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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Invokavit, 13.03.2011

Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 3:1-24, verfasst von Karin Klement


Liebe Gemeinde!

Sobald ein Menschenkind anfängt zu denken, die Welt, sich selbst darin bewusst wahrzunehmen, stellt es Fragen: Warum ist etwas so, wie es ist? Warum bewegt sich der Vogel in meiner Hand nicht mehr? Und was ist „Totsein"? Die kindlich-unschuldige Naivität geht verloren, das Paradies einer Zeit, in der alles in Harmonie und Einklang erschien.
Wann jedoch beginnt dieser Prozess? Wirklich erst mit dem Nachdenken? Oder vielleicht schon in jenem Augenblick, wenn das Neugeborene zum ersten Mal das Licht der Welt erblickt, abgenabelt wird vom mütterlichen Lebensstrom, die kalte Luft um sich spürt, das „Hinausgeschubstsein" aus inniger Geborgenheit?
Die mythischen Erzählungen unserer Bibel schreiben Menschengeschichte. Sie antworten auf die Frage, warum etwas so ist, wie es ist.

Aufgeweckte Zeitgenossen vor rund 3000 Jahren schauten genauer hin und beschreiben, was ihnen auffällt: Dass unser Menschenleben voller Mühe ist, anstrengender Arbeit, Krankheit, Schicksalsschläge und letztlich begrenzt durch den Tod. Dass wir Menschen aus zwei Geschlechtern bestehen: Frauen und Männer, die in spannungsvoller Beziehung leben. Einer möchte den anderen beherrschen.
Frauen bringen neues Leben zur Welt. Doch sie erdulden dabei Schmerzen, leiden unter Beschwernissen. Das alltägliche Leben könnte so schön sein, stattdessen ackert der Mensch im Schweiße seines Angesichtes und erntet oft genug mehr Dornen und Disteln. Nach all den Mühen stirbt er, zerfällt, wird zur Erde, von der er genommen ist. Warum ist das so? Gibt es keinen anderen Lebensentwurf?
Ausgehend davon, dass der Schöpfer nur das Beste für seine geliebten Menschenkinder will, lautet die Antwort: Gott muss sich die Welt und das Leben anders gedacht haben. Die Autoren der Schöpfungsgeschichte entwerfen, im Blick auf die Mythen ihrer Umwelt, ein Bild davon, wie Gott die Welt ursprünglich eingerichtet haben könnte. Sie entwickeln für die Menschen einen „Stamm-Baum" des LEBENS.

        Alternativ: Hinführung zum Lied:

        Später nimmt das Neue Testament das Holz des Kreuzes in den Blick, das der Christus auf sich nimmt und bis ans Ende trägt: Aus dem trockenen Totholz wird so ein neuer Baum des Lebens.

        [EG 97,1 »Holz auf Jesu Schulter«]


Hören wir aus dem 1. Buch Mose, Kapitel 3, die Verse 1-5:
- - - Lesung durch eine/n Lektor/in - - -

Die SCHLANGE - wie alle ein Geschöpf Gottes - bewegt sich verdächtigt. Sie kriecht auf dem Boden, schlängelt sich heimtückisch an den nichts ahnenden Menschen heran. Plötzlich beißt sie zu, und der Mensch stirbt. Sie gilt als gefährlich, hinterhältig, raffiniert und gibt sich dabei so harmlos und unterwürfig. Ihr Wesen muss böse sein, meint der Autor. Und findet damit eine Erklärung für das Phänomen des Bösen: Es kommt von außerhalb des Menschen, ist Verführung durch die Stimme eines anderen, nicht mein eigener, innerer Antrieb. Die Versuchung kommt auf schleichendem Wege und verspricht neue Erkenntnisse, offenbartes Wissen: „Die Augen werden euch aufgehen!"
Bedingung dafür ist: „Glaubt nicht, was euch gesagt wird!" Ein geprüftes Vertrauen wäre hier sicher hilfreich und sinnvoll. Doch so weit reicht die Erkenntnis noch nicht. Auch die Schlange spricht Worte, deren Wahrhaftigkeit erst zu beweisen ist. Woher will sie denn wissen, was sie behauptet: dass die verbotenen Früchte nicht zum Tode führen? Das Ende der Geschichte erzählt ja genau davon.

Ich stelle mir diese Szene vor wie ein inner-menschliches Gespräch, wie ein erwachendes Bewusstsein in einem zuvor naiven Menschenkind. Mit dem aufmerksamen Wahrnehmen seiner Umgebung, mit seinen ersten, eigenen Wort-Gedanken beginnt ein Entwicklungsprozess, der wohl typisch ist für das Herausbilden geistiger Fähigkeiten, für ein Sich-selbst-bewusst-Werden im Übergang vom arglos-hilflosen Baby zu einem lernenden Kleinkind.
Das Menschenkind beginnt zu trennen, zu unterscheiden zwischen sich selbst und dem mütterlich-väterlich sorgenden GOTT: „Wir essen von allen Früchten der Bäume..., aber GOTT hat gesagt: Von den Früchten des Baumes mitten im Garten esst nicht!" Worte, die nicht aus mir selbst kommen, die ein anderer spricht. Worte, denen mit einem Mal nicht mehr bedingungslos vertraut wird. Worte, die in Zweifel geraten.
Die menschliche Unerfahrenheit schwankt zwischen Angst und Neugier. Sie windet sich zwischen der Sehnsucht, alles möge so vertraut bleiben wie zuvor, und der Lust, etwas Neues kennen zu lernen, die spannende Freiheit zu riskieren.

Wenn uns die Augen aufgehen, wächst die Erkenntnis. Unaufhaltsam. Und mit dem herangewachsenen Wissen über gut und böse wird das Menschenkind fähig, sich selbst und seine Welt zu beurteilen. Es lernt, entwickelt die Fähigkeiten eines Erwachsenen, eines Großen. Der Wunsch groß zu sein, klug und mächtig wie Gott, ist die größte Versuchung des Menschen bis heute. Und zugleich ein notwendiger, seelischer Anschub, um das Leben selbstverantwortlich in die Hand zu nehmen. Es gehört zum Prozess des Erwachsenwerdens hinzu. Wenn man die süßen Früchte der Freiheit nicht ausprobiert, lernt man nicht, damit umzugehen. Mündiges, selbst-verantwortetes Leben gibt es nicht ohne die Schatten von Angst und Zweifel, von Versagen, Misstrauen und Mühen.
Gewiss, die Sehnsucht nach paradiesischer Harmonie und Unschuld brennt weiterhin in uns. Aber ein ernsthaftes Zurück in die Kindheit können wir uns wohl nicht vorstellen.

        [EG 97,2]


Hören wir, wie es weitergeht in der biblischen Geschichte,
im 1. Buch Mose die Verse 6-7!
- - - Lesung durch eine/n Lektor/in - - -

Verlockend, verführerisch tritt das Angebot in den Blick. Wir sehen die junge Menschenfrau unter dem Baum stehen. Nachdenklich betrachtet sie ihn, wie sie es zuvor noch nie getan hat. Die listigen Worte der Schlange klingen in ihr nach. Der Baum ist eine Lust für die Augen, seine Früchte müssen wunderbar schmecken, und sinnvoll sind sie auch. Oder ist es etwa verboten, klug zu werden? Unterschwellig ist das Misstrauen geweckt. „Wenn die Früchte so lecker sind, wie sie aussehen, warum verbietet Gott, davon zu essen? Könnte es sein, dass er diesen besonders reizvollen Baum für sich selbst reserviert hat?" Das Menschenkind macht sich vielleicht zum ersten Mal Gedanken über die Motivation eines anderen. Und steht vor der Entscheidung, eine Wahl zu treffen zwischen Gehorsam und eigenem Willen.

Mich erinnert dies sehr an die Konkurrenz zwischen den Wünschen und Bedürfnissen von Kindern und den Forderungen ihrer Eltern. Kleine Kinder sind zuerst völlig auf die Erwachsenen angewiesen. Diese umsorgen sie, beschützen ihr Leben - aber sie sorgen auch für sich selbst. Sie wenden dem Kind nicht sämtliche Aufmerksamkeit zu, nur einen Teil. Das ist wie eine Kränkung für das zuvor uneingeschränkte Selbstwertgefühl, ein Bruch in der Harmonie und Einheit. Die Person des Kindes tritt in Konkurrenz zu denen, von denen es herkommt, und muss mit dieser Trennung, dieser Unter-Scheidung fertig werden. Es muss lernen, selbst zu entscheiden.

EVA, die Mutter alles Lebendigen, erscheint als die Aktivere. ADAM - der hier männlich gedachte Mensch - überlässt ihr das Handeln und isst ihr dabei aus der Hand. Tatsächlich gehen ihnen die Augen auf, doch anders als erwartet. Das Wissen um „Gut und Böse" umfasst auch das Nächstliegende: ihre eigene Person. Sie erkennen sich selbst als nackt und entblößt, offensichtlich mit allen persönlichen Schwächen. Ihr Bloßgestelltsein wird mit dem Gefühl von Scham verbunden. Der Erkenntnis, anerkannte Normen verletzt zu haben. Als Mensch nicht so perfekt zu sein, wie sie es gerne hätten. Sie werden sich ihrer selbst bewusst - und ihrer Unterschiedenheit. Als weiblich und männlich, als Partner und Gegenüber. Der unvermeidliche Egoismus wird geboren. Solch ein Verlust unserer kindlichen Unschuld ist notwendig, sonst säßen wir vielleicht heute noch im Garten Eden. Wir könnten weder Bücher lesen noch Fortschritte machen. Wir lebten im völligen Einklang mit Gott und der Natur und hätten Gottes Auftrag nie erhalten: seine Welt, unsere Erde zu bebauen und zu bewahren!
Nun aber lernen die Menschen etwas für sich selbst zu tun, sich selbst zu helfen - und sei es nur mit einem Lendenschurz. Allerdings: Von nun an halten sie sich auch vor einander bedeckt!

        [EG 97,3]


Und wie geht's weiter? Hören wir
die Verse 8-13!
- - - Lesung durch eine/n Lektor/in - - -

Was für ein sehr menschlich gedachter Mutter-/Vater-Gott! Auf Augenhöhe und im Gespräch mit seinen Kindern. Sein abendlicher Spaziergang führt ihn zu den lieben Kleinen - aber diesmal findet er sie weder bei irgendwelchen Spielen noch müde im Gras schlafend. Er findet sie überhaupt nicht. Gott scheint irritiert, er ruft: Wo bist du, Mensch?

Ich erinnere meine süßen Kleinen, als sie im entdeckungsfreudigsten Alter waren. Solange ich sie laut spielen hörte, war alles in Ordnung. Doch sobald es längere Zeit still blieb, war „irgendetwas im Busche!" Sie hatten etwas Neues, Unerlaubtes entdeckt. Sie zerpflückten gerade die Blumen aus einer umgestoßenen Vase oder testeten die Strapazierfähigkeit technischer Geräte, an denen sie früher einfach vorbeigerobbt waren. Doch nun standen sie auf eigenen Füßen, und ihr Entdeckungsspielraum hatte sich immens erweitert.

Auch bei Adam und Eva schien etwas im Busche, und Gott ahnt es schon. Sein knapper Ruf, der harte Ton lassen kein Versteckspielen mehr zu. Der Mensch muss sich seinem Verhalten stellen. Er ist ertappt! Zur vorherigen Bloßstellung kommt jetzt noch die Fähigkeit, schuldbewusst zu werden, Scham zu fühlen. Doch weder Adam noch Eva mögen sich Schuld eingestehen. Ihr gerade erst entdecktes Selbstwertgefühl könnte darunter leiden. Wir sehen den ausgestreckten Zeigefinger, der dem jeweils anderen die Schuld zuschiebt. Eine sehr vertraute Geste von Schuldabweisung, Schuldverdrängung. Und am Ende steht Gott selbst da als der Schuldige. Die Frau, die DU mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum, und ich aß!

Die Menschen erfahren, dass ihr Handeln Konsequenzen hat - manchmal auch recht negative. Sie ahnen die Last der Verantwortung, die sie nicht alleine tragen mögen.
Fürchten sie Gottes Strenge? So wie Kinder die Bestrafung, den Liebesverlust fürchten? Sie haben noch keinerlei Erfahrung mit Schuld und Vergebung. Sie sehen zwar ein, dass ihr Handeln wieder in Ordnung gebracht werden muss, und wissen doch nicht, wie. Vielleicht fürchten sie, dass Gott genauso rigoros handelt und kleinkariert denkt wie sie selbst. Sie vertrauen nicht auf die Liebe dieses Gottes; sie ahnen noch nichts von seinem großen Vergebungsplan, der alle Schuld der Welt durchkreuzt!

        [EG 97,4]


Die Strafe folgt auf dem Fuß - hören wir
1. Mose 3, 14-19!
- - - Lesung durch eine/n Lektor/in - - -

Die Kettenreaktion des „Auf-den-anderen-Zeigens" hat Folgen. Am Schlimmsten trifft es die Schlange, sie wird verflucht. Äußerst scharf, mitleidslos geht Gott gegen diesen Misstrauensanstifter vor. Nicht mal bei ihren Opfern findet sie Solidarität. Sie muss Unterwerfung lernen, demütig auf dem Bauche kriechen und den letzten Dreck fressen.
Aber auch für die Frau ist das harmonische Zusammenleben mit allen Gottesgeschöpfen vorbei. Sie muss sich auf die Härten des Lebens vorbereiten. Noch hat Eva kein Kind geboren, aber sie weiß (vielleicht auch von den Tieren), dass es keineswegs leicht sein wird. Und der einzige Mensch, von dem sie Hilfe erwarten könnte, versteht sie nicht. Ja, mehr noch, er nutzt ihre Schwäche aus und führt sich auf wie ihr Bestimmer.
Auch Adam trägt die Konsequenzen. Ein Leben lang arbeiten, dem Boden das Lebensnotwendige abringen und doch oft nur Misserfolge ernten. Das Leben muss hart erkämpft werden, mühselig „im Schweiße unseres Angesichtes".

Mir fallen die schweißüberströmten Sportler ein oder die stressgeplagten Mitmenschen. Was treibt uns an, dass wir Arbeit, Fortschritt, Leistung und Erfolg so hoch einschätzen? Sie für unbedingt notwendig und erstrebenswert halten? Warum ist unser Ehrgeiz oft größer als zufriedene Bescheidenheit? Hängt es damit zusammen, dass wir mit den gewachsenen Erkenntnissen auch unsere naive Unschuld verloren haben, unser kindliches Vertrauen in einen Schöpfer, der es gut mit uns meint?

Der Mythos beschreibt, wie das Leben ist: Vergänglichkeit und Tod gehören dazu, nicht nur für die Pflanzen und Tiere, sondern auch für den sich seiner selbst bewussten Menschen. Zum ersten Mal begreift der Mensch, wie seine Lebenszeit voranschreitet, dass er älter wird und einmal stirbt.
Mit offenen Augen muss er die Realität wahrnehmen: Leiden, Mühen, Schmerzen und Tod ereignen sich nicht überraschend. Sie sind unvermeidlich, ja sogar ein sinnvoller Teil seines Lebens. Ohne sie gäbe es keine Weiter-Entwicklung, kein Voranschreiten, auch kein bewusstes Genießen all dessen, was gut und süß und schmackhaft ist.

Im Prozess des Heranwachsens, im Genießen der Früchte vom Baum der Erkenntnis, wächst auch die Einsicht, dass der Schöpfer seine Menschenkinder nicht der rauen Welt überlässt und auch nicht sich selbst.
ER setzt ein Zeichen seiner Liebe, indem ER selbst Mensch wird mitten unter uns. GOTT geht uns nach, in all die Schwierigkeiten dieses Lebens, bis hinein in Leiden und Tod. Und ER geht uns voraus, durch das Sterben in ein geheiltes, ewiges Leben.
Sein sichtbares Zeichen gegen den Tod, gegen ungeprüftes Misstrauen und Zweifel ist CHRISTUS - sein Wort und Bild für das wahre Leben.

        [EG 97,5]


Das Ende wird zum neuen Anfang -
1. Mose 3,20-24:
- - - Lesung durch eine/n Lektor/in - - -

Mit einem Hinauswurf fängt das Leben an. Der Schrei bei der Geburt, der erste Atemzug lässt den Menschen spüren, wohin er geraten ist: in eine kalte, raue Welt, in der er sich selbst behaupten muss, abgeschnitten von der Rundumversorgung im mütterlichen Bauch. Er muss lernen, sich weiterentwickeln, ob er will oder nicht.
Aber mit dem ersten Schrei, fühlt er sich zugleich aufgehoben, angenommen von denen, die sich um ihn kümmern werden. Der mütterliche Gott umhüllt seine Kleinen mit wärmenden Fellen von Tieren. ER schützt sie vor Verletzung und Bloßstellung.

Der Mythos beschreibt die Wirklichkeit unseres Lebens mit all ihren Gefahren, Abgründen und Begrenzungen. Er stellt uns unsere Schwäche vor Augen und zeigt, wie wir immer wieder Grenzen überschreiten.
Doch alles geschieht unter den Augen Gottes, im Horizont Seiner Nähe. Gott selbst richtet diese Welt als Wohnort für die Menschheit ein. Und letztlich ist es auch Gott, der uns Menschen an unsere Grenzen führt - und darüber hinaus.

Vom Baum der Erkenntnis mussten wir kosten, um das irdische Dasein zu bewältigen. Die Früchte vom Baum des Lebens bleiben uns vorbehalten, wenn wir zurückkehren ins Paradies.
Der Eingang ist nicht verbaut, das Tor nicht auf ewig vermauert. Irgendwann öffnet es sich und lässt uns müde gewordenen Menschen hinein. Dann werden uns die Augen erneut aufgehen, und wir schauen Gott von Angesicht zu Angesicht.

AMEN.

        [EG 97,6]



Pastorin Karin Klement
Visselhövede
E-Mail: karin.klement@evlka.de

Bemerkung:
Nach den einzelnen Predigtabschnitten könnten Liedstrophen aus EG 97 mit der Gemeinde gesungen werden.


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