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Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Invokavit, 13.03.2011

Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 3:1-19, verfasst von Jürgen Jüngling

Liebe Gemeinde!

1. Geschichten gibt es, die einem das ganze Leben erschließen können. Wie mit einem Zauberschlüssel geben sie Erfahrungen, Einblicke, Erkenntnisse frei und ermöglichen so manches Aha-Erlebnis. Denn Geschichten sprechen einfach mehr an als den blanken Verstand. Sie richten sich - wenn sie denn gut sind - an den ganzen Menschen mit seinem Denken und Fühlen, mit seinen Hoffnungen und Ängsten. Deshalb ist das Geschichten-Erzählen schon bei den kleinen Kindern so wichtig, Geschichten zum Mut-Machen und gegen die Angst oder Geschichten zur Ausbildung von Vertrauen und Hoffnung.
Und wenn die Kinder dann groß sind, gibt es die anderen Geschichten, die tiefe Weisheit vermitteln oder Anleitungen sind zum rechten Leben. Man denke nur an die Fabeln des Altertums oder die Märchen in unseren Landen. In meiner Heimat Kassel denkt man dabei natürlich zuerst an die Brüder Grimm. Geschichten sind das, bei denen sich die alte und doch so unbedarfte Frage nach deren Wahrheit gar nicht erst stellt; denn sie sind nun einmal auf ihre Weise schlicht und einfach wahr.
Und darüber und daneben lagern sich noch einmal ganz andere Geschichten an: Groß-Erzählungen oder Menschheitsgeschichten könnte man sie nennen. Denn in ihnen geht es um das Leben überhaupt, geht es um die Grundfragen, die wir Menschen schon immer auf der Zunge und im Herzen tragen - nach den Rätseln und Wundern der Existenz überhaupt. Etwa: Wo um alles in der Welt hat sie ihren Grund? Wer oder was hält sie letztendlich zusammen und trägt sie? Wie sollen Menschen für sich selbst und miteinander leben? Warum ist dabei manches so beschwerlich und hinderlich, und wie kann ich damit fertig werden? Wer bin ich denn überhaupt? Und am Ende: Wie steht es um Gott?

2. Eine dieser Menschheitsgeschichten findet sich ziemlich am Anfang der Bibel im 1. Buch Mose und ist für den heutigen 1. Sonntag in der Passionszeit als Predigttext vorgesehen. Es ist berühmte Erzählung vom Sündenfall und vom Verlust des Paradieses.
Aber die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der Herr gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten? Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet! Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.
Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß. Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.
Und sie hörten Gott den Herrn, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des Herrn unter den Bäumen im Garten. Und Gott der Herr rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich. Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du nicht gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen? Da sprach Adam: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß. Da sprach Gott der Herr zur Frau: Warum hast du das getan? Die Frau sprach: Die Schlange betrog mich, so dass ich aß.
Da sprach Gott der Herr zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht, verstoßen aus allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Erde fressen dein Leben lang. Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen; der soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.
Und zur Frau sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein.
Und zum Mann sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deiner Frau und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen -, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden
.

3. Bevor ich auf die zentralen Punkte dieser Geschichte eingehe, rufe ich zunächst in Erinnerung: Ganz am Anfang, da war alles gut - „und siehe, es war sehr gut" (1. Mose 1,31). Da hatte offenbar alles seine Ordnung. Das Verhältnis Gott - Mensch, Schöpfer - Geschöpf, das stimmte einfach. Der Mensch konnte sich seiner und seines Lebens sicher sein, da er sich seines Gottes sicher war - wahrhaft paradiesisch!
Doch das reichte dem Menschen ganz offensichtlich nicht. Das war ihm wohl zu wenig. Da fühlte er einen Widerhaken, eine Art von Ungenügen in sich und vor sich selbst. Denn „Sein wie Gott" - das wäre es! Sein wie Gott, die uralte Sehnsucht der Menschheit! Nicht nur der vom Platzanweiser Gott zugewiesene Platz, sondern der Platz an Gottes eigenem Platz! Dieser Wahn schlängelt sich seitdem durch alle Zeiten hindurch. Und seine Urheberin, die Schlange, stellt es wirklich geschickt an. Sie trifft die Beiden genau da, wo sie später auch deren Nachkommen treffen wird und wo sie heutzutage uns trifft: im Zweifel an Gott, im Misstrauen ihm gegenüber und in dem Wunsch, zu sein wie er. Das Vertrauen zu ihm, das einstmals so selbstverständliche und lebensdienliche Ur-Vertrauen jedenfalls ist dahin. „Und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren" (v 7) - nackt am Leib und wohl auch bitterkalt in ihrer Seele.
So kam, was kommen musste: Die Zwei im Paradies lösten sich von Gott - innerlich wie äußerlich. Nicht mehr „Wer Gott vertraut, hat wohl gebaut" ist die Devise, sondern „Wer sich auf Gott verlässt, der ist verlassen" lautet die neue Parole. Und der Weg zu der neuzeitlichen Zauberlosung „Selbst ist der Mann" war vorgezeichnet, legte sich einfach nahe. Wohin das geführt hat und wohin das noch heute führt, das kennen wir zur Genüge. Der Vertrauensverlust unserer Tage - ob auf persönlicher oder allgemeiner Ebene - wirkt lähmend, und das Erleben einer zunehmenden Kälte unter uns führt eher in Depression, als dass es frische Motivation freisetzen könnte.

4. Vor diesem Hintergrund wird die alte Geschichte von Adam und Eva nun sehr spannend. Denn erwarten würde man, dass Gott die Beiden laufen lassen würde: Seht zu, was ihr euch selber eingebrockt habt! Doch es kommt anders, ganz anders. Denn Gott gibt die Beiden nicht auf, überlässt sie nicht sich selbst, sondern kümmert sich um sie, geht ihnen nach. Das ist neu und war vor allem nicht zu erwarten. Er geht - so wird uns berichtet - hinter ihnen her, gesellt sich ihnen zu, sucht den Kontakt mit jener kurzen und doch so bedeutenden Frage:  „Wo bist du?" (v 9). Ein Wort, das Geschichte geschrieben hat in Religion und Philosophie und nicht weniger in Ethik und Moral: „Wo bist du?" Ein Wort, das den ersten aller Menschen und damit jeden Menschen angeht, ganz tief drinnen: Mensch, wo bist du?
Und Gott meint das nicht vorwurfsvoll, nicht als Tadel, sondern aus seiner Frage spricht die Sorge um diesen Adam und seine Frau, um den Menschen schlechthin. Das ist eine Frage voller Liebe und Zuwendung. Das ist die Frage des Vaters, dem es um seine Kinder geht. Genau wie die spätere Frage: „Warum hast du das getan?" (v 13)! Wer von uns, der die Vater- oder Mutterrolle einnehmen durfte, kennt diese Frage nicht aus eigener Erinnerung, aus selbst erlebter Sorge um seine Kinder: Warum nur hast du das getan?

5. Aber das ist noch nicht Ende und Ergebnis dieser Groß-Erzählung. Es könnte wohl so sein, ist es aber Gott sei Dank nicht. Denn nun kommen Konsequenzen in den Blick. Sein wie Gott - dieser Menschheits-Versuch kann nicht ohne Folgen bleiben. Denn wie bei der Erfahrung der eigenen Nacktheit kommen auf einmal die Grenzen der Existenz in den Blick, ihre Gefährdungen und Gebrochenheiten: nämlich der Tod als die definitiv letzte Grenze, die Arbeit als Chance und Arbeit als Quälerei oder auch die oft so schwierigen Beziehungen zwischen Frau und Mann. Sein wie Gott, das war einst das große Ziel, und übrig bleibt der Mensch mit der Einsicht, dass ihm letztlich sehr enge Grenzen gesetzt sind. Der eben noch nach den Sternen greifen wollte, muss sich mit einer sehr irdischen Erkenntnis zufrieden geben: „Du bist Erde und sollst zu Erde werden" (v 19).
Doch was dabei so wichtig und tröstlich ist: Nicht ein blindes Schicksal bereitet mir mein Schicksal. Sondern es wird klar: Gott selber geht auch mir nach. Und weil er der Grund meiner Existenz ist, meiner oft so bröseligen Existenz, habe ich Anlass, ihm gegenüber Erwartungen zu haben. In allem Zweifel und allen Ängsten weiß ich um seine Einladung, ihm meine Hand zu reichen; denn er hat seine mir schon längst gereicht. Und wo anders als an oder in dieser Hand könnte ich geborgen sein? Ist das nicht auch der letzte und schönste Grund unserer Taufe - ein ganzes Leben an und in der Hand Gottes, von der Wiege einstmals bis zur Bahre dereinst?
Er ist ja - was Adam und Eva gar nicht wissen konnten - in späterer Zeit uns Menschen nochmals um Vieles näher gekommen als damals diesen Beiden. Denn in seinem Sohn, in Jesus dem Christus, hat er uns ein neues Paradies sperrangelweit aufgetan. Wir brauchen nur einzutreten. Deshalb können und dürfen wir uns schon heute am Anfang der Passionszeit auf den Jubel von Ostern einstimmen. Der aber kommt mindestens so gewiss wie das Amen in der Kirche.

Amen

 



Oberlandeskirchenrat i.R. Jürgen Jüngling
Kassel
E-Mail: jj@webgum.de

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