Göttinger Predigten

deutsch English español
português dansk Schweiz

Startseite

Aktuelle Predigten

Archiv

Besondere Gelegenheiten

Suche

Links

Gästebuch

Konzeption

Unsere Autoren weltweit

Kontakt
ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Miserikordias Domini, 08.05.2011

Predigt zu Hesekiel 34:1-16, verfasst von Wolfgang Petrak

 

Liebe Gemeinde,

es gibt Worte, die zum Hören und zum Sehen einladen: Der gute Hirte. Auch wenn hier der Prophet Ezechiel mit scharfen Worten die Ablösung sich verfehlender Hirten ankündigt, sehe ich statt der Umwälzung, der Revolution ein anderes: nämlich dieses Bildnis aus Kinderzeiten, weichgezeichnet in Schwarz-Weiß. Wallendes Haar, sanfter Blick, dementsprechend weich fallender Umhang, jedoch fester Griff um Stecken und Stab, dazu sanfte Tiere. Und: ein Weg, der ins Freie führt. Das Bild der Kindheit berührt sich mit anderen, ohne sie jedoch ganz genau vor Augen zu haben. Menschen mit entschlossenem Blick, die führen und leiten können. Zeigen, wo es lang geht. Persönlichkeiten, die Nähe zu erlauben scheinen, jedoch unerreichbar sind, unangefochten in ihrer Macht. So dass das schöne Bild eine andere, dunkle Seite aufwirft und das vertraute Wort fremd und hart klingt. An dem Schönen und Sicheren möchte ich mich weiden, weiß mich aber geworfen in Widerspruch und Angst.

„Ich will".

So haben wir es eben gehört. So wie wir es in unserer Zeit selbst gesagt, aber auch oft genug gehört haben werden. Und wir haben dabei auf Gesichter gesehen, die uns vertraut vorkommen, jedoch unerreichbar bleiben werden. Am vorletzten Freitag zum Beispiel. „I will", hatte er auf die Frage des Erzbischofs von Canterbury geantwortet. Und auch sie hatte gesagt: „I will", etwas leiser wohl, wie später einige in der Presse vermerken sollten, jedoch so klar, dass der Fernsehkommentator in seiner dezenten Art dieses nicht meinte übersetzen zu müssen, denn dieses „Ich will" ist zu verstehen, und selbst, wer nicht lieben kann, weiß, welche Kraft in diesem Versprechen liegt. Und welche Zuversicht den gemeinsamen Weg in die Zukunft begründet. „Guide me, O Thou great Redeemer" sang die wohl tausendköpfige Gemeinde von Westminster Abbey, sangen die königliche Familie und Elton John und Rowan Etkinson, nicht nur, weil dieser Choral zu einer britischen Trauung dazu gehört wie ganz früher bei uns „So nimm denn meine Hände", sondern weil alle ahnen, dass zu der Bekundung des gemeinsamen Willens noch ein anderer gehört, der führen und leiten will. Denn immer ist unsere Zukunft offen. Und so hatten sich denn auch die Kameraführung entschlossen, für einen ganz kurzen Moment vom Erfassen der prominenten Gesichter abzusehen und stattdessen den von jungem Grün gesäumten Mittelgang der Kirche zu zeigen; und so konnte man in der ganzen Welt sehen, wie er geradewegs auf die geöffnete Portaltür zuführt, durch die das Licht wie aus einer anderen Welt in die gedämpfte Feierlichkeit fiel. Der Weg, der ins Freie führt. Das Feld des Neuen, das für sie, die da lang gehen werden, aber eigentlich auch für mich eröffnen soll. Also: selbst ich, der sich mit königlichen Geschichten absolut nicht auskennt und schnell mit der Kritik bei der Hand ist („was das alles kostet"), konnte mich der Faszination, ja auch der Rührung nicht entziehen, habe an jenen Psalm gedacht, der aus Kindertagen so vertraut ist: „Und ob ich schon wanderte im finstren Thal fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir".

Da ist es wieder, dieses Bild vom guten Hirten, dieses Bild der Fülle und Geborgenheit, des Aufbruchs und des gewissen Zieles, entstanden aus der eigenen Sehnsucht, entworfen an dem Ausdruck einer fremden, kostbaren Welt. Doch dieses Bild kann zum Vexierbild werden. Sodass es bei den Hirten in derselben Gegend zum kaum merklich zunächst zum Fürchten wird. Ezechiel hatte damals wohl daran gedacht, wie sie damals draußen auf dem Felde bei den Hürden waren und nicht nur des nachts ihre Herde gehütet hatten, sondern auch des tags, die ganze Zeit also mit ihren Tieren zusammen waren. Ihr Beruf hatte mit anvertrauten Leben zu tun, und dieses Vertrauen der rechtmäßigen Besitzer setzte bei den angestellten Hirten das Einhalten gewisser Grundsätze voraus. Natürlich durften sie Kleidung aus Wolle gegen nächtliche Kälte fertigen. Sie durften auch sich durch Milch und gewonnenem Käse stärken. Durften sie dann auch davon verkaufen? Und wie ist es, wenn die Gewohnheit von weichem Weißkäse auch nach Gebratenem verlangt, zum Beispiel des nachts, wo alle anderen der Ruhe pflegen. Wo kein Richter ist, ist auch kein Kläger. Wenn es mächtig in einem heißt: „Ich will". Hirten, die sich selber hüten.

„Ich will mehr".

Wenn man sozusagen durch das Portal von Westminster Abbey ins Frei tritt, weiter geht über St. James Park und Buckingham Gate, dann durch den Greenpark schreitet, kommt man, sich rechts haltend , unweit vom Ritz, nach Mayfair, einem der vornehmsten Viertel dieser Weltstadt. Und dort könnte man in einem schwarzen Haus einen Geschäftsmann finden( vgl DER SPIEGEL 17,2011.S.52 ff), mit freundlichem Gesicht und unscheinbaren Äußerem, so wie man eben aussieht. Er ist Trader von Beruf, Fondsmanager, „Chocfinder". Es geht um Schokolade, genauer: um Rohkakao und was man dran verdienen kann. Und er will das, was man will, nämlich mehr. Und so kauft er von Händlern in großen Mengen Ware auf, wenn sie günstig ist, hält sie in großen Mengen zurück, verknappt so das weltweite Angebot, verteuert die Nachfrage und verdient, während andere daran kaputt gehen, Erzeuger in Afrika und auch Produzenten mit ihren Angestellten in Europa, weil sie die künstlich in die Höhe getriebenen Preise nicht mehr zahlen können. Und dabei sind Hedge-Fonds von ihrem Ansatz her ein Prinzip der Lebenssicherung, weil sie Grundpreis garantieren und die Verfügbarkeit von Waren sichern könnten, erweisen sich jedoch als Anlass der weltweiten Verunsicherung und des Elends, gegründet auf dem kindlich zu nennenden Prinzip des „Ich will mehr".

Im guten Hirten bildet sich in den biblischen Schriften das Selbstverständnis der Könige, aber auch ihrer Propheten und der Priester, das ihnen anvertraute Leben im Auftrag des Höchsten zu sichern und sich selbst entfalten zu lassen. Und natürlich gilt es genauso für alle anderen, in deren Hände Leben gelegt ist. Für die, die eine Familie nähren und leiten, genauso für die, die einen Betrieb leiten, für die, die wirtschaftliche Verantwortung tragen. Wenn aber das Kapital zum Prinzip des Eigennutzes wird, gilt auch das, was über jene Hirten gesagt wird, die vielleicht sogar unmerklich und ungewollt dem Gegenbild entsprechen: „Wehe den Hirten Israels, die sich selber hüten...ihr fresset das Fette und kleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gemästete, aber die Schafe wollt ihr nicht weiden".

Nein, so ist es nicht, das Bild des Präsidenten. Da ist nichts von gemästeter Selbstzufriedenheit zu erkennen, nichts von Sattsein oder gar von Freude, wie sie andere laut gefühlt und geäußert haben. Da ist nur der Ernst, die Anspannung und die Verantwortung zu erahnen, als er am Sonntag vor die Kameras der Welt trat, um zu sagen: "Heute kann ich dem amerikanischen Volk und der Welt mitteilen, dass die USA eine Operation durchgeführt haben, die Osama bin Laden getötet hat, den Führer der Al-Kaida und einen Terroristen, der für den Mord an Tausenden von unschuldigen Männern, Frauen und Kindern verantwortlich ist". Und wie zum Beleg haben wir im Fernsehen immer wieder in diesen Tagen die Bilder vom 9/11 gesehen, wie sich das zweite Flugzeug in die brennenden Twin-Towers bohrte, Symbole der Macht, in denen jedoch Menschen aus der ganzen Welt lebten und arbeiteten; wir sahen die zerfetzen Züge vom Atocha-Bahnhof in Madrid , sahen die U-Bahn- Station London und die Trümmer von Nairobi, das brennende Hotel in Mumbai und: wir sahen immer wieder diesen hageren Mann mit seinem stechenden Blick und dem schmalen Mund- zur Symbolfigur des Terrors geworden, der die Welt überzogen hat. Wir sahen auch noch andere Bilder des Präsidenten, zusammen mit Militärs vor flachen Monitoren sitzend, den Einsatz der Navy Seals verfolgend, den Einsatz, den er selbst entschieden hat.

Ich will es jetzt.

Ob er es so gesagt hat, bevor die Hubschrauber abgehoben hatten? Ob eine Option zur Gefangennahme des meist gesuchten Terroristen bestanden hat oder ob es eine ausschließliche Entscheidung war, nun endlich zu einer kill-mission kommen zu müssen. Ausdrücklich, ja mit großem Nachdruck betont der Präsident in seiner Rede, dass die Vereinigten Staaten nicht im Krieg mit dem Islam sind und es niemals sein werden. Er weist zugleich darauf hin, dass auf Bin Laden die Ermordung von Muslimen zurück geht. Und verweist darauf, dass es eine Pflicht zur Verteidigung gibt. Und wenn man in diesem entsetzlichen Entscheidungsdruck das Bild von dem Hirten zu bemühen wagt, könnte man darauf kommen, dass jener Stecken und Stab, der trösten soll, auch mit Schutz und Gegenwehr zu tun hat. So beschließt der Präsident seine nach Meinung vieler Kommentatoren wichtigsten Rede mit dem Hinweis darauf, dass diese Entscheidung nicht auf Reichtum oder Macht beruht, sondern auf dem, was sie sind und wie sie sich verstehen, „als eine Nation unter Gott, nicht trennbar von Freiheit und Gerechtigkeit". Doch diese Entscheidung zu töten, so sehr sie als Reaktion auf erfahrene Gewalt und erlittenes weltweites Unrecht zu verstehen und zu begreifen ist, bleibt verbunden mit ihrer Ursache, dem Terror, und mit seinen Ursachen, die es zu benennen gilt. Es sind die Bilder vom Hirten, die in diese Richtung weisen: „Der Schwachen wartet ihr nicht, und die Kranken heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht und das Verlorene sucht ihr nicht; sondern streng und hart herrschet ihr über sie" (Ez 34,4). Deshalb gibt es einen, der sagt:

„Ich will. Ich will".

Unsere Welt ist in diesen Wochen und Tagen nicht anders geworden. Und es sieht auch nicht so aus, als ob sie das von sich aus könnte. Weil wir an diese Selbstbemächtigung so gebunden zu sein schein scheinen. Können wir hören, was sein Wille ist, auch wenn es unsere Bilder und Entwürfe, unsere Gewohnheiten übersteigt? Auf welchen Weg kann uns diese seine Zusage bringen?

„Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte wiederbringen und das Verwundete verbinden und des Schwachen warten; „Ich will einen neuen Himmel und ein neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird"( Jesaja 65,17).



Pfarrer i. R. Wolfgang Petrak
Göttingen
E-Mail: w.petrak@gmx.de

(zurück zum Seitenanfang)