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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Pfingstmontag, 13.06.2011

Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 11:1-9, verfasst von Bernd Giehl

 

„Bedecke deinen Himmel, Zeus, /Mit Wolkendunst!/ Und übe, Knaben gleich,/ Der Disteln köpft,/ An Eichen dich und Bergeshöh'n!/ Mußt mir meine Erde/ Doch lassen steh'n,/ Und meine Hütte,/ Die du nicht gebaut,/ Und meinen Herd,/ Um dessen Glut/ Du mich beneidest."

Plötzlich war die Erinnerung wieder da. Die Erinnerung an ein Gedicht, das ich vor mehr als vierzig Jahren gelernt hatte. In jenen sagenhaften Zeiten war es ja noch üblich, dass Schülerinnen und Schüler Gedichte auswendig lernen und sie mit Betonung vortragen mussten. Und Goethe, unser aller Nationaldichter, Goethe, der Unsterbliche - natürlich musste es Goethe sein. Es ist ganz zweifelhaft, dass wir auch verstanden, was wir da auswendig lernten, aber darauf kam es wohl auch nicht an. Hauptsache, die humanistische Bildung.

Goethe also fällt mir ein bei dieser Geschichte oder besser gesagt, sein Gedicht „Prometheus". Und das ist natürlich auch kein Zufall. Prometheus ist der Halbgott, der den Menschen in der griechischen Mythologie das Feuer bringt und dafür von Zeus dazu verurteilt wird, an einen Felsen geschmiedet zu werden, wo ein Adler jeden Tag seine Brust aufreißt und ein Stück seiner Leber frisst.

Es ist eben nicht ungefährlich, die Götter herauszufordern.

Womit wir also bei unserer Geschichte wären. Der Erzählung vom Turmbau. Zugegeben: ich habe sie damit schon in eine bestimmte Richtung interpretiert. Als Aufstand der Menschen gegen Gott. Zugegeben auch: Man muss sie nicht unbedingt so interpretieren. Man kann sie auch als Geschichte der Angst lesen, wie Drewermann es getan hat. Dann würde man die Betonung eher auf den Halbsatz legen: „dass wir uns einen Namen machen, denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder."

Aber am Ende läuft es dann doch auf das Gleiche hinaus. Es geht um die Konkurrenz mit Gott. Die Menschen, die hier handeln, sind keine Titanen. Sie fordern Gott nicht bewusst heraus, wie Prometheus das tut. Sie sind eher ängstlich und es ist durchaus fraglich, ob sie wirklich wissen, was sie tun. Kein Modell jedenfalls für einen wie Goethe, der die Menschen zu immer neuen Unfern drängen sieht. Die Menschen sind dabei, sich aus ihrer „selbstverschuldeten Unmündigkeit" zu befreien, wie Kant das gefordert hat. Auch die Technik nimmt ihren ersten Aufschwung zu der Zeit, als Goethe um 1772 herum dieses Gedicht schreibt. Die Revolution der Technik durch die Dampfmaschine und andere Erfindungen lässt sich am Horizont erahnen. Jedenfalls scheint der Mensch dabei zu sein, seine Fesseln abzuschütteln und Goethe spürt etwas davon. Prometheus hat sozusagen noch einmal den Göttern das Feuer geraubt und es den Menschen gebracht und nun sind die dabei, sich von der Herrschaft der Götter zu befreien. Und Goethe wiederum - der mit Religion nie viel anfangen konnte - spottet in diesem Gedicht über die Ohnmacht der Götter.

Und dann frage ich mich, ob Goethe dieses Gedicht 40 Jahre später, als er zusehen musste, wie Napoleon Bonaparte nach der Weltherrschaft strebte und dafür Millionen von Menschen opferte, immer noch in diesem triumphierenden Ton geschrieben hätte.

Aber natürlich ist diese Frage vollkommen müßig. Es kann sie ja keiner beantworten.

Nein, ganz so fortschrittsversessen sind die Menschen in unserer Geschichte nicht. Obwohl sie schon auf einer vergleichsweise hohen Stufe der Kultur stehen. Sie können Ziegel brennen und Häuser bauen. Und auch Städte. Aber es ist etwas merkwürdig Getriebenes in ihnen. Soll man es eine Ahnung von Vergänglichkeit nennen? „Lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen, denn sonst werden wir zerstreut in alle Länder. Woher diese Angst vor dem, was sie nie erlebt haben? Ist es die Angst des Kindes vor dem Dunklen, in dem die Krokodile lauern oder die Gespenster?

Es ist möglich. Denn diese Geschichte ist nicht so rational, wie sie daherkommt. Sie ist eine Geschichte vom Anfang und zugleich erzählt sie von dem, was Menschen immer wieder tun. Sie erzählt davon, wie Menschen versuchen, ihre Türme ins Gigantische zu treiben und wie sie an ihrer eigenen Sucht nach Größe scheitern. Die Klugheit dieser Geschichte zeigt sich an verschiedenen Stellen. Sie zeigt sich daran, dass Gott weit von seinem Himmel herunterkommen muss, um den Turm überhaupt sehen zu können und schließlich daran, dass er den Turm gar nicht eigenhändig zerstören muss. Es reicht, dass er die einheitliche Sprache verwirrt. Schon hat es ein Ende mit dem Bau des Turms, mit dem sie den Himmel erobern wollen.

Aber das ist es nicht allein, was die Geschichte so klug macht. Oder so hellsichtig. Diese Geschichte zeigt einen Wesenszug der Menschen, der sich erst jetzt, viele tausend Jahre nachdem sie zum ersten Mal erzählt wurde, richtig zeigt. Schon immer wollten Menschen über sich hinaus. Sie wollten ins All fliegen und sie sind ins All geflogen. Sie wollten sich die Natur unterwerfen, bis dahin, dass sie künstlich Lebewesen erschaffen wollten und vieles davon ist ihnen auch gelungen. Nur dass sich allmählich zeigt, dass es auch für das Streben des Menschen ins Gigantische, Grenzen gibt. Es hat sich in der Bankenkrise gezeigt, wo fast die Weltwirtschaft kollabiert ist, weil ein paar Banken verrückt gespielt haben, und erst recht zeigt es sich in der Krise der Atomkraft. Als in den sechziger Jahren die zivile Nutzung der Kernkraft am Horizont auftauchte, da schwärmten Politiker und Forscher davon, dass in Zukunft Energie im Überfluss zur Verfügung stehen würde. Heute, mehr als vierzig Jahre später, wissen wir, dass die Kernkraft wohl nie ganz vom Menschen beherrscht werden kann, weil das Restrisiko unbeherrschbar ist, weil menschliche Fehler oder die Natur einen Strich durch die Rechnung machen können.

Eigentlich haben sie es ja nur gut gemeint. Eigentlich haben sie doch nur einen Traum geträumt. Den Traum von der vereinigten Menschheit, die sich einen Namen bis in den Himmel macht. Und am Ende ist es dann doch die Hybris der vereinigten Menschheit, an der dieser Traum scheitert.

Und hier scheint dann auch die Brücke zu sein. Die Brücke, die unseren Text mit dem Pfingstfest verbindet. Denn natürlich ist das keine Pfingstgeschichte. Eher ist es schon die Antigeschichte zu Pfingsten. Menschen wollen die totale Verständigung und scheitern daran. In unserer Geschichte ist es Gott, der die Verständigung zerstört, weil sie ihm gefährlich werden könnte. Es gibt da gewisse Widersprüche in unserer Geschichte, die uns aber nicht weiter zu stören brauchen; jedenfalls dann nicht, wenn wir annehmen, dass die Menschen die Konsequenzen ihres Handelns selbst herbeiführen. Aber wie auch immer: die Geschichte vom babylonischen Turmbau ist die dunkle Folie, von der sich die Pfingstgeschichte umso strahlender hervorhebt.

Auch in der Pfingstgeschichte geht es ja um einen Traum. Und verschiedene Elemente aus der Turmgeschichte lassen sich auch in ihr wiederfinden. Vermutlich ist das kein Zufall. Nur dass es hier eben nicht die Menschheit ist, die sich an einem Ort versammelt hat, sondern die Christenheit. Verglichen mit der Menschheit aus 1. Mose 11 ist das natürlich nur eine verschwindend geringe Zahl, aber bekanntlich sollte man Ereignisse nicht an der Zahl derer messen, die daran beteiligt sind. Hier sind es also 11 Jünger und vermutlich auch noch ein paar Jüngerinnen, die zum Wochenfest nach Jerusalem gekommen sind. Im Unterschied zu den Menschen aus der Turmbaugeschichte haben sie sich auch nichts Besonderes vorgenommen. So ist es der Geist Gottes, der das Große schafft, nämlich die Verständigung mit der großen Zahl. Mit einem Schlag überwinden die Anhänger Jesu ihre Angst. Sie sind begeistert und sie erzählen von den großen Taten Gottes. Aber nicht nur das: sie - die kleinen Leute aus Galiläa, die vermutlich nie in ihrem Leben eine Fremdsprache gelernt haben, sie können plötzlich in allen möglichen Sprachen von Jesus erzählen, seinem Leben, seinem Tod und seiner Auferstehung. Jedenfalls verstehen die Menschen, die aus aller Herren Länder nach Jerusalem gekommen sind, ihre Sprache. Es ist ein Kirchentag wie es ihn vorher und nachher nie mehr gegeben hat: Menschen verstehen, was Gott ihnen sagen will. Sie verstehen, wie Gott wirkt und wer er ist. So entsteht Gemeinde Jesu Christi. So entsteht Gemeinschaft und das nicht, weil man sich dieses große Ziel gesetzt hat, sondern weil Gott es so bewirkt hat.

 

Was also unterscheidet die beiden Geschichten voneinander? Und was verbindet sie? Das Ziel beider Geschichten ist die Einheit. Die Gemeinschaft der Vielen. Nur dass die Wege in beiden Geschichten ganz unterschiedlich verlaufen. In der Geschichte vom Turm bilden die Menschen am Anfang eine Einheit, aber am Ende sind sie atomisiert. In der Pfingstgeschichte sprechen sie am Anfang viele Sprachen, aber am Ende verstehen sie sich. In der Geschichte vom Turm wollen sie auch eigener Kraft den Himmel stürmen. In der Pfingstgeschichte fällt den Jüngern die Kraft aus dem Himmel zu.

„Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samaria und bis an das Ende der Erde", so verheißt Jesus kurz vor seiner Himmelfahrt seinen Jüngern. (Apostelgeschichte 1,8) Wie Wellen, die durch einen in Wasser geworfenen Stein entstehen, so soll das Evangelium sich ausbreiten, von innen nach außen, das verspricht Jesus seinen Jüngern. Und es soll nicht durch menschliche Kraft passieren sondern durch den Geist Gottes. Und so ähnlich hat Paulus es ja auch bezeugt, wenn er die Verheißung Gottes an ihn zitiert: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig." (2. Korinther 12,9) Menschen, die klug sind, versuchen nicht den Himmel zu erstürmen, sondern verlassen sich auf die Kraft, die ihnen von Gott her zukommt. Amen.



Pfarrer Bernd Giehl
Nauheim
E-Mail: giehl-bernd@t-online.de

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