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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Pfingstmontag, 13.06.2011

Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 11:1-9, verfasst von Ludwig Schmidt

 


1 Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache. 2 Als sie nun nach Osten zogen, fanden sie eine Ebene im Land Schinar und wohnten daselbst. 3 Und sie sprachen untereinander: „Wohlauf, lasst uns Ziegel streichen und brennen!" - und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel 4 und sprachen: „Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut über die ganze Erde." 5 Da fuhr der HERR hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, den die Menschenkinder bauten. 6 Und der HERR sprach: „Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen, und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. 7 Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe!" 8 So zerstreute sie der HERR von dort über die ganze Erde, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen. 9 Daher heißt ihr Name Babel, weil der HERR daselbst verwirrt hat die Sprache aller Welt und sie von dort zerstreut hat über die ganze Erde.

Liebe Gemeinde!

„Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache", so beginnt unser Predigttext. Er beschreibt damit eine Sehnsucht, die schon im Altertum die Menschen bewegte. Wenn alle dieselbe Sprache sprechen würden, könnten sie einander besser verstehen. Manche Auseinandersetzungen bis hin zu Kriegen hatten ihre Ursache darin, dass man die Worte von Menschen mit einer anderen Sprache falsch deutete, weil man ihre Sprache nicht oder nur ungenügend beherrschte. Auch heute setzen gute Kontakte zu anderen voraus, dass man sich mit ihnen unterhalten kann. So ist inzwischen deutlich geworden, dass in Deutschland die Integration von Migranten nicht gelingen wird, wenn sie nicht einigermaßen Deutsch können. Wer sich von uns im Ausland nur mit Händen und Füßen verständigen kann, hat keine Chance, mit den Menschen dort eine engere Beziehung einzugehen. Die unterschiedlichen Sprachen erschweren bis heute die Verständigung zwischen Menschen verschiedener Herkunft.

I.

Mit der Erzählung von dem Turmbau zu Babel wird in der Bibel begründet, warum es eine Vielzahl von Sprachen gibt und die Menschen über die Erde verstreut leben. Hier entdecken die Menschen zunächst, dass sie Ziegel und Mörtel herstellen können, um zu bauen. Das war eine sehr nützliche Erfindung, weil die Menschen durch sie für Bauten nicht davon abhängig waren, dass es Steine gab, die man aufeinander schichten konnte. Es war nun möglich, in einem Gebiet zu bauen, in dem es nur wenige Steine gab.

Diese Entdeckung wird in der Erzählung nicht kritisiert. Es gehört zu den guten Gaben Gottes, dass Menschen Erfindungen machen können, die das Leben erleichtern, und wir sollten Gott auch für diese Gabe danken. Inzwischen betrachten allerdings Viele in unserem Land die Technik sehr skeptisch. Manche sehnen sich nach der Zeit, als man noch nicht in einer so stark technisierten Welt wie heute lebte. Aber wer von uns will im Ernst und mit allen Konsequenzen unter den Bedingungen der Vergangenheit leben und auf die großen und kleinen Errungenschaften verzichten, die uns das Leben erleichtern?

Freilich haben vor allem die Älteren unter uns manchmal Schwierigkeiten, Geräte mit modernster Technik zu bedienen. Aber aufs Ganze gesehen profitieren wir alle von dem technischen Fortschritt. Das wird an der Medizin besonders deutlich. Nur durch technische Erfindungen wurde es möglich, dass die Lebenserwartung erheblich gestiegen ist. Die Technik wird allerdings dann zu einer Gefahr, wenn Menschen meinen, sie müssten alle Möglichkeiten ausschöpfen, die die Technik bietet.

II.

Das zeigt die Erzählung von dem Turmbau zu Babel. Mit ihrer Erfindung von Ziegel und Mörtel hätten sich die Menschen Häuser bauen und sich so vor Unwetter schützen können. Aber das genügte ihnen nicht. Sie wollten eine große Stadt für alle und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reicht. Dieser Plan beruhte einerseits auf Angst und andererseits auf Größenwahn.

Mit dem Bau der Stadt wollten sie verhindern, dass sie zerstreut wurden, weil sie sich nur in der großen Gemeinschaft geborgen fühlten. Aber ihre Furcht war völlig unbegründet, denn es gab niemand, der ihre Einheit zerstören wollte. Mit dem Bau der Stadt wollten sich die Menschen somit gegen ein Risiko absichern, das höchstens theoretisch möglich, aber höchst unwahrscheinlich war. Oder trauten die Menschen Gott nicht? Hielten sie es für möglich, dass er ihre Gemeinschaft auflösen würde?

In der Erzählung wird aber nicht einmal angedeutet, dass die Menschen die Stadt bauten, um sich gegenüber Gott abzusichern. Gott wird in dem ersten Teil, in dem von dem Plan der Menschen erzählt wird, nicht erwähnt. Hier plant eine Menschheit, die keine Beziehung zu Gott mehr hat und sich deshalb auch nicht vor ihm fürchtet. Sie will sich mit ihrem eigenen Tun gegen alle Eventualitäten absichern, obwohl es höchst unwahrscheinlich ist, dass sie eintreten, und sie ist davon überzeugt, dass sie dazu imstande ist. Deshalb wird sie maßlos in ihren Plänen und in ihrem Handeln.

Die Menschen wollen nicht nur eine große Stadt, sondern auch einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reicht. Über Jahrtausende hinweg nahm man an, dass Gott in dem Himmel über uns wohnt. Deshalb haben immer wieder Menschen hohe Türme gebaut, auf denen sie Gott näher kommen wollten. Das war eine Illusion, denn auch in einem noch so hohen Turm sind Menschen Gott nicht näher als auf dem Erdboden.

Aber der Turm zu Babel sollte nicht dazu dienen, dass die Menschen Gott besser erreichen konnten. Er war nicht für den Gottesdienst bestimmt, sondern mit ihm wollten sich die Menschen einen Namen machen. Die späteren Generationen sollten die Höhe des Turms bestaunen und seine Erbauer rühmen. Mit dem Turmbau wollten sich die Menschen also selbst verherrlichen. Diese Menschheit wird in ihrem übersteigerten Selbstvertrauen und ihrem Größenwahn nicht mehr zu stoppen sein, wenn Gott nicht den Anfängen wehrt. Sie wird alles verwirklichen wollen, was sie sich ausdenkt, und dabei wird für sie Gott keine Rolle spielen.

Deshalb griff Gott ein und setzte den Menschen Grenzen, die ihre Möglichkeiten einschränken. Er zerstreute die Menschen über die Erde. Damit trat nun ein, was sie mit dem Bau der Stadt gerade verhindern wollten. Außerdem verwirrte Gott ihre Sprache, damit sie es durch die verschiedenen Sprachen schwerer haben, sich nochmals auf einen größenwahnsinnigen Plan zu einigen. Weil Gott den Menschen Grenzen setzen musste, hat sich ihre Lebensqualität gegenüber der Zeit verschlechtert, als alle zusammen wohnten und eine Sprache sprachen.

Nun wissen wir heute, dass die Entstehung der unterschiedlichen Völker und Sprachen anders als in der Erzählung vom Turmbau zu Babel zu erklären ist. Aber sie macht noch immer beispielhaft deutlich, dass durch falsches Selbstvertrauen und durch Größenwahn die Lebensqualität der Menschen nicht gesichert oder gar gesteigert, sondern vermindert wird. Das gilt nicht nur für die Technik, aber auch für sie.

III-

Mit dem dunklen Bild, das die Erzählung vom Turmbau zeichnet, endete freilich nicht die Geschichte Gottes mit den Menschen. Im ersten Buch Mose wird im folgenden Kapitel von der Berufung Abrahams erzählt. Gott forderte ihn auf, aus seinem Land, seiner Verwandtschaft und seinem Vaterhaus in das Land zu ziehen, das ihm Gott zeigen wird, und Gott sagte ihm zu, dass er ihn zu einem großen Volk machen und seinen Namen groß machen wird. Das ist das Gegenbild zu der Erzählung vom Turmbau. In ihr wollte die Menschheit mit dem Bau einer Stadt unbedingt ihre Einheit bewahren. Abraham aber sollte Land und Großfamilie, wo er sich geborgen wissen konnte, verlassen und in ein fremdes Land ziehen.

Abraham hielt sich an die Anweisung Gottes und machte sich mit seiner Frau Sara und seinem Neffen Lot auf den Weg, weil er darauf vertraute, dass Gott mit ihm sein und ihn beschützen wird. Abraham konnte außerdem in dem anderen Land nicht selbst seinen Namen groß machen, so dass ihm von der Nachwelt Ruhm und Ehre zuteil wurden. Er musste eigentlich froh sein, wenn er in der Fremde am Leben blieb. Abraham war somit darauf angewiesen, dass Gott hielt, was er ihm versprochen hatte. Gottvertrauen statt übersteigertem Selbstvertrauen und Größenwahn, das ist die Alternative zu dem Fehlverhalten der Menschen in der Erzählung vom Turmbau.

Gott begann mit Abraham, dem Ahnherrn des Volkes Israel, eine besondere Geschichte, in der das alttestamentliche Gottesvolk immer wieder erfahren durfte, dass sich Gott ihm gnädig zuwandte. Freilich leistete sich auch dieses Volk manchmal ein falsches Selbstvertrauen und verfiel dem Größenwahn. Dann musste Gott ihm seine Grenzen aufzeigen, aber Gott gab trotzdem dieses Volk nicht auf. Deshalb sandte er Jesus gerade zu diesem Volk und eröffnete durch ihn Juden und Nichtjuden ganz neue Möglichkeiten. Durch den Tod und die Auferstehung Jesu haben nun alle, die an Jesus glauben, eine gute Beziehung zu Gott, und sie dürfen zuversichtlich sein, dass sie nach ihrem Tod in das ewige Leben bei Gott eingehen werden.

Damit Menschen an Jesus glauben, gab und gibt Gott seinen heiligen Geist. Durch diesen Geist entstand die Kirche als die Gemeinschaft der Menschen, die an Jesus glauben, und er erhält sie bis heute. Das feiern wir an Pfingsten. Auch in der Kirche ist freilich die Vielzahl der Sprachen nicht aufgehoben. Aber sie dient nicht mehr dazu, den Menschen ihre Grenzen aufzuzeigen, sondern an den vielen Sprachen, die in der weltweiten Kirche gesprochen werden, wird deutlich, dass Menschen aus zahlreichen Gruppen und Völkern durch den Glauben an Jesus miteinander verbunden sind und dass sie Gott in einem vielstimmigen Chor loben.

Amen.



Prof. i.R. Ludwig Schmidt
Erlangen
E-Mail: gi_schmidt@t-online.de

Bemerkung:
Zum Predigttext: In den Versen 4, 8 und 9 wird „in alle Länder“ (Lutherbibel) zum besseren Verständnis durch „über die ganze Erde“ ersetzt.


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