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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Trinitatis, 19.06.2011

Predigt zu Jesaja 6:1-13, verfasst von Michael Ebener

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.
Amen.


Das stelle man sich einmal vor:

Heilig, heilig, heilig

In dem Jahr, als der König Usija starb, sah ich den Herrn sitzen auf einem hohen und erhabenen Thron und sein Saum füllte den Tempel. Serafim standen über ihm; ein jeder hatte sechs Flügel: Mit zweien deckten sie ihr Antlitz, mit zweien deckten sie ihre Füße und mit zweien flogen sie.

Und einer rief zum andern und sprach: Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll! Und die Schwellen bebten von der Stimme ihres Rufens und das Haus ward voll Rauch.

Da sprach ich: Weh mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn ich habe den König, den HERRN Zebaoth, gesehen mit meinen Augen.
Da flog einer der Serafim zu mir und hatte eine glühende Kohle in der Hand, die er mit der Zange vom Altar nahm, und rührte meinen Mund an und sprach: Siehe, hiermit sind deine Lippen berührt, dass deine Schuld von dir genommen werde und deine Sünde gesühnt sei.

Und ich hörte die Stimme des Herrn, wie er sprach: Wen soll ich senden? Wer will unser Bote sein?
Ich aber sprach: Hier bin ich, sende mich!
Und er sprach: Geh hin und sprich zu diesem Volk: Höret und verstehet's nicht; sehet und merket's nicht! Verstocke das Herz dieses Volks und lass ihre Ohren taub sein und ihre Augen blind, dass sie nicht sehen mit ihren Augen noch hören mit ihren Ohren noch verstehen mit ihrem Herzen und sich nicht bekehren und genesen.
Ich aber sprach: Herr, wie lange?
Er sprach: Bis die Städte wüst werden, ohne Einwohner, und die Häuser ohne Menschen und das Feld ganz wüst daliegt.

Denn der HERR wird die Menschen weit wegtun, sodass das Land sehr verlassen sein wird. Auch wenn nur der zehnte Teil darin bleibt, so wird es abermals verheert werden, doch wie bei einer Eiche und Linde, von denen beim Fällen noch ein Stumpf bleibt. Ein heiliger Same wird solcher Stumpf sein.
(Jesaja 6,1-13)


Soll ich …?

Soll ich nun reden vom Propheten?
Von der Heiligkeit Gottes und diesem unmöglichen Auftrag?

Soll ich erzählen von Aramäern und Assyrern im achten vorchristlichen Jahrhundert und wechselnden politischen Koalitionen?
Soll ich das Durchlavieren der Könige Israels bewerten und die Lauheit des Volkes, das sich lieber auf Pferde und Streitwagen verlässt als auf Gottes Wort?
Soll ich mich solchem Gott stellen, der das Herz verstockt, die Ohren taub macht und die Augen blind, damit seine Menschen sich nicht bekehren und genesen, sondern ungebremst ins Unheil rennen?

Ich will es tun, aber anders – unter dem Eindruck des Kirchentages!


In dem Jahr

Das stelle man sich einmal vor:

In dem Jahr, als viele Menschen sterben, auch der „Größte Feldherr aller Zeiten“ sein Ende nimmt, ist zu Anfang vieles wie immer.

Die hohe Kuppel steht am Himmel und ragt in die Stadt, wie schon zu Zeiten. Der Fluss fließt davor friedlich unter Herrscherbrücken, vorbei an florentinischer Kulisse: Paläste, einst für Könige, nun für Kunst, aus grünem Stein die Schatzgewölbe. Theater, Opern an Terrassen, von beschnittenen Bäumchen fein gegliedert.

Inmitten all dessen steht der Tempel – das Gebäude mit der hohen Kuppel!
Steht da ein bisschen selbstverliebt, wie immer.

Es ist die Kirche, in der die Stadt zusammenkommt, auch noch in dem Jahr.
Und darin Licht und Ruhe findet, und hohen Klang. Und einen Altar, so hoch, so himmelblau und golden, so erhaben wie ein Thron, himmlischer Heerscharen würdig.

Aber kein Serafim ist je durch diesen Raum geflogen, nicht mit zwei und nicht mit sechs Flügeln. Nicht durch die Bögen und über die Emporen. Nicht die Sitzreihen lang ins kuppelhohe Rund. Die Engel hier sind Gips und Stuck – mehr darf die Protestantenseele nicht. Aber wenn der Blick nach oben geht, ahnt man doch den Himmel, wo Gott wohnt: Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll, singt der ganze Bau in verspielter Unschuld.

Und die Menschen singen mit und hinauf – singen bis zu jenen Tagen in dem Jahr: dreizehnter, vierzehnter Februar 1945!


Und die Schwellen bebten

Da beben die Schwellen und das Haus war voll Rauch.

Und es beben auch die Schwellen all der anderen Häuser jener Stadt, arm oder prächtig – alle voll Rauch. Und stürzen ein und auf ihre Bewohner, die in Kellern und Vorsprüngen, hinter Türen und Wannen Schutz suchen vor diesem gewaltigen Beben.

Auch der kuppelhohe Bau stürzt zu Boden. Am Morgen des fünfzehnten Februar, nachdem er von innen heraus von glutheißem Feuer zerfressen ist, der Sandstein unter der Hitze birst und die Last der Kuppel nicht mehr halten kann. Er stürzt mit all seinem Gold und Himmelblau!

Dann ragen nur noch Architektursegmente auf aus einer Trümmerwüste wie die verkrampfte Hand eines verschütteten Riesen, zum Himmel gestreckt.


Siehe, hiermit sind deine Lippen berührt

Aber am Himmel ist keine Sonne mehr, nur das Surren von Flugzeugmotoren. Es rauschen nicht Engel, sondern englische Bomber. Und da ist kein Schein, nur irrlichternde Ziellichter der Flakgeschütze. Wie glühende Kohlen fallen die Bomben aus den Ladeklappen.

Sie fallen auf Dresden.
Die Stadt an der Elbe mit ihrer florentinischen Kulisse.
Die Stadt und ihre kuppelhohe – Frauenkirche.

Und die, deren Lippen noch nicht verbrannt sind, rufen: Weh mir, ich vergehe!
Auf den Straßen wütet der Feuersturm.
Aber das Leid sühnt nicht – keine Schuld ist genommen, keine Unreinheit getilgt, die Lippen nicht geläutert mit einer Engelsgabe vom Altarfeuer.
Sie sehen auch Gott nicht, den HERRn; der weint hinter den Wolken. Sie sind nicht überwältigt von Heiligkeit, denn sie sehen keinen Himmel mehr. Sie vergehen in gleißend heißer Helligkeit.
Und sie verstehen nicht, verstehen nie – das Grauen, die Nacht und die Hölle.


Wer will unser Bote sein?

Und da ist kein Bote mehr, der’s ihnen erklären könnte.
Denn die Boten, die vorher waren – in den zwölf Jahren, die auch in tausend nicht vergessen sind! –, sitzen in Lagern. Manche sind ungebrochen, gehen in diesen Tagen selbst ihren letzten Gang, die letzte Stufe noch in prophetischer Haltung: Hier bin ich, sende mich!„Das ist das Ende. Für mich ist es der Anfang des Lebens.“ (von D. Bonhoeffer überliefert)

Manche ihre Worte und Taten können sich retten. Vieles aber von ihnen verweht auf den Staubäckern der Geschichte. Sie haben sich in dunkler Zeit senden lassen von ihrem Gewissen, ihren politischen Überzeugungen, ihrem Gott, aber was sie auch tun und sagen, es zeigt kaum Wirkung in der Mehrheit des Volkes, denn das Böse agitiert und lässt sich nicht bannen, bis zum Schluss.

Was durch die Volksempfänger plärrt, hören alle. Dass Rosenzweig auf einmal fort ist, und seine Familie, die Kinder, können alle sehen. Da ist etwas falsch am Klang der Dauermarschmusik. Da ist etwas so anders leer. Aber nichts oder nur wenig passiert, verstockt – wie höret und verstehet‘s nicht; sehet und merket‘s nicht!
Und auch hinterher wollen viele nichts gemerkt haben: Das Herz wie verstockt, die Ohren wie taub und die Augen wie blind.

Es muss erst Feuersturm kommen, damit Volkssturm vergeht!


Herr, wie lange?

Vielleicht ist während der Bombardements oben am düsteren Himmel in einer der fliegenden Festungen einer, der sich, seinen Gott oder seinen Kommandanten fragt: Herr, wie lange?

Vielleicht ist da einer, der in all dem rötlichen Licht und Feuerschein unter ihm die Leiber vermutet, die von der tödlichen Fracht betroffen sind, und sich fragt, ob das, was er tut, richtig ist – zu rechtfertigen vor so vielen Leben.

Vielleicht ist aber auch keiner da in jenen Februarnächten. Denn was immer die Antwort wäre – wenn solcher Sturm entfesselt ist und solche Kräfte wirken, dann geht es, bis die Städte wüst werden, ohne Einwohner, und die Häuser ohne Menschen und das Feld ganz wüst daliegt.

Und wenn das Land dann hinterher sehr verlassen sein wird, wenn nur der zehnte Teil darin bleibt, so geschieht, dass auch der abermals verheert wird, durch Kälte, durch Hunger, durch Seuche und weitere Gewalttat, aber wie bei einer Eiche und Linde, wird selbst nach ihrem Fällen und Fallen ein Stumpf bleiben.


Ein heiliger Same wird solcher Stumpf sein

Aber ein heiliger Same wird solcher Stumpf sein!

Die wenigen Architektursegmente, die von der Frauenkirche nach dem Feuersturm bleiben und aus der Trümmerwüste aufragen wie die verkrampfte Hand eines verschütteten Riesen, zum Himmel gestreckt – sie sind solch ein Stumpf!

Und all die Jahrzehnte des real existierenden Sozialismus hat dieser Stumpf Kraft in sich, war „Mahnmal gegen den Krieg“ und wurde zum „Symbol der Versöhnung“.
Bei vielen Menschen hat sich nämlich unter diesem Stumpf ein heiliger Same gehalten, der sie ihren kuppelhohen Bau, ihren Tempel, nicht vergessen lässt, obwohl sie ihre Herzensheimat längst im ganz normalen Atheismus vierzigjähriger SED-Umerziehung verloren zu haben schienen. Aber als die Freiheit da ist, beginnen sie, von Dresden aus Geld für den Wiederaufbau zu sammeln. Das Projekt ist umstritten, aber von überall her fließt Geld, auch und gerade aus den Ländern, die sechzig Jahre vorher die Bomber schickten – 180 Millionen Euro!

Seit 2005 steht die Frauenkirche wieder an ihrem Ort.
Vollendet, viel früher als gedacht!
Sie steht kuppelhoch inmitten ihrer Stadt, wie immer.
Nicht wie immer.
Was nach Barock aussieht, ist nagelneu!
Nicht nur „nagelneu“.
Der Stumpf, der über die Jahrzehnte so viel heiligen Samen in sich hatte, ist mitverbaut!

Und das adelt den ganzen Bau.
Ohne die dunklen, im Feuersturm verbrannten Steine in der Außenfassade, ohne das brutal zerbeulte Kuppelkreuz im Innen wäre solcher Wiederaufbau Disneyworld. So aber halten die dunklen mit den hellen Steinen Gläubigen und Ungläubigen eine machtvolle Predigt!

Die dunklen Steine sprechen von Tod und Vernichtung, vom Brand und Sterben einer Stadt, einer Welt. Die hellen Steine setzen Geduld und Beharrlichkeit dagegen, sind Zeichen von Vergebung und Gutmachung.
Und die Kuppel weist zum Himmel der Serafim, von dem her Gottes Mantelsaum den Kirchraum füllt – für die dankbare Beterin ebenso wie für die aufgerüschte Konzertbesucherin.

Die steinerne Predigt vom Stumpf und vom Samen markiert den Schrecken, sie behaftet beim Versagen und kann doch kein Leben wiederbringen von Boten und Gesandten, von Menschen, kleinen und großen, schuldigen und unschuldigen, die im Wüten gleichermaßen das Leben verloren. Auf die Frage nach dem „Warum?“ von Leid und Verstockung gibt es keine Antwort! Aber sie zeigt auf, dass es ein „Auferstanden aus Ruinen“ gibt und Versöhnung über Gräbern möglich ist.

Wenn diese Kirche aus diesen Trümmern wieder steht, dann wiederholt das nicht das Wunder des allerersten Schöpfungstages, aber es spiegelt doch das kreative Potential, das Gott, der Vater all seinen Menschkindern eingezeichnet hat: Heilig.
Wenn diese Kirche aus diesen Trümmern wieder steht, dann ist das nicht Ostern, die Auferstehung Jesu Christi aus den Toten, aber doch ein Beleg der stärksten Hoffnung, zu der unser Glaube fähig ist, dass nämlich nichts so tot und verloren ist, dass es unter Gottes Hilfe nicht neu belebt werden könnte: Heilig.
Wenn diese Kirche aus diesen Trümmern wieder steht, dann ist das nicht Pfingsten, die Ausgießung des Gottesgeistes über verzagten Menschlein, aber doch mehr als nur ein Hinweis auf die unbändige Lebens- und Trostkraft, die in den Stümpfen unserer Welt, unter den Trümmern so vieler Leben immer noch einen heiligen Samen bewahrt, aus dem heraus alles neu wird: Heilig.

Wenn diese Kirche wieder steht, kann alles wieder stehen, was jetzt in uns und unserer Welt noch ganz wüst daliegt!
Immer wieder.
Das predigen uns die dunklen Steine mit den hellen – das singt der ganze kuppelhohe Bau mit allen Serafim:
Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth,
alle Lande sind seiner Ehre voll.

Amen.

 



Pastor Michael Ebener
Göttingen
E-Mail: michael.ebener@refo-goettingen.de

Bemerkung:
Dieser Predigt ist als zusätzliche Datei eine Vorlage für einen Gottesdienstzettel beigefügt, der individuell auf die eigene Gottesdienstgemeinde bearbeitet werden kann.



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