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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

2. Sonntag nach Trinitatis, 17.06.2007

Predigt zu Jesaja 55:1-3b, verfasst von Thomas Bautz

Liebe Gemeinde!

Das Prophetenwort richtet sich entweder an die noch im babylonischen Exil Weilenden oder an die bereits nach Jerusalem Zurückgekehrten.

In jedem Falle ist die Lage schwierig; der Prophet möchte den Mutlosen Mut zusprechen. Allein bis die von den Babyloniern geschleiften Mauern von Jerusalem wieder hergestellt sind, gilt es viele Hürden zu nehmen. Mit viel Geduld und unter großer Anstrengung geht der Wiederaufbau voran und muss sogar mit Waffengewalt verteidigt werden[1] (vgl. Neh 4 - Zürcher Bibel).

Nach der Zeit in der Fremde belastet nicht so sehr materielle Not, als vielmehr die religiöse, nämlich die fehlende Orientierung. Es gibt einen Hunger nach Verlässlichem, nach Heimat, eine Sehnsucht nach Leitlinien im Dickicht und Wirrwarr unterschiedlichster Meinungen und Sinnangebote. Menschen möchten ihren Durst stillen, wissen aber nicht wie[2] - auch nicht, wo sie eine zuverlässige, nicht bald wieder versiegende Quelle suchen sollen.

 

Die alten Traditionen, die großen Erzählungen - wie etwa der Exodus aus Ägypten und der bewahrende, wenn auch beschwerliche Weg durch die Wüste - mögen für die einen noch Trost spendende und ermutigende Kraft vermitteln. Für andere indes bedeuten sie kaum mehr als die Erinnerung an längst vergangene Zeiten. Was für die Väter noch zutreffend gewesen sein mag, gilt heute nicht mehr; die Zeiten haben sich geändert. Zumindest kann man das frühere Eingreifen Gottes, von dem die Alten erzählen, inzwischen nicht mehr so ohne weiteres nachvollziehen.

Aber die Sehnsucht nach geistiger, religiöser Orientierung bleibt - wenigstens für diejenigen, die nicht völlig resigniert haben, sowie für solche, die nicht aufgehört haben, nach dem Sinn zu fragen. Es hungert und dürstet manchem nach Nahrung, die auf Dauer satt macht - nach Speise, die nachhaltig befriedigt.

 

Die Speisemetaphorik durchzieht das Alte wie das Neue Testament; ihre Wirkungsgeschichte prägte auch die Literatur- und Kunstgeschichte.

In der rabbinischen Literatur ist der Vergleich von Wasser mit der Weisung (Gottes), der Tora, sehr verbreitet. Die Auslegungstradition nennt vier Gründe, weshalb die Tora mit Wasser verglichen wird:

„[...] Wie Wasser der Welt Leben schenkt, so schenken auch die Worte der Tora der Welt Leben (Spr 4,22). Wie Wasser das Unreine seiner Unreinheit enthebt, so entheben auch die Worte der Tora den Menschen seiner Unreinheit (Ps 19,10). Wie Wasser die Seele eines Menschen erquickt, so erquicken die Worte der Tora die Seele eines Menschen und führen ihn vom schlechten auf den guten Weg (Ps 19,8). Wie Wasser (in der Regel) nichts kostet, so kosten auch die Worte der Tora nichts (Jes 55,1)."[3]

 

Diese erfrischende, reinigende, belebende Quelle kostet zwar kein Geld, erschließt sich aber keineswegs von selbst. Deshalb appelliert das Prophetenwort an die Eigeninitiative des Dürstenden: Auf, ihr Durstigen, geht zum Wasser!

Wer durstig ist, muss etwas gegen den Durst tun; er darf nicht abwarten und sitzen bleiben. Im letzten Buch der Bibel, in der Offenbarung des Johannes, heißt es (Offb 22,17):

„[...] Komm! Und wer es hört, der spreche: Komm! Und wer dürstet - der komme. Und wer will, empfange lebendiges Wasser - umsonst."

 

Die Worte der Tora, die Worte der Propheten, die Worte der Weisheit, die Worte der Offenbarung im Geiste Jesu - sie alle wollen gehört werden. Und man muss aufbrechen, sich auf den Weg machen. Das ist die unabdingbare Voraussetzung für die Sättigung der Seele, für die beständige Befriedigung der Sinnfragen:

„Hört auf mich, und ihr eßt Gutes, [...].
Neigt euer Ohr und kommt zu Mir!
Hört, und es lebt eure Seele!" (Jes 55,2b.3ab)

 

Man braucht ein offenes Ohr für die Worte des Lebens. Wer aufnahmebereit ist, wird gute Speise finden. Umgekehrt: wer schon alles satt hat, wird auch nichts Geistvolles hören wollen.

Wenn es um den Glauben an den Ewigen, um das Vertrauen auf den lebendigen Gott geht, bleiben wir bedürftig wie Säuglinge: „Wie die Milch einen Säugling am Leben erhält und sein Gedeihen fördert, so erhalten die Worte der Tora die Seele des Menschen am Leben und fördern ihr Gedeihen."[4]

 

Die Tora enthält als Weisung Gottes so viel Hilfreiches und Wegweisendes für den einzelnen Menschen, für das Leben in der Gemeinschaft, für soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit, für Bewahrung und Erhaltung der Schöpfung, für Frieden im Zwischenmenschlichen, für Frieden unter den Religionen und für Frieden unter den Völkern.

 

Gerade vor einer Woche endete der 31. Deutsche Evangelische Kirchentag in Köln, der unter dem Motto „Lebendig und kräftig und schärfer" das Vertrauen darauf, dass die Bibel Gottes Wort als Weisung enthält, bestätigte. Wer sich für dieses Wort immer wieder neu offen hält, bleibt selbstkritisch, wird aber auch zur konstruktiven Kritik an bestehenden Missständen befähigt, ohne dabei der Gefahr zu erliegen, besserwisserisch aufzutreten.

 

Die bunte Vielfalt der bearbeiteten und diskutierten Themen auf dem Markt der Möglich-keiten auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag mündete immer wieder in die Feier des sich erbarmenden, wegweisenden, Leben spendenden Gottes in der Einheit des Glaubens und des Vertrauens auf sein lebendiges, kräftiges, einschneidend scharfes Wort.

 

Solange Menschen in und außerhalb der Kirchen diesem Wort vertrauen, werden sie auch selbst denen einen Weg weisen können, die nach Gerechtigkeit hungern und nach Wahrheit dürsten. Wer sich von Worten des Lebens als beständige Kraftquelle ernährt, wird Hungrige und Durstige nicht mit „fast food" abspeisen. Wer sich am Wort Gottes wie am Wein erfreut, der wird diese Freude auch gern mit anderen teilen und mit ihnen Tischgemeinschaft pflegen.

 

Wer sich vom lebendigen Wort Gottes ermutigen lässt, vermag auch andere zu ermutigen.

Vielleicht hungern Menschen in unserer Nachbarschaft oder am Arbeitsplatz nach Anerkennung. Vielleicht dürsten sie nach einem Zeichen unserer Wertschätzung. Viele Menschen sehnen sich auch nach Ansprache. Ein Gespräch vermittelt manchmal dem Gegenüber, dass er oder sie überhaupt beachtet wird. Mitunter ergibt sich die Gelegenheit dazu in öffentlichen Verkehrsmitteln. Ich bin immer wieder erstaunt, wenn sich Mitmenschen für ein Gespräch bei mir bedanken. Viele sind der Meinung, dass eine Gesprächskultur in unserer Gesellschaft im zwischenmenschlichen Bereich eher Mangelware ist. Man hat es verlernt, sich einander mitzuteilen, vielleicht deshalb, weil man meint, beim Gegenüber eher auf Desinteresse zu stoßen oder ihn zu stören. Stattdessen eroberten Talkshows im Fernsehen allgemeine Aufmerksamkeit.

 

Über eine Gesprächskultur hinaus kann Sprache - im Sinne von Aussprache - sogar heilsam sein. Sie bedarf allerdings einer Atmosphäre des Vertrauens. Wie gut, wenn z.B. Ehepartner noch fähig sind, sich bei Bedarf auszusprechen. Wie hilfreich ist es, sich bei einem guten Freund oder bei einer guten Freundin etwas von der Seele zu reden. Man kann einen Pfarrer oder eine Pfarrerin ins Vertrauen ziehen und erfahren, dass man sich auch in der Seelsorge befreiend aussprechen kann.

 

Von vielen Formen der Psychotherapie dürfte die Gesprächstherapie wohl am meisten verbreitet sein. Auch hier wird Belastendes zur Sprache gebracht, Bedrückendes benannt, relativiert und dadurch seiner vorher noch namenlosen Macht beraubt. Auch hier werden gemeinsam Wege aus bestehenden Dilemmata gesucht, werden gangbare Pfade angesprochen, imaginiert und erste Schritte gewagt.

 

Wir bedürfen der Ansprache und des Angenommenseins; wir brauchen immer wieder ein klärendes, wegweisendes Wort und die Gewissheit, geliebt zu werden - so wie wir sind. Der intimste und tiefgründigste Ausdruck solcher Ansprache und Akzeptanz begegnet uns im Wort Gottes. Ein durch seine Fröhlichkeit auffallender Rabbi vermochte deshalb zu formulieren: „Die Bibel ist für mich der Liebesbrief Gottes an uns Menschen."[5]

 

Dieses Wort wird uns gratis zuteil. Warum sollten wir also unser Geld für Kurzweil und Unterhaltung verschwenden, die uns im Tiefsten nicht wirklich sättigt oder auf Dauer befriedigt? Damit wird keineswegs in Abrede gestellt, dass wir uns dann und wann entspannen können und müssen - jeder Mensch auf seine ihm wohltuende Weise.

 

Aber wenn es darum geht, was im Leben trägt und uns wach hält für die Liebe zu Gott, zu seiner Schöpfung und die Liebe zum Nächsten - ganz zu schweigen von der Liebe gegenüber Widersachern und Feinden, wenn es um unser Mitwirken am Bau des Reiches Gottes geht: dann sind wir auf Gottes Wort angewiesen, das unseren Durst wie frisches Wasser zu stillen vermag, Leib und Seele wie ein guter Wein belebt und ergötzt - und uns wie Milch dauerhaft nährt, damit wir so gedeihen, wie es dem Ewigen gefällt.

 

Amen.



[1] Vgl. Roland Gradwohl: Bibelauslegungen aus jüdischen Quellen. Band 3: Die alttestamentlichen Predigttexte des 5. Jahrgangs, Stuttgart 1988, 237-245: 241 u. 272f.

[2] Vgl. R. Gradwohl: Bibelauslegungen aus jüdischen Quellen. Band 3, 241.

[3] R. Gradwohl: Bibelauslegungen aus jüdischen Quellen. Band 3, 238 - die Tora wird auch mit Wein, Honig, Milch und Öl verglichen; R. Gradwohl: Bibelauslegungen aus jüdischen Quellen. Band 3, 242.

[4] R. Gradwohl: Bibelauslegungen aus jüdischen Quellen. Band 3, 242.

[5] Rabbi Schelomo Karlebach - in einem Gespräch während meiner Studienzeit in der Lüneburger Heide (Ende der 1970iger Jahre).



Thomas Bautz

E-Mail: bautz@efh-bochum.de

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