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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

4. Sonnntag nach Trinitatis, 17.07.2011

Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 50:15-21, verfasst von Klaus Wollenweber

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

Liebe Gemeinde,

„in der Bibel stehen lauter alte Geschichten, die jeden Tag neu passieren." An diesen Ausspruch von Ricarda Huch dachte ich, als ich mich mit dem für den heutigen Sonntag vorgeschlagenen Predigttext aus dem 50.Kapitel des 1.Buch Mose (Genesis ) beschäftigte. Ich lese die Verse 15-21:

15 Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben. 16 Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach: 17 So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters! Aber Josef weinte, als sie solches zu ihm sagten. 18 Und seine Brüder gingen hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte. 19 Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt? 20 Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. 21 So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.

Geschwisterkonflikte, die in der Bibel häufig erzählt werden, gehen nicht immer so friedlich und harmonisch aus wie hier bei Josef. Ich erinnere an die Brüder Kain und Abel, an die Zwillinge Esau und Jakob, an die beiden Schwestern Lea und Rahel, an das von Jesus erzählte Gleichnis von den ungleichen Söhnen und an den Rangstreit der beiden Brüder und Jünger Jesu: Jakobus und Johannes. Da gibt es die Mutter, die ihren Lieblingssohn mit List und Weisheit bevorzugt; da ist der Vater, der e i n e n Sohn besonders verwöhnt und dadurch die Eifersucht der anderen Söhne hervorruft. Da wird von dem Konkurrenzkampf der Geschwister um die Gunst und Liebe der Eltern berichtet; um Anerkennung und liebevolle Nähe wird lebenslang gerungen. Alte Geschichten in der Bibel, die in unserer Zeit jeden Tag neu passieren.

Wer von uns kennt nicht solche Berichte und Schicksale von Geschwistern, die nicht mehr miteinander sprechen, - höchstens noch über Rechtsanwälte? Erzählungen mit Vorwürfen, daß Vater oder Mutter ihr Lieblingskind schon immer vorgezogen haben. Erfahrungen, daß nach Scheidungen oder Todesfällen Streitigkeiten um das Erbe hohe Wellen schlagen, - manchmal schon bei einer Beerdigung spürbar. Wohin man auch hört: Familienkonflikte!

Oftmals gelten Geschwisterkonflikte, die in der Bibel erzählt werden, auch als Symbolgeschichten für Menschheitskonflikte. Da geht es um ethnische, um religiöse und um machtpolitische Probleme; es geht um nationale und gesellschaftliche Eigenständigkeiten und Abhängigkeiten.

Nicht selten ist es bis heute in Familien wie in der Josefgeschichte: Es gibt unausgesprochen ein Stillhalteabkommen, solange die Autorität des Familienober-hauptes geachtet wird. Aber wenn diese verehrungswürdige Person stirbt, dann bricht sofort die Angst auf: Ist jetzt Rache angesagt für das, was man in den eigenen Lebensgeschichten einander angetan hat? Kann man jetzt endlich frei und offen argumentieren, handeln und zurückschlagen?

Auf das verstorbene Oberhaupt der Familie braucht man keine Rücksicht mehr zu nehmen. Nun wird Tacheles geredet! In Gerichtsverhandlungen ist so etwas fast eine „alltägliche" Situation; Ausnahmen bestätigen die Regel.

Ich kann nicht glauben, daß Josef alles vergessen hat, was seine Brüder ihm angetan haben. Ich erwähne nur: erst haben sie ihn in einen tiefen, leeren Brunnenschacht geworfen, dann an eine Karawane verkauft und seinem Vater gesagt: Josef sei von Tieren getötet worden. Josef kam nach Ägypten in den Dienst des Pharao. Aufgrund von Falschaussagen der Frau des Pharao wurde er ins Gefängnis geworfen; er erlebte totale Ohnmacht, Hilflosigkeit und Rechtlosigkeit. Die von ihm mit Gottes Hilfe gedeuteten Träume des Pharao verschafften ihm die neue Freiheit und schließlich eine hohe politische Position in Ägypten, die anerkannteste soziale Stellung im Staat neben dem Pharao. Eine Hungersnot im Land Kanaan führte seine Brüder nach Ägypten mit dem Wunsch, dort Getreide kaufen zu können. Josef erkannte sie, diese ihn aber nicht! Beim zweiten Treffen gab Josef sich zu erkennen und bat seine Brüder, mit dem Vater nach Ägypten zu kommen, um in der Zeit der Hungersnot zu überleben. So geschah es. Und sie lebten gemeinsam in Frieden, solange der ehrwürdige Vater unter ihnen war.

Nun ist er gestorben, und Angst beherrscht die Brüder, Angst vor der Vergeltung des Josef. So schwerwiegend ist ihre Angst und Not, daß sie vor Josef niederfallen, sich demütigen und sich als Knechte des Josef bezeichnen. Josef kommen über solche erniedrigende und angstvolle Verhaltensweisen seiner Brüder die Tränen. Nun wird festgestellt, daß es im Blick auf eine Konfliktlösung zwei Vorraussetzungen gibt:

Zum einen muß die Angst und Sorge vor der Macht des anderen benannt, angehört und erkannt werden; und zum anderen muß die Bereitschaft und Liebe eines Josef vorhanden sein, die sich in Entgegenkommen äußert.

Josef weist darauf hin, daß er selbst kein Richter sei und daß er nicht an die Stelle Gottes treten will. Vergebung sei zuerst eine Sache Gottes. Klar benennt er, daß die Brüder es mit ihm böse gedacht hatten, aber er fügt hinzu, daß Gott alles zum Guten gelenkt hat. Martin Buber hat dazu übersetzt: daß Gott „umgeplant" hat. Josef verschweigt nicht das aus dem Herzen der Brüder kommende Böse, aber er tröstet sie zugleich, redet freundlich mit ihnen und hat volles Vertrauen in ihre guten Absichten.

Ich denke, daß so ein Ende eines schwelenden Familienkonfliktes ein Neuanfang des Lebens für alle bedeutet. Insofern erreicht dieser Brüderkonflikt mehr als nur ein „happy end"; denn es geht um die Chance für ein gemeinsames, vertrauensvolles Leben der Brüder und ihrer Familien. Josef weist auf Gott als den, der nicht verurteilt, sondern Gutes für uns Menschen aus allem wirken will. „Gott schreibt auch auf krummen Linien gerade", - so lautet ein Buchtitel, der so das Handeln Gottes beschreibt. Gott ermöglicht es, daß ein gemeinsames, friedliches Zusammenleben erhalten bleibt. Natürlich setzt das Idealbild des Josef ein großes Vertrauen in Gottes Handeln voraus.

Aber nun sind wir nicht Josef, liebe Gemeinde, und meist sind wir nicht so ideale Menschen wie Josef, der nichts vergißt und doch nicht nachträgt. Es fällt uns schwer, einen Konflikt so zur Lösung zu bringen, daß auf Augenhöhe ein neues Leben möglich wird. Selten gelingt dies bei Erbstreitigkeiten, Scheidungsangelegenheiten und bei Geschwister-Konkurrenz-Kämpfen. Immerhin führt uns der biblische Text ein Ziel vor Augen und zeigt den Weg, daß Angst und Mißtrauen beiseite geräumt werden können. Wo dies geschieht und Vertrauen wachsen kann, da wird neues, gemeinsames Leben möglich, - und da wird Vergebung lebendig.

Ein Schlüsselwort auf diesem Weg ist der Ausspruch des Josef: „Stehe ich denn an Gottes Statt!" Diese Aussage kann für uns in unseren Familienkonflikten eine Art Befreiungsschlag bedeuten. W i r müssen nicht urteilen, nicht verurteilen, nicht bei Vorurteilen verharren. Das ist letztendlich Gottes Sache! Wir dürfen das neue gemeinsame Leben im Blick haben, - ohne Angst und Erniedrigung unserer Person und ohne Angst vor den Handlungen der Familienmitglieder, auch wenn sie uns überhaupt nicht zusagen.

In unserem christlichen Glauben können wir uns Liebe und Zuneigung nicht verdienen. Ebenso können wir nicht mit allen Mitteln erreichen, daß in dem Familiengeflecht alle ethisch gleich handeln, in gleicher Weise reagieren und ihre Liebe zu erzwingen ist. Der Wille, die Gaben und das Gewissen eines jeden Familienmitgliedes sind alle unterschiedlich und anders. So folgt daraus: Das Geschenk der Achtung, Zuneigung und Liebe verspiele ich, wenn ich nicht selbst zu einer ehrlichen Akzeptanz der Unterschiedlichkeit von Geschwistern und Eltern bereit bin. So ungleich wir alle als Kinder Gottes denken und leben, so gleich gilt uns allen das Angebot der Liebe Gottes. Dieses Vertrauen in die geschenkte Liebe Gottes ist der tiefste Grund für die mögliche Furchtlosigkeit im Familienleben, die gegenseitige Ehrlichkeit und die Kraft der Vergebung.

Auch eine alte Geschichte, die hoffentlich jeden Tag neu passiert. Darum fürchtet euch nicht!

Amen

Der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen



Altbischof Klaus Wollenweber
53129 Bonn
E-Mail: Klaus.Wollenweber@kkvsol.net

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