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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Trinitatis, 19.06.2011

Predigt zu Jesaja 6:1-13, verfasst von Dietrich Stollberg

 

Thema: Eine gewaltige Vision und eine Schreckensbotschaft

 

Liebe Gemeinde!

  1. Die Vision

1. Zunächst zur gewaltigen Vision und Audition: Der Prophet Jesaja sieht im Jahre 736 vor Christus tatsächlich Gott. Und er hört das Rufen von Seraphim, ja er spricht schließlich sogar mit Gott. Das ist so außergewöhnlich, dass er extra das Jahr angibt, in dem ihm das widerfahren ist: >Damals war es, ich weiß es noch genau.< Der Herr sitzt riesenhaft auf einem hohen Thron, und der Saum seines Gewandes füllt den ganzen Tempel aus. Seraphim, jene drachenähnlichen Wesen, die ihm dienen, fliegen mit je drei Flügelpaaren über Gott hin und her. Ihre Gesichter und Füße sind nicht zu sehen, weil sie von Flügeln bedeckt werden: Vor der Heiligkeit Gottes muss man aus Ehrfurcht sein Angesicht bedecken und seine Schuhe ausziehen. So die uralte Überlieferung. Die Seraphim rufen einander zu: „Heilig, heilig, heilig ist der Herr. Alle Lande sind seiner Ehre voll." Dieses Dreimal-Heilig, das wir beim Abendmahl den Seraphim nachsingen - kombiniert mit dem „Gelobet sei, der da kommt im Namen des Herrn" -, wurde von den Christen als Hinweis auf Gottes Dreifaltigkeit verstanden. Und deshalb ist es heute auch Predigttext. Ursprünglich bedeutet das dreimalige Heilig eine Steigerung: Gott ist so heilig wie sonst keiner.

2. Der Glaube an die Dreifaltigkeit Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, gibt immer wieder Anlass zu gelehrten Diskussionen und zu Zweifeln, ob der christliche Glaube wirklich zu einer monotheistischen Religion gehöre. Können wir Christen das uralte biblische Bekenntnis nachsprechen: „Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein" oder „Höre...der Herr ist einer"? (5. Mose 6, 4) Angesichts dieser Frage ist es umso wichtiger, dass wir uns im interreligiösen und ökumenischen Dialog zu dem einen und einzigen Gott bekennen. Die Trinität ist demgegenüber zweitrangig, zumal das sogenannte Trinitätsdogma, also eine ausgeprägte kirchliche Lehre von der Dreieinigkeit Gottes, erst im vierten Jahrhundert nach Christus entstanden ist. Der Glaube an Gottes Einzigkeit schließt allerdings nicht aus, dass wir ihn je nach Situation verschiedenartig erleben: väterlich, brüderlich, geistig.

3. Zurück zu Jesaja! Er erlebt etwas Einmaliges: die eigentlich tabuisierte direkte Nähe und den Anblick Gottes. Kein Sterblicher kann sie ertragen. Daher fürchtet er den Tod: „Weh mir, ich vergehe, denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk unreiner Lippen ..." Aber einer der Seraphim reinigt ihn von allem, was ihn an dieser Gottesnähe sterben ließe. Nun darf Jesaja mit Gott sprechen und ihm antworten: „Hier bin ich, sende mich!"

4. Er wird beauftragt mit einer Schreckensbotschaft: Hört und versteht nichts! Krieg wird kommen und euer Untergang, wenn ihr nicht im Namen eures Gottes kämpft! Man wird euch deportieren und vernichten. Eure Feinde sind zwar schon schwach wie verglimmende und nur noch rauchende Holzscheite, aber traut ihr euch nicht und „glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht" (7, 9). Den Rat, für und mit seinem Gott zu kämpfen, hat der König nicht befolgt, sondern er hat stattdessen taktiert und sich auf Tributzahlungen an den fremden Herrscher Assyrien sowie religiöse Zugeständnisse eingelassen. Das sieht der Prophet als Abfall vom Gott Israels mit allen Folgen einer kriegerischen Niederlage an. Dabei bezieht sich das „Glaubt ihr nicht ..." nicht nur auf Gott, sondern zunächst einmal auf den Rat des Propheten: Wenn ihr mir nicht glaubt, werdet ihr nicht bleiben - als König nicht und als Volk nicht. Man hat das dann in der christlichen Überlieferung stets auf Gott selbst bezogen: Glaubt Ihm und an Ihn!

5. Auch wenn die Botschaft des Propheten zunächst vernichtend scheint, so eröffnet der letzte Vers (6, 13) doch eine kleine Hoffnung: Zwar wird auch das letzte Zehntel der Bevölkerung noch „verheert" werden, aber wie bei einem Baum, der abgehauen wird, treibt aus dem Stumpf wieder ein kleiner Zweig. Aus ihm kann sich etwas Neues entwickeln - wie aus einem Samenkorn. Das erinnert uns an Weihnachten, wo wir als messianische Weissagung hören: „Es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais (des Vaters Davids) und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. Auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn ..." (11, 1 ff.) Paradiesische Zustände werden als Folge beschrieben: Frieden, Gerechtigkeit und Rückkehr in die Heimat. All das haben die Christen später auf Jesus, den Messias, bezogen und spirituell gedeutet. Was ursprünglich politisch gemeint war, wird nun auf ein Reich Gottes hin verstanden, das „inwendig in" uns ist (Lk 17, 21).

  1. Unser heutiger Glaube

1. Was fangen wir nun mit diesen altorientalischen Krieg - und - Friedens - Geschichten an? Uns interessiert der Zusammenhang von ermutigendem Gottesglauben und Sieg einerseits, ängstlicher Taktik und Niederlage andererseits. Aus dem Glauben an Gott lässt sich Selbstvertrauen gewinnen. „Glaubt ihr nicht, dann bleibt ihr nicht," heißt es im folgenden Kapitel des Jesajabuchs - anders herum: Glaubt ihr, dann bleibt ihr. Verlasst euch auf Gott und hört auf Ihn!

2. Außerdem zeigt uns dieser Text einen Gottesglauben, der nicht nur mit der Liebe und Güte eines allzu harmlosen alten und schwachen Großvaters oder eines leidenden gekreuzigten Bruders rechnet, sondern mit Gottes Zorn und Vernichtungsabsichten. Unser Gottesbild ist oft zu naiv und respektlos. Das zeigt sich manchmal schon an scheinbaren Äußerlichkeiten wie am Verhalten in Kirchen und Tempeln, als wäre man in einem Vereinssaal. Es fehlen dann Ehrfurcht und Respekt vor dem Heiligen, d. h. jener Macht, die uns ins Leben rufen, am Leben erhalten und töten kann.

3. Das „Heilig, heilig, heilig" muss für Jesaja eher wie heftigster Donner geklungen haben als wie Musik. Da wackelten die Wände, und das Haus war voller Rauch. J. S. Bachs wunderbar schwebendes Sanctus aus der H-moll-Messe oder andere herrliche Sanctus - Gesänge aus vielen großen Messen der Musikgeschichte nötigen uns Bewunderung und Respekt ab vor dem, dem diese Musik gilt. Aber sie klingen dennoch geradezu lieblich gegen das Getöse, das Jesaja gehört zu haben scheint. Die schmerzhafte Reinigung mit brennender Kohle - im übertragenen Sinne - bleibt uns wohl nicht erspart, bevor wir Gottes Stimme oder auch „nur" das Rufen der Seraphim wirklich hören. Sanctus und glühende Kohlen - die Seraphim bringen beides.

C. Mut mit Gott

Der dreieinige Gott, den wir verehren, schafft Leben, behütet, warnt und vernichtet es. Er fordert uns heraus und vergibt. Er zeigt sich als Liebe, wo wir Liebe brauchen und unsere Kleinheit und Ohnmacht zugeben. Da sind weder Rücktritte noch großartige Schuldbekenntnisse angezeigt, die letzten Endes doch nur unsere hochstehende Moral beweisen sollen, sondern da brauchen wir Bescheidenheit gegenüber dem, den die Seraphim als dreimal heilig preisen, und Mut mit Gott gegenüber jenen, die uns bedrohen. Mut mit Gott bedeutet Risikobereitschaft und keine Angst vor eigenen Fehlern. Sie lassen sich ohnehin nicht vermeiden. Wie wollen wir uns je von Gott unter unsere Mitmenschen „senden" lassen, wenn wir vor lauter Angst, es nicht richtig zu machen, also aus Angst vor der Sünde, nicht wirklich zu leben wagen? Wie wollen wir je notwendige Kritik äußern, wie Jesaja das tat, wenn wir nur unser kleines Privatleben pflegen und uns nicht engagieren? Martin Luthers Rat an den skrupulösen Freund Philipp Melanchthon gilt auch uns: „Pecca fortiter, sed fortius fide!" „Sündige tapfer, aber glaube umso fester!" Dann brauchen wir zwar den Engel, der uns schmerzhaft reinigt. Dann können wir aber auch sagen: „Hier bin ich. Sende mich!"

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus! (Amen.)



Prof. Dr. Dietrich Stollberg
90762 Fürth
E-Mail: DietrichStollberg@web.de

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