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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Trinitatis, 19.06.2011

Predigt zu Jesaja 6:1-5, verfasst von Jann Schmidt


Liebe Gemeinde,

das ist wirklich ein gewaltiger, großer, triumphaler Text: eine Vision. Der Prophet Jesaja sieht Gott, den Herrn, thronen. Das muss für Jesaja ein überwältigendes Ereignis gewesen sein. Die Bilder und die Worte, die er wählt, um das zu beschreiben, was er erfahren hat, machen das ganz deutlich.

Jesaja sieht Gott auf einem Thron sitzen, wie ein weltlicher Herrscher, nur viel mächtiger und größer. Er ist von Serafim umgeben, die den Lobpreis klingen lassen: „Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth!"

Der ganze Raum ist erfüllt von Heiligkeit und Herrlichkeit. Und auch in der Wortwahl ist viel von „Fülle" die Rede: Der Saum Gottes „füllte den Tempel", heißt es, „alle Lande sind seiner Ehre voll", oder: „Das Haus ward voll Rauch".

Aber zugleich fällt auf: Zu genau wird Gott nicht beschrieben, wie er aussieht etwa. Alles ist bedeckt vom Saum seines Mantels, und selbst die Serafim bedecken mit ihren Flügeln ihr Angesicht und können Gott nicht wirklich sehen. Das sagt dieser Text also auch: Man kann Gott nicht einfach sehen, wie man einen anderen Menschen ansieht. Unsere menschlichen Augen sind für solche Eindrücke nicht gemacht. Niemand hat Gott je gesehen.

Und doch - Jesaja sieht Gott in seiner Vision und spürt die Erhabenheit der Erscheinung Gottes am eigenen Leib.

Die ersten vier Verse dieser sogenannten Thronratsvision sind voll von Beschreibungen der Größe, der Macht und der unfassbaren Herrlichkeit Gottes. Man spürt wie Jesaja nach Worten ringt um diese Vision, diese Begegnung mit Gott in Worte zu fassen. Wie kann sich ein Mensch bloß fühlen, der dieser ausgesetzt ist?

Die Antwort darauf hören wir im Vers 5: „Weh mir, ich vergehe!" ruft Jesaja. Dieser Ausruf macht seine Begegnung mit Gott eigentlich erst vollständig. Er erkennt nämlich auf einmal, wie groß die Sünde ist, die auf ihm lastet, also: wie groß die Entfernung wirklich ist, die zwischen ihm und Gott ist. Jesaja bekennt: „Ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen."

Wem Gott in seiner Herrlichkeit begegnet, wer seine Gegenwart spürt, der ist nicht derselbe wie vorher. Die Begegnung mit Gott verändert einen Menschen, verändert seine Sicht auf Gott, auf die Welt um sich herum, auf sich selber. Die Begegnung mit Gott lässt einen Menschen erkennen, dass er ein sündiger Mensch ist.

Johannes Calvin schreibt in seiner Institutio dazu: „Daran merken wir, daß den Menschen erst dann die Erkenntnis seiner Niedrigkeit recht ergreift, wenn er sich an Gottes Majestät gemessen hat." und weiter: „Menschen, die zuvor, ohne seine Gegenwart, sicher und stark dastanden - jetzt, da er seine Majestät offenbart, sehen wir sie derart in Schrecken und Entsetzen gejagt." (I/3,3)

Die Herrlichkeit, Größe und Schwere Gottes, das ist eine Seite, die für uns Menschen unbequem ist. Denn wer wird schon gerne mit der eigenen Sünde konfrontiert? Wer wird schon gerne in seinem eigenen Tun und Denken in Frage gestellt? Aber da sind wir Menschen alle gleich, niemand kann sich vor Gott dem entziehen.

Der Text hier im Jesajabuch hat einen bestimmten historischen Hintergrund, der deutlich macht, wie wichtig diese Erkenntnis ist, dass jeder Mensch begrenzt ist.

Jesaja hat diese Zeilen mit den Eindrücken eines ernsten politischen Konfliktes geschrieben: Die Aramäer und das Nordreich Israel versuchten, König Ahas von Juda zu überreden, sich mit ihnen zusammenzuschließen und gemeinsam gegen das Großreich der Assyrer vorzugehen. König Ahas weigerte sich zuerst, doch dann wird er von den Koalitionspartnern massiv unter Druck gesetzt. Sie belagerten Jerusalem. Ahas musste reagieren: Sollte er sich ergeben? Das wäre für ihn nicht in Frage gekommen. Sollte er militärisch eingreifen und versuchen, die Angreifer zurückzuschlagen?

In diese Situation hinein meldet sich nun der Prophet Jesaja zu Wort. Seine Botschaft an König Ahas lautet: Greif nicht ein. Verlass dich nicht auf dich selbst und deine militärische Stärke. Sondern: Warte ab und verlass dich ganz auf Gott. Er wird dir helfen. -

Sich ganz auf Gott verlassen und nicht militärisch eingreifen, obwohl man könnte? Nicht ganz unriskant, denn schließlich hätte es auch bedeuten können, dass ihm das Nichtangreifen sein Leben kostet, dass sein Land in Abhängigkeit gerät oder noch viel schlimmere Dinge. Er zweifelt.

Jesaja aber - er hat die Herrlichkeit Gottes gesehen. Er hat selber erleben können, wie hocherhaben sein Gott ist und wie klein ein Mensch, mit dem was er tun kann, dagegen wirkt. Darum ist er fest davon überzeugt, dass es nichts hilft, sich auf menschliche Macht, auf Soldaten und Waffen zu verlassen.

Auch heute noch - weit mehr als 2000 Jahre später - wäre diese Botschaft Jesajas provokant. Das, was Jesaja zu sagen hatte, hat nicht an Aktualität eingebüßt. Auch heute noch hat man vielfach den Eindruck, dass Menschen sich oft auf Machthaber und auf militärische Aktionen verlassen. Und wir sehen im aktuellen politischen Geschehen, wie oft militärisches Handeln eben nicht den Erfolg bringt, den sich die Verantwortlichen davon erhofft haben, etwa einem Land die Demokratie zu bringen oder die Einhaltung der Menschenrechte durchzusetzen. Und da steht man dann: ratlos, hilflos, aussichtslos, muss sein Scheitern eingestehen, muss einsehen, Fehler gemacht zu haben, muss zugeben, noch andere Ziele mit dem militärischen Einsatz verfolgt zu haben.

Im 146. Psalm heißt es: „Verlasst euch nicht auf Fürsten, sie sind Menschen, die können ja nicht helfen... Wohl dem, dessen Hilfe der Gott Jakobs ist, der seine Hoffnung setzt auf den HERRN, seinen Gott."

Was bedeutet das: sich nicht auf seine eigene Stärke zu verlassen, sondern ganz auf Gottes Stärke? - Es bedeutet vor allem: Sich von Gottes großer Herrlichkeit wirklich überwältigen zu lassen - So wie der Prophet Jesaja es uns hier eindrucksvoll schildert. Indem diese Thronratsvision, die Vision der Herrlichkeit Gottes vor allen politischen Ratschlägen Jesajas steht, wird deutlich, woher Jesaja all seine Überzeugungen nimmt, nämlich aus der tiefen Erkenntnis und Erfahrung, dass Gott, der HERR, herrlich und hocherhaben ist und dass alle weltlichen Fürsten neben ihm erblassen.

Johannes Calvin ist nicht dabei stehengeblieben, über Gottes Herrlichkeit und die darin erkennbare Unfähigkeit des Menschen, Gott zu recht zu schauen, zu schreiben. Es fehlt noch der zweite und dritte Schritt. Der zweite heißt: Jesus Christus, der dritte heißt: Der Heilige Geist. In Jesus Christus, der wahrer Gott ist und gleichzeitig als Mensch für uns Menschen sichtbar geworden ist - In ihm können wir die Herrlichkeit Gottes erkennen. Sie bliebt uns nicht länger verborgen. Der Heilige Geist öffnet uns die Augen und wir sehen in Jesus Christus die Herrlichkeit Gottes, die eigentlich so groß und wunderbar ist, dass wir Menschen sie gar nicht aushalten könnten. In Christus und durch den Geist Gottes wird sie für uns sichtbar.

Das heißt: In dem, was Christus getan hat, was er gepredigt und gelebt hat, können wir die Herrlichkeit Gottes erkennen. Er hat uns gezeigt, was es tatsächlich bedeutet, Gott mehr zu gehorchen als dem Menschen.

Dazu ein Zitat aus dem Aufruf zum gerechten Frieden, den der Ökumenische Rat der Kirchen vor kurzem als Abschluss der „Dekade zur Überwindung von Gewalt" veröffentlich hat:

„Jesus lehrte uns, unsere Feinde zu lieben, für unsere Verfolger zu beten und keine tödlichen Waffen zu benutzen. Der Friede, den er uns bringt, kommt im Geist der Seligpreisungen zum Ausdruck. Obwohl Jesus verfolgt wird, bleibt er standhaft in seiner aktiven Gewaltlosigkeit, sogar bis in den Tod. Sein Leben für die Gerechtigkeit endet am Kreuz, einem Werkzeug der Folter und Hinrichtung. Mit Jesu Auferstehung bekräftigt Gott, dass eine solch unerschütterliche Liebe, ein solcher Gehorsam und ein solches Vertrauen zum Leben führen. Das gilt auch für uns."

Darum ist der Lobpreis der Serafim in der Thronratsvision des Jesaja nicht nur ein Lob auf die unvergleichliche Herrlichkeit Gottes, sondern sie ist auch unser Hoffnungsruf für diese Welt, unsere eindringliche Bitte, dass es durch den dreieinigen Gott tatsächlich so sein möge: „Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll!"


Amen.



Kirchenpräsident der Evangelisch-reformierten Kirche Jann Schmidt
26789 Leer
E-Mail: jann.schmidt@reformiert.de

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