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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Osternacht, 23.04.2011

Predigt zu Jesaja 26:13-14 (15-18) 19, verfasst von Friedrich Seven


Liebe Gemeinde,

dieses prophetische Wort will noch nicht die Osterbotschaft sein, auch wenn an seinem Rand von der Auferstehung die Rede ist. In seiner Mitte bleibt der Text ganz im Dunkeln und macht - wie schon bei seiner Übersetzung, so auch bei seiner geschichtlichen Einordnung - große Schwierigkeiten.

Das vor Schmerz sich windende Volk Israel wendet sich klagend auf einem Gräberfeld an Gott, von dem allein es neues Leben erwartet. Das Klagelied ist die Kehrseite der Hoffnung, Gott möge sich jetzt, nach einer langen Zeit der Not, wieder als der erweisen, der die Not tilgt und das Volk nach einer Phase des Exils und der Heimatlosigkeit erneut mit Leben erfüllt.

Wenn dieses Klagelied auch alt ist, das Hoffen wird nie veralten. So hoffen sicher viele unter uns, es möge sich doch endlich abzeichnen, dass die Katastrophe in Fukushima durch den Einsatz der vor Ort agierenden Rettungskräfte beigelegt werden kann. Die Hoffnung, es werde sich schließlich doch herausstellen, dass wir noch einmal davongekommen sind, hält sich trotz und mit jeder neuen Nachricht von den wenig erfolgreichen oder gar erfolglosen Schritten zur Bewältigung oder wenigstens zur Eindämmung der Gefahren.

Immer mehr gerät damit aus dem Blickfeld, wie fortgeschritten die Gefährdung schon ist und welche langen Zeiträume von den Verantwortlichen selbst dafür ins Auge gefasst werden, dass die Katastrophe beherrschbar werden könnte. Inzwischen aber sind die Nachrichten so weit auf die hinteren Seiten unserer Zeitungen und auf die letzten Minuten der Nachrichtensendungen zurückgefallen, dass der Schrecken uns nur noch in ganz kleinen Dosen erreicht. Die Macht der Gewohnheit breitet sich aus. Wer schaut schon auf die Seite sechs oder ist noch ganz aufmerksam am Ende des Nachrichtenblocks der Tagesschau? Unser Hoffen hat sich darauf reduziert, die Gefahr möge uns so fern bleiben, wie die Nachrichten von ihr ausbleiben.

Schon längst hat sich unser Hoffen wieder an solche Veränderungen geheftet, die mit spektakulären Bildern von Demonstrationen und Kundgebungen und mit den Nachrichten von wichtigen politischen Veränderungen in autoritären Staaten einhergehen. Leider herrschen nicht in allen diesen Ländern ägyptische Verhältnisse. Die Hoffnung auf eine Besserung wird um so problematischer, je deutlicher die notwendige Veränderung nur durch den massiven Einsatz militärischer Gewalt erreichbar erscheint.

Die beiden gerade hinter uns liegenden Landtagswahlen haben uns in der Hoffnung bestärkt, dass die Rechte bei uns nicht auf dem Vormarsch ist. Ein verlässlicher Eindruck? Die Entwicklung in anderen europäischen Ländern, wo sich, wenn auch nicht die extreme Rechte, so doch fremdenfeindliches Reden und Handeln auf breiter Front und mit dem Anspruch auf Öffentlichkeit durchsetzt, können wir nicht übersehen. Da können wir nur hoffen, dass zumindest die wirtschaftlichen Prognosen bei uns günstig bleiben, damit nicht eine erneute wirtschaftliche Krise auch bei uns dem Populismus auf die Sprünge hilft.

Aber gerade im Blick auf die Wirtschaft wird alles Hoffen fragwürdig. Zwar gehört die Aussicht, die Hoffnung auf Gewinne zum wirtschaftlichen System selbst, aber ebenso gehören zum System notwendig die Krisen dazu, die so manche Hoffnung wieder zunichte machen. Außerdem bleibt beim Aufschwung wie beim Abschwung ein breiter Sockel von Arbeits- und Perspektivlosigkeit, gerade in unserer ländlichen Region.

Der hohe Bedarf an Therapieplätzen, Hilfseinrichtungen zum psychischen Krisenmanagement und anderen therapeutischen Einrichtungen bezeugt im übrigen, wie sehr sich immer wieder in einzelnen Menschen Krisen verdichten können und wie wenig unsere Gesellschaft noch immer mit dem Begriff „Hilfe zur Selbsthilfe" anfangen kann oder will. Wohl jeder von uns wird zumindest einen Menschen kennen, der sich nach einer Zeit der Praktika, der schlecht bezahlten Arbeiten, der Umschulungen und der erfolglosen Bewerbungen resigniert von allen weiteren Angeboten mit den Worten abwendet: „In diesem Leben nicht mehr!" Da wird die Hoffnung auf ein besseres Leben nicht einmal mehr eingeklagt.

Im Prophetenwort klagen die Menschen und hoffen. Zugleich bekennen sie: Gott allein kann neues Leben schaffen, der Mensch unter Schmerzen „nur Wind gebären" (V. 18). Und doch ist dieses Klagen etwas anderes als eine durch religiöse Hoffnung verbrämte Resignation - Einsicht in die Aussichtslosigkeit all unserer Bemühungen, ebenso entmutigt wie entmutigend, und Ausdruck einer Zukunftshoffnung, die uns mit der Einstimmung auf das Jenseits aus der prekären Gegenwart hinausträgt. Machen wir uns die sprachlichen Zusammenhänge klar, stimmen die Verse aus dem Lied des Buches Jesaja geradezu auf die Ostergeschichte ein.

Gottes Geist und der Wind werden in der hebräischen Bibel mit ein und demselben Wort bezeichnet: Ruach. Geht es hier auch um eine zweifache Bedeutung, so sind beide gewiss doch auch miteinander verwandt: Wind bringt Veränderung, wenn er denn kräftig genug weht. Er ist nicht zu sehen. Sehen kann ich die Fahne, die er bewegt, das Mühlrad, das er dreht und auch den Baum, wie er ihn knickt. Der Wind selbst bleibt unsichtbar.

Und er ist nicht festzuhalten. Er ist frei, so frei wie die Gedanken. Darum können wir mit dem Wind immer auch die Hoffnung verbinden. Hoffnung auf Bewegung, Hoffnung auf Veränderung. Wer sehnt sich nicht manchmal nach einer frischen Brise? Hofft gar auf einen kräftigen Rückenwind? Wenn er einem nicht gar zu stark ins Gesicht bläst, hat man vielleicht auch Lust auf ein bisschen Wind von vorn.

Auch der Geist Gottes ist frei. Er kann Menschen in Bewegung setzen und frei machen. Wir sehen dann zwar diese bewegten Menschen, den Geist Gottes sehen wir damit noch nicht. Und festhalten lässt er sich von uns schon gar nicht.

Jesu Grab war am dritten Tag nach seiner Kreuzigung leer. Es gab und gibt keinerlei Aufschluss darüber, wie es dazu kam. Die Veränderung geschah, und sie hat diese Welt in ein neues Licht getaucht. Die Ostergeschichten erzählen davon: vom leeren Grab und davon, wie sich Jesus seinen Jüngern gezeigt und damit den Glauben begründet hat, der ihr Leben von Grund auf neu bestimmte und sie mit ihm der Herrschaft des Todes entriss.

Deswegen lässt sich der Geist auch zu Ostern nicht von uns herbeizitieren oder gar festhalten. Auch in unserer Osternacht bleibt der Geist Gottes frei wie der Wind. Aber er lässt sich feiern als der Geist, mit dem der Vater den Sohn auferweckt und damit die Veränderung in die Welt und in unsere Existenz gebracht hat, auf die wir alle unsere Hoffnungen setzen, immer wieder aufs Neue. Wir gründen unsere Hoffnungen nicht auf einen Schatz, der uns gehört, den wir besitzen und in einen Tresor einschließen könnten, sondern darauf, dass wir immer wieder neu vom Geist des Glaubens ergriffen werden, so wie der Wind uns packen kann.

Er packt uns als Menschen, die leiden, wie zur Zeit des Propheten. Als Menschen, die ihre Hoffnung auf ein friedlicheres und gerechteres Leben nicht untergehen lassen möchten. Ein Leben, das nicht mehr gedankenlos vermeidbaren Risiken ausgesetzt wird. Ein Leben, in dem der Tod nicht das letzte Wort behält.

An dieses Leben können wir nur glauben. Auf Zeichen des Friedens, der Gerechtigkeit und der neuen Schöpfung können wir nur hoffen. Und Gott können wir nur lieben - dafür, dass er uns immer wieder von neuem glauben, hoffen und lieben lässt.

Unser Prophetenwort nähert sich dieser Hoffnung auf die Auferstehung mit einem wunderschönen Bild, wenn es von „Tau der Lichter" (V. 19) spricht. Gerade so sprechen wir vom österlichen Licht, das sich in den Tränen bricht, mit denen die Schöpfung noch eben um uns geweint hat.

Amen



Pfarrer Dr. Friedrich Seven
Scharzfeld
E-Mail: friedrichseven@t-online.de

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