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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Judika, 10.04.2011

Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 22:1-9, verfasst von Wolfgang Winter

 

Vertrauen gegen den Augenschein

I. Liebe Gemeinde,

diese Geschichte lässt wohl niemanden kalt. Ist das wirklich Gott, der einen unmenschlichen Mord am eigenen Kind fordert? Und ist das wirklich die rechte Gottesfurcht, in stummem Gehorsam sich dieser Autorität widerspruchslos zu unterwerfen? Wenn irgendwo, ist dann nicht hier Empörung und Widerstand gerechtfertigt, ja geboten - gegen diesen Gott, gegen diesen Abraham, gegen diese Art von Gottesbeziehung?

Mich erinnert die Prüfung Abrahams an das bekannte Milgram-Experiment. Vor einem halben Jahrhundert wollte der amerikanische Psychologe Stanley Milgram wissen, wie weit Menschen gehen würden in ihrem Gehorsam, wenn er von einer Autorität verlangt würde. Der Versuchsaufbau war einfach. Den Testpersonen wurde gesagt, sie nähmen an einem Lernexperiment teil und sollten dabei die Rolle von Lehrern übernehmen. Man zeigte ihnen im Nebenraum den Schüler, der auf einem Stuhl festgeschnallt war. Nun sollten sie dem Schüler Aufgaben stellen und ihm mit Hilfe eines Apparates Stromstöße versetzen, wenn seine Antworten falsch waren. Schräg hinter ihnen saß der Versuchsleiter.

Die Stromstöße waren anfangs schwach, dann wurden sie nach und nach gesteigert. Immer lauter werdende Schreie im Nebenraum folgten. Der Versuchsleiter versicherte, man brauche sie nicht zu beachten. Alles diene einem wissenschaftlichen Zweck. Er forderte im Gegenteil dazu auf, noch höhere Stromstöße zu verabreichen, auch wenn die Schreie immer verzweifelter wurden und schließlich verstummten. „Sie müssen unbedingt weitermachen", hieß es stereotyp.

Nur etwa ein Drittel der „Lehrer" brachen das Experiment vorzeitig ab. Die übrigen zwei Drittel folgten den Anweisungen bis zum Ende. Was die Versuchspersonen nicht wussten: der Schüler im Nebenraum war Mitglied des Forschungsteams und schauspielerte. Und was sie ebenfalls nicht wussten: nicht das Lernverhalten von Schülern sollte getestet werden, sondern ihre eigene Bereitschaft, um angeblich höherer Ziele willen ihre moralischen Hemmungen aufzugeben - bis hin zur Bereitschaft zu töten. Getestet wurden nicht die anderen, getestet wurden sie selbst. Übrigens gab es im Ergebnis keine Unterschiede zwischen Männern und Frauen, Frommen und nicht Frommen.

Ist auch Gott einer, der von Abraham die Bereitschaft zu töten fordert? Besteht auch Abrahams Bewährung darin, dass er bereit ist, seinen Sohn zu opfern?

So haben Viele diese Geschichte von der Versuchung Abrahams verstanden. Zur gleichen Zeit, als Milgram sein Experiment in den USA machte, begann in Deutschland eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus und der Rolle von Theologie und Kirchen in ihm. Die Unterordnung unter die staatliche Autorität - auch wenn sie Verbrechen forderte - als christliche Haltung wurde nun ebenso in Frage gestellt wie der verbreitete Mangel an Mitgefühl für die Opfer der nationalsozialistischen Politik und das weitgehende Fehlen eines christlich begründeten Widerstandes. Ein einflussreicher Landesbischof schärfte noch kurz vor Ende des Krieges in einem Seelsorge-Rundbrief den Gemeinden ein, allen sei nun von Gott die „ungeheure Aufgabe des alles hingebenden opferfreudigen Einsatzes" gestellt, um das eigene Volk zu bewahren vor dem feindlichen Ansturm. Anlass des Briefes war die Vereidigung des „Volkssturmes" im November 1944, zu dem auch Kinder ab 16 Jahren eingezogen wurden. (Rundbrief August Marahrens, 14.11.1944)

II. Noch einmal : Fordert Gott in der Abraham-Geschichte die Bereitschaft, das eigene Kind zu opfern?

Nein. In einer älteren Schicht der Erzählung geht es offenbar um den Ersatz des Menschenopfers durch das Tieropfer. In Israel waren die Zeiten menschenfreundlicher geworden, Gottes Opferforderung wurde humanisiert: „Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts!" Das war eine gravierende Veränderung im Bereich der Kultpraxis.

In der Erzählung, wie wir sie heute lesen und hören, geht es um etwas anderes, eine Veränderung im Bereich des menschlichen Inneren: nämlich um die Frage, was denn die Beziehung Abrahams zu Gott ausmacht, was sie grundiert und fundiert. Vorweg gesagt: es ist das Vertrauen gegen allen Augenschein.

Im Opfer von Menschen geht es im Kern darum, das eigene Leben zu retten, indem ein anderer Mensch hingegeben wird. Der Untergang des anderen ist die Rettung des Opfernden vor dem Zorn der Gottheit oder vor anderen verfolgenden Mächten. Dieser Mechanismus ist bis heute virulent. In der Abraham-Geschichte geht es umgekehrt um Abraham selbst. Um seine Bereitschaft, sich selbst vorbehaltlos auf Gott einzulassen. Es geht darum, dass er sein vertrautes Verhältnis zu Gott und seine Selbstgewissheit als Träger göttlicher Verheißung aufgeben muss. Gott wird für ihn ein unbegreiflich Fremder: „Nimm deinen Sohn, deinen Einzigen, den du lieb hast, den Isaak, und begib dich in das Land Morija und bringe ihn dort auf einem Berg, den ich dir sagen werde, als Brandopfer dar." Dieser Sohn Isaak ist das nach langem Verzug von Gott geschenkte Kind. Das Kind, das den uralten Eltern Sarah und Abraham verheißen war - gegen alle Wahrscheinlichkeit. Isaak - Inbegriff der Verheißung von Nachkommenschaft und Landnahme. Isaak - Inbegriff von Lebenszuversicht.

Eine ungeheuerliche Zumutung ist das für Abraham - und eine unbegreifliche Rücknahme der Verheißung. „Das ist ein Rätsel, das niemand raten kann, außer dem Heiligen Geist", schreibt Martin Luther in einer Predigt zu dieser Geschichte.

Wie geht es weiter?

Abraham gehorcht. Wortlos. Wir hören nichts von dem, was in ihm vorgehen mag. Geschildert wird nur, dass er sich mit Isaak aufmacht zum vorbestimmten Berg. Die letzte Strecke gehen die beiden allein. Jeder trägt einen Teil der Lasten. „So gingen die beiden miteinander". Schweigend? Bedrückt? Wir hören nicht viel über das, was da vorging in und zwischen ihnen auf dem Weg in die Katastrophe. Die Erzählung ist hier ganz karg, gibt aber gerade so uns Hörenden Raum für eigene Gedanken und Emotionen, lässt uns so die Leerstellen füllen. Was haben die beiden gedacht? Was gefühlt? Angst? Auflehnung? Ergebung? Einmal kommt es zu einem Gespräch. Isaak fragt nach dem fehlenden Schaf zum Brandopfer. Abraham antwortet: „Mein Sohn, Gott wird sich ein Schaf zum Brandopfer ersehen." Auch hier kann man die untergründige Spannung spüren: das schlichte Vertrauen des Sohnes und die Ratlosigkeit des Vaters. Seine Antwort klingt ausweichend. Vielleicht will er den Sohn liebevoll beruhigen? Schonen?

Die Antwort enthält allerdings darüber hinaus einen Überschuss an verzweifelter Hoffnung - kontrafaktisch , gegen allen Augenschein. Abraham weiß ja, im Unterschied zu uns Hörenden, nichts vom rettenden Eingreifen Gottes am Ende. In höchster Bedrängnis wendet er sich an den Gott, der ihm vertraut ist seit der Trennung von Heimat und Verwandtschaft und der auf diesem Wege immer wieder seine Verheißung erneuert hat. Wenn Abraham sich jetzt aber mit seiner Zukunft - mit Isaak - aufgeben muss, dann doch mit einer verzweifelten Hoffnung auf den Gott, der es immer wieder gut mit ihm meinte: „Gott wird sich ein Schaf zum Brandopfer ersehen."

Spät greift Gott dann ein und schickt den Widder zum Brandopfer. Abraham nennt den Platz deswegen: „Gott sieht". Gott sieht aber auch, dass Abraham ihm sein ganzes Leben - Isaak - hingibt. Genauer gesagt: ihm anvertraut. So kann nun auch der Engel Gottes sagen: „Ich weiß jetzt, dass du gottesfürchtig bist, da du deinen Sohn, deinen Einzigen, mir nicht vorenthalten hast".

III. Worin besteht die Bewährung Abrahams? Darin, dass er alles, was sein Leben ausmacht, Gott völlig überlässt - und dies in der ungeheuren Spannung des Nicht-Wissens über das, was am Ende des Weges geschehen wird.

Liebe Gemeinde, auch wir Heutigen müssen manchmal die Erfahrung machen, dass uns vertraute Überzeugungen abhanden kommen. Manchmal zerbricht auch ein bislang selbstverständliches Gottvertrauen und eine selbstverständliche Selbstgewissheit.

Die schrecklichen Katastrophen in Japan sind für Viele eine tiefe Zäsur im Blick auf unseren Umgang mit unserer Umwelt. Alte Gewissheiten werden radikal in Frage gestellt, ohne dass schon tragfähige Alternativen verfügbar sind. Aber auch in unserem privaten Leben können uns größere oder kleinere Krisen treffen, etwa Krisen in der Partnerschaft oder in der Familie. Auch sie fordern uns dann heraus, uns auf den Weg zu machen zu neuer Lebens- und Glaubensgewissheit.

Was können wir für unsere Wege von Abraham lernen? Schauen wir uns noch einmal seinen Weg an. Am Anfang steht ein „Hier bin ich". Eine Bereitschaft, sich anreden zu lassen und auf den Weg zu machen. Natürlich kann man den Anruf auch überhören oder einen anderen schicken: Geh du! Verändere du dich! Abraham geht . Der Weg ist lang und dauert mehrere Tage. Also: Sich Zeit nehmen. Das bisherige Tempo der Lebensführung zurücknehmen, ent-schleunigen. Ich kann damit Zeit gewinnen, auch Raum. Wofür? Zum Beispiel für das Schweigen. Auch auf Abrahams Weg wurde viel geschwiegen. Aus dem Schweigen können dann wichtige Fragen entstehen. Zum Beispiel diese: Worauf ist Verlass? Worauf kann ich hoffen? Was muss ich loslassen? Aber auch: Was wird aus uns?

Allerdings: Antworten sind nicht gleich zur Hand. Oft auch nicht durch angestrengtes Nachdenken und psychische (soziale, politische) Arbeit. Abraham jedenfalls arbeitet nicht, arbeitet sich auch nicht an Gott ab, streitet nicht mit ihm wie Hiob. Er überlässt sich ganz und gar der Sorge Gottes. Arglos mutet diese Haltung an. Und zugleich steckt in ihr das Wagnis, die ungeheure Spannung des Nicht-Wissens zu ertragen und zu warten. Warten lernen auf neue Einsichten. Etwa diese: Unsere Zukunft ist kein verfügbarer Besitz, sondern freies Geschenk Gottes.

Vielleicht würde manches Gespräch, das wir mit anderen Menschen führen, weniger angestrengt verlaufen, wenn wir uns Abraham zum Vorbild nähmen? Vor allem sein Ur-Vertrauen darauf, dass das Wesentliche ohnehin von Gott geschenkt wird.

Hören, Schweigen, Ungewissheit aushalten, Warten, aber auch Sprechen, auf Gott Vertrauen: Das sind keine Handlungsanweisungen, die wir Zug um Zug umsetzen müssten. Eher geht es um so etwas wie eine Haltung. Die hat eine lange Tradition . In der Frühzeit des Christentums hat der in der ägyptischen Wüste lebende Mönch Abbas Poimen sie einmal so beschrieben:

Ein Bruder fragte den Abbas Poimen: „Ist Reden besser als Schweigen?" Der Alte antwortete ihm: „Wer Gottes wegen redet, tut gut daran. Wer Gottes wegen schweigt, tut ebenso gut." (Apophthegmata Patrum 721)

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.



Pastor i.R. Pastoralpsychologe Wolfgang Winter
Göttingen
E-Mail: wolfgang-winter@gmx.de

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