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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

2. Sonntag nach Trinitatis, 17.06.2007

Predigt zu Jesaja 55:1-5, verfasst von Juraj Bándy

            Als altkirchliches Evangelium des heutigen Sonntags wird das Gleichnis vom großen Abendmahl (L 14, 15 - 24) gelesen. Dieses Gleichnis spricht davon, daß Gott uns in sein Reich ruft, wir lehnen aber mit verschiedenen Ausreden, die gut oder wenig gut klingen, die Einladung ab.

            Wir können den Abschnitt aus dem Buch des Propheten Jesaja, in dem Gottes Ruf zum Heil und Segen erklingt, als alttestamentliches Vorbild für die Einladung in Gottes Reich betrachten. Die prophetischen Worte wurden in einer der schwersten Etappen der Geschichte des alttestamentlichen Gottesvolkes verkündigt. Es war die Zeit der babylonischen Gefangenschaft, als sich Hoffnungslosigkeit und Müdigkeit allmählich unter dem Gottesvolk ausbreiteten. Das Volk konnte seine Vergangenheit - den Verlust der Heimat und die Zerstörung des Tempels in Jerusalem - nicht bewältigen. Und was die Zukunft angeht, sahen sie keine Hoffnung für eine Wende zum Besseren. Allmählich verloren sie die Hoffnung, daß sie je in ihr Heimatland zurückkommen. Sie fühlten sich von Gott verlassen und vergessen. In dieser Zeit erklang Gottes Auftrag aus dem Mund eines Propheten, dessen Name wir nicht kennen, Worte voller Hoffnung, die wir als Predigttext hörten.

            Die Botschaft dieser Worte, die auch heute gültig sind, können wir so zusammenfassen:

1. Gott ruft uns zum sinnvollen Leben und bietet uns Heil an.

2. Nehmen wir seine Einladung an!

3. Rufen wir auch die anderen in Gottes Nähe!

 

Ad 1. Zum orientalischen Straßenbild gehören die Wasserhändler. In den geographischen Zonen, wo in der Sommerzeit die Hitze wesentlich größer als bei uns ist, wird das erquickende Wasser hoch geschätzt. Der Prophet vergleicht Gott, der die Fülle des Lebens anbietet, mit einem Wasserhändler, der in der Sommerhitze ruft: „Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser!" (V. 1). Gott will uns aber nicht nur das Lebensminimum - Wasser und Getreide - geben. Er will mehr geben. Er will auch Wein und Milch geben. Es sind Getränke, die für das bloße Überleben nicht notwendig sind. Wein und Milch symbolisieren den Wohlstand, die Fülle des Lebens.

            Gott bietet diese Gaben für alle Leute an. Er ruft alle: „Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser!" (V. 1). Er ruft alle, weil alle Leute nach einem erfüllten und sinvolen Leben dürsten. Auch die sind durstig, die ihren Durst nicht fühlen oder benennen können.

            Gott bietet dies alles umsonst. Er ruft auch die, die kein Geld haben. Er ermöglicht ohne Geld einzukaufen. In den Ländern, wo wir mit dem realen Sozialismus eine Erfahrung haben, erinnern wir uns an die Versprechungen, daß es im Kommunismus kein Geld geben werde und die Leute in den Läden alles, was sie brauchen, mitnehmen können. Das reale Leben etwickelte sich aber in der umgekerten Richtung: die Leute konnten sogar für ihre bescheidene Löhne nichts Sinnvolles kaufen, weil es ein chronischer Warenmangel gab. In den ersten Jahren der Marktwirtschaft stellten wir fest, daß man in den Läden zwar alles kaufen kann, aber viele Leute haben kein Geld, um die angebotene Ware zu kaufen.... Gottes Angebot ist aber nicht von der Unvolkommenheit der Planwirtschaft oder Marktwirtschaft beschränkt. Sein Angebot des Heils ist für alle da.

            Wir sollen keine Angst haben um Wasser, Getreide, Wein und Milch im wortwörtlichen Sinn zu verstehen, weil zur Heilszeit auch der Wohlstand gehört. Das bestätigen auch die Worte Herrn Jesu, der sagte, daß er deswegen käme, damit seine Nachfolger „das Leben und volle Genüge" hätten (Joh 10, 10). Gott aber weiss sehr wohl, daß der Mensch nicht von Brot allein lebt, sondern auch sein Wort braucht (5M 8, 3). Deswegen bietet er auch sein lebenspendendes Wort an: „Hört doch auf mich... Neigt eure Ohren her und kommt her zu mir. Höret, so werdet ihr leben!" (V. 2- 3). Gottes Wort hat lebensgebende Kraft. Es ist das Wort, das unsere Seelen selig machen kann (Jak 1, 21).

 

Ad 2. Auf den Ruf Gottes, worüber wir sprachen, gibt es nur eine richtige Antwort: die Einladung anzunehmen.

            Nehmen wir die Gaben Gottes an, weil wir alle nach der Fülle des Lebens sehnen. Ein indirekter Beweis für das Verlangen nach dem sinvollen Leben ist, daß wir gewaltige Mittel für solche Sachen ausgeben, die zwar für kürzere oder längere Zeit unseres Leben verschönern oder lustig machen, aber keinen Sinn unserem Leben geben. Der Prophet fragt diejenigen, die nicht bei Gott die Fülle des Lebens suchen, so:"Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist, und sauren Verdienst für das, was nicht satt macht?" (V. 2).

            Nehmen wir die Gaben Gottes an, weil sie für alle Menschen bestimmt sind. Der Wasserverkäufer verkauft seine Ware so lange sein Vorrat hält. Gottes Gaben sind aber unerschöpflich und sind für alle da. Niemand kann sagen, daß er nicht eingeladen sei. Das alttestamentliche Volk Gottes wurde durch den Bund mit David eingeladen und das neutestamentliche Volk Gottes ist durch den Bund mit dem Sohn Davids - Jesus Christus - eingeladen. Wir sind eingeladen durch Christus, der spricht: „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken" (Mt 11, 28). Wir sind nich für unsere Verdienste, sondern für die Treue Gottes zu seinem Bund eingeladen.

            Nehmen wir die Gaben Gottes an, weil sie umsonst sind, bzw. obwohl sie umsonst sind. Das Wasser wird an den Straßen der orientalischen Städten für teueres Geld verkauft. Gott, den der Prophet mit den Wasserhändlern vergleicht, unterscheidet sich von ihnen aber dadurch, daß er seine Ware umsonst, ohne Gegenleistung anbietet. Wir meinen, daß alles, was umsonst ist, keinen Wert hat. Gottes Gaben bekommen wir zwar umsonst, aber es sind teure Gaben. Es ist keine billige Gnade, sondern teuer bezahlte Gnade, durch Christi Opfer bezahlte Gnade. In dem Ruf „kauft ohne Geld" (V. 1) ist dasselbe ausgedrückt, was unsere reformatorische Väter mit der Formel sola gratia - allein durch Gnade - ausgedrückt haben. Auf den Straßen der orientalischen Städte kann man gewöhnliches Wasser für Geld kaufen, aber Wasser des Lebens, Brot des Lebens und die Fülle des Lebens können wir von Gott umsonst empfangen.

            Für diese Gaben müssen wir aber kommen. Wohin? Wo gibt es Wasser des Lebens? Wo findet man das Brot des Lebens? Wo kann man das Wort Gottes hören? In der Kirche, in welcher das Evangelium verkündgt wird und in welcher die Sakramente nach dem Befehl Christi verwaltet werden. In der Kirche, wo Christus gegenwärtig ist. Christus, der zu uns ruft: „Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke!" (Joh 7, 37).

 

Ad 3. Herr Gott bietet uns seine Gaben nicht nur deswegen, damit wir sie empfangen, sondern auch deswegen, damit wir sie anderen Menschen anbieten. Die propheteiche Worte sprechen von den Heiden, die zum Wasser, Getreide, Wein, Brot und lebendigen Wort gerufen werden. Im Alten Testament ist es etwas Ungewöhnliches und Seltsames. Bestimmt schüttelten viele mit den Köpfen, als sie es hörten. Es geht hier um den Missionsbefehl. Um einen Befehl, der es dem alttestamentlichen Volk Gottes nicht erlaubte, daß sie die Gnade Gottes enteignen. Um einen Befehl, der es dem alttestamentlichen Volk Gottes anordnete, die unbekannte Völker in die Gemeinschaft des Volkes Gottes zu rufen.

            Das neutestamentliche Volk Gottes erhielt den Missionsbefehl von seinem Herrn mit folgenden Worten: „Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker...(Mt 28, 19). Laden wir also die anderen an, weil wir ihnen etwas Wertvolles anzubieten haben. Das, was wir umsonst empfingen, sollen wir auch umsonst weitergeben (Mt 10, 8).

            Günter Jacob (Die Botschaft von dem mitgehenden Gott, S. 47) aktualisierte in einer von seinen Predigten den Missionsbefehl unserer Prophetie so: „Siehe, du christliche Gemeinde, die du arm und schuldbeladen dran bist, die du so oft versagt hast und auch heutzutage wieder versagst, du wirst Atheisten rufen, die du nicht kennst, und Atheisten, die dich nicht kennen, werden zu dir laufen um des Herrn willen, deines Gottes."

            Haben wir keine Angst vor dieser Aufabe, weil wir einen Herrn haben, dem alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben ist (Mt 28, 18).

            Nicht nur das Evangelium des heutigen Sonntags, sondern auch der Predigttext sprechen darüber, daß Gott uns in die Gemeinschaft mit ihm ruft. Er ruft uns zum sinnvollen Leben und bietet uns Heil an. Nehmen wir seine Einladung an und rufen wir in die Nähe Gottes auch die anderen, um zu den Seligen zu gehören, die Brot im Reich Gottes essen (L 14, 15). Amen.



Prof. Dr. Juraj Bándy
Bratislava
E-Mail: thdr.bandy@stonline.sk

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