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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Invokavit, 13.03.2011

Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 3:1-19, verfasst von Thomas Oesterle

 

Aber die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der HERR gemacht hatte, und sprach zu dem Weibe: Ja, sollte Gott gesagt haben: ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten?
Da sprach das Weib zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten, aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset
nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet.
Da sprach die Schlange zum Weibe: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: An dem Tage, da ihr davon esset, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.
Und das Weib sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon, und er aß.
Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan, und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.
Und sie hörten Gott den
HERRN, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seinem Weibe vor dem Angesicht Gottes des HERRN unter den Bäumen im Garten. Und Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du?
Und Adam sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich.
Und Gott sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen?
Da sprach Adam: Das Weib, das du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum, und ich aß.
Da sprach Gott der HERR
zum Weibe: Warum hast du das getan? Das Weib sprach: Die Schlange betrog mich, so dass ich aß.
Da sprach Gott der HERR
zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht, verstoßen aus allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Erde fressen dein Leben lang. Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe und zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen; der soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.
Und zum Weibe sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Manne sein, aber er soll dein Herr sein.
Und zum Manne sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deines Weibes und gegessen hast von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen - verflucht sei der Acker um deinetwillen. Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot essen, bis du wieder zur Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.


Liebe Gemeinde,

I.

diese alte - und doch ewig junge - Geschichte vom Sündenfall ist in den letzten Jahren in unserer Kirche in die Kritik geraten.

Frauen beklagen sich, dass die Kirche aufgrund dieser Geschichte über Jahrtausende hinweg das weibliche Wesen als Ursprung der Sünde verstanden hätte und diese biblische Geschichte deshalb ein Instrument zur Unterdrückung geworden sei.
Viele Gemeindeglieder weigern sich aufgrund dieser biblischen Geschichte von der menschlichen Sünde, sich ein schlechtes Gewissen machen zu lassen. „So schlecht ist der Mensch doch nicht" - das ist der Tenor nach Jahrzehnten ohne Krieg und Diktatur in Deutschland.
Und fast alle Zeitgenossen, die ja nur noch wenig mit der Bibel oder anderen antiken Texten umgehen, haben inzwischen eine verkümmerte Fähigkeit, mythische Texte zu verstehen: Was soll am Raub einer Frucht denn Besonderes sein? Welche Bedeutung hat dieser Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen? - All dies erscheint höchst unverständlich, bietet wenig von jenen harten, informativen Fakten, die in der Zeit des Siegeszuges der Naturwissenschaft prägend geworden sind.

Man hat es also nicht leicht, will man Verständnis für die Sündenfallgeschichte wecken.

Mir hat beim Verstehen des Textes ein kleines Stück Literatur aus dem Jahre 1951 geholfen. Damals hat Heinrich Böll einen Roman geschrieben, der ein Vorzeigewerk der sogenannten „Trümmerliteratur" wurde. Als Deutschland in Trümmern lag und die Gebrochenheit des menschlichen Lebens überall sinnfällig greifbar war, da gab Böll seinem Roman den Titel: Wo warst du Adam? Der Autor - ein kritischer Geist, aber mit dem Wort der Bibel wohlvertraut - hatte seinen Buchtitel in der Geschichte vom Sündenfall gefunden. Denn als Gott Adam im Garten Eden nicht findet, weil der sich gemeinsam mit Eva versteckt, da ruft er ja: Adam wo bist du?

Dieser Ruf Gottes ist wie ein Blitzlicht, das die Szene erhellt. Er zeigt, dass der Mensch vom ursprünglichen Plan Gottes abgeirrt ist, dass er aus der Beziehung zu Gott herausgefallen ist und Gott nach ihm suchen muss. Böll fragt durch seinen Romantitel im Rückblick auf den 2. Weltkrieg und die NS-Diktatur: Wohin hattest du dich verirrt, Mensch? Wie weit bist du in diesen Jahren abgewichen von deinem eigentlichen, menschlichen Wesen? Der Schriftsteller verdeutlicht diese Verirrung des Menschen durch einzelne Geschichten - Literaturtrümmer, die aber jeweils äußerst sprechend sind.

So erzählt er die Geschichte des Dirigenten Filskeit. Filskeit ist seit seiner frühen Jugend fasziniert vom Chorgesang. Nach seiner eigenen musikalischen Ausbildung hatte er anfänglich mehrere Kirchenchöre geleitet, war dabei aber nicht sehr glücklich gewesen, denn die gesungenen Texte hatten ihm nicht behagt. Er macht dann nach 1933 mit der NSDAP Karriere. Er steigt in der Partei zu ungeahnten Höhen auf und verlässt die graue Alltagsexistenz. Ganze SS-Armeen bildet er gesanglich aus, um ihnen bei Parteitagen und ähnlichen Veranstaltungen ein eindrucksvolles Auftreten zu ermöglichen. So erwirbt sich Filskeit hohe Auszeichnungen durch seine Chorleiter-Fähigkeiten, und er schreibt ein Buch über die Wechselbeziehung von Chor und Rasse, das schnell weit verbreitet wird.
Obwohl der Mann zufrieden sein könnte, fühlt er sich als Kulturschaffender innerhalb der nationalen Bewegung unausgelastet und bewirbt sich um eine Stelle bei der Truppe, möglichst an der Front. Da er aus gesundheitlichen Gründen zum Soldatendienst nicht taugt, bekommt er die Aufgabe, ein KZ in Ungarn zu leiten. Schon bald herrscht in diesem KZ eine Besonderheit: Alle Deportierten müssen, bevor über ihr weiteres Schicksal entschieden wird, beim Lagerkommandanten vorsingen. Wer eine gute Stimme hat und in Filskeits exzellenten Lagerchor passt, der entgeht der Gaskammer. Auf diese Weise verfügt der Kommandant im KZ immer über einen Chor, mit dem er auf höchstem Niveau musizieren kann.
In den letzten Kriegstagen kommt im Lager die jüdische Musiklehrerin Ilona an. Ilona hat eine Zeit lang mit dem Gedanken gespielt, Nonne zu werden, und kennt sich deshalb gut in der Kirchenmusik aus. Weil sie genau weiß, dass im Lager der Tod auf sie wartet, singt sie, als Filskeit sie zum Vorsingen auffordert, eine Allerheiligenlitanei. Schon nach wenigen Tönen ist der Lagerkommandant gefesselt, denn diese Stimme zeigt eine ungeahnte Schönheit, Größe und tiefen Glauben. Sie zeigt im Grunde genau das, was Filskeit in seinem Buch als „rassische Vollendung einer Stimme" beschrieben hat. Und das von einer Jüdin! Filskeit, der bis zu diesem Zeitpunkt selbst noch keinen Menschen umgebracht hat, sondern nur peinlich genau auf die Durchführung der Tötungsbefehle von oben achtete, greift zur Waffe. Mitten im Gesang von Ilona zieht er entsetzt seine Pistole und schießt so lange auf die junge Frau, bis sie nicht mehr singt. Dann reißt er die Fenster seines Büros auf und brüllt auf den Hof: „Umlegen, alle umlegen, auch meinen Chor!"

Was Heinrich Böll da erzählt ist eine schlimme, ja atemberaubende Geschichte. Aber sie zeigt, wohin der Mensch geraten kann. Und dabei geht es nicht einmal so sehr um die blanke und offene Sündhaftigkeit, die in den Morden des Dritten Reiches sichtbar wurde. Nein, Heinrich Böll zeichnet ein sehr feines Bild des Dirigenten und kommt so unserem heutigen Predigttext nahe. Böll beschreibt seine Hauptfigur Filskeit als einen Menschen, der ernsthaft nach hoher Kultur strebt, der das Schöne schaffen will. Aber dort, wo eben dieser Mensch auf wahre Schönheit und Erhabenheit trifft, da kann er nur mit Zerstörung reagieren. Böll zeichnet einen Menschen, der von einer abgründigen und tiefen Zwiespältigkeit geprägt ist. Und diese Zwiespältigkeit ist Folge der Sünde. Diese Zwiespältigkeit verbindet das Streben nach dem Guten mit dem zutiefst Bösen.

Sie ist auch in unserer biblischen Geschichte wiederzufinden. Ausgangspunkt des menschlichen Zwiespalts ist, dass der Mensch wissen will, was gut und was böse ist. Auf den ersten Blick ist das eigentlich großartig, und ich frage mich, ob unsere Welt nicht daran krankt, dass nur noch wenige dies wissen wollen. Friedrich Schiller hat deshalb Adam und Eva gelobt, hat den Griff nach der Erkenntnis des Guten und des Bösen als wahre Aufklärung und Emanzipation des Menschen verstanden. Ohne von Gott abhängig zu sein, kann der Mensch nun selbst seine Taten verantworten. Und Verantwortung übernehmen zu wollen, für das was wir tun - im Guten wie im Bösen -, das ist doch eigentlich lobenswert. Vielleicht hat der Mensch ja mit seinem Streben nach Wissen, mit seinem Wunsch, über gesetzte Grenzen hinauszugehen, etwas Gutes gewollt. Der Philosoph Schelling hat einmal gesagt: „Der reale und lebendige Begriff der Freiheit ist, dass sie ein Vermögen des Guten und des Bösen sei."

Also: Vielleicht wollte der Mensch einfach Freiheit erlangen. Und was soll an der Freiheit Schlimmes sein?
Vielleicht wollte der Mensch sein Leben steigern, wollte über sich hinauswachsen. Und was soll daran verwerflich sein?

Und tatsächlich, der Wunsch des Menschen wird erfüllt: Die Bibel berichtet, wie der Mensch wirklich klüger wird, nachdem er von der verbotenen Frucht gegessen hat, wie er über sich hinauswachsen kann. Adam und Eva lernen sofort etwas! Sie merken, dass sie nackt sind, schämen sich deswegen und machen sich Kleider. Wenn man bedenkt, welch eine wichtige und grundlegende Kulturfähigkeit mit dem Machen von Kleidern erlangt ist, dann merkt man: Ja sie haben tatsächlich Erkenntnis gewonnen.

Doch wieder steht das Negative in direkter Nachbarschaft zu den positiven Erkenntnissen: Weil der Mensch um seine Nacktheit weiß, schämt er sich vor Gott; er muss sich vor ihm verstecken. Und als Gott Adam und Eva zur Rede stellt, da schiebt einer die Schuld auf den anderen. Auch die Beziehung zwischen Mann und Frau ist gestört durch die gewachsene Erkenntnis, nicht nur die Beziehung zu Gott.

Für die Bibel ist das Schlimme an der Sündenfallgeschichte, dass der Mensch sich in ihr übernimmt. Er mutet sich mehr zu, als er tragen kann. Vielleicht hat er ja nur das Gute gewollt, aber das Höchste, was er erlangen konnte, ist eine tiefe Zwiespältigkeit in seinem Wesen. Der Paulus-Text, den wir in der Schriftlesung gehört haben, sagt es deutlich: „Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht."

Selbst wenn der Mensch mit seiner Entscheidung für die Freiheit eine verantwortliche Zuwendung zum Guten gewollt hat, erreicht hat er etwas Böses. Mit seiner Selbstüberschätzung hat er sich entfremdet von seinem Schöpfer, von seinem Lebenspartner und letztlich auch von der Natur. Der Preis für die gesteigerten Fähigkeiten, die der Mensch anstrebte, ist der Bruch aller Beziehungen, die für sein Leben so entscheidend waren. Der Mensch ist ein zwielichtiges Wesen geworden.

Der Theologe Ingolf U. Dalferth hat es in einem seiner Bücher so formuliert: „Der Mensch hat den Ort des gelebten Widerspruches gegen Gottes Liebe gewählt, doch dieser Widerspruch setzt die Liebe Gottes nicht außer Kraft."

Das zeigt sich daran, dass Gott dem verirrten Menschen nachgeht, dass er ihn sucht und ihn wiederfinden will. Nicht die Strafsprüche sind die erste Reaktion Gottes, sondern seine liebevolle Zuwendung auch zu dem, der sich vor ihm versteckt. Und nun schwankt der Mensch wie ein Rohr im Wind zwischen dem Gott, der immer noch nach ihm sucht - das ist die bleibende Seite des Guten in ihm -, und seiner Selbstherrlichkeit, die ihn auf Abwege treibt - das ist die Seite des Bösen. Er ist zwiespältig geworden, trägt einen Janus-Kopf seit der Sündenfallgeschichte und ist so ein unsicherer Kantonist für Gott, für seinen Mitmenschen und für die Erde, auf der er lebt.

II.

Es ist eine Frage, die an dieser Stelle natürlich wichtig wird: Warum ist das alles so geschehen? Wer es sich leicht machen will, der sagt, dass an der Sünde der Teufel schuld ist, denn die Schlage sei ja nur eine Abgesandte des Satans; diese Schlange habe die Menschen verführt. Aber das kann, liest man den Predigttext genau, nicht recht stimmen: Die Schlange wird ausdrücklich als ein Geschöpf Gottes bezeichnet. Und für die hebräischen Schreiber dieses zweiten Schöpfungsberichtes wäre es auch ein undenkbarer Gedanke gewesen, dass ein Wesen zugleich Gott und den Teufel repräsentieren könnte. Außerdem ist nirgends im Text vom Teufel die Rede. Nein, mit der Schlange wird keine Auskunft gegeben über die Herkunft der menschlichen Zwiespältigkeit.

Diejenigen, die genauer gelesen und sich ein paar Gedanken mehr gemacht haben, kommen auf die Idee, dass es an einer göttlichen Vorherbestimmung liege, dass der Mensch zum Sünder wurde. Schließlich hat doch Gott selbst diesen verlockenden Baum der Erkenntnis im Paradies wachsen lassen, und auch die Schlange ist doch Gottes Geschöpf. Wenn Gott in der Geschichte nicht nur Adam und Eva verhört hätte, sondern auch noch die Schlange, hätte sie dann nicht zu ihrer Verteidigung gesagt: „Du, Gott, bist doch selbst schuld, warum hast du auch den Baum der Erkenntnis im Garten Eden wachsen lassen? Hast nicht du gesündigt, als du dem Menschen die Möglichkeit gegeben hast, über sich selbst hinauszugehen?"

Aber auch mit diesem Rückzug auf eine göttliche Vorherbestimmung würde sich der Mensch nur aus der Verantwortung stehlen. Er würde ein übergeordnetes Schicksal für seine Zerrissenheit verantwortlich machen, statt selbst zu jeder einzelnen Tat zu stehen, wie er es ja mit der Erkenntnis des Guten und des Bösen angestrebt hatte. Deshalb fällt auch diese Begründung für die Herkunft der Sünde aus.

Sünde ist weder das Werk des umherschleichenden Satans noch ein göttliches Schicksal, gegen das sich der Mensch nicht wehren konnte. Nein, Ausgangspunkt der Sünde ist die je und je geschehende Tatsache, dass der Mensch sündigt. Diese jeweilige, tatsächlich geschehende Sünde bleibt das Entscheidende. Auf dieser Erkenntnis aufbauend sollten wir weiterdenken, und an ihr sollten wir arbeiten. Die jeweilige einzelne Tat ruft uns dazu, selbst Verantwortung für unser Tun und Lassen zu übernehmen, ohne auf eine Begründung für die Sünde zu verweisen, die außerhalb von uns liegt.

III.

Wenn es also eine Begründung für die Sünde gibt, dann liegt sie in uns, im Menschen selbst. Die Sünde wächst heraus aus unserer immer wieder neu gelebten Beziehungslosigkeit zu Gott. Nur
- weil Gott trotz allem nach uns sucht und diese Suche nicht aufgibt,
- weil er nach uns ruft und sein Ruf immer wieder neu hörbar ist,
- weil er mit uns in Beziehung bleiben will, so ablehnend wir auch handeln,
nur deshalb haben wir auch Momente, in denen durch uns etwas aufleuchtet von Gottes ursprünglichem Willen mit der Schöpfung. Weil Gott uns nicht aufgibt, kann Göttliches aufstrahlen auch in einem Leben, das wir jenseits von Eden führen müssen.

Gleichwohl leben wir, Gottes unablässigem Werben und Suchen zum Trotz, durch tausend kleine Taten anders, als Menschen leben sollten, die von ihrem Schöpfer so hoch geachtet sind. Wir verstecken uns vor Gott, wie Adam und Eva es taten, und das ist Ausdruck dafür, dass wir vor einem intakten Verhältnis zu Gott fliehen. Wer aber das Band zerschneidet, das ihn an den Schöpfer bindet, der verliert auch die Beziehung zu sich selbst. Er schämt sich, wie Adam und Eva es taten, fühlt sich nackt und bloß, obwohl der Mensch, so wie er ist, tatsächlich Gottes Geschöpf ist.

Und nicht nur die Beziehung zu mir selbst geht verloren, auch der Mitmensch wird mir zum Fremden. Wie hatte Adam gejubelt, als Gott ihm Eva an die Seite stellte. Im hebräischen Urtext findet sich ein richtiger Freudenschrei.
Und wie schnell wälzt er Verantwortung ab, als es darum geht, für eine konkrete Tat einzustehen, Schuld und Strafe zu tragen. Wie schnell zeigt er mit ausgerecktem Zeigefinger auf Eva und hofft, damit alles los werden zu können, ohne einen weiteren Gedanken an seine Gefährtin zu verschwenden.

Und mit der Beziehung zum Mitmenschen geht auch die Beziehung zur Erde und zur Natur kaputt. Nur mit Mühe und unter Schweiß, nur im Kampf mit Disteln und Dornen kann sich der Mensch noch von der Erde nähren, von der er doch genommen ist. Er versteht diese Erde nicht mehr, ist beziehungslos zu ihr geworden, obwohl er doch eigentlich zu ihr gehört. Wie anders lässt es sich erklären, dass man um des Profits willen den Golf von Mexiko mit Öl voll laufen lässt oder wider besseres Wissen einen Lebenswandel fortsetzt, der das Klima unserer Erde zerstört?

Schelling, der Philosoph, hat einmal geschrieben, dass aus diesem Bruch des Beziehungsgeflechts, in das Gott den Menschen am Anfang eingefügt hatte, die allem endlichen Leben anklebende Traurigkeit erwachsen sei. ... die allem endlichen Leben anklebende Traurigkeit - für mich ist das eine Formulierung, die viel von dem wiedergibt, was Sünde bedeutet.

Der bleibende Trost, den wir haben, ist, dass Gott mit uns mitgeht, auch hinein in ein Leben, das unter seinem Fluch gelebt werden muss. Er geht mit uns mit in ein Leben, das jenseits von Eden gelebt werden muss. Und er eröffnet uns durch den Tod Christi ein Leben jenseits des endlichen Lebens. Jenes Leben wird nicht mehr von anklebender Traurigkeit geprägt sein, sondern von Freude, Erfüllung und erneuerter Gottesbeziehung.

Amen.



Pfarrer Thomas Oesterle
Schorndorf
E-Mail: ev.pauluski.ost.schorndorf@t-online.de

Bemerkung:
Im Hintergrund der Predigt steht meine Predigtmeditation „... die allem endlichen Leben anklebende Traurigkeit“, erschienen in: Für Arbeit und Besinnung: (a+b) ; Zeitschrift für die Evang. Landeskirche in Württemberg, 53 (1999), S. 82ff.


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