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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Pfingstmontag, 13.06.2011

Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 11:1-9, verfasst von Reinhold Mokrosch

 

Liebe Pfingst-Gemeinde!

1. Der Text vom „Turmbau zu Babel" wirkt zu Pfingsten sperrig und ungeeignet

Der Predigt-Text für unseren Pfingstgottesdienst heute am Pfingst-Montag macht uns das Pfingstfest sehr schwer. Ehrlich gesagt: Ich verstehe nicht, warum dieser Text für heute vorgeschlagen worden ist. Denn er ist ein Gegentext zu der Erzählung vom Pfingstwunder in der Apostelgeschichte. Er beschreibt genau das Gegenteil zum Fest der Herabkunft des Heiligen Geistes.

Sie kennen ihn von Kind auf an: Es ist die Erzählung vom „Turmbau zu Babel und der Verwirrung der Sprachen" in 1. Mose11, 1-9. Und sie kennen auch die Erzählung vom Pfingstwunder mit dem plötzlichen „Sturm vom Himmel, den Feuerzungen auf den Häuptern der Apostel und der Zusammenführung der Sprachen" in Apg. 2, 1-13.

Ich verlese unseren Predigt-Text vom Turmbau zu Babel und bitte Sie, schon beim Lesen zu prüfen, ob er wirklich ein Gegen-Text zur Pfingstwundergeschichte ist:

Textlesung 1.Mose 11, 1-9

Ich bin, wie Sie bemerken, innerlich sehr erregt über diese Erzählung, die nun schon ca. 2.500 Jahre alt ist! Am Anfang der Weltgeschichte, so erzählt dieser Mythos, habe sich die gesamte Menschheit noch friedlich und einträchtig verstanden, weil alle Menschen die gleiche Sprache sprachen und alle zu einem gemeinsamen Volk gehörten. In dieser wunderbar friedlichen Einheit hätten sie beschlossen, so der Mythos, nicht mehr als Nomaden von Ort zu Ost zu ziehen, sondern sesshaft zu werden. Sie beschlossen, Ziegel zu brennen und eine Stadt mit einem Turm, vermutlich einem Wehrturm, zu bauen. Die Zivilisation begann. - Was war daran eigentlich bedenklich? Was gab es daran zu kritisieren? Eine Stadt zu bauen mit einem (Wehr-) Turm - das war doch eine großartige Kulturleistung! Warum wurde das vom Erzähler so kritisch gesehen und warum provozierte diese Kulturleistung Gottes Zorn?

Weil die Menschen ihre Stadt und den Turm erbauen wollten, „um sich selbst einen Namen zu machen!" Sie waren narzistisch und eitel. Sie wollten diese Stadt mit dem (Wehr-) Turm als ihre eigene und nicht Gottes Leistung ansehen. Die Ehre für solche Kulturleistung wollten sie sich selbst und nicht Gott zurechnen. Sie selbst wollten die Erbauer und Schöpfer dieses Monumentalbauwerkes sein und nicht Gott.

Das also ist der Grund für die Eifersucht und den Zorn Gottes. Die Menschen selbst wollten Schöpfer sein. Die Menschen wollten Gott gleich werden. Die Menschen wollten sich einen Namen machen wie Gott einen Namen hat. Sie wollten „einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reicht" und damit Gott erreichen. Sie wollten sich mit dem Wehrturm selbst verteidigen und nicht mehr Gott die Verteidigung überlassen. Sie wollten sich mit der Stadt selbst versorgen und nicht Gott das Sorgerecht für sie überlassen. Denn sie zweifelten, ob Gott sie wohl ausreichend verteidigen und versorgen würde.

Hier wird vom Erzähler also zweifelsfrei die Sünde des Misstrauens gegenüber Gott und des Wunsches nach Unabhängigkeit von Gott angeprangert. Aber rechtfertigt das ein so brutales Eingreifen des wütenden, eifersüchtigen und sich rächenden Gottes? Er verwirrt und zerstört ihre Sprache, Einheit und Kultur. Die Menschen sprachen: „Wohlan, lasst uns eine Stadt mit einem Turm bauen!" Und jetzt spricht Gott: „Wohlan, lasst uns ihre Sprache (und Kultur) verwirren und zerstören!" Die Folge war, dass die Menschen sich nicht mehr verstanden, sondern unverständlich brabbelten und babbelten, - in „Babel"! Von Einheit und gemeinsamem Geist war keine Rede mehr. Von göttlichem Geist schon gar nicht!

Gott wird hier als sehr vermenschlichter, rachsüchtiger, eifersüchtiger Gott gezeichnet. Er vernichtet den einheitlichen Geist der ursprünglichen Menschen - freilich den Geist der Sünde und Gottlosigkeit. Und er überlässt die zersplitterte Menschheit ihrem Schicksal, ohne ihnen einen neuen göttlichen Geist zu geben. Kein Pfingstwunder! Im Gegenteil! Geist und Kultur werden - aufgrund der Sünde der Menschen - zerstört!

2. Die Pfingstgeschichte in der Apostelgeschichte ist eine Gegen-Erzählung

Sicherlich haben Sie, liebe Christen, es schon bemerkt: Die Pfingstgeschichte in der Apostelgeschichte 2. Kap. erzählt genau das Gegenteil: 50 Tage (Pentecost = Pfingsten) nach Jesu Auferstehung saßen die Apostel irgendwo gemeinsam zusammen. Plötzlich kam ein Sturm auf. Auf dem Haupt jedes Apostels wehte es. Es wirkte, als ob Feuerzungen auf ihren Köpfen zuckten. Dabei wurde jeder der Apostel mit „Heiligem Geist" erfüllt. Das war der 1. Teil des Pfingstwunders. Aber nun folgte ein 2. Teil, der noch wundersamer und wunderbarer war: Die Apostel sprachen und predigten plötzlich in verschiedenen Sprachen. Jeder Ausländer konnte sie verstehen. Denn angezogen vom Sturm strömten viele der Migranten aus dem multikulturellen Jerusalem zusammen: Ägypter, Libyer, Iraker, Meder, Kappadozier d.h. Türken, Griechen, Kreter u.v.a., wie es in Apg 2, 9-11 heißt. Und jeder hörte und verstand die einzelnen Apostel in seiner eigenen ägyptischen, libyschen, griechischen o.a. Sprache. Alle „entstzten" sich über solches Wunder. Der Heilige Geist Gottes hatte es ermöglicht! Der Heilige Geist Gottes hatte die Multi-Kulti-Völkergemeinschaft vereint. Nicht durch eine Einheitssprache wie z.B. Esperanto. Sondern jeder blieb und verharrte in seiner Sprache, Ethnie und Kultur. Und trotzdem verstanden sie sich und das Wort Gottes. Sie waren vereint durch den Geist Gottes.

Sie bemerken, liebe Pfingstgemeinde: Das ist eine Gegengeschichte gegen unseren „Turmbau zu Babel". In Babel zerstörte Gott die Menschheit und splitterte sie in verschiedene Sprachen und Kulturen auf, so dass sie sich nicht mehr verstanden. In Jerusalem dagegen vereinte Gott die Menschheit wieder und knüpfte durch seinen Geist ein Band zwischen allen Menschen trotz ihrer verschiedenen Sprachen und Kulturen.

Was sollen wir mit diesem Gegensatz, ja Widerspruch im Verhalten Gottes anfangen? Das eine Mal zerstört Gott mit seinem Geist der Rache die Einheit der Menschen. Das andere Mal vereint er die zerstörte Menschheit wieder mit seinem Geist der Liebe. Ist Gott ein Willkürgott? Ja, wenn ich alles aus der Perspektive Gottes betrachte. Nein, wenn ich alles aus der Perspektive von Menschen aus betrachte. Ich bringe ein Beispiel:

3. Kinder bringen ihre Karriere-Eltern wieder zusammen

Ein befreundetes Ehepaar hatte in den letzten Jahren wundersame Wandlungen durchgemacht: Nach 17 Jahren relativ harmonischer Ehe mit drei Kindern schlich sich ein Wurm ein. Sie beschuldigte ihn: „Es geht Dir nur um Deine eigene Karriere! Nur Du selbst willst groß herauskommen und Dir einen Namen machen! Du bist mit Deiner Firma mehr verheiratet als mit mir! Für mich ich da kein Platz mehr!" Und er beschuldigte sie: „Du verfolgst nur Deine eigenen Interessen als Schulrektorin! Du willst ja irgendwann in der Schulbehörde aufsteigen oder gar im Ministerium! Du willst bekannt werden. Für mich ist da auch kein Platz mehr! Denkst Du, ich bin aus Vergnügen so oft weg? Ich halte Deinen Narzismus nicht mehr aus!" - Bald lagen Welten zwischen beiden. Sie entfremdeten sich. Sie trennten sich. Die Kinder litten bitterlich.

Als sie getrennt waren, lasteten sie - beide sind sehr gläubig gewesen - ihre Trennung Gott an. Warum, so klagten sie, hat Gott es so weit kommen lassen? Warum hat er sie in ihrer Ehe nicht geschützt? Warum hat er ihre Trennung zugelassen? Ja, hat er sie evtl. sogar gewollt? Auf ihren eigenen Schuldanteil kamen sie nicht. Nur auf den Schuldanteil des anderen!

Als die Kinder etwa größer ca. 10 bis 13 Jahre alt waren. versuchten sie eine Vermittlung der Eltern. Sie klagten dabei nicht Vater oder Mutter an, dass jeder zu sehr nur auf seine eigene Karriere bedacht gewesen sei. Sondern sie baten Vater und Mutter, mit ihnen viel und oft zusammen zu sein, zu spielen, zu chatten, zu facebooken usw. Die Eltern reagierten dankbar. Sie entsprachen dem Wunsch ihrer Kinder. Und dabei kamen sie selbst öfters wieder zusammen. Das Pfingstwunder geschah: Sie fanden wieder zueinander! - Ich hatte damals empfunden: Hier ist Gottes Geist im Spiel (im wahrsten Sinne des Wortes!) Hier eint Gottes Geist die zerstrittenen Welten - durch den Geist der Kinder!

4. Wenn wir unseren eigenen Anteil an unserer Selbstzerstörung entdecken, öffnet sich Gottes Geist

Liebe Pfingstgemeinde! Nur so kann ich die Turmbau-Erzählung als Text zum Pfingstfest akzeptieren - wenn ich sie aus der Perspektive der Erfahrungen von Menschen und nicht aus der Perspektive der Erfahrungen Gottes verstehe und ansehe. Wir Menschen zerstreiten und zerstören uns aufgrund unserer Selbstsucht selbst. Wir wollen uns einen Namen machen. Wir wollen groß herauskommen. Unsere Selbstzerstörung rechnen wir aber Gott zu. Und wir klagen Gott an: Gott, wie kannst Du unsere Selbstzerstörung zulassen? Ja, Gott, hast nicht Du selbst unsere Zerstörung bewirkt? In 1. Mose 11 steht es doch so! Du, Gott, wolltest unsere Zerstörung. Du bist schuld an unseren Kriegen und an unserem Terror untereinander. - Aber es mag sein, dass sich diese falsche Gesinnung ändert, - vielleicht durch die Intervention eines Kindes. Es mag sein, dass wir unseren ureigensten Anteil an unserer Selbstzerstörung entdecken. Es mag sein, dass das der Anfang eines neuen Verständnisses füreinander und der Anfang einer Versöhnung ist. Und es mag sein, dass solcher Umschwung durch das Werk eines Kindes möglich wird. Oft redet Gott durch den Mund eines Kindes.

Warum redet unsere Turmbau-Erzählung aber so eindeutig von einem rachesüchtigen Gott oben im Himmel, der herab fährt und die Sprachen und Kulturen zerstört? Weil man vor 2500 Jahren in Israel und Mesopotamien so dachte. Man wollte zwar zum Ausdruck bringen, dass die Menschen selbst schuld seien, weil sie sich „unabhängig von Gott einen eigenen Namen machen wollten". Aber man dachte damals eben in der Kategorie eines rachesüchtigen Gottes.

Heute bin ich überzeugt, dass wir uns selbst zerstören, aber Gott einen großen Anteil an unserer Selbstzerstörung zuschieben. Erst wenn wir das einsehen, kann Gottes Heiliger Geist uns wieder einen und zusammen bringen, - in der Ehe, in der Familie, in der Firma und zwischen den Ethnien und Kulturen. Gottes Heiliger Geist wirkt Frieden. Noch heute! Er ist mitten unter uns. Das ist die Botschaft heute zum Pfingstfest.

Gottes Geist des Friedens, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus, dem Christus.

Amen.



Prof. em. Dr. Reinhold Mokrosch
49069 Osnabrück
E-Mail: Reinhold.Mokrosch@uni-osnabrueck.de

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