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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Himmelfahrt, 02.06.2011

Predigt zu 1. Könige 8:22-24, 26-28, verfasst von Christian-Erdmann Schott

 

 

22 Und Salomo trat vor den Altar des HERRN angesichts der ganzen Gemeinde Israel und breitete seine Hände aus gen Himmel 23 und sprach: HERR, Gott Israels, es ist kein Gott weder droben im Himmel noch unten auf Erden dir gleich, der du hältst den Bund und die Barmherzigkeit deinen Knechten, die vor dir wandeln von ganzem Herzen; 24 der du gehalten hast deinem Knecht, meinem Vater David, was du ihm zugesagt hast. Mit deinem Mund hast du es geredet, und mit deiner Hand hast du es erfüllt, wie es offenbar ist an diesem Tage.

26 Nun, Gott Israels, lass dein Wort wahr werden, das du deinem Knecht, meinem Vater David, zugesagt hast. 27 Aber sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen - wie sollte es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe? 28 Wende dich aber zum Gebet deines Knechts und zu seinem Flehen, HERR, mein Gott, damit du hörest das Flehen und Gebet deines Knechts heute vor dir.

Liebe Gemeinde!

Zu den schwierigsten Fragen, mit denen wir uns zeitlebens herumschlagen, gehören die so genannten Kinderfragen. Da fragt ein kleiner Junge seine Mutter: „Wo ist eigentlich der Herr Jesus?" Die Mutter: „Der ist beim lieben Gott". Daraufhin der Junge: „Und wo ist der liebe Gott?" Die Mutter: „Der ist im Himmel". Der Junge: „Und woher weißt Du, dass der liebe Gott im Himmel ist?" Die Mutter: „Weil es heißt: Vater unser, der du bist im Himmel...." Daraufhin der Junge: „Also ist der liebe Gott hinter den Wolken, bei den Sternen, beim Mon...". Die Mutter: „Nein, da ist er auch nicht, denn er ist ja auch immer bei uns. Er ist jetzt auch hier". Der Junge: „Ja, wo ist er denn nun, im Himmel und dann auch auf der Erde, wo ist er denn nun wirklich?"

Der Schwierigkeiten, die in diesem kleinen Gespräch aufleuchten, müssen wir uns nicht schämen. Sie sind uralt. Schon und gerade die Israeliten kannten sie. Denn sie lebten in einer Umgebung, wo jedes Volk einen anschaubaren, vorzeigbaren Gott verehrte. Israel dagegen glaubte an einen unsichtbaren Gott. Es war immer schwierig, diesen Gott zu benennen und zu sagen, wie er vorzustellen ist, wo er eigentlich ist. Die Frage der umliegenden Völker war immer: Wo ist denn nun euer Gott?

Nun hatten die Israeliten zuerst eine bescheidene Lösung für das Problem gefunden. Sie nahmen die Steintafeln, auf die Mose am Sinai im Auftrage Gottes die zehn Gebote eingemeißelt hatte, und taten sie in einen Kasten, in die so genannte Bundeslade. Und immer wenn etwas Besonderes stattfand, zum Beispiel eine Volksversammlung oder ein Krieg, nahmen sie diese Lade mit als Zeichen der Gegenwart Gottes. Allmählich genügte vielen diese Lösung aber nicht mehr. Immer deutlicher zeigte sich das Bedürfnis, Gott an bestimmten „heiligen" Orten, zum Beispiel in regionalen Tempeln oder an religiösen Erinnerungsstätten in den einzelnen Stämmen zu suchen und zu verehren. Das führte allerdings auch zur Zersplitterung des Glaubenslebens. So kam der Gedanke auf, dass man doch an zentraler Stelle, auf dem Zion in Jerusalem, einen Tempel bauen sollte, ein Zentralheiligtum, das auch als Nationalheiligtum gemeint war, damit jedermann, das gesamte Volk Israel, weiß, wo Gott zu finden ist, wo er seinen Platz hat. Das ist geschehen. Der Tempel wurde gebaut. Die Bundeslade bekam nun ihren festen Platz in diesem Tempel. Von Salomo, also im 10. Jahrhundert vor Christus, wurde der Tempel schließlich eingeweiht.

In der weiteren Entwicklung bedeutete das Jahr 587 vor Christus einen tiefen Einschnitt. Damals eroberten die Babylonier unter ihrem König Nebukadnezar den jüdischen Staat und zerstörten sein zentrales Symbol, den Tempel in Jerusalem.

Die Oberschicht musste in die Verbannung nach Babylon. Daraus folgte für Israel ein schweres Glaubensproblem. Die Verbannten fragten sich: Wo ist nun der Platz Gottes in dieser Welt? Ist Gott heimatlos, ortlos geworden? Ist er noch in seinem Volk? Ist jetzt mit uns nicht alles aus und zu Ende? In dieser Situation und mit diesen Fragen begannen die Israeliten im Exil ihre Geschichte aufzuschreiben, auch die Geschichte des Tempels, - immer aus der Rückschau, immer mit der bangen Frage im Herzen, ob und wie es denn überhaupt weitergehen kann.

Unser Predigttext stammt aus diesen Aufzeichnungen. Er ist ein Teil des Gebetes, das sozusagen zurückdatiert und Salomo in den Mund gelegt wurde. Wer genau hinhört, spürt, dass die Erfahrungen des Exils bereits eingearbeitet sind und schon hier, schon bei der Einweihung des Tempels zur Sprache gebracht werden. Das zeigt sich vor allem in der Spannung: Es ist dein Haus, Gott Israels, das wir einweihen. Aber wohnst du wirklich in diesem Haus, du, den alle Himmel und aller Himmel Himmel nicht fassen können? Durch die Formulierung dieser Spannung wird deutlich, dass der Bau des Tempels nur der Versuch war, Gott einen Platz in der Welt anzuweisen, dass das aber letztlich ein unmögliches Unterfangen ist. Denn der Gott, an den Israel glaubte, ist in keinen Tempel einzuzwängen. Er ist jenseits aller Tempel, aller Himmel und aller Erde, denn er hat sie ja geschaffen. Er ist nicht ein Teil der Welt. Damit ist es dann aber auch unerheblich, ob der Tempel noch steht und vom Volk für den Gottesdienst genutzt werden kann. Die Verschleppten begannen an die Gegenwart Gottes zu glauben - auch ohne Tempel. Das war für sie überlebenswichtig. Durch diese Erkenntnis blieben sie davor bewahrt, dass mit der Zerstörung des Tempels auch ihr Glaube zerstört wurde.

Das Gebet des Königs Salomo hat aber noch eine andere Seite. Wir kommen ihr sehr nahe, wenn wir uns klar machen, dass es bei der Frage „Wo ist Gott?" nicht um die Befriedigung von Neugier oder um die Klärung eines interessanten intellektuellen Problems geht. Es ging vielmehr darum, sich der Gegenwart Gottes zu versichern, weil man seine Stärke, seine Hilfe, seinen Schutz, seine Gnade und Güte bei sich und mit sich haben wollte. Gott ist kein bloßer blasser Begriff. Der Name Gottes ist Ausdruck seines Wesens. Darum ist es ein Urbedürfnis des Menschen, Gott in seiner Nähe zu wissen.

Das hat dann auch im Neuen Testament seinen Niederschlag gefunden. Besonderns im Johannesevangelium ist das sehr deutlich herausgearbeitet: „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns". Gott „wohnte" in Christus unter den Menschen. Aber genauso wie der Tempel im alten Israel nicht das ganze Sein Gottes umfasste, so bleiben Gott und der Sohn, in dem er sich offenbart, doch unterschieden. Auch in Christus ist Gott nicht vollumfänglich aufgegangen. Der Vater und der Sohn bleiben eins und doch getrennt. Aber der Sohn versichert uns der Nähe Gottes und zeigt uns den Weg zu Gott, indem er uns voran geht. Aber wohin?

Es war die Idee des Evangelisten Lukas, das irdische Leben Jesu einmünden zu lassen in die Rückkehr zu Gott, dem Vater. Wir nennen diesen Vorgang die Himmelfahrt. Er bedeutet, dass Jesus Christus uns die Richtung zeigt, die auch wir einschlagen sollen, um zu Gott zu kommen. Er ging uns voran und voraus. Nach der Meinung des Lukas haben das die Jünger auch so verstanden, denn es heißt bei ihm, dass sie nach dem Abschied von Jesus „mit großer Freude" wieder nach Jerusalem zurückkehrten. Sie haben verstanden, dass dieser Weggang uns zur Ermutigung, zur Hoffnung, zur Freude, zur Vergewisserung geschehen ist. So wie Christus zum Vater geht, wieder zu ihm zurückkehrt, so sollen auch wir zu ihm gehen. Deswegen ist es im Sinn der Bibel ganz richtig, wenn es in einem der Himmelfahrtslieder heißt: „Auf Christi Himmelfahrt allein ich meine Nachfahrt gründe" (EG 122). Es meint: Wir sind auf dem Weg in den „Himmel", zu Gott.

Das alles zeigt aber auch, dass es sehr schwer ist, diese Themen des Glaubens angemessen zu beschreiben und auszudrücken. Das war immer so und darum haben die Menschen immer Bilder benutzt, um sich überhaupt verständlich zu machen. So ist das mit der Himmelfahrt, so ist das auch mit dem Tempel. Wir könnten theoretisch auf diese Bilder und Symbole verzichten. Aber der Preis wäre sehr hoch. Wir könnten uns nämlich praktisch kaum noch etwas vorstellen und kaum noch miteinander kommunizieren. Es wäre auch schwierig, den Glauben an die folgenden Generationen weiterzugeben. Insofern brauchen wir Bilder, auch das Bild von dem in den Himmel auffahrenden Christus. Die Kunstgeschichte hat im Übrigen gerade diese Szene viel massiver dargestellt und ausgemalt als Lukas, bei dem sie eigentlich nur angedeutet ist.

Andererseits können wir von diesem alttestamentlichen Weihegebet auch einige bleibende Erkenntnisse gewinnen - hier vor allem die, dass die Bilder und Zeichen, dass der Tempel eben nicht das Ganze und nicht die Sache selbst sind. Das heißt, dass wir nicht, wie es in Israel dann auch geschehen ist, den Tempel für den ausschließlichen realen Wohnsitz Gottes halten und sagen „Hier haben wir ihn wirklich und hier ist er anwesend". Die Zerstörung des ersten und dann des wieder aufgebauten zweiten Tempels im Abstand von rund sechshundert Jahren ist insofern wegweisend und weiterführend, weil sie uns zeigt, dass unsere Zeichen und Symbole immer wieder auch zerbrochen werden müssen - ohne dass Gott und der Glaube dadurch Schaden nehmen. Wir brauchen Bilder. Aber wir sollten sie nicht zu ernst nehmen, auf keinen Fall für die Sache selbst halten. Himmelfahrt aber meint, Jesus ist uns vorangegangen, er zeigt, dass wir in seiner Nachfolge auf dem Weg in den „Himmel" sind.

Dieser Himmel aber ist, das zeigt die Geschichte aus dem Buch der Könige schließlich auch, dort, wo wir mit Gott sprechen. Himmel ist, wo Gott ist. Insofern war es sehr bedeutsam, dass die verschleppten Israeliten dem König Salomo ein Gebet in den Mund legten. Im Gewand einer längst vergangenen Zeit, im Gewand eines Weihegebetes für den bereits untergegangenen Tempel zeigt es, wie es mit dem Glauben auch nach der Katastrophe in einer Gott angemessenen Weise weitergehen kann: Denn Gott ist geblieben, und die Möglichkeit des Betens ist geblieben, auch ohne Tempel. Ja, der Ort, wo Gott ist, das Haus Gottes, die Gegenwart Gottes ist dort, wo gebetet wird - ob es nun das Einfamilienhaus, das Kinderzimmer, die Familienfeier, der Krankensaal, das Gefängnis, der Gemeindesaal oder das stille Kämmerlein ist. Dort, wo gebetet wird, dort ist Gott, dort ist der Himmel offen. Und in diesen geöffneten Himmel dürfen wir hineinsprechen, alles was uns an Lob, Dank, Kummer, Krankheit, Freude, Hoffnung bewegt. Amen.



Pfarrer em. Dr. Christian-Erdmann Schott
55124 Mainz
E-Mail: ce.schott@arcor.de

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