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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Judika, 10.04.2011

Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 22:1-13, verfasst von Anna Henze

 

1. Mose 22 1 Nach diesen Geschichten versuchte Gott Abraham und sprach zu ihm: Abraham! Und er antwortete: Hier bin ich. 2 Und er sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast, und geh hin in das Land Morija und opfere ihn dort zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde.

3 Da stand Abraham früh am Morgen auf und gürtete seinen Esel und nahm mit sich zwei Knechte und seinen Sohn Isaak und spaltete Holz zum Brandopfer, machte sich auf und ging hin an den Ort, von dem ihm Gott gesagt hatte. 4 Am dritten Tage hob Abraham seine Augen auf und sah die Stätte von ferne 5 und sprach zu seinen Knechten: Bleibt ihr hier mit dem Esel. Ich und der Knabe wollen dorthin gehen, und wenn wir angebetet haben, wollen wir wieder zu euch kommen.

6 Und Abraham nahm das Holz zum Brandopfer und legte es auf seinen Sohn Isaak. Er aber nahm das Feuer und das Messer in seine Hand; und gingen die beiden miteinander. 7 Da sprach Isaak zu seinem Vater Abraham: Mein Vater! Abraham antwortete: Hier bin ich, mein Sohn. Und er sprach: Siehe, hier ist Feuer und Holz; wo ist aber das Schaf zum Brandopfer? 8 Abraham antwortete: Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer. Und gingen die beiden miteinander.

9 Und als sie an die Stätte kamen, die ihm Gott gesagt hatte, baute Abraham dort einen Altar und legte das Holz darauf und band seinen Sohn Isaak, legte ihn auf den Altar oben auf das Holz 10 und reckte seine Hand aus und fasste das Messer, dass er seinen Sohn schlachtete.

11 Da rief ihn der Engel des HERRN vom Himmel und sprach: Abraham! Abraham! Er antwortete: Hier bin ich. 12 Er sprach: Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts; denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen.

13 Da hob Abraham seine Augen auf und sah einen Widder hinter sich in der Hecke mit seinen Hörnern hängen und ging hin und nahm den Widder und opferte ihn zum Brandopfer an seines Sohnes statt.

Abgrund

Ein Abgrund. Ein riesiger Abgrund, wie ein Krater eines Vulkans. So, liebe Gemeinde, kommt mir die Geschichte von Abraham und Isaak vor. Die Geschichte, in der Abraham von Gott aufgefordert wird, seinen Sohn zu opfern. Beim Lesen fühlt es sich so an, als ob ich am Rande des Abgrundes entlang gehe. Ich kann hineinspähen und die Tiefe erahnen. Ich gehe ein bisschen weiter, lese ein bisschen weiter, und schaue von einer anderen Stelle in den Abgrund. Es sieht ein bisschen anders aus hier, und fühlt sich anders an, aber es bleibt ein Abgrund. Ich kann mich ihm nähern, aber ich komme nicht bis in seine tiefsten Tiefen. Ich kann die Geschichte lesen, aber ich kann sie nicht in ihrer Tiefe verstehen. Denn die Abgründe des Menschlichen und Göttlichen, die sie erzählt, sind zu tief und bodenlos, als dass ein Mensch sie alle verstehen könnte.

Abgrund Gott

Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast, und opfere ihn zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde, spricht Gott zu Abraham. Und ich stehe am Abgrund. Den einzigen Sohn fordert Gott von Abraham. Den Sohn, auf den Abraham und seine Frau Sarah lange gewartet haben. Den Sohn, der für Abraham und Sarah die Zukunft ist, die Hoffnung, das Leben. Im Prinzip fordert Gott von Abraham, SICH SELBST zu opfern.

Japan Erdbeben und Tsunami

Ich kann das nicht verstehen. Aber ich weiß, dass es so ist. Ich denke an die vielen Menschen in Japan, die durch das Erdbeben und den Tsunami ihre Familien, ihre Häuser, Dörfer und Arbeitsstellen verloren haben. Von diesen Menschen ist alles gefordert worden, ihnen ist alles genommen worden. Die Zukunft, die Hoffnung, das Leben. Diese Menschen haben SICH SELBST verloren. Ob das Gott war, die Natur, das Schicksal... Das spielt gar keine Rolle. Fest steht: das Leben ist so. Es gibt diesen Abgrund im Leben, und es gibt ihn auch in unserem Leben. Es gibt Abschiede, Tage und Wochen der Hoffnungslosigkeit, Angst vor der Zukunft.

Abgrund Abraham

Da stand Abraham früh am Morgen auf und gürtete seinen Esel und nahm mit sich zwei Knechte und seinen Sohn Isaak und spaltete Holz zum Brandopfer, machte sich auf und ging hin an den Ort, von dem ihm Gott gesagt hatte. Wieder schaue ich in einen Abgrund. Gott fordert das Liebste von Abraham, und Abraham ist BEREIT, es ihm zu GEBEN. Es gibt in der Geschichte keinen Hinweis darauf, wie Abraham sich dabei gefühlt hat. Ich gehe davon aus, dass diese gemeinsame Reise mit seinem Sohn die schlimmste Reise seines Lebens ist und er keine andere Möglichkeit sieht, sich gezwungen fühlt. Trotzdem stößt sein Verhalten mich ab. Abraham sollte sich auflehnen, kämpfen. Seinen Sohn nehmen und fliehen. Er tut es nicht. Er versucht noch nicht einmal, Gott umzustimmen.

Nigeria

Ich kann das nicht verstehen. Aber ich weiß, dass es auch heute noch Mütter und Väter gibt, die sich gezwungen sehen, ihre Kinder zu opfern. In manchen Gegenden von Nigeria treten selbsternannte Prediger auf, die Eltern einreden, ihr Kind sei vom Teufel besessen. Das Kind sei Schuld an Unglücksfällen in der Familie, an Krankheiten im Dorf. Zunächst versuchen die Prediger, die Liebe der Eltern zu ihrem Kind auszunutzen. Sie lassen sich von den Eltern für alle möglichen Arten der Teufelsaustreibungen bezahlen. Schnell entwickelt sich daraus eine Eigendynamik. Es gibt immer irgend etwas, wofür ein einmal beschuldigtes Kind erneut verantwortlich gemacht werden kann. Nicht selten werden Kinder in der nächst gelegenen Großstadt ausgesetzt. Oder sie werden von Männern aus der Dorfgemeinschaft oder den eigenen Eltern getötet.

Abgrund Isaak

Da sprach Isaak zu seinem Vater Abraham: Mein Vater! Abraham antwortete: Hier bin ich, mein Sohn. Und er sprach: Siehe, hier ist Feuer und Holz; wo ist aber das Schaf zum Brandopfer? Ich bin weiter um den Abgrund gewandert und schaue aus einer anderen Perspektive hinein: Eine diffuse Angst spüre ich, wenn ich versuche, mich in den Jungen Isaak hinein zu versetzen. Ein Ausflug mit dem Vater. An sich ein Grund zur Freude. Aber Abraham ist angespannt und verhält sich anders als sonst. Wann beginnt Isaak zu ahnen, was sein Vater vor hat? Als er das fehlende Brandopfer bemerkt? Vielleicht noch nicht, denn er vertraut seinem Vater. Aber er spürt auch die Angst seines Vaters. Wie muss er sich gefühlt haben, als Abraham das Messer über ihm erhob?

Angst

Ich kann das nicht nachfühlen. Aber ich weiß, dass es viele Kinder gibt, die in ständiger Angst vor ihrem Vater oder ihrer Mutter leben. Weil sie nicht wissen, wann der Mensch, der sie eigentlich liebt, den sie lieben und auf den sie angewiesen sind, sich das nächste Mal nicht unter Kontrolle hat. Wenn der Alkohol oder die Drogen die Kontrolle übernommen haben. Auch diese Kinder können ihrem Vater oder ihrer Mutter nicht vorbehaltlos vertrauen. Denn die schützende, heile Elternliebe wird sozusagen "ausgesetzt" - sie ist sicherlich nicht weg, aber sie funktioniert für einen bestimmten Zeitraum nicht richtig.

Liebe

Ich habe jetzt von verschiedenen Stellen aus in den Abgrund der Geschichte von Abraham und Isaak geschaut. Ich glaube zu erahnen, was das Wesen dieses Abgrunds ist: die Liebe, dieses heilste aller Gefühle, die Liebe Gottes zu den Menschen, die Liebe eines Vaters zu seinem Kind - sie ist in diesem Text nicht heil. Sie ist kaputt. Sie funktioniert nicht. Und dadurch wird bei allen beteiligten Menschen unsagbares Leid ausgelöst. Bei Abraham und Isaak. Bei den Menschen in Japan, bei den Kindern uns Eltern in Nigeria. Bei den Kindern suchtkranker Eltern.

Gefühle am Abgrund

Die Blicke in den Abgrund dieser Geschichte lösen starke Gefühle aus. Zum einen ist da Wut. Wut darüber, dass viele Menschen - selbst die schwächsten, die unschuldigsten - untragbares Leid tragen müssen. Wut über die Ungerechtigkeit: dass das Leben für das eine Menschenkind fröhliche Geborgenheit bereit hält, für das andere einfach nur eine ungeheuerliche Zumutung ist. Zum anderen ist da Dankbarkeit: den meisten Menschen in meiner Umgebung und auch mir selbst geht es verhältnismäßig sehr, sehr gut.

Blick in den Abgrund

Liebe Gemeinde,

Sie haben jetzt mit mit zusammen verschiedene Blicke in den Abgrund ertragen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Geschichte von Abraham und Isaak zu entschärfen: ich könnte ihnen erklären, dass zur Zeit des Alten Testaments es durchaus üblich war, den Erstgeborenen der Gottheit zu opfern. Dieser Text erklärt, dass der Gott Abrahams keine Menschenopfer möchte - denn Abraham muss Isaak ja am Ende doch nicht opfern. Ich könnte Abraham dafür loben, dass sein Glaube und sein Gehorsam gegenüber Gott so stark sind, dass er sogar bereit ist, seinen Sohn zu opfern. Aber Abraham als Glaubensvorbild hinzustellen widerstrebt mir - denn das lässt ihn als Glaubenfanatiker da stehen. Und fanatischer Glaube ist nichts, was ich loben kann. Oder ich könnte uns allen ein schlechtes Gewissen machen. Indem ich aufzähle, was wir - denen es doch so gut geht - alles tun könnten, sollten und müssten für die Menschen, denen es nicht gut geht.

Aber das alles möchte ich nicht tun. Denn das alles würde den Abgrund verkleinern, verschmälern, zuschütten. Den Abgrund, die Abgründe, die es im Leben, in jedem Leben gibt, werden uns in dieser grausamen Geschichte vor Augen geführt. Vielleicht ist genau das der Grund, warum sie aufgeschrieben wurde. Und deshalb bleibe ich am Abgrund stehen - für heute.

Ende der Geschichte

Oder sagen wir, ich bleibe am Abgrund, trete aber ein paar Schritte zurück. Da rief ihn der Engel des HERRN vom Himmel und sprach: Abraham! Abraham! Er antwortete: Hier bin ich. 12 Er sprach: Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts; denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen.

Am Ende muss Abraham seinen Sohn doch nicht töten - das Ganze war nur eine Art Prüfung durch Gott. Das Happy End ist eine Erleichterung. Ein paar Schritte zurück in Richtung Abgrund treibt es mich allerdings, wenn ich höre, wie Gott Abraham lobt: dafür dass er bereit, war, seinen Sohn zu geben - das ist ein weiterer Abgrund, ein Abgrund des Göttlichen diesmal. Noch etwas, das ich nicht verstehe. Aber: es gibt doch etwas, das den Blick in den Abgrund ein wenig erträglicher macht: am Ende fordert Gott nicht von Abraham, seinen Sohn, seine Zukunft, seine Hoffnung, sich selbst zu opfern. Egal, in welche Abgründe ich blicke oder sogar hineinstürze - niemals soll ich mich selbst aufgeben. Immer bleibt ein Stück Hoffnung - und mag es noch so winzig sein. Der Mann, der in Nigeria ein Kinderheim eingerichtet hat für die Jungen und Mädchen, die in Gefahr sind, von ihren Familien ermordet zu werden - und dafür seinerseits Morddrohungen erhält. Die vielen Menschen in Japan, die trotz allem damit beginnen, ihre Dörfer wieder aufzubauen. Niemals - auch nicht unten im Abgrund - soll ich mich selbst aufgeben, sollen wir Menschen uns selbst aufgeben. Und nicht nur das: Gott gibt uns uns auch die Fähigkeit dazu! Die Fähigkeit zu hoffen, zu kämpfen, von vorn anzufangen. Trotz aller Abgründe. Das Leben ist stärker.

Ausblick auf Karfreitag

Wir Menschen sollen uns nicht selbst opfern. Und wir Christen glauben: das müssen wir nicht, denn Gott hat sich selbst geopfert. Er hat den Schmerz, die Verlassenheit, die Angst ertragen, die wir alle im Leben erfahren. Gott hat uns nicht nur die Fähigkeit gegeben, aus dem Abgrund wieder rauszuklettern. Gott ist mit uns in den Abgrund hinunter gegangen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, Amen.

 



Pastorin Anna Henze
Hamburg-Niendorf
E-Mail: anna_ellie@yahoo.de

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