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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Judika, 10.04.2011

Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 22:1-14a, verfasst von Anita Christians-Albrecht

 

„Wie können Sie an einen Gott glauben, der elend am Kreuz gestorben ist? Das kann doch nicht Gott sein!" Diese Frage ist unserer ehemaligen Bischöfin Margot Käßmann einmal von Schüler gestellt worden.1 Und diese Frage stellt sich auch uns immer wieder neu. Vor allem jetzt, in der Passionszeit, in der wir uns an Jesu Leiden erinnern und versuchen, unsere Augen vor all dem Leiden in unserer Welt nicht zu verschließen.

Wie kommt es, dass wir Christen unsere Hoffnung auf einen Mann setzen, der offensichtlich gescheitert ist und diesen Versager sogar für den Sohn Gottes und den Überwinder des Todes halten? Und wie soll man in einer Welt, die von einer Katastrophe nach der anderen gebeutelt wird, in der Gewalt und Zerstörung an der Tagesordnung sind, überhaupt noch an Gott glauben.

‚Ich glaube dir!" - das heißt schon im zwischenmenschlichen Bereich: Ich vertraue darauf, dass du meinst, was du sagst und dass du tust, was du ankündigst, auch wenn ich dafür keine Garantie habe.

„Ich glaube an Gott!" - das heißt dann: Ich vertraue Gott, das er es wirklich gut meint mit uns, obwohl in meiner Gegenwart vieles dagegen spricht. Luther hat einmal gesagt: Glauben heißt, Gott für einen ehrlichen Mann halten.

Unsere Bibel ist voller Geschichten von Menschen, die Gottes Verheißungen trauen. Diese Geschichten erzählen aber auch, dass es nicht immer leicht ist, an diesem Glauben festzuhalten. Davon erzählt unser Predigttext für heute.2  

Sechsmal soll Sara laut geschrien und dann tot umgefallen sein, als sie von ihrem Sohn Isaak erfährt, was passiert ist. So wird es in einer spätjüdischen Überlieferung3 erzählt. Und jeder von uns kann sie verstehen.

Schlimm genug, wenn Mütter und Väter Kinder verlieren, durch Unfall oder Krankheit, durch einen Krieg oder jetzt in Japan, wo unzählige Eltern um ihre Söhne und Töchter trauern und oft nicht einmal wissen, wo sie geblieben sind. Schlimm genug. Unvorstellbar aber, wenn Kinder umkommen durch die Hand ihrer eigenen Eltern.

Ja, so unerträglich ist diese Geschichte und so grausam, dass einige Theologen sie am liebsten „auf dem Sondermüll der Predigtgeschichte entsorgen"4 würden.

Und wie bei einem spannenden Roman oder einem atemberaubenden Krimi ist man versucht, zwischendurch mal schnell auf die letzte Seite zu blättern und nachzusehen, wie es ausgeht. Ja, es geht gut aus. Nein, Abraham soll kein Blut vergießen. Er soll nicht über Leichen gehen, bloß weil er darin Gottes Willen sieht. In letzter Sekunde schickt Gott einen Engel. Zuletzt bleibt Gott sich und seiner Zusage treu. Aber, was soll das Ganze dann? Was ist das für ein Vater, der aus Gehorsam zu seinem Gott bereit ist, seinen einzigen Sohn zu opfern. Heutzutage würde jemand, der das behauptet, ganz schnell in der Psychiatrie landen.

Vor allem aber: Was ist das für ein Gott, der fordert, dass man einen geliebten Menschen umbringt? Ist Gott ein willkürlicher Tyrann, der mit uns und der Welt macht, was ihm gerade einfällt?

Für den Philosophen Immanuel Kant ist die Sache ganz klar: „Dass ich meinen guten Sohn nicht töte, das ist sicher", hätte Abraham antworten müssen. „Aber dass du Gott bist, das kann ich nicht glauben." Und das leuchtet auch uns ein. Auf einen solchen Gott können wir verzichten.

Nicht nur Kant, sondern auch viele andere kluge Köpfe haben sich Gedanken gemacht, was diese Geschichte soll und warum sie überhaupt in der Bibel steht. Viele sehen den ursprünglichen Sinn darin, dass es hier um eine Absage an das Kinderopfer gehe, das die alten kanaanitischen Götter noch verlangt haben und das der Gott Israels nun ablehnt und durch Tieropfer ersetzt. 5 Das ist eine interessante Perspektive, hilft aber nicht wirklich weiter.

Eine Erklärung finde ich in den sechs Worten des ersten Satzes: Nach diesen Ereignissen versuchte Gott Abraham.

Nach diesen Ereignissen' - das heißt doch: Das, was hier passiert, hat eine Vorgeschichte. Abraham hatte auch vorher schon Erfahrungen mit ihm gemacht.

Und so ist es ja auch: Gott und Abraham sind schon einen langen Weg miteinander gegangen. Es fängt damit an, dass Gott Abraham auffordert, seine Heimat zu verlassen. Er, Gott, werde ihm ein neues Land geben und ihn zu einem großen Volk machen. Allein auf diese Zusage hin, ohne die geringste Garantie, macht Abraham sich auf den Weg. Und lange Zeit scheint Gott seinen Teil der Abmachung nicht zu erfüllen. Abraham und Sara werden älter und älter und der Nachwuchs lässt auf sich warten. Nach menschlichem Ermessen kann man mit einer Schwangerschaft mittlerweile nicht mehr rechnen. Sicherheitshalber hat Abraham schon einen Sohn mit der Magd gezeugt. Aber dann erfüllt Gott sein Versprechen doch: Isaak wird geboren und der Verheißung, dass Abraham so viele Nachkommen habe wird wie Sterne am Himmel stehen, steht nichts mehr im Wege. Abraham hat Erfahrungen mit Gott gemacht; er hat erlebt, dass Vertrauen sich lohnt und Gott am Ende alles gut macht. Aber jetzt?

Jetzt scheint Gott sich auf einmal gegen seine eigene Verheißung zu stellen: Wie kann Abraham der Stammvater eines großen Volkes werden, wenn er Isaak töten soll? Wenn auf einmal seine ganze Zukunft, sein ganzer Lebenssinn auf dem Spiel steht? Für Abraham ist das alles zum Verzweifeln.

Für Abraham wird es ernst. So wie es bei uns ja auch oft genug ernst wird. Und das ist auch der Grund, warum die Geschichte in der Bibel steht und auf die Kanzel gehört: Sie macht deutlich, was Glauben heißt: Unser Glauben ist kein Spaß, er kann uns auch zu Boden werfen und uns in tiefe Verzweiflung stürzen. Es ist nicht einfach, gegen allen Anschein an Gott und seiner Zusage festzuhalten.

Und doch nimmt Abraham Gott beim Wort. Und doch hält er Gott für einen ehrlichen Mann. Obwohl Gott ihn dazu überhaupt keinen Grund gibt. Drei Tage ist er unterwegs, drei Tage voller Angst und Qual und ohne Antwort auf seine Fragen.

Als Abrahams Söhne und Töchter haben sich vor allem unsere jüdischen Glaubensgeschwister immer wieder verstanden. Ein eindrückliches Beispiel, was ein solcher Glaube bedeutet, findet sich in dem, was ein Juden im Warschauer Ghetto mitten in seinem Elend an eine Mauer geschrieben hat:

Ich glaube an die Sonne, auch wenn ich sie nicht sehe!
Ich glaube an die Liebe, auch wenn ich sie nicht spüre!
Ich glaube an Gerechtigkeit, auch wenn ich nur Ungerechtigkeit sehe!
Ich vertraue auf Gott, auch wenn ich ihn nicht begreife!

Oder bei den Juden in Auschwitz, die verzweifelt geklagt und gebetet, ihrer Glauben aber nicht aufgegeben haben: „Manchmal", erzählt einer, „diente uns eine ausgehöhlte und mit Margarine gefüllte Kartoffel, mit einem Docht aus Lumpen versehen, als Sabbat-Kerze."

Und wir? Wenn es bei uns ernst wird?

Wenn ein Kind stirbt, auf das die Eltern alle Hoffnung gesetzt haben? Wenn Zukunftsträume zerbrechen? Wenn wir uns das ganze Elend in Japan vor Augen führen? Können wir auch dann noch an Gott glauben, wenn es so aussieht, als ob er uns alles nehmen will?

Ich denke an eine Frau, deren Sohn mit 13 Jahren an Leukämie starb. Sie, die bislang sogar im Kirchenvorstand mitgearbeitet hatte, konnte es nicht fassen. Wie konnte Gott das zulassen? 8 Jahre hat sie keine Kirche mehr betreten.

So viele Menschen erleben Gott als grausam und ungerecht und es fällt ihnen schwer, an den menschenfreundlichen Gott zu glauben, der die Fäden unseres Lebens in seiner Hand hält.


Ja, liebe Gemeinde, das erzählt unsere Geschichte: Ein Mensch wird an seine Grenzen geführt. Und er muss sich entscheiden: Vertraue ich Gott auch gegen den Augenschein? Erwarte ich immer noch, dass er alles zu einem guten Ende bringt?

Oder gebe ich meinen Glauben auf?

Abraham hofft mitten in seiner Verzweiflung: Wenn wir angebetet haben, werden wir wieder zu euch kommen.", sagt er zu den Knechten; „Gott selbst wird schon für das Schaf zum Brandopfer sorgen" erklärt er seinem Sohn. „Abraham ist der Vater des Glaubens" schriebt Paulus später im Römerbrief „Er hat geglaubt auf Hoffnung, wo nichts zu hoffen war".

Jahrhunderte später hat Gott seinen Sohn nicht gerettet. Er hat ihn ans Kreuz gehen lassen. Drei Tage später aber hat er ihm neues Leben geschenkt. Er hat an ihm sichtbar gemacht, dass der Tod nicht das letzte Wort über unser Leben behalten soll. Auch dafür haben wir keine Garantie, keine Versicherung. Aber wir haben - genau wie Abraham - Erfahrungen mit diesem Gott. Wir wissen, dass uns der Glaube daran frei macht, auch von der größten Angst, die wir Menschen haben, der vor dem Tod.

Am Ende nennt Abraham den Ort, an dem er dies alles erleben musste, ‚Gott sieht'. Warum dieser Name? Vielleicht hat Abraham erkannt, dass Gott ihn auf dem ganzen langen Weg nicht einen Augenblick aus den Augen verloren hat. Er selbst hat Gott nicht mehr verstanden. Aber Gott war trotzdem da. „Als ginge der Herr einen Augenblick hinaus und ließe dich allein", hat Luther einmal gesagt. So fühlt sich ein Mensch in einer tiefen Krise. Aber „Gott sieht durchs Fenster". Amen

 



Pastorin Anita Christians-Albrecht
Burgdorf
E-Mail: Anita.Christians-Albrecht@t-online.de

Bemerkung:
1. Predigt im Berliner Dom am 4. Juli 2010
2. An dieser Stelle entweder Textlesung oder Hinweis auf eine vorher erfolgte Lesung von 1. Mose 22, 1-14a
3. Midrasch
4. D. Hoof, Opfer-Engel-Menschkind, Bochum 1999, S.60
5. Begründet auch durch den Wechsel in den Gottesnamen: „Elohim“ bis zum Auftreten des Engels, danach „Jahwe“.



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