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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

2. Sonntag nach Trinitatis, 17.06.2007

Predigt zu Jesaja 55:1-3b, verfasst von Mareile Grzanna

Früher war ich oft bei ihm. Zahlreiche Stunden habe ich bei ihm gesessen, zu zweit oder in der Gruppe gute Gespräche geführt und in entspannter Atmosphäre einen vergnüglichen Abend verbracht. Geschmeckt hat es uns allen immer ausgezeichnet. Manchmal denke ich, was er heute wohl macht. Ob es ihn überhaupt noch gibt, den netten Griechen aus Thessaloniki und sein kleines Restaurant mit den schlichten Holzstühlen und den karierten Tischdecken?

Oft kam er zu uns an den Tisch und hat ein bisschen erzählt. Aus seinem Alltag, von seiner Familie und besonders gern von seiner Heimat. Gelegentlich kam das Gespräch auch auf das Geschäft. Unter der Woche könnte es besser laufen. Die Leute halten ihr Geld mehr zusammen als früher, war sein Eindruck.

Um den Umsatz etwas an zu kurbeln, veranstaltete Jorgos in den letzten 2 Jahren vor meinem Wegzug regelmäßig seine „Weintage." Jeder Gast war eingeladen, zum Essen auf Kosten des Hauses griechischen Wein „satt" zu trinken. An diesen besonderen Tagen war es aussichtslos, einen Platz zu bekommen. Das kleine Restaurant platzte aus allen Nähten und die Kellner hatten Mühe, die Situation im Griff zu behalten. An diesen Abenden ging es nicht unbedingt entspannt wie sonst zu, aber geschäftlich waren die „Weintage" ein voller Erfolg. „Ja, ja, wenn es was umsonst gibt, kommen sie alle," sagte Jorgos dann und freute sich.

In der Tat, das Wörtchen „gratis" ist ein wahres Zauberwort in der Welt der Werbung und des Handels, mit dem sich Aufmerksamkeit und das Interesse der Menschen unschwer gewinnen lassen. Zumindest scheint es oft so.

Jes. 55,  1- 3b verlesen

Im Namen und im Auftrag seines Gottes wirbt auch der Prophet Jesaja. Nicht nur Wein, auch Wasser und Milch bietet er den Menschen an. Kostbare Lebensmittel als Symbole für ein erfülltes, reiches Leben. Alle sind angesprochen, die mit und ohne Geld. denn Gottes Güter sind kostenlos. Anders als Jorgos hat der Prophet jedoch keinen schnellen Erfolg. Im Gegenteil, wie ein Marktschreier muss Jesaja seine Ware lauthals anpreisen, um Aufmerksamkeit zu erregen. Mit allen Mitteln rhetorischer Kunst ist er bemüht, die Israeliten zu erreichen. „Hört doch auf mich! Neigt eure Ohren her! Kommt doch zu mir!" so ruft und bittet der Prophet wieder und wieder.

Ich sehe ihn buchstäblich vor mir, wie er da inmitten des Marktgetümmels steht und den Kopf schüttelt -verwundert, vielleicht sogar fassungslos oder enttäuscht- über die Menschen, die ihr Geld für Nichtigkeiten verschleudern und darüber aus dem Blick verlieren, was Hunger und Durst wirklich stillt. Diejenigen, die Geld haben, geben es offensichtlich auch gern wieder aus. Ähnlich wie heute scheint „shopping" auch damals ein beliebtes Mittel gewesen zu sein, um sich auf schnelle und einfache Weise gut oder zumindest besser zu fühlen. Und wenn man dann noch ein Schnäppchen macht -frei nach dem Motto: „zahle zwei und nehme drei"- wird auch damals die Befriedigung der Menschen besonders groß gewesen.

Warum also tun sich Jesajas Volksgenossen so schwer, der Stimme des Werbers zu folgen und das großzügige Angebot an zu nehmen? Alles ist umsonst! Warum zieht das Wörtchen „gratis" bei den Zeitgenossen nicht?

 Ich denke, was gibt verschiedene Gründe, die deutlich werden, wenn wir unser eigenes Kaufverhalten näher betrachten. Denn es gibt eine Regel oder ein Gesetz, nach dem diese Welt, ganz besonders aber die Geschäftswelt, funktioniert. Es lautet: alles im Leben hat seinen Preis.

Jede Ware will bezahlt werden, mit Geld oder Leistung. Für mein Ein- und Auskommen muss ich arbeiten. In jeden Erfolg, in jedes Ziel muss ich investieren -Zeit, Mühe, Engagement. Jede gute Beziehung -in der Familie, unter Freunden, Nachbarn und Arbeitskollegen- will kontinuierlich gepflegt werden. Selbst für meine Gesundheit muss ich mit entsprechender Ernährung und ausreichend Bewegung etwas tun. Und das ist vielleicht auch ganz gut so. Denn ohne Anstrengung, Leistung und Bewegung würden wir träge auf der Stelle treten anstatt uns weiter entwickeln.

Alles im Leben hat seinen Preis. Das wissen wir. Und deshalb unterziehen wir meist jedes Angebot, das gratis daher kommt, einer kritischen Prüfung, bevor wir uns darauf einlassen.

Es gibt verschiedene Aspekte, die das Wörtchen „gratis" verdächtig machen:

Wenn ein Verkäufer ein kostenloses Angebot macht, fragt der Kunde nach dem berühmten „Haken" an der Sache. Denn in der Tat, immer wieder macht man die Erfahrung, dass eine Ware tatsächlich kostenlos ist, ihr Erwerb jedoch an bestimmte Bedingungen gebunden ist. Der Kunde muss zwar nichts bezahlen, aber eine konkrete Gegenleistung erbringen.

Nach diesem Prinzip des do ut des funktionieren auch die Weintage bei Jorgos. Der Wein geht zwar auf Kosten des Hauses, jedoch nur unter der Voraussetzung, dass der Gast ein Gericht von der Abendkarte bestellt. Auf eigene Kosten, versteht sich. Wenn die Konditionen transparent sind, wie in diesem Fall, ist die Sache klar: Jorgos und seine Kunden haben jeweils einen Gewinn, und beide Seiten sind zufrieden.

Problematisch wird die Sache jedoch, wenn man das Gesetz des Marktes auch das Leben des Glaubens regulieren lässt. Wenn das Angebot Gottes dem Verdacht ausgesetzt ist, mit einer heimlichen Gegenleitung verknüpft zu sein. „Höret, so werdet ihr leben!", ruft der Prophet. Aber was genau will dieses Wort von mir? Welche Verpflichtungen legt es mir möglicherweise auf? Was muss ich tun -oder weit wichtiger: worauf muss ich vielleicht verzichten- wenn ich mich ernsthaft bemühe, an diesem Wort mein Leben zu orientieren? So fragten sicher manche der Israeliten damals. Und wer ehrlich ist, kennt diese Zweifel auch von sich selbst. Ein „frommes" Leben scheint -gerade in erlebnishungrigen Zeiten wie unserer Gegenwart- oftmals das genaue Gegenteil von einem erfüllten Leben zu sein.

Entgegen aller leib- und lebensfeindlichen Tendenzen in der Kirche hat der früh verstorbene Theologe Henning Luther deshalb immer wieder kritisch angemahnt, das Evangelium Botschaft tatsächlich als lebens-frohe Botschaft zu verkündigen. Gottes Wort will an die Quelle des Lebens führen und aus ihr sprudeln nicht nur lebensnotwendiges Wasser und gesunde Milch, sondern auch köstlicher Wein -der Inbegriff purer Lebensfreude.

Der zweite Verdacht, den ein Gratis-Angebot schnell erweckt, ist der Verdacht einer sogenannten „Mogelpackung". Wenn das qualitativ hochwertige Marken-Handy nur 1 Euro kosten soll oder gratis ist, weiß der Kunde, dass man besser zuerst das Kleingedruckte lesen sollte. Und dann wird meist schnell deutlich, an welcher Stelle die erlassenen Kosten wieder eingezogen werden: mehrjährige Vertragsbindungen, hohe Grundgebühren oder überteuerte Tarife für Telefoneinheiten. Bei Lichte besehen kommt ein teures Handy mit preiswerten Konditionen auf das gleiche heraus. Der vermeintliche Gewinn entpuppt sich als raffinierter Trick. Eine Verkaufsstrategie, die in der Welt des Marktes ebenfalls gang und gäbe ist.

Dem Verdacht einer Mogelpackung ist auch das göttliche Wort immer wieder ausgesetzt. Vielen Menschen, gestern wie heute, ist der Glaube verdächtig, mit den realen Lebenserfahrungen nicht vereinbar, des erwachsenen, gebildeten und kritischen Menschen unwürdig. Eine Sache für Kinder und Alte.

Für prominente Religionskritiker wie Karl Marx bedeutet Religion nicht mehr als Opium für das Volk. Religion halte die Menschen in Unmündigkeit, behindere das kritische Nachdenken und zementiere gesellschaftliche und politische Machtstrukturen. Der Glaube an Gott war für Marx daher gleichbedeutend mit Indoktrination.

Andere unterstellen dem Glauben die Absicht, Menschen zu vertrösten. Religion sei etwas für Träumer, Idealisten und Weltfremde, die der ungeschminkten Realität des Lebens nicht stand zu halten vermögen. Die christliche Verheißung des ewigen Lebens solle Menschen davor bewahren, an der Unvollkommenheit, Ungerechtigkeit und Unfrieden dieser Welt nicht zu verzweifeln. Religion wird aus der Not heraus, an den Gräbern geboren, kritisierte Ludwig Feuerbach.

Ein dritter Verdacht, der den Kunden bei Gratis-Angeboten schnell beschleicht, ist der, dass die Ware möglicherweise nichts wert ist. Wenn jemand im Anzeigenblatt inseriert, weil er eine Waschmaschine verschenken will, muss er damit rechen, dass sich niemand meldet. Wahrscheinlich ist die uralt oder funktioniert nicht mehr richtig, denkt sich der Leser und winkt sofort ab. Was nichts kostet, taugt auch nichts, denken wir schnell.

Auch dem Verdacht der Wert- und Nutzlosigkeit ist der Glaube immer wieder ausgesetzt. Verschiedene Spielarten begegnen im Alltag immer wieder, und auch denen, die sich nicht zu den Verächtern der Religion zählen, werden sie vertraut sein:

Da sind die Gleichgültigen, die den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Oder die Ungläubigen, die mit Gott nicht konkret zu rechnen wagen, weil sie seiner Macht in ihrem Leben und in der Welt nichts zutrauen. Da sind die Hochmütigen, die ihre religiösen Bedürfnisse nicht ernst nehmen, der Lächerlichkeit preisgeben und mit dem göttlichen Wort ihren Spott haben.

Das Wörtchen gratis hat in der Welt des Marktes einen zweifelhaften Klang. Sicher, manchmal bekommt tatsächlich etwas geschenkt. Einfach so. Aus Sympathie, Freundlichkeit oder aus einer guten Laune heraus. Aber in der Regel ist man gut beraten, ein Angebot erst einmal kritisch zu prüfen, ehe man zugreift.

Gottes Wort aber ist kein Angebot dieser Welt. Und darum ist auch der Glaube nicht der Logik und dem Gesetz dieser Welt unterstellt. Alles im Leben hat seinen Preis. Das Leben selbst aber ist ein unverfügbares Geschenk.

Kein Mensch hat sich sein Leben selber gegeben. Kein Mensch hat Macht, sein Leben zu erhalten. Und niemand vermag sein Leben in der Fülle seiner individuellen Möglichkeiten auszuschöpfen. Was wir also von unserem Leben haben, ob es uns Erfüllung schenkt, ob wir einen Sinn darin finden und für unseren Lebensweg ein Ziel erkennen können, all das hängt allein davon ab, ob wir in Kontakt treten mit Gott, der die Quelle des Lebens selber ist.

Gegen Skepsis, Zweifel und kritische Vorbehalte wirbt der Prophet Jesaja engagiert um das Vertrauen der Menschen in das göttliche Wort, das diese Quelle in unserem Leben sprudeln läßt. Wie köstlicher Wein, erfrischendes Wasser und nahrhafte Milch ergießt sich der göttliche Lebensstrom in seinem unermesslichen Reichtum - und jeder darf kommen und trinken, ganz umsonst. Anders als bei Jorgos sind Gottes Weintage an keine Gegenleistung geknüpft.

Das göttliche Angebot zum Leben ist gratis, einfach deshalb weil das Wesen Gottes gratia ist -das bedeutet: Gunst, Zuwendung, Gnade und Liebe.



Pastorin Mareile Grzanna
Hannover
E-Mail: grzanna@johannisbemerode.de

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