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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Miserikordias Domini, 08.05.2011

Predigt zu Hesekiel 34:1-16,31, verfasst von Günter Goldbach (Konfirmation)

 

                                                                      Konfirmationspredigt

Liebe Konfirmandinnen und liebe Konfirmanden,

Ezechiel - das war ein Kerl! Der hatte Mut! Voller Zorn und Empörung ist seine Rede gegen die „selbstsüchtigen Hirten, die sich selber weiden". Denn diejenigen, die ihnen anvertraut sind, für die sie Verantwortung tragen sollen, die bieten das Bild einer irregeleiteten, abgehetzten und am Boden liegenden Herde, zerschunden und ausgebeutet.

Liebe Konfirmanden, spürt Ihr das: Hier redet einer, der etwas riskiert. Er wagt es, das öffentliche und private Verhalten derjenigen zu kritisieren, die die Hand am Drücker haben. Er riskiert Kopf und Kragen, indem er die Unterdrückung und Ausbeutung der Schwachen anprangert. Indem er ohne jede Leisetreterei die Schuldigen beim Namen nennt. Merkt Ihr das?

Vielleicht denkt Ihr jetzt: Nun ja, schon. Aber was soll's?! Was soll uns heute der Ezechiel?! War das nicht ein Prophet? Lebte er nicht vor etwa 2500 Jahren? Predigt er nicht gegen die selbstsüchtigen Hirten Israels? Ist es nicht das Volk Israel, das das Bild einer irregeleiteten und ausgebeuteten Herde bietet? Was soll uns der Ezechiel?!

Recht habt Ihr! Mindestens 2500 Jahre ist das alles her. Aber bitte: Was hat sich eigentlich geändert in diesen 2500 Jahren?! Glaubt Ihr wirklich, inzwischen wären alle Menschen gleichberechtigt?! Es gäbe kein „oben" und „unten" mehr?! Ich denke, Ihr wisst genau: In vielen Familien, in den meisten Schulen, in ungezählten Büros, in den Fabriken und Kompanien, erst recht im Bereich der „großen" Politik: Überall ist das vielgestaltige Leben noch immer eingeengt auf diesen schäbigen Gegensatz von „oben" und „unten". Auf diesen Vorgang des Schindens und Geschunden-werdens, des Tretens und Getreten-werdens. Da wird vielen das Fell unbarmherzig über die Ohren gezogen!

Vielleicht denkt Ihr jetzt: Nun ja, es kann sein. Aber uns kann keiner. Wir passen schon auf. Uns zieht niemand das Fell über die Ohren, uns nicht! - Ach Leute...! Kennt Ihr die Geschichte von dem freundlichen Wolf?

Ein Wolf erscheint eines Tages bei einer Herde Schafe. Natürlich laufen sie sofort ängstlich zusammen. Obwohl ihre Weide durch einen hohen Zaun geschützt ist. Der Wolf aber grüßt freundlich und beginnt friedlich zu grasen. Die Schafe sind verblüfft. „Was glotzt ihr so?" sagt der Wolf. „Habt ihr nie einen grasenden Wolf gesehen? Natürlich hat man euch erzählt, dass ich am liebsten Schafe fresse. Alles Unsinn. Aber ein paar Fragen möchte ich euch stellen: Wer melkt euch jeden Morgen? Wer beraubt euch jedes Jahr eurer Wolle? Wer zieht euch das Fell über die Ohren, wenn ihr alt werdet? Wer verkauft sogar eure Kinder, die unschuldigen Lämmlein?" - Die Schafe sehen sich an und blöken unisono: „Der Hirte macht das alles!" - „Wer also ist euer Feind?" fragt der Wolf. „Befreit euch von diesem Ausbeuter! Lauft mir nach! Ich will euch in die Mitte des Waldes führen, wo es wunderschöne Weiden gibt. Dort werden wir die Volksrepublik der Schafe und der Wölfe gründen. Befreit euch! Es lebe die Revolution!". - „Es lebe die Revolution!" blöken die Schafe, öffnen das Zauntor und laufen dem Wolf hinterher in den Wald, bis sie am Abend auf einer Waldwiese ermattet einschlafen. Am nächsten Morgen aber fehlt ein Schaf. Der Wolf läuft in den Wald, um es zu suchen. Nach einiger Zeit kommt er mit einem ziemlich dicken Bauch zurück. „Ich habe das Schaf nicht gefunden", sagt er. „Vielleicht ist es zurückgekehrt. Aber das ist seine Sache. Nicht jeder ist der Freiheit gewachsen". - Ja, und nun verschwindet jede Nacht - wie vom Erdboden verschlungen - ein Schaf oder ein Lamm. Die Herde ist am Anfang sehr beunruhigt darüber. Aber der Wolf beruhigt sie mit den Worten: „Das ist eben die Freiheit. Jeder ist frei zu verschwinden, wohin er nur möchte". - Nach einigen Monaten bleibt nur ein einziges dummes Schaf übrig. „Schade, dass alle anderen weg sind", sagt es zu dem Wolf. „Aber sei nicht traurig, ich werde dich nie verlassen" - „So wird es sein", heult der Wolf - und frisst es auch. Und dann macht er sich auf den Weg, um eine neue Herde zu suchen.

Ein Märchen? Nein, Freundinnen und Freunde, kein Märchen. Eine wahre Geschichte. That's life - so ist das Leben! Da gibt es viele Verführer, die Euch das große Fressen versprechen und Euch das Blaue vom Himmel vorlügen. Die Euch mit Versprechungen locken und doch nur in die Irre führen wollen. Die Pseudopropheten des happy life arbeiten mit allen Tricks und sind mit allen Wassern gewaschen. Und der erfolgreichste Verführer ist ein softy. Er arbeitet nicht mit offenem Visier und brutaler Gewalt. Aber mit arglistiger Täuschung und geschickter Manipulation. Vielleicht sammelt er Freunde bei facebook, über twitter oder sonstwie. Da wollt Ihr auslaufen vor Lachen und Euch köstlich amüsieren. Und seid schon vereinnahmt, schon gefangen, schon rettungslos verloren. Da habt Ihr plötzlich einen Knoten im Rückgrat und wisst nicht, wie Ihr daran gekommen seid.

Aber: Wehe diesen falschen Propheten, die sich selber weiden! Sagt der Prophet Ezechiel. Wehe denen, die das Schwache nicht stärken und das Kranke nicht heilen. Die das Verlorene nicht suchen und das Verirrte nicht zurückbringen. So spricht Gott, der Herr: Siehe, ich will diesen Hirten an den Kragen und will meine Herde von ihren Händen fordern... (vgl. v 2.4.10).

Liebe Konfirmanden, jetzt müssen wir einen Augenblick einhalten. Jetzt müssen wir zugeben: Wir alle - Ihr auch! - sind nicht nur immer wieder verwirrte und verirrte, getäuschte und enttäuschte, verführte und verlorengegangene Leute. Wir sind leider Gottes auch immer wieder Leute, die das alles selber veranstalten! Wir richten andere zugrunde, obwohl wir sie retten könnten. Wir lassen andere am Leben verzweifeln, obwohl wir ihnen Lebensmut vermitteln könnten. Wir überlassen andere ihrem Schicksal, obwohl wir ihnen Hilfe zuwenden könnten. Wir sind selber schlechte Hirten, egoistisch und selbstbezogen, verantwortungslos und gehässig, nur auf den eigenen Vorteil und die eigene Bequemlichkeit bedacht.

Ich nenne drei Beispiele, die mir in letzter Zeit aus Euren Kreisen bekannt geworden sind:

Gott will alledem nicht länger zusehen! So weissagt es der Prophet Ezechiel. „Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen", verkündet er als ein Wort Gottes. - Wir bringen das alle nicht! Bei Licht besehen sind wir alle schlechte Hirten, miese Typen. Da ist keiner von uns, der nicht immer wieder dabei ertappt werden könnte, wie er stärker an der eigenen „Weide" als an der „Herde" interessiert ist. Da ist keiner von uns, der die Menschen aus ihrer Isolierung zur Gemeinschaft, aus ihrer Verzweiflung zur Hoffnung, aus ihrer Angst zum Getröstetsein wirklich und glaubhaft bringen könnte.

Aber Gott wird eingreifen! Felsenfest ist Ezechiel davon überzeugt. An die Verheißung Gottes selbst klammert er sich. Gottes Worte überliefert er: „Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken..." (v 16). Gott wird selber eingreifen, sagt Ezechiel. Gott wird dem ganzen Elend, das wir Menschen anrichten und das wir ertragen müssen, Gott wird dem nicht länger zusehen können!

Gott hat eingegriffen! Er hat nicht länger zugesehen! - Liebe Konfirmanden, das ist jetzt unendlich wichtig: Dass Ihr das schnallt! Die Verheißung des Ezechiel ist in Erfüllung gegangen! In dem, der von sich sagen kann: „Ich bin allein der gute Hirte!" Ihr habt das vorhin gehört, wie Jesus die Verheißung des Ezechiel auf sich bezogen hat. Allen schlechten, rücksichtslosen, überheblichen, egoistischen menschlichen Hirten wird dieses einzigartige Selbstzeugnis entgegengehalten: „ Ich bin der gute Hirte. Ich lasse mein Leben für die Schafe" (Joh. 10, 11).

Liebe Konfirmanden, Ihr kennt ihn und seine Geschichte: Er weidete nicht sich selber. Er kämpfte nicht in eigener Sache. Er rettete seine Haut nicht auf Kosten anderer. Im Gegenteil: Die Schwachen stärkte er. Die verloren Gegangenen suchte er. Die Geknickten richtete er auf. Den Rechtlosen gab er recht. Und mit den amtlichen Hirten und selbsternannten Herren legte er sich an. - Ihr wisst auch, wie seine Geschichte ausging: In den Augen seiner Gegner stand er allein gegen alle. In Wahrheit aber lebte, litt und starb er für alle. Für alle! Angesichts dieses guten Hirten wird sogar relativiert, ob die Menschen Verführer oder Verführte, Unterdrücker oder Unterdrückte, Starke oder Schwache sind. Oft genug sind sie ja auch beides zugleich, wie ich Euch versucht habe zu erklären. Sein Angebot der Heilung und der Vergebung, des Aufrichtens und des Zurechtweisens, sein Angebot des Lebens (!) gilt allen: „Ich bin der gute Hirte. Ich lasse mein Leben für die Schafe".

Liebe Konfirmanden, heute werdet Ihr konfirmiert. Und Konfirmation ist im Grunde nichts anderes als ein Bekenntnis zu diesem guten Hirten. Das ist das Entscheidende. Ihr wisst das ja wohl auch. Alles andere ist nicht so wichtig. Nicht der Aufstand, den Ihr heute macht und der um Euch gemacht wird. Das ist ganz schön. Ich verstehe, dass Ihr Euch darüber freut. Und ich freue mich mit Euch. Aber das ist nicht wirklich wichtig. Wichtig ist allein, ob Ihr Euch heute - und nicht nur heute, sondern immer wieder - für diesen guten Hirten entscheidet. Ihr seid freie Leute. Ihr könnt Ja oder Nein sagen. Aber darum geht es: um Euer Ja oder Nein. Was wollt Ihr tun?

Natürlich werdet Ihr wissen, was ich Euch rate. Ich habe ja kein Geheimnis daraus gemacht in den zwei Jahren, die wir zusammengearbeitet haben. Und wahrscheinlich hätte ich das noch viel eifriger, viel geduldiger, viel überzeugender tun müssen, als es mir möglich war. Heute kann ich es einem jeden von Euch nur noch einmal als einen Wunsch mitgeben. Als eine Bitte, die Ihr beherzigen möchtet. Matthias Claudius hat es für seinen Sohn Andreas so formuliert: „Wer nicht an Christus glauben will, der muss sehen, wie er ohne ihn auskommen kann. Du und ich, wir können das nicht. Wir brauchen jemand, der uns hebt und hält und uns die Hand auf den Kopf legt, wenn wir sterben sollen. Das alles kann er überschwänglich nach dem, was von ihm geschrieben steht. Und wir wissen keinen, von dem wir's lieber hätten". Amen.



Dr. Dr. Günter Goldbach (Konfirmation)
Osnabrück
E-Mail: guenter.goldbach@uni-osnabrueck.de

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