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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Trinitatis, 19.06.2011

Predigt zu Jesaja 6:1-13, verfasst von Reiner Kalmbach

 

Die Gnade Gottes unseres Vaters, die Liebe Jesu unseres Herrn und die lebensspendende Kraft des Heiligen Geistes seien mit uns allen. Amen.

Für wen soll und will ich heute predigen?, für Kirchenferne?, für jene die ab und zu einen Gottesdienst besuchen?, oder für Christen die einen tief verwurzelten Glauben haben und für die Begriffe wie „Sünde", „Gnade", „Berufung", oder „Trinität" nicht extra erklärt werden müssen...?, denn gerade darum soll es heute gehen: am „Dreifaltigkeitssonntag", so haben es mir meine Grosseltern einst erklärt. Wer kann das heute noch verstehen, wenn wir in unseren Gottesdiensten mit solchen Worten um uns werfen? Weihnachten, Ostern, Pfingsten, Reformationsfest, gut, da können manche Menschen noch etwas damit anfangen, diese Feste sind besetzt mit Erfahrungen, Traditionen, Emotionen, vielleicht auch konkreten Vorstellungen was unseren Glauben betrifft. Aber „Trinitatis"....?

Die Bedeutung dieses Festes für unseren Glauben zu verstehen, oder wenigstens eine „Ahnung" davon zu bekommen, dazu soll uns ein Wort aus dem Jesajabuch verhelfen, also ein Text aus dem Alten Testament. Es ist ein Abschnitt aus dem 6. Kapitel, die Verse 1 bis 13:

Textlesung

Ich lese dieses grosse Wort und denke an meine Lebensumwelt, an die Gesellschaft an der ich Teil habe. Wie in den meisten lateinamerikanischen Ländern, so auch bei uns in Argentinien, leiden viele Menschen seit Jahren unter einer Art religiösem Fieber. Und es sind nicht nur die Pfingstgemeinden die wie Pilze aus dem Boden schiessen, noch viel beängstigender ist das Wachstum der neuen Kirchen die eine Wohlstandstheologie verkünden, nach dem Motto „hör auf zu leiden!". Es geht nur noch um die möglichst schnelle, d.h. magische Lösung all jener Probleme die uns das Leben schwer machen. Da gibt es für jeden etwas. Jesus steht neben María und diese wiederum neben irgendeinem Volksheiligen und wenn die nicht eingreifen wollen, so lassen wir uns einfach allabendlich aus dem Bildschirm von einem gut gekleideten jungen Mann anpredigen, der an einem ausladenden Schreibtisch sitzt, natürlich mit geöffneter Mac-book. Er berät Kleinunternehmer die kurz vor der Pleite stehen, Ehefrauen deren Männer auf Abwege geraten sind, wie auch Hausbesitzer die ihre Hypoteken nicht mehr bezahlen können. Keiner bleibt ohne Antwort, jedem steht der Weg in eine Zukunft in Wohlstand, Gesundheit und Glück offen, mit Garantie!

Ja, es sind Millionen die Hilfe suchen, es sind Millionen die sich an diesen Strohhalm klammern, und es werden Millionen damit verdient....

Vielleicht war die Situation Jesajas auf eine bestimmte Art ähnlich. Eine Tendenz die nicht mehr aufzuhalten ist, alles steuert auf den Abgrund zu. Wer will, oder kann da noch auf die Stimme der Vernunft hören...?! Was können wir da noch mit unserer reformatorischen Predigt ausrichten, mit der Verkündigung des Evangeliums!? Oft genug bin ich versucht das Handtuch zu werfen, resigniert aufzugeben.

Deshalb bin ich zutiefst dankbar für dieses Wort: es tröstet mich, es gibt mir Kraft, Mut, trotz allem (!) nach vorne zu schauen und das Evangelium Christi gerade in diese Situation hinein zu verkündigen. Und wenn es mich tröstet, wenn es mir neuen Mut zuspricht, wenn es mich aufrichtet und in Bewegung setzt, dann kann und darf das doch auch mit ihnen allen und heute geschehen.

Da ist zunächst einmal diese wunderbare Erfahrung, die aus einem einfachen Menschen einen Propheten macht. Was meinen eigenen Lebensweg im Glauben anbelangt, war wohl der Grossvater mein grösster Lehrer, er sagte mir einmal: „...eine Glaubenserfahrung ist immer ein persönliches und einmaliges Erlebnis, man kann es nicht auf andere anwenden..."

Es fällt auf, dass Jesaja grossen Wert darauf legt, dass diese Vision ihn nicht der Erde entrückt, ihn sozusagen aus seiner Lebenswirklichkeit herausnimmt, sondern ganz im Gegenteil: seine Berufung ist ein Geschehen das in Raum und Zeit stattfindet. Es geht hier nicht um ein Wunder, sondern Jesaja erkennt die Wirklichkeit in seiner ganzen Dimension, wie Gott wirklich ist. Er darf die Herrlichkeit, die Grösse Gottes erkennen und diese Erkenntnis ist so tief, so umfassend, so „umwerfend"..., ja, was erkennt er denn? Er erkennt sich selbst!, er „sieht" Gott und sieht sich plötzlich selbst: wer bin ich? „Weh mir, ich vergehe!" Er sieht den Schöpfergott, den Richter, er sieht den Retter, er erkennt, dass auf Erden nichts von sich aus existiert, dieser Gott übersteigt all seine Vorstellungskraft, all das was er je für möglich gehalten hatte..., sein Glanz, seine Herrlichkeit strahlt aus der ganzen Schöpfung, und dieser Gott beruft ihn, er erwählt ihn!, ja, wer bin ich denn?, und er sieht sich wie in einem Spiegel, er sieht all seine Vergänglichkeit, seine Schwachheit, seine Unvollkommenheit, er sieht sich als Sünder.

Diese, im wahrsten Sinne des Wortes, wunderbare! Erfahrung zeigt uns wieder einmal deutlich, dass der Mensch erst in der Begegnung mit Gott erkennt, wie es in Wirklichkeit um ihn steht.

Aber das ist ja nur der erste Schritt!, Nein!, Jesaja fällt jetzt nicht in ein tiefes Loch, er versinkt nicht in dunkler Depression!, sondern er wird heil, er wird geheiligt. Was mit Jesaja hier geschieht, ist doch das was alle Glaubenserfahrungen gemeinsam haben: der gelebte Zuspruch der Vergebung: „..dass deine Schuld von dir genommen werde und deine Sünde gesühnt sei." Sowohl das erkennen (wer bin ich?), als auch die Erfahrung der Befreiung (von Schuld) ist allein Gottes Werk. Jesaja hat nichts dazu getan!, er steht wie nackt vor diesem seinem Schöpfer und Richter, er kann ihm nur seine Unvollkommenheit vorzeigen. Und gerade deshalb nimmt Gott ihn in seinen Dienst.

Das erinnert mich an eine Scene aus dem Lutherfilm: der Mönch ist buchstäblich am Ende, all sein Mühen, all seine Anstrengungen, sein Wille die Gebote Gottes und die Gesetze der Kirche zu erfüllen, haben ihn nur noch weiter von Gott entfernt, er kann einfach keinen Frieden finden, Luther liegt am Boden, er ist verzweifelt..., in diesem Moment kommt sein Glaubensbruder und überreicht ihm ein kleines Kreuz und sagt: „schau auf dieses Kreuz und sag, ich bin dein!" „Ich bin dein!" (nimm mich, so wie ich bin...!). Jetzt erst kann Gott mit ihm neu beginnen, diese Erfahrung markiert in Luthers Leben ein vorher und nachher.

Gott nimmt uns „in Dienst", er beruft uns sein Wort zu verkünden, gegen jegliches wenn und aber. Dieser Dienst geschieht auf Grund der Rechtfertigung, also dem was Gott an mir getan hat. Mein Dienst ist somit die Antwort auf Gottes Handeln in und an mir: „Hier bin ich. Sende mich!" Diese Bereitschaft, dieses ja zu Gottes Anruf, ist das Werk des Heiligen Geistes.

Und noch ein kleines (aber wichtiges) Detail: sehen wir nicht in dem was mit Jesaja geschieht, eine Art Vorzeichen für das was Jesus als der Christus einst vollenden wird? Das neue Leben, aus der Vergebung heraus, ist nur möglich, weil es Gott selbst ist, der sühnt. Jesaja ist sich dessen vielleicht nicht bewusst, aber das Gericht, das ja ihm zusteht, zieht Gott selbst auf sich. Jetzt ist er ganz rein, ganz neu, alles ist ganz leicht, jetzt weiss er sich würdig die Aufgabe die Gott ihm anvertrauen will, anzunehmen.

Nun könnten wir einen schönen Schluss formulieren, für Jesaja beginnt ein neuer Lebensabschnitt, er wird zum Sprachrohr Gottes. Und tatsächlich raten manche Ausleger auf den letzten Teil des Abschnitts zu verzichten.

Aber gerade diese letzten Verse haben es in sich! Da wird von „Verstockung" geredet. Jesaja weiss: sie werden (mir) nicht glauben. Er weiss noch mehr: Gott selbst bewirkt - paradoxerweise - durch die Predigt des Propheten die Verhärtung. Das angekündigte Gericht über das Volk ist damit unausweichlich geworden. Der Prophet wird nicht losgeschickt, um fünf Minuten vor Zwölf noch eine Umbesinnung und damit eine Wendung herbeizuführen. Die Dinge nehmen ihren Lauf. Wir werden es einfach so stehen lassen, wir werden keine psychologischen Erklärungsversuche unternehmen, aber wir werden versuchen die „Verstockung" als eine geschichtliche Wirklichkeit zu verstehen. Ist es Jesus nicht auch so ergangen?, ist es nicht die Erfahrung eines jeden Predigers, eines jeden Christen der seinen Glauben in Wort und Tat bezeugt? Erst neulich sagte ich von der Kanzel: „...seit über 40 Jahren wird von dieser Stelle das Evangelium verkündigt, aber manchmal habe ich den Eindruck, es hat sich nichts geändert..." Meine Gemeinde ist noch sehr jung, seit gerade mal 40 Jahren versammelt sie sich in diesem abgelegenen Winkel der Welt, mitten in der patagonischen Steppe. Und es ist wahr: es geschehen unter uns keine Wunder, die Menschen sind immer noch die selben, wie auch ihre Probleme und Sorgen, sie sehen Gott immer noch nicht wie er wirklich ist, sondern so wie sie wollen, dass er sein soll...

Auch sollten gerade wir Deutschen unsere jüngste Geschichte nicht vergessen: vor ein paar Wochen las ich ein Buch über das Ende des letzten Krieges in Berlin. Ein ausgemergelter Pfarrer steht auf dem zerstörten Bahnhof Zoo. Er hat mehrere Jahre in einem KZ verbracht, weil er Juden geholfen hatte und sich weigerte den Führereid zu leisten. Jetzt wartet er, zusammen mit ein paar Helferinnen, auf einen Zug der aus Schlesien kommt. Er bringt Kinder die ihre Eltern auf der Flucht verloren haben. Seine Augen sehen die totale Zerstörung, das Elend, die Verzweiflung..., und wie zu sich selbst sagt er: „...wir haben das Wort Gottes gepredigt, aber sie haben uns nicht gehört, wir haben es ihnen gesagt, aber sie haben ihre Ohren mit Wachs verstopft, sie haben es gesehen und doch weggeschaut, sie haben es gewusst und dennoch nichts gesagt, nichts getan..., denn ihre Herzen waren verhärtet..."

Und dennoch: würde Jesaja nicht predigen, niemand wüsste um das warum der Katastrophe (und damit wäre es unmöglich aus der Geschichte zu lernen...), würde von meiner Kanzel aus das Evangelium nicht verkündigt, niemand würde Trost und Hoffnung empfangen, den Zuspruch der Vergebung und Kraft zum weitermachen, trotz allem..., hätte es diesen Pfarrer am Bahnhof Zoo nicht gegeben, hätte es die Christen der Bekennenden Kirche nicht gegeben, hätte es einen Bonhoeffer, einen Niemöller nicht gegeben, was wäre aus der Kirche geworden?, aus uns, aus mir?

„Ein heiliger Same wird solch ein Stumpf sein...": Gott bleibt (sich) treu, er schafft Leben und Zukunft aus dem Nichts!

Ist das nicht die Erfahrung eines jeden Christen!? So wie dieser gewaltige Gott, von dem Jesaja nur den Saum seines Mantels sehen durfte, sein Volk nicht verstossen hat, sondern ihm immer wieder die Tür zu einer neuen Zukunft öffnet, so wie dieser Gott sich in Jesus offenbart und die traurige Verstocktheit einer ganzen Menschheit auf sich nimmt und zum Kreuz schleppt, so schafft dieser Gott, dieser gewaltige, ja schreckliche Gott!, alles neu. Die Keimzelle der neuen Wirklichkeit, einer neuen Welt voll Licht und Leben, voll Liebe und Frieden, wird von ihm selbst am Leben erhalten, weil er es selbst ist.

Dass wir das wissen dürfen, dass wir dessen gewiss sein dürfen, ist das Werk des Heiligen Geistes.

Amen.



Dozent, Pfarrer Reiner Kalmbach
Rio de La Plata, Patagonien
E-Mail: reiner.kalmbach@gmail.com

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