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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Pfingstmontag, 13.06.2011

Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 11:1-9, verfasst von Olaf Waßmuth


Liebe Gemeinde,

kompliziert ist unsere Welt geworden - dieses Gefühl haben viele. Kompliziert sind die weltweiten Zusammenhänge von Politik und Wirtschaft, die unser Leben beeinflussen. Kompliziert ist das Stimmengewirr der Kulturen und Weltanschauungen, das uns durch die Medien erreicht. Was früher weit entfernt war, scheint auf einmal ganz nahe. Nur Millisekunden im Internet, nur Stunden auf dem Flugplan trennen uns von Menschen, die ganz anders leben als wir. Die Technik überbrückt Grenzen, die lange noch nicht überwunden sind. Das „weltweite Dorf" ist voller Fremder.

Vor wenigen Jahren hat der mexikanische Filmregisseur Alejandro González Iñárritu einen Film gemacht, der genau das beschreibt. Es ist ein Film, der an vier Schauplätzen gleichzeitig spielt. Zwei Hirtenjungen im öden Hinterland Marokkos spielen mit einem Jagdgewehr. Dabei treffen sie einen einsamen Touristenbus und verletzen eine Amerikanerin schwer. In Kalifornien warten derweil die Kinder der verletzten Amerikanerin auf die Rückkehr der Eltern. Ihre mexikanische Kinderfrau muss nämlich dringend los, um rechtzeitig zur Hochzeit ihres Sohnes nach Mexiko zu kommen. Aus Verzweiflung nimmt sie die behüteten Zöglinge schließlich mit in ihre so ganz andere Heimat. Zwischen diese Szenen sind Episoden eingefügt, die ein japanisches Mädchen, eine Taubstumme, in den zwiespältigen Erfahrungen ihrer Pubertät zeigen. Was diese Japanerin mit Kalifornien, Marokko und Mexiko zu tun hat, durchschaut man als Kinobesucher erst ganz allmählich.

Das klingt kompliziert und ist es. Ohne die Hauptdarsteller, die Hollywoodstars Brad Pitt und Cate Blanchett, hätte der Film wohl kaum so viel Aufmerksamkeit bekommen. Sprachen und Kulturen werden dicht hintereinander geschnitten. Unglaublich, wie verschieden das Leben an verschiedenen Orten dieser Welt ist! Doch die Unschuld einer selbstgenügsamen Welt ist überall verloren. Was auf dem einen Kontinent geschieht, hat Folgen auf einem anderen.

Ich erzähle Ihnen, liebe Gemeinde, von diesem Film, weil sein Regisseur ihm einen biblischen Titel gegeben hat: „Babel" nennt Iñárritu sein Werk. Und er versteht seinen Film „Babel" auch ganz explizit als eine Auslegung jener biblischen Ur-Geschichte, die heute, am Pfingstmontag 2011, unser Predigttext ist.

Ich lese aus 1. Mose 11:

1 Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache.
2 Als sie nun nach Osten zogen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinar und wohnten daselbst.
3 Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, lasst uns Ziegel streichen und brennen! - und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel
4 und sprachen: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder.
5 Da fuhr der HERR hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten.
6 Und der HERR sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen, und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun.
7 Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe!
8 So zerstreute sie der HERR von dort in alle Länder, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen.
9 Daher heißt ihr Name Babel, weil der HERR daselbst verwirrt hat aller Länder Sprache und sie von dort zerstreut hat in alle Länder.


Liebe Gemeinde,

die letzten Verse dieser Geschichte machen deutlich: hier soll etwas erklärt werden. Erklärt wird, zumindest auf den ersten Blick, die Vielzahl der Völker und Sprachen auf der Welt. Das monströse Projekt des Turmbaus geht geradezu nach hinten los: Statt Einheit und Ruhm erntet die Menschheit Streit und Entzweiung. Menschlicher Größenwahn führt zur Zerschlagung der ersten Stadtgesellschaft. Ist also die „multikulturelle" Welt eine Folge menschlicher Sünde und damit von Anfang an Strafe und Last?

Zweifel an dieser Deutung sind erlaubt. Denn direkt vor dem 11. Kapitel, also vor dem Bau des Turms, liefert das 1. Buch Mose bereits eine lange Liste der Völkerschaften. Vielfalt ist begründet durch die Fülle der Nachkommenschaft Noahs. Sie verteilt sich über Länder und Landschaften und bevölkert die Erde.

Die katastrophale Konsequenz des Turmbaus besteht nicht in der Vielfalt der Kulturen, sondern in ihrer Entfremdung voneinander. Es geht um gestörte Kommunikation, um Unverständnis und Fremdheitserfahrungen, die Menschen untereinander machen. Die Anderen, das sind die „Barbaren" - ein Wort das lautmalerisch eine Sprache beschreibt, die man nicht versteht.

Alejandro González Iñárritu hat die Geschichte so für die Gegenwart interpretiert. Sein Film „Babel" zeigt Menschen, deren Leben sichtbar und unsichtbar miteinander verbunden ist und die sich doch nicht verstehen. Sie bleiben sich besonders fremd in ihrem Leiden - jeder ist gefangen in seinen Sorgen und Ängsten und unfähig, die Not des anderen zu sehen.

Im Zeitalter der Globalisierung beginnt die biblische Geschichte ganz neu zu sprechen. Denn wir alle sind Teil eines monströsen Projektes, die Welt zu einem einzigen technischen und ökonomischen System zu vernetzen, das wachsen und wachsen soll. Wir selbst haben Anteil an diesem Projekt, wenn wir Schuhe tragen, die in Indien oder China gefertigt wurden. Wir haben Anteil an diesem Projekt, wenn wir nach Thailand oder in die Karibik fliegen und uns in den Hotelbars von Menschen bedienen lassen, die sich eine solche Reise niemals leisten könnten. Wir haben Anteil an diesem Projekt, wenn wir in einer jener Firmen arbeiten, die auch hier am Ort ihre Produktion längst nach Osteuropa verlegt haben und sich nur noch Entwicklung und Vertrieb im Westen leisten.

Längst ist unser Lebensstil abhängig von Menschen auf dem ganzen Globus. Doch der Abhängigkeit entspricht keine Form von Verbundenheit. Die Vernetzung der Völker läuft ohne Verständigung der Völker ab. Von Gerechtigkeit und dem Ausgleich von Lebenschancen ganz zu schweigen! Wir leben in einer Welt, in der alles mit allem zusammenhängt und in der trotzdem Gleichgültigkeit, Missverständnisse und Egoismus das Handeln bestimmen.

Welche Formen das annehmen kann, haben wir gerade erst anlässlich der Unglücks-Ereignisse in Japan erlebt. Nicht Mitgefühl und Solidarität mit den Japanern, sondern die Beschäftigung mit der atomaren Bedrohung bei uns bestimmte die Reaktion in Deutschland schon wenige Tage später. Japan war sehr schnell sehr weit weg.

* * *

Liebe Gemeinde,

die Vielfalt der Kulturen und Lebenswelten muss nicht zwangsläufig zu Fremdheit und Unverständnis führen. Menschen machen auch ganz andere Erfahrungen. Und diese Erfahrungen hängen mit dem Pfingstfest zusammen, das wir heute feiern.

Die Ausgießung des Heiligen Geistes in Jerusalem ist schon früh als eine Art Gegengeschichte zum Turmbau von Babel begriffen worden. Das hat zu tun mit der langen Liste von Völkern, die in der Pfingstgeschichte aufgezählt werden: die Parther und Meder und Elamiter und wie sie alle heißen. Doch so wenig die Vielfalt der Völker die Pointe der Turmbaugeschichte ist, so wenig wird sie durch Pfingsten aufgehoben. Die Vielzahl der Sprachen wird nicht aufgelöst in eine einzige. Der Heilige Geist spricht kein Esperanto.

Pfingsten ist eine Gegenschichte zu Babel, weil Fremdheit und Unverständnis zwischen den Völkern überwunden werden. Was in unserer vernetzten Welt heute an so vielen Stellen fehlt, das schenkt der Heilige Geist: Verbundenheit und Solidarität. Der Heilige Geist öffnet Menschen füreinander, so verschieden ihre Lebensumstände und Erfahrungen auch sein mögen. Das geschieht wirklich, und es geschieht in besonderem Maße in der christlichen Kirche und durch die christliche Kirche.

Ich habe das gerade wieder selbst erlebt. Ende Mai habe ich an einer Begegnungstagung teilgenommen mit Christen aus drei Ländern: Theologen aus der United Church of Christ in den USA, die mit unserer Rheinischen Kirche schon lange in Partnerschaft verbunden ist, Pfarrerinnen und Pfarrer aus Deutschland - und eine Gruppe von Christen aus der Reformierten Kirche von Honduras in Mittelamerika. Viele tausend Kilometer lagen jeweils zwischen der Heimat der einen und der anderen Gruppe; lange und beschwerliche Flugreisen führten die Gäste nach Deutschland. Der theologische Trialog begann damit, dass wir uns von unseren Lebensumständen erzählt haben, von unserer Art und Weise Kirche zu sein und Gottesdienst zu feiern. Vieles davon war fremd. Wie anders ist es, als verbeamteter Pfarrer für 3000 Leute zuständig zu sein oder aber in den USA eine kleine Gemeinde mit 120 Mitgliedern zu betreuen, die auf einem umkämpften religiösen Markt steht und ständig um ihre Finanzierung bangt. Und wieviel anders ist es erst, in einem der ärmsten Länder dieser Erde zu einer bedrängten Minderheitskirche zu gehören, die ganz von der Glaubensleidenschaft und auch von der Leidensbereitschaft ihrer Mitglieder lebt.

Das Gespräch zwischen Menschen mit so unterschiedlichem Hintergrund ist nicht ohne Mühe zu haben. Es muss ständig übersetzt werden; manches bleibt unverständlich. Aber da ist immer spürbar, fast greifbar, ein Geist im Raum, der uns zusammenhält, der dafür sorgt, dass wir uns zutiefst verbunden fühlen. Wir alle gehören zu Jesus Christus, wir fragen nach seinem Weg und Willen für diese Welt. Wir lesen gemeinsam das eine Buch der Bibel. Wir finden darin, bei aller Verschiedenheit, unsere gemeinsame Geschichte, die Geschichte der zugewandten Barmherzigkeit Gottes. Gerade das Leid und die Not der anderen bewegen uns: Sie bewegen uns Deutsche und Amerikaner, als ein Honduraner von seiner Jugend mit Drogen und Kriminalität erzählt. Sie bewegen unsere Gäste, als das Kind eines deutschen Teilnehmers plötzlich ins Krankenhaus muss - sofort schlagen die Honduraner vor, gemeinsam für die deutsche Familie zu beten.

Der Geist Gottes schafft selbst unter Unbekannten Anteilnahme, Verbundenheit und Solidarität. Diese Erfahrung können wir Christen in ganz vielen Zusammenhängen machen. Ich bin sicher: Auch die Gäste, die heute aus Wittenberg zu uns gekommen sind, und ihre Gastgeber vom Lüttringhauser CVJM haben diese pfingstliche Verbundenheit in den langen Jahrzehnten ihrer Partnerschaft erlebt.

Liebe Gemeinde,

die Welt ist kompliziert. Fremdheit, Unverständnis und Ungerechtigkeit trennen auch die, die in der globalisierten Wirtschaft aufeinander angewiesen sind. Die globalisierte Welt braucht umso nötiger die Erfahrung des Heiligen Geistes, der uns aufeinander hören und miteinander reden lässt, der Mitgefühl und Solidarität in uns weckt.

Wir sind noch nicht jenseits von Babel. Nur der Geist von Pfingsten kann verhindern, dass aus der globalisierten Welt ein babylonisches Projekt wird, das sich in Streit und Kriegen verzettelt. Nur der Geist von Pfingsten öffnet uns selbst für die Not derer, die anders sind als wir. Das gilt im Großen wie im Kleinen.

Amen.



Pfarrer Dr. Olaf Waßmuth
Remscheid-Lüttringhausen
E-Mail: olaf.wassmuth@web.de

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