacht aufzuzeigen.

Dem Mose hat sich Gott im brennenden Dornbusch geoffenbart. Mose, der auf wundersame Weise aus dem Nil gerettet wurde, der am Hof des Pharao wie ein königlicher Ägypyter erzogen wurde und doch fliehen musste, weil er einen ägyptischen Aufseher erschlug, der einen Hebräer misshandelt hatte. Mose hätte eine glänzende Karriere vor sich gehabt, wenn er sich nicht das Leid seines Landsmanns hätte zu Herzen hätte lassen und weggeschaut hätte. Einer hatte beobachtet, wie Mose den erschlagenen Ägypter begrub und setzte ihn damit unter Druck. Mose floh aus Ägypten in das benachbarte Midian. Hier hatte er das Glück, dass er eine Frau fand, in deren Familie er aufgenommen wurde. Er hütete fortan die Schafe seines Schwiegervaters und versuchte seine Vergangenheit zu vergessen. Mit den Jahren baute er sich sein Leben auf, hatte mit seiner Frau Zippora einen Sohn, gab sich zufrieden mit seinem einfachen Leben und seiner einfachen Stellung als Schafhirte. Er und seine kleine Familie hatten ihr Auskommen und ihre Ruhe, das war wichtig, das stand an erster Stelle. Seine Zeit am Hof des Pharao lag hinter ihm, sie war nicht mehr real, lange her und weit weg.

Und nun sieht er dieses Feuer, als er die Schafherde am Gottesberg hütet. Zuerst traut er seinen Augen nicht. Was ist das, was da leuchtet in der Ferne? Er hebt die Hand über die Augen, um besser sehen zu können. Da brennt ein Busch. Er geht ein Stück näher heran. Ein Feuer brennt im Busch, aber das Feuer verbrennt die Zweige nicht. Neugierig geht er ein paar Schritte voran; er will sehen, was da los ist. Er geht ein Stück vom Weg ab, bewegt sich in Richtung des brennenden Dornbuschs, nähert sich ihm, um besser zu erkennen, was sich da abspielt. Der Busch ist nicht mehr weit, er ist schon ganz nahe, als er eine Stimme aus den Flammen hört: „Mose, Mose", ruft sie seinen Namen. Mose wirkt nicht sonderlich überrascht. Er antwortet darauf, als wenn seine Frau oder sein Schwiegervater ihn gerufen hätten: „Hier bin ich." Die Stimme spricht weiter aus dem brennenden Dornbusch. „Tritt nicht näher heran, zieh deine Schuhe aus, denn das Land, auf dem du stehst, ist heiliges Land." Barfuß soll er es betreten, dieses heilige Land, als Zeichen der Ehrfurcht. Mose hat bisher nicht gewusst, dass dieser Boden heilig ist. Er hat die Schafe darauf geweidet und außer dem Busch, der brennt und doch nicht verbrennt, nichts Auffälliges entdecken können. Aber er gehorcht, löst die Sandalen von seinen Füßen und bleibt an der Stelle stehen, wo er stand, als die Stimme ihn erreicht hatte. Die Stimme spricht weiter und gibt sich zu erkennen, zu wem sie gehört. Gott lässt Mose nicht im Ungewissen, wer zu ihm spricht, und stellt sich vor. „Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs." Als Mose merkt, dass es Gott ist, der zu ihm spricht, überfällt ihn ein Schrecken, er verhüllt sein Angesicht. Die Begegnung mit dem Heiligen löst nicht ungeteilte Freude, sondern eine große Furcht aus. Er weiß nicht, wie ihm geschieht. Seine Gefühle werden hin und her geschleudert. Was will der Gott Israels von ihm? Will er ihn zur Verantwortung ziehen für seine Tat? Will er, dass er sich ihr stellt? Er hat schließlich einen Menschen umgebracht. Darüber kann sein neuer Lebensstil nicht hinwegtäuschen. Er kann seine Vergangenheit nicht abschütteln, die nimmt er mit, auch wenn er sein Leben noch so sehr verändert hat. Mose fürchtet sich vor der Begegnung mit Gott; er fürchtet sich, ihn anzuschauen. Aus Angst, er könnte ihn verwerfen? Aus Furcht, er könne das Antlitz Gottes nicht ertragen? Das Göttliche kann eben auch Angst machen. Die Gottesbegegnung trifft Mose überraschend und unvorhergesehen, nichts bereitete darauf vor. Gott geht auf die Furcht des Mose nicht ein. Er spricht weiter zu dem Mann, der barfuß im Sand, den Blick auf den brennenden Dornbusch gerichtet, der Stimme aus dem Feuer lauscht.

„Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen und ihr Geschrei über ihre Bedränger gehört. Ich habe ihre Leiden erkannt und bin herniedergefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand und sie herausführe in ein Land, in dem Milch und Honig fließen. So geh nun hin, ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk aus Ägypten führst." Gott fährt hernieder aus dem Himmel und kommt auf die Erde. Er lässt sich von dem Leid der Israeliten anrühren und will sie aus ihrer Not erretten. Er benutzt Mose als sein Werkzeug: Er soll das Volk herausführen aus der Knechtschaft, in ein fruchtbares Land, in dem sie leben können. Mose hält sich für dafür nicht geeignet. Er meldet Bedenken an: „Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehen kann und die Israeliten aus Ägypten führen soll?" Er fühlt sich nicht dazu in der Lage; er ist nicht mehr der stolze Zögling am Hof, dem die anderen zu Füßen liegen, dem Achtung und Ehrerbietung erwiesen werden, der dementsprechend ein Selbstbewusstsein hat und der sich alles zutraut. Mose hat seine alte Identität abgelegt, jetzt ist er ein Schafhirte wie die anderen Schafhirten in der Sippe seines Schwiegervaters auch, ohne eigenen Besitz und Reichtum, ein Befehlsempfänger, der tut, was sein Schwiegervater von ihm verlangt. Er hält sich wahrhaftig nicht dafür geeignet, diese große Aufgabe, die Gott ihm zugedacht hat, zu erfüllen. Er traut sich das nicht mehr zu. Außerdem ist es nicht ratsam, nach Ägypten zurück zu kehren. Er ist froh, dass er damals fliehen konnte und ungeschoren davongekommen ist. Keine zehn Pferde bringen ihn dazu, in die Höhle des Löwen freiwillig zurückzugehen.

Gott lässt nicht locker, verspricht ihm, ihn nicht allein zu lassen, verheißt ihm, bei ihm zu sein. Mose wird es schaffen; er wird wieder an genau derselben Stelle opfern, wo er immer geopfert hat, hier auf dem Horeb. Gott selbst ist der Garant dafür. Das heißt doch, seine Sache wird Erfolg haben. Gott sichert es ihm zu: Er braucht keine Angst zu haben vor dem, was ihn erwartet. Gott ist an seiner Seite, er ist mit ihm, wenn er das Volk aus Ägypten führt. Mose bringt erneut Einwände vor. „Was soll ich den Israeliten sagen, welcher Gott mich schickt? Wie ist sein Name?" Gott antwortet ihm: „Ich werde sein, der ich sein werde. Sage den Israeliten: Ich werde sein, der hat mich zu euch gesandt."

Die Antwort Gottes klingt in unseren Ohren geheimnisvoll und verschlüsselt. In hebräischen Ohren birgt der Name „Ich werde sein, der ich sein werde" eine Verheißung, die real ist. Gott bleibt durch seinen Namen nicht unbekannt, er wird wirklich. Mit seinem Namen ist er in der Welt. Nach orientalischer Tradition verschafft erst der Name einer Erscheinung Wirklichkeit.

„Ich werde sein, der ich sein werde" - Jhwh im Hebräischen - ist nicht leicht ins Deutsche zu übertragen. Auf jeden Fall meint das „Ich werde sein, der ich sein werde" kein statisches Sein Gottes, sondern ein lebendiges Sein, ein Dasein Gottes für die Menschen: Er ist an ihrer Seite, mit ihnen unterwegs, schöpferisch, beistehend, lebensstiftend. Der Talmud umschreibt den Gottesnamen so: „Ich werde mit euch sein in dieser Prüfung, wie ich auch mit euch sein werde in den Prüfungen, die euch bevorstehen" (b.Berachot 9b).

Der Name Gottes: „Ich werde sein, der ich sein werde" wahrt das göttliche Geheimnis und entspricht dem Bilderverbot.

Mose fragt: „Wer bin ich?" Damit spricht er nicht nur seine eigene Unbedeutendheit und Selbstminderung an, sondern er stellt damit auch die Frage nach seiner Identität. Mose muss wissen, wer er selbst ist. Er darf seine Vergangenheit nicht leugnen und verdrängen. Er ist schuldig geworden, er ist ein Mörder; er gehört aber auch zu einem Volk, das im großen Elend lebt. Er kann sich nicht ins Privatleben zurückziehen und sich sagen, dass ihn das alles nichts angeht. Er ist für das Wohlergehen seiner Schwestern und Brüder mit verantwortlich. Gott will ihn in Dienst nehmen. Mose ist neugierig, als er den brennenden Dornbusch sieht und geht auf ihn zu. Im Licht des brennenden Dornbuschs sucht er Klarheit über sich selbst. Wohin gehöre ich? Was ist meine Aufgabe? Als Gott ihm zusichert, dass er mit ihm ist, gewinnt Mose Vertrauen, und er wird allmählich bereit, seine Berufung anzunehmen. Moses Identität entscheidet sich an dem, was Gott für ihn ist und was er für ihn tut.

Der Name ist - wie die Stimme im Feuer und wie der brennende Dornbusch, der nicht verbrennt - geheimnisvoll. Gott ist letztlich nicht zu erfassen. Er offenbart sich zwar in der Geschichte, zeigt sich Menschen, gibt ihnen Aufträge und Aufgaben, teilt sich mit, steht zu seinen Verheißungen, wendet sich den Menschen zu, aber er bleibt auch gleichzeitig derjenige, der Menschen verborgen bleibt. Der Gott Israels, der „Ich werde sein, der ich sein werde", ist ein zweites Mal aus dem Himmel zur Erde hernieder gefahren und hat sich der Not der Menschen angenommen. Er hat Jesus Christus gesandt, um sie zu erretten.

Die Geschichte vom brennenden Dornbusch und Moses Berufung ist eingebettet in die Epiphaniaszeit. In der Epiphaniaszeit offenbart sich die Herrlichkeit Gottes. Hinter dem lodernden Feuer und der lichten Kraft der göttlichen Stimme aus dem brennenden Dornbusch, der nicht verbrennt, verbirgt sich Gottes Macht mit der Zusage des Mitgehens und Beistands in Not und Ängsten. Gottes Verheißungen, sein Auftrag an Menschen und die Zusage seines Beistands bleiben nicht in der Vergangenheit stecken. Sie gelten bis heute. Und so leuchtet am letzten Sonntag nach Epiphanias Gottes barmherziges Mit-Sein auf unserem Weg noch einmal in seinem vollen Glanz auf. Die Passionszeit, die bald kommen wird, wird von diesem Licht bestrahlt, bis uns am Ostermorgen die Sonne der Auferstehung neu aufgeht. Gottes Feuer leuchtet, es wärmt, schafft Licht und Klarheit.

Amen.



Pfarrerin Christiane Borchers
Emden
E-Mail: christiane.borchers@web.de

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