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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Himmelfahrt, 02.06.2011

Predigt zu 1. Könige 8:22-24.26-28, verfasst von Birgit Weyel

Liebe Gemeinde,

wo ist Gott? Diese Frage treibt uns Menschen im Laufe eines Lebens immer wieder um. Wo können wir ihn finden? Ihm begegnen? Diese Frage nach dem Aufenthaltsort Gottes kann unterschiedliche Akzente haben. Mal hat sie eher die Qualität eines philosophischen Gedankenspiels. Mal ist es der verzweifelte Ruf nach Gott, dass er sich durch sein Wirken uns erschließe! Wo ist Gott?

Im Laufe eines Lebens ändern sich die Vorstellungen, mit denen wir uns Antworten auf diese Frage zurecht legen. Als Kinder malen wir phantasievolle, aber auch sehr stark gegenständliche Bilder. Später verblassen diese Bilder, wenn sich die Rationalität der kritischen Vernunft in den Vordergrund drängt. Vielleicht sind es dann Erfahrungen, in denen wir Gott begegnen. Erfahrungen, die unsere Vorstellungskraft prägen. Erfahrungen, in denen wir Gott begegnet sind. Die Erfahrung unaussprechlichen Glücks. Die Erfahrung, dass uns ein Ausweg aus einer Situation gezeigt wurde, in der wir selbst nicht mehr weiter wussten. Die Erfahrung, dass uns Kraft und Hilfe zugewachsen ist, die wir nicht aus uns selbst hervorgebracht haben. Und wenn sich solche Erfahrungen verdichten, wenn wir sie erinnern, wenn wir davon erzählen, dann richtet sich auch unser Blick nach oben, zum Himmel, dem Ort, wo auf unseren Kinderbildern Gott wohnt.

Die Frage nach dem Ort, an dem Gott zu finden, ist das Thema des heutigen Festes: Himmelfahrt.

Himmelfahrt ist ein faszinierender Feiertag! 40 Tage nach Ostern feiern wir heute die Rückkehr des auferstandenen Christus in den Himmel.

Im Mittelalter war es üblich, im Gottesdienst an Christi Himmelfahrt eine geschnitzte Christuspuppe in die Höhe zu ziehen, um dann Oblaten auf die Gemeinde herabregnen zu lassen. Anschaulich wurde den Gläubigen gezeigt, dass in der Feier des Heiligen Abendmahls Christus mitten unter uns ist, im Sakrament da ist, erfahrbar ist.

Auch in der Kunst spielt die Himmelfahrt eine wichtige Rolle. Die westliche Tradition zeigt Christus den Berg aktiv hinaufsteigend bis er den Blicken seiner Jünger entzogen ist. Mit seiner Rechten ergreift er die ihm aus einer Wolke entgegen gestreckte Hand Gottes, der ihn kraftvoll hinaufzuziehen scheint. Die im Osten gebräuchliche Darstellung lässt Christus triumphal auf den himmlischen Thron sitzend zur Rechten Gottes, schweben. Eine Variante des emporschwebenden Christus zeigt nur seine Füße, die aus dem Gewandsaum herausragen.

Welche tiefere Bedeutung aber hat Himmelfahrt? Welche Antwort wird uns mit der Erzählung von Christi Himmelfahrt, gegeben, wenn wir fragen: Wo ist Gott? Sei es eher im Sinne eines Gedankenspiels oder sei es drängend, existentiell.

Zum einen werden wir auf eine Grenze hingewiesen: die Grenze zwischen Himmel und Erde. Natürlich ist hier nicht naiv an einen räumlichen Himmel gedacht, den man mit dem Flugzeug oder einem Raumschiff bereisen kann. Auch wenn die luftigen Wolken aus dem Flugzeugfenster wunderschön anzuschauen sind. Im Himmel sind wir dann noch lange nicht. Der Himmel ist vielmehr ein Bild für die Nähe Gottes. Eine Nähe, in der sich die Frage nach Gott nicht mehr stellt, weil wir seine vollkommene Gegenwart erleben.

Im Himmel, bildlich gesprochen, stellt sich die Frage nach dem Aufenthaltsort Gottes nicht mehr, weil im Himmel alles Hoffen und Sehnen erfüllt sein wird. Am ehesten erschließt sich die Redewendung vom Himmel, wenn wir von dem Gefühl reden, im siebten Himmel zu sein, für einen Augenblick zu schweben, vollkommen glücklich zu sein. Die Offenbarung des Johannes spricht davon, dass Gott selbst alle Tränen abwischen wird. Eine wunderbare Vorstellung. Gott wird bei den Menschen wohnen. Weiter heißt es dort: „Und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein.“ (Offb 21,3f)

Noch aber haben wir den Himmel auf Erden nicht. Himmel und Erde sind durch eine Differenz markiert. Noch machen wir Erfahrungen der Trennung, des Zurückbleibens und der Einsamkeit, in denen wir Gottes Nähe nicht spüren. Nicht zuletzt der Tod ist eine Erfahrung, die uns mit aller Macht die Schwerkraft eines Erdenlebens in Erinnerung ruft.

Die Grenze zwischen Himmel und Erde wird durch die Himmelfahrt Christi markiert. Sie ist schmerzlich, weil sie uns unsere Endlichkeit in Erinnerung ruft. Christus wird den Blicken der Jünger entzogen. Der Auferstandene ist eben noch bei ihnen und dann ist er aus ihrer Mitte verschwunden. Sie können ihm nur noch hinter her sehen, staunend bleiben sie zurück.

Aber der Auferstandene ist nicht einfach weg. Als wäre nichts geschehen. Das Bedürfnis nach Anschauung, nach Präsenz von Angesicht zu Angesicht wird enttäuscht. Himmel und Erde bleiben unterschieden, wir haben den Himmel auf Erden noch nicht, aber – und das ist die andere, die wichtige Botschaft der Himmelfahrt: der Himmel ist offen. Der Auferstandene wird eingesetzt zur Rechten Gottes, der nahe, barmherzige Gott tritt machtvoll die Herrschaft über den Himmel und die Erde an.

Martin Luther hat es so ausgedrückt: „Man soll nicht denken, er sei dahingefahren und sitze nu da oben und lasse uns hier regieren, sondern darum ist er hinaufgefahren, weil er dort oben am meisten schaffen und regieren kann ... Darum hüt dich ja, zu denken, er sei nu weit von uns!“

Himmelfahrt zieht nicht nur eine scharfe Grenzlinie, sondern feiert zugleich die Überwindung dieser Grenze durch Jesus Christus. Der Mensch gewordene Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist und unser Leben geteilt hat, kehrt in den Himmel zurück. Wir werden also zunächst an Weihnachten erinnert: Hier hat Gott die Grenze zwischen Himmel und Erde, Gott und Mensch, oben und unten überschritten, indem er in der Geburt Jesu, Mensch geworden ist. Weihnachten öffnet sich der Himmel, Gott kommt uns Menschen nahe, „vom Himmel hoch“. Nach seinem irdischen Wirken, dem Tod am Kreuz und seiner Auferweckung kehrt der Auferstandene zurück in den Himmel, zurück zu Gott, zurück nach oben.

Himmelfahrt nimmt die spannungsvolle Erfahrung auf, dass wir zwar den Zuspruch haben, dass uns der Himmel geschenkt ist, dass Gott uns nah ist und zu unseren Gunsten als liebender und barmherziger Gott für uns „schafft und regiert“, aber wir den Himmel auf Erden noch nicht haben, dass wir Erfahrungen der Gottesferne machen, eine Distanz aushalten müssen, die uns fragen und zweifeln lässt.

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Alten Testament, im 1. Buch Könige Kapitel 8, 22-24.26-28. Ein Text der die Spannung von Nähe und Distanz aufnimmt und dazu einen ganz eigenen Beitrag liefert.

„Und Salomo trat vor den Altar des Herrn angesichts der ganzen Gemeinde Israel und breitete seine Hände aus gen Himmel und sprach: Herr, Gott Israel, es ist kein Gott weder droben im Himmel noch unten auf Erden dir gleich, der du hältst den Bund und die Barmherzigkeit deinen Knechten, die vor dir wandeln von ganzem Herzen; der du gehalten hast deinem Knecht, meinem Vater David, was du zu ihm gesagt hast. Mit deinem Mund hast du es geredet, und mit deiner Hand hast du es erfüllt, wie es offenbar ist an diesem Tage. Nun Gott Israels, lass dein Wort wahr werden, das du deinem Knecht, meinem Vater David zugesagt hast. Aber sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Siehe der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen – wie sollte es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe? Wende dich aber zum Gebet deines Knechts und zu seinem Flehen.“

Dieser Text versucht auch eine Antwort auf die Frage zu finden: „Wo ist Gott?“ Die Situation, die hier im Hintergrund steht, ist eine dramatische. Der Tempel in Jerusalem, der für die jüdische Gemeinde der verlässliche Ort war, an dem Gottes Nähe erfahren werden konnte, war zerstört. Die Gemeinde war zerstreut. Sie konnte nicht nach Jerusalem zurückkehren. Wo ist Gott zu finden – wenn nicht mehr im Tempel in Jerusalem?

Dieser Text, der im Rückblick formuliert ist, gibt eine Antwort, die auch für uns heute wertvoll ist. Sie liegt im Hinweis auf die Zuverlässigkeit der Verheißungen, die Gott gegeben hat. Gott ist kein wankelmütiger Gott, der sich heute so und morgen so zeigt. Gott hält seinen Bund. Gott ist barmherzig. Diese Erfahrung zieht sich durch alle biblischen Geschichten. Dies sollen die Jünger, sollen wir bezeugen „bis an das Ende der Welt“ (Apg 1,8). Das sind die letzten Worte Jesu, bevor er aufgehoben wird und eine Wolke ihn wegnimmt.

Die Verheißungen, die freundlichen Zusagen Gottes, das Evangelium, daran sollen wir uns halten, immer und gerade dann, wenn wir das Gefühl haben, dass der Himmel weit weg und die Erde nah ist. Wenn wir Gott suchen, können wir ihn in den Worten finden, die von seiner großen Barmherzigkeit und verlässlichen Liebe erzählen, die keinen Menschen zurück lässt.

Wir Menschen haben das Bedürfnis, Gott einen festen Ort zuzuweisen. Einen Gegenstand, den wir anfassen können. Ein Bild, das wir küssen können. Einen Wallfahrtsort, den wir aufsuchen können. Aber Gott ist nicht an einem bestimmten Ort. Das kann als Erfahrung des Verlusts erlebt werden. So wie das Volk Israel seinen Tempel verloren hat. Aber es liegt darin auch die große Verheißung, Gott überall begegnen zu können. Gottes Nähe in unserem Leben ist nicht an Heilige Orte gebunden.

Das Volk Israel hat Gottes Nähe auch auf seiner Wüstenwanderung erlebt. Siehe, so Salomo, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen – wie sollte es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe?

Gott erweist sich als der Gott, der mitgeht, der sein Volk nicht allein durch die Wüste wandern lässt, der uns nicht allein auf unserem Lebensweg lässt, sondern in seinen Verheißungen und durch sein heilvolles Wirkens da ist.

Während wir Gott noch suchen, ist er doch eigentlich schon da. Gott wohnt im Evangelium. Darin ist er gegenwärtig. Der Himmel ist offen.

Amen



Prof.Dr. Birgit Weyel
Tübingen
E-Mail: birgit.weyel@uni-tuebingen.de

Bemerkung:
Literatur: Dorothee Ernst/Dietrich Sattler, Himmelfahrt, in: PSt(S) III/1 (2004/5), 288–294; Martin Luther, Die Passions- und Ostergeschichten aus allen vier Evangelien, in: Erwin Mühlhaupt (Hg.), Martin Luthers Evangelien-Auslegung Bd. 5, 3. Aufl. 1961; Hans-Christoph Schmidt-Lauber, Art.: „Himmelfahrtsfest“, in: TRE 15, 1986, 341–344; Birgit Weyel, Christi Himmelfahrt, in: CPh II/1 (1997/1998), 24–250.


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