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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Judika, 10.04.2011

Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 22:1-13, verfasst von Michael Ebener

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus

und die Liebe Gottes

und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

 

Tathergang - Genesis 22, 1-13

Nach diesen Geschichten versuchte Gott Abraham und sprach zu ihm: Abraham! Und er antwortete: Hier bin ich.

Und er sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast, und geh hin in das Land Morija und opfere ihn dort zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde.

Da stand Abraham früh am Morgen auf und gürtete seinen Esel und nahm mit sich zwei Knechte und seinen Sohn Isaak und spaltete Holz zum Brandopfer, machte sich auf und ging hin an den Ort, von dem ihm Gott gesagt hatte. Am dritten Tage hob Abraham seine Augen auf und sah die Stätte von ferne und sprach zu seinen Knechten: Bleibt ihr hier mit dem Esel. Ich und der Knabe wollen dorthin gehen, und wenn wir angebetet haben, wollen wir wieder zu euch kommen.

Und Abraham nahm das Holz zum Brandopfer und legte es auf seinen Sohn Isaak. Er aber nahm das Feuer und das Messer in seine Hand; und gingen die beiden miteinander. Da sprach Isaak zu seinem Vater Abraham: Mein Vater! Abraham antwortete: Hier bin ich, mein Sohn. Und er sprach: Siehe, hier ist Feuer und Holz; wo ist aber das Schaf zum Brandopfer? Abraham antwortete: Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer. Und gingen die beiden miteinander.

Und als sie an die Stätte kamen, die ihm Gott gesagt hatte, baute Abraham dort einen Altar und legte das Holz darauf und band seinen Sohn Isaak, legte ihn auf den Altar oben auf das Holz und reckte seine Hand aus und fasste das Messer, dass er seinen Sohn schlachtete.

Da rief ihn der Engel des HERRN vom Himmel und sprach: Abraham! Abraham! Er antwortete: Hier bin ich. Er sprach: Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts; denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen.

Da hob Abraham seine Augen auf und sah einen Widder hinter sich in der Hecke mit seinen Hörnern hängen und ging hin und nahm den Widder und opferte ihn zum Brandopfer an seines Sohnes statt.

Anwaltliches Schreiben - AZ 2011.0410/1

Sehr geehrter Herr,

mein Mandant, Herr Isaak ben Sara, hat mich beauftragt, ihn in oben bezeichneter Angelegenheit juristisch zu vertreten.

Aufgrund der Minderjährigkeit meines Mandanten ist mir vom zuständigen Jugendamt die Vormundschaft übertragen worden. Wegen akuter Kindeswohlgefährdung wurde zudem eine Inobhutnahme veranlasst. Ihr Einverständnis ist nicht von Nöten.

Mein Mandant ist seit den bekannten Vorgängen schwer traumatisiert. Das endgültige Ergebnis der psychologischen Untersuchung steht noch aus, aber es ist damit zu rechnen, dass seine Seele bleibend Schaden genommen hat. Allein Sie haben dies zu verantworten!

Der Tathergang lässt ahnen, wie gewissenlos Sie Ihre Machtposition als Familienoberhaupt und Vater ausgenutzt haben. Sie haben das noch ganz kindliche Vertrauen meines Mandanten schwer missbraucht, und es muss in Zweifel gezogen werden, ob er nun eigenen Kindern je als gleichmäßig zugewandter Vater begegnen kann.

Während des ganzen dreitägigen Herganges haben Sie meinen Mandanten über Ihr eigentliches Vorhaben im Ungewissen gelassen und ihm stattdessen vermittelt, er sei von seinem liebenden Vater zur Mithilfe bei einer besonderen religiösen Pflicht ausersehen worden. Anfragen meines Mandanten, die zur Klärung und zum Abbruch der Unternehmung hätten führen müssen, haben Sie mit vagen Ausflüchten beschwichtigt. Auch haben Sie durch wissentliche Falschaussagen verhindert, dass Ihre beiden logistischen Mitarbeiter in den Tatablauf eingreifen konnten.

Am Tatort banden Sie meinen Mandanten in einem besonderen Akt körperlicher und seelischer Grausamkeit auf den von Ihnen eigens zu diesem Zweck errichteten „Altar" und traktierten ihn unter Gefährdung von Leib und Leben mit einer Klinge. Mein Mandant erduldete all dieses schier fassungslos und vollkommen bewegungsunfähig.

Auf Empfehlung hin hat mein Mandant nun auch bei der zuständigen Staatsanwaltschaft Anzeige erstattet. Nach Abschluss der Ermittlungen, die momentan unter Einsichtnahme der schriftlichen Quellen (Q/Genesis 22, 1-13) geführt werden, rechnen Sie mit gerichtlicher Vorladung! Ich weise darauf hin, dass bei Nichterscheinen Zwangsmittel drohen.

Von Ihrer Seite ist bis auf weiteres jegliche Kontaktaufnahme verbeten.

Mit Gruß.

 

Erster Brief des Vaters

Mein lieber Sohn,

ich habe keine Adresse als die Deines Anwalts. Vielleicht ist das gut so. Du willst mich nicht sehen, du willst nicht mit mir sprechen. Ich verstehe das und schreibe Dir trotzdem.

Auch zwischen Deiner Mutter und mir ist seitdem kein Wort gesprochen worden. Die Stille schlägt einen tot. Aber ich bin sicher, sie ist Dir im Herzen nahe und lässt Dich grüßen mit tausend Küssen.

Unsere Familie existiert nicht mehr, und das ist meine Schuld.

Ja, ich habe alles getan, was der Anwalt mir vorwirft!

Wenn es zum Prozess kommt, werde ich mich nicht verteidigen. Ich werde auch nichts abstreiten: Ja, ich habe es getan. Schlimmer: Ich hätte es getan - auch das, was noch ausstand. Wo ich dies schreibe, zittert meine Hand.

Ich gebe alles vor Dir zu.

Ich weiß nicht, ob Dir das hilft.

Aber es darf keine Ausflüchte geben. Allein die Donnerstimme hat das Allerschlimmste noch verhindert: Deine starroffenen Augen, dein geöffneter Mund ... - ich kenne mich selbst nicht.

Ich kann Dich nicht einmal um Vergebung bitten, denn jedes Urteil würde meine Schuld ermessen und damit mildern. Für den Rest meines Lebens wollte ich eingesperrt sein, wenn es zwischen uns wieder gut wäre!

Wenn Du mich fragen würdest, warum ich es getan habe - Ja, wenn Du mich doch fragen würdest! -, dann würde ich Dir von GOtt erzählen, aber anders als bisher, abends am Feuer.

Mein ganzes Leben bin ich Gott gefolgt. Ich war folgsam. Oh, ja!

Ich war IHM näher als Euch beiden, Deiner Mutter und Dir. Näher auch als Deinem Bruder Ismael. Ich weiß nicht einmal, ob mir das vorzuwerfen ist - so war es einfach.

GOtt hat für mich gesprochen. Immer.

Vielleicht habe ich irgendwann seine Stimme nicht mehr richtig gehört. In der Stille unserer Wüste kann es laut sein! Vielleicht habe ich ihn irgendwann nicht mehr richtig verstanden, als es uns immer besser ging und ich in meiner Rolle als Anführer unserer Sippe ganz aufging. Macht macht etwas mit einem! Vielleicht ist ER aber auch einfach ganz anders, als ich ihn mir vorstellte. Vielleicht ist GOtt in sich selbst so zerrissen, wie ich jetzt. Und ER spielt mit uns. Oder ER streitet mit sich selbst: Mit seiner Allmacht gegen seine Allgüte.

Entschuldige, ich theologisiere, und das wird unser Drama nicht retten.

Aber diese Stimme, dieser Widder, die waren auch da! - Woher? Vielleicht kommt GOtt irgendwann dahin, dass die Allgüte siegt. Sollen sich kluge Leute darüber Gedanken machen! Ich werde trotzdem an IHN glauben. Immer. Ich kann nicht anders. Vielleicht wird wenigstens das mir irgendwann zur Gerechtigkeit angerechnet.

GOtt hat mich auf meinen Wegen immer freundlich geleitet. Und ER war auch bei Deiner Mutter: Was hat sie sich gefreut - was hat sie gelacht, als Du auf die Welt kamst und unser Leben doch noch ein Ziel fand!

Nur bei unserem Gang auf diesen Berg, da war ER wie verdunkelt. Warum?

Auf GOttes Wort hin bin ich damals mit Deiner Mutter von zu Hause aufgebrochen. Auch zwischen mir und meinem Vater ist danach kein Wort mehr gesprochen worden.

Wir Menschen leben in Kreisen.

Ach, mein Sohn ...

Dein Vater.

 

Zweiter Brief des Vaters

Über Anwaltskanzlei.

Isaak ben Sara,

bald möglichst zuzuleiten.

 

Mein lieber Sohn,

Mutter ist tot.

Wir haben nicht mehr miteinander gesprochen.

Ich habe sie beklagt und beweint. Nun habe ich keine Tränen mehr.

Ich habe einen Acker in Machpela gekauft, östlich von Mamre. Da ist eine Höhle, da sind Bäume. Es ist ein guter Ort.

Wenn Du kannst, geh‘ hin.

Dein Vater.

 

Dritter Brief des Vaters

Mein lieber Sohn,

ich habe die Vorladung zum Prozess erhalten.

Zum ersten Mal in meinem Leben spreche nicht ich Recht, sondern über mich wird Recht gesprochen. Aber es ist gut so. Ich werde da sein. Ich weiß nicht, ob ich mir wünschen soll, dich wenigstens dort zu sehen. Das ist kein Ort!

Alles, was an mir ist, Dir den Gang und die Aussage vor Gericht zu ersparen, werde ich tun.

Richte das Deinem Anwalt aus!

Ich werde Dir nicht mehr schreiben, bis Du vielleicht eines Tages von Dir aus mit mir sprechen willst. Dann werde ich da sein.

Falls ich dann schon tot bin, wird mich deine Stimme aus den Toten rufen und ich werde auch da sein. Immer, hörst Du - immer, wenn Du das willst!

Ich kann nichts ungeschehen machen - sooft ich das wollte, sooft ich nachts hochschrecke und für einen Augenblick denken darf: Das alles ist nur ein böser Traum, und Du schläfst hinten im Zelt auf dem Lager, wie früher. Aber es ist nicht wie früher. Es ist geschehen und nichts kann es zwischen uns so machen, wie es war.

Ich muss das verantworten - nicht Du.

Nie Du, hörst Du!

Sei Deinen eigenen Söhnen ein besserer Vater, als ich es Dir gewesen bin!

Höre auf keine Stimme, von niemandem. Höre nur, was in Dir ist, wenn Du Dein neugeborenes Kind das erste Mal im Arm hältst. Das allein ist die Stimme, die zählt. Sie wird Dir einen besseren Weg weisen, als ich ihn mit Dir gegangen bin.

Und der Friede GOttes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre deinen Sinn und dein Herz! Der Friede dieses GOttes, an den ich glaube wie an ein Wiedersehen mit Dir, bewahre auch meinen Sinn und mein Herz, beides Dir ganz zugetan und beides ganz zerbrochen.

Dein Vater.

Epilog - Genesis 25, 8-10

Und Abraham verschied und starb in einem gutem Alter, als er alt und lebenssatt war, und wurde zu seinen Vätern versammelt.

Und es begruben ihn seine Söhne Isaak und Ismael - Isaak und Ismael, seine Söhne, beide! -in der Höhle von Machpela auf dem Acker Efrons, des Sohnes Zohars, des Hetiters, die da liegt östlich von Mamre auf dem Felde, das Abraham von den Hetitern gekauft hatte.

Da ist Abraham begraben mit Sara, seiner Frau.

Amen.



Pastor Michael Ebener
Göttingen
E-Mail: michael.ebener@refo-goettingen.de

Bemerkung:
Musikalischer Nachklang: Leonard Cohen, The Story of Isaac



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