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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Trinitatis, 19.06.2011

Predigt zu Jesaja 6:1-13, verfasst von Jennifer Wasmuth

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Liebe Gemeinde,

eine berühmte mittelalterliche Legende erzählt von dem Kirchenvater Augustin, wie er spazieren geht und über das tiefe Geheimnis unseres christlichen Glaubens nachdenkt: dass wir den einen Gott zugleich als Vater, Sohn und Heiligen Geist bekennen.

Da trifft Augustin am Meeresufer auf einen Knaben, der mit einer Muschel Wasser in eine kleine Vertiefung im Sand schaufelt. Augustin ist verwundert und fragt den Knaben, was er tue. Der Knabe antwortet, dass er das ganze Meer in diese kleine Vertiefung schaufeln wolle.

Augustin lächelt und gibt dem Knaben zu verstehen, dass das unmöglich sei. Der Knabe jedoch entgegnet, dass dies eher möglich sei, als dass es Augustin gelinge, auch nur den kleinsten Teil des Geheimnisses der Trinität auszuschöpfen.

Heute, liebe Gemeinde, feiern wir das Fest der Trinität, der Drei-einheit, ein Fest, das im Kirchenjahr die vorhergehenden Fest gleichsam zusammenschließt: Weihnachten als Fest des Vaters, Ostern als Fest Christi, Pfingsten als Fest des Heiligen Geistes.

Es ist ein Fest, das uns in eine gewisse Sprachlosigkeit führt, weil sich rationalem Erkennen das Geheimnis der Trinität von allen Geheimnissen unseres Glaubens wohl am meisten verschließt.

Der Kirchenvater Augustin hat nun selbst ein faszinierendes Buch über die Trinität geschrieben - entstanden im Verlauf von mehr als zwanzig Jahren, ein Buch, in dem er den Glauben an die Trinität in immer wieder neuen Anläufen zu ergründen sucht, sich Anfragen radikal stellt und viele erhellende Antworten bietet.

Augustin räumt dabei zwar selbst voller Demut und ganz im Sinne der mittelalterlichen Legende ein, dass unser Wissen von dem dreieinen Gott letztlich nur ein Ahnen bleibt, dass wir jetzt - wie es der Apostel Paulus im 1 Korintherbrief (13,12) sagt, eine Lieblingsstelle von Augustin - nur wie durch einen Spiegel ein dunkles Bild sehen, dass wir nur stückweise erkennen.

Aber zugleich begibt er sich auf die Suche, ringt unablässig darum, den Glauben an den dreieinen Gott besser zu verstehen - und findet schließlich im menschlichen Geist ein Bild, das den dreieinen Gott widerzuspiegeln vermag.

Auch unser heutiger Predigttext bietet ein Bild an: er entführt uns in den Tempel von Jerusalem, lässt uns teilhaben an einer Vision - einer gewaltigen Vision, die sich des Propheten Jesaja bemächtigt hat.

Unser Predigttext lautet (Jes 6,1-13):

  1. In dem Jahr, als der König Usija starb, sah ich, [Jesaja], den Herrn sitzen auf einem hohen und erhabenen Thron und sein Saum füllte den Tempel.

  2. Serafim standen über ihm; ein jeder hatte sechs Flügel: Mit zweien deckten sie ihr Antlitz, mit zweien deckten sie ihre Füße und mit zweien flogen sie.

  3. Und einer rief zum anderen und sprach: Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll.

  4. Und die Schwellen bebten von der Stimme ihres Rufens und das Haus ward voll Rauch.

  5. Da sprach ich: Weh mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn ich habe den König, den Herrn Zebaoth, gesehen mit meinen Augen.

  6. Da flog einer der Serafim zu mir und hatte eine glühende Kohle in der Hand, die er mit der Zange vom Altar nahm,

  7. und rührte meinen Mund an und sprach: Siehe, hiermit sind deine Lippen berührt, dass deine Schuld von dir genommen werde und deine Sühne gesühnt sei.

Einzigartig erscheint diese Vision - in ihrer Erhabenheit gleichermaßen wie in ihrem Schrecken. Die Berufung des Propheten Jesaja, die anschließend in unserem Predigttext geschildert wird, entspricht ihr, denn dort heißt es:

  1. Und ich, [Jesaja], hörte die Stimme des Herrn, wie er sprach: Wen soll ich senden? Wer will unser Bote sein? Ich aber sprach: Hier bin ich, sende mich!

  2. Und er sprach: Geh hin und sprich zu diesem Volk: Höret und verstehet's nicht; sehet und merket's nicht!

  3. Verstocke das Herz dieses Volkes und lass ihre Ohren taub sein und ihre Augen blind, dass sie nicht sehen mit ihren Augen noch hören mit ihren Ohren noch verstehen mit ihrem Herzen und sich nicht bekehren und genesen.

  4. Ich aber sprach: Herr, wie lange? Er sprach: Bis die Städte wüst werden, ohne Einwohner, und die Häuser ohne Menschen und das Feld ganz wüst daliegt.

  5. Denn der Herr wird die Menschen weit wegtun, sodass das Land sehr verlassen sein wird.

  6. Auch wenn nur der zehnte Teil darin bleibt, so wird es abermals verheert werden, doch wie bei einer Eiche und Linde, von denen beim Fällen noch ein Stumpf bleibt. Ein heiliger Same wird solcher Stumpf sein.

In der Vision des Jesaja, die zu seiner Berufung führt, finden wir Gotteserfahrung in stark verdichteter, gebündelter Form:

Es ist Gott der Allmächtige, der uns hier begegnet; Gott, der hoch oben auf einem Thron sitzt; Gott, der so groß ist, dass allein der Saum seines Mantels den Tempel ausfüllt; Gott, der so gewaltig ist, dass wir ihm gegenüber klein und unrein erscheinen.

Die Serafim, jene himmlischen Wesen - sie unterstreichen noch die unfassbare Allmacht und Größe Gottes, denn mit ihren Flügeln bedecken sie ihre Augen und ihre Füße, Zeichen ihrer großen Ehrfurcht vor dem Herrn Zebaoth.

In unseren Gottesdiensten, in denen wir - mit gutem Grund - die Menschenfreundlichkeit Gottes betonen, wird diese Erfahrung Gottes oft verdrängt: dass Gott Herr über Leben und Tod ist, dass an ihm Sein oder Nichtsein hängt.

In dieser Erfahrung steckt eine unglaubliche Wucht - sie trifft uns in den außerordentlichen Situationen unseres Lebens, in leidenschaftlicher Liebe, in der Geburt eines Kindes, in Krankheit und Tod. Aber wir suchen auch danach, nach diesem großen Anderen, das uns aus dem Alltag herausruft, das uns über die engen Grenzen unseres Hier und Jetzt hinaushebt.

Wie sonst ließe sich die Faszination erklären, die etwa von der gegenwärtig erfolgreichsten Popmusikerin der Welt ausgeht? Was auch immer man von den bizarren Aufführungen der Lady Gaga halten möchte, von ihren Roben aus Glasscherben und Metallstangen, von ihren wilden Haarkreationen - Lady Gaga erschafft eine Gegenwelt, die in ihrer abenteuerlichen Andersartigkeit ein riesengroßes Interesses weckt. Stetig wächst ihre Fangemeinde, 1,5 Milliarden Menschen haben ihre Videos im Internet bereits angeklickt.

Sie selbst stilisiert sich gerne als Botschafterin von einem anderen Stern - auf die Erde gekommen, um die menschliche Kultur radikal zu ändern. Als solche wird sie auch von vielen wahrgenommen: nicht nur als Sängerin und Darstellungskünstlerin, sondern als fremdes, übermenschliches Wesen. Chinesische Jugendliche kamen so bezeichnender Weise auf die Idee, das SMS-Kürzel »OMG« für »O my God!« zu ersetzen - durch OML für »O my Lady Gaga!«

In uns steckt ein Ahnen und bei vielen von uns auch eine große Sehnsucht nach dem, was über uns hinausgreift und uns gleichzeitig umfängt.

Als Christen erkennen wir diese überwältigende, alles übersteigende Macht in dem Gott Israels, wie er sich Jesaja in seiner Berufungsvision offenbart hat. Und so bekennen wir wie Jesaja im Tempel, dass unsere Herzen und Sinne viel zu klein sind, um auch nur den Saum seines Mantels zu erfassen; in unseren Gebeten beugen wir uns vor ihm; in unseren Liedern besingen wir den großen Gott und preisen seine Stärke.

Als Christen glauben und vertrauen wir aber zugleich auch darauf, dass Gott uns nicht vernichten will: In dem Gesang der Serafim, in dem dreimal »Heilig, heilig, heilig«, erkennen wir den Lobpreis des dreieinen Gottes wieder, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Es ist der Lobpreis des Gottes, der uns erschaffen hat, der uns in Jesus Christus Leben in vollem, unzerstörtem Sinn gebracht hat und uns in seinem Heiligen Geist wahre Gemeinschaft erfahren lässt.

Es ist der Lobpreis des Gottes, dessen Wege wir vielleicht oft nicht verstehen, der uns aber doch immer wieder Zeichen seiner Liebe schickt.

Es ist der Lobpreis des Gottes, der uns nicht schrecken, sondern heil machen will, der unseren oft doch so verängstigten, sorgenvollen Seelen die große Zuversicht gibt, dass unser Leben nicht in ein Nichts einmündet, sondern in ihm seine Vollendung findet.

An diesen Gott lasst uns deshalb halten, und ihm in allem die Ehre geben!

Amen.

[Es folgt das Lied EG 331: »Großer Gott, wir loben dich«]

 



Dr. theol. Jennifer Wasmuth
Berlin
E-Mail: wasmuthj@cms.hu-berlin.de

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