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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

4. Sonnntag nach Trinitatis, 17.07.2011

Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 50:15-21, verfasst von Martin Schewe

 

Der Predigttext steht im Ersten Buch Mose im fünfzigsten Kapitel: das Ende einer langen Geschichte.

„Und die Brüder Josefs sahen, dass ihr Vater gestorben war, und sie sprachen: Wenn nun Josef uns feind ist und uns all das Böse vergilt, das wir ihm angetan haben? So ließen sie Josef sagen: Dein Vater hat vor seinem Tod geboten: Dies sollt ihr zu Josef sagen: Ach, vergib deinen Brüdern ihr Verbrechen und ihre Verfehlung, denn Böses haben sie dir angetan. Nun vergib den Dienern des Gottes deines Vaters ihr Verbrechen. Josef aber weinte, als sie zu ihm redeten. Dann gingen seine Brüder selbst hin, fielen vor ihm nieder und sprachen: Sieh, wir sind deine Sklaven. Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Bin ich denn an Gottes Statt? Ihr habt zwar Böses gegen mich geplant, Gott aber hat es zum Guten gewendet, um zu tun, was jetzt zutage liegt: ein so zahlreiches Volk am Leben zu erhalten. So fürchtet euch nicht! Ich will für euch und eure Kinder sorgen. Und er tröstete sie und redete ihnen zu Herzen."

(1) Das Ende einer langen Geschichte, liebe Gemeinde. Sie endet glücklich, die Geschichte von Josef und seinen Brüdern, aber bis dahin dauert es vierzehn Kapitel im Ersten Buch Mose; vierzehn Kapitel, in denen Josef über Höhen und durch Tiefen geht, bis er zu seinen Brüdern sagt: „Ihr habt zwar Böses gegen mich geplant, Gott aber hat es zum Guten gewendet." Dass Gott seine Finger im Spiel hat und wie Gott in der Geschichte mitspielt, stellt sich erst im Nachhinein heraus. Das macht die Geschichte von Josef und seinen Brüdern zu einer spannenden und realistischen Geschichte: dass wir Leserinnen und Leser bis zum Schluss nicht wissen, wie die Sache ausgeht, und Josef selber es erst recht nicht weiß; dass er nicht immer schon ein Glückskind ist, sondern auch ein Pechvogel und sogar ein ziemlich arroganter Bursche.

Ich habe nicht vor, die ganze Geschichte zu erzählen. Die ganze Geschichte lesen Sie am besten nach, liebe Gemeinde, die vierzehn Kapitel im Ersten Buch Mose und, wenn Sie auf den Geschmack gekommen sind, vielleicht die Nachdichtung von Thomas Mann. Thomas Mann macht aus der Josefsgeschichte vier Romane, zusammen etwa so umfangreich wie die gesamte Bibel. So ausführlich können wir heute Morgen nicht werden. Ich will jedoch wenigstens den Anfang erzählen. Wenigstens der Anfang ist nötig, damit wir das glückliche Ende verstehen - wie es kommt, dass Josef zu seinen Brüdern sagt: „Ihr habt zwar Böses gegen mich geplant, Gott aber hat es zum Guten gewendet."

Am Anfang stehen kühne Träume. Träumen und hoffen, dass unsere Träume wahr werden, tun wir alle, Jugendliche und Erwachsene. Ich wünsche mir jedenfalls, dass ich nicht aufhöre zu träumen, egal wie alt ich werde. Ihr Konfirmandinnen und Konfirmanden nehmt euch besonders viel vor. Das macht euch zu Spezialistinnen und Spezialisten fürs Träumen und verbindet euch mit Josef. Der nimmt sich zwar ein bisschen zu viel vor. Was an Josefs Träumen faul ist, werdet ihr rasch merken und nicht denselben Fehler machen. Trotzdem handelt Josefs Geschichte, glaube ich, zugleich von euch, und zwar nicht nur der Anfang, sondern auch das glückliche Ende - vor allem das glückliche Ende, glaube ich, obwohl auch ihr noch nicht wissen könnt, was aus euren Träumen wird. Zunächst aber zu den Träumen, die Josef träumt. Da ist er kaum älter als ein Konfirmand, siebzehn Jahre, und der Liebling seines Vaters Jakob.

(2) Schon Jakob hatte ein aufregendes Leben. Das erfahren wir vorher im Ersten Buch Mose: wie Jakob als junger Mann aus Kanaan nach Mesopotamien flieht; wie Gott ihm verspricht, ein großes Volk aus ihm zu machen; wie Jakob in der Fremde zu Reichtum kommt und mit zwölf Söhnen nach Kanaan zurückkehrt. Josef ist der Zweitjüngste. Nach unseren Begriffen sind die Verhältnisse in der Familie einigermaßen kompliziert, denn die zwölf Söhne stammen von zwei Haupt- und zwei Nebenfrauen Jakobs. Damit wir die Geschichte Josefs verstehen, genügt es, dass die anderen Brüder Josef nicht mögen, weil ihn der Vater bevorzugt. Ihm macht Jakob einen Ärmelrock, ein offenbar besonders elegantes Kleidungsstück. Die anderen gehen leer aus. Außerdem pflegt Josef seinen Vater zu informieren, wenn den Brüdern etwas Schlimmes nachgesagt wird. Mit anderen Worten: Josef verpetzt sie. Keine günstigen Voraussetzungen für ein friedliches Miteinander. Als Josef erzählt, was er geträumt hat, wird das Verhältnis zu seinen Brüdern noch schlechter. „Seht", erzählt ihnen Josef nämlich, „wir waren beim Garbenbinden mitten auf dem Feld. Da richtete sich meine Garbe auf und blieb stehen, eure Garben aber stellten sich ringsherum und warfen sich vor meiner Garbe nieder."

Dass ein Siebzehnjähriger große Rosinen im Kopf hat, gehört zum Erwachsenwerden. Die eigenen Grenzen kennen zu lernen, gehört allerdings auch dazu. Davon ist Josef weit entfernt. „Willst du gar König über uns werden oder über uns herrschen?", fragen die Brüder empört. Josef versteht nicht, dass er besser den Mund hält, sondern erzählt gleich noch einen Traum: „Seht, die Sonne und der Mond und elf Sterne warfen sich vor mir nieder." Das geht selbst seinem Vater zu weit. „Was soll dieser Traum, den du geträumt hast?", hält Jakob seinem Lieblingssohn vor. „Sollen etwa ich und deine Mutter und deine Brüder kommen und uns vor dir zur Erde niederwerfen?"

Wer dermaßen unverschämt träumt und dazu dermaßen redselig ist wie Josef, macht sich im besten Fall lächerlich; im schlimmsten kriegt er großen Ärger. Zum Lachen ist den Brüdern nicht zu Mute. Als die Gelegenheit günstig ist, fallen sie über Josef her. Sie ziehen ihm den Rock aus, den Jakob ihm geschenkt hat, sperren Josef in einen ausgetrockneten Brunnen und beraten, wie sie es ihm heimzahlen sollen. Einige der Brüder hassen Josef so sehr, dass sie ihn töten wollen. Da kommt eine Handelskarawane auf dem Weg nach Ägypten vorbei, und die Brüder überlegen sich etwas anderes. Sie verkaufen Josef an die Karawane. Seinen Rock tauchen sie in Ziegenblut und bringen ihn zu ihrem Vater. Als Jakob den blutigen Rock sieht, glaubt er, sein Sohn wäre von einem wilden Tier gefressen worden, zerreißt seine Kleider und will sich nicht trösten lassen. Josef gelangt unterdessen nach Ägypten und wird als Sklave weiterverkauft.

(3) Machen wir uns an dieser Stelle klar, dass die Geschichte zu einer Zeit spielt, als es keine Handys gibt und kein E-Mail, noch nicht einmal eine reguläre Post. Wir dürfen annehmen, dass Josef in Ägypten Heimweh hat und sich nach Kanaan zurücksehnt. Mindestens möchte er seinen Vater wissen lassen, dass er nicht tot ist. Womöglich vermisst er sogar seine Brüder. Es hilft nichts. Jahre werden vergehen, bis Josef seine Familie wiedersieht und die Familie herausfindet, was aus ihm geworden ist. Was in all den Jahren passiert, die ganze spannende und bei allen märchenhaften Zügen realistische Geschichte, wie es mit Josef auf und ab und wieder aufwärts geht, lesen Sie bitte selbst, liebe Gemeinde. Ich verspreche Ihnen, es lohnt sich. Es lohnt sich auch deswegen, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, weil die verwickelte Geschichte Josefs zugleich von euch handelt - vor allem das glückliche Ende, glaube ich, obwohl auch ihr noch nicht wissen könnt, was aus euren Träumen wird.

Josef - so viel will ich euch noch verraten - bringt es in Ägypten vom Sklaven und Strafgefangenen zum mächtigsten Mann im Land. Er wird Bundeskanzler, könnten wir sagen. Da ist er gerade erst aus dem Gefängnis entlassen worden. Der König von Ägypten, der Pharao, steckt seinen Siegelring an Josefs Hand, legt eine goldene Kette um seinen Hals, und wenn Josef in seinem Wagen vorbeifährt, müssen die Leute niederknien. „Ich bin der Pharao", sagt der König zu ihm, „aber ohne deinen Willen darf niemand im ganzen Land Ägypten seine Hand oder seinen Fuß regen." Das ist immer noch nicht der Höhepunkt in Josefs Karriere. Der Höhepunkt ist das Wiedersehen mit seinen Brüdern. Zweimal reisen sie aus Kanaan nach Ägypten, ohne dass Josef sich ihnen zu erkennen gibt. Dann kann er nicht mehr anders. Josef schickt seine Diener fort, bricht in Tränen aus, so laut, dass man es bis in den Palast des Pharao hören kann, und sagt zu den Brüdern: „Ich bin Josef. Lebt mein Vater noch?"

Ja, der Vater lebt, und als die Brüder zum dritten Mal nach Ägypten reisen, bringen sie ihn mit. Jakob lässt sich mit seiner Familie, den zwölf Söhnen und deren Familien in Ägypten nieder. Dort lebt er noch siebzehn Jahre und stirbt als alter Mann.

(4) Das Ende der Geschichte haben wir schon gehört, liebe Gemeinde. Als der Vater tot ist, fürchten die Brüder, Josef werde sich dafür rächen, dass sie ihn seinerzeit nach Ägypten verkauft haben. Dass Josef nicht ganz unschuldig an ihrem schlechten Verhältnis war und ihnen auch bei ihren beiden ersten Reisen nach Ägypten allerlei Steine in den Weg gelegt hat, erwähnen die Brüder nicht, als sie Josef um Verzeihung bitten. Immerhin ist er ein mächtiger Mann, und sie sind auf seine Gnade angewiesen. Deshalb fallen sie vor Josef nieder und sagen: „Sieh, wir sind deine Sklaven."

Genauso hat es sich Josef damals vorgestellt, als er von den Getreidegarben und den Sternen träumte: Seine Brüder sollten vor ihm auf den Knien liegen. Jetzt sind die kühnen Träume wahr - und trotzdem ist alles ganz anders gekommen, als es sich der Siebzehnjährige dachte. Die Arroganz, mit der er in seine Geschichte startete, ist Josef am Ende vergangen. „Fürchtet euch nicht!", beruhigt er die verängstigten Brüder. „Bin ich denn an Gottes Statt?" Und dann folgt der Satz, der die ganze lange Geschichte zusammenfasst, ihre Höhen und ihre Tiefen: „Ihr habt zwar Böses gegen mich geplant, Gott aber hat es zum Guten gewendet, um zu tun, was jetzt zutage liegt: ein so zahlreiches Volk am Leben zu erhalten." Das glückliche Ende wird zum neuen Anfang. Gott hat mit Josef und seinen Brüdern noch mehr vor. Aus den zwölf Söhnen Jakobs und ihren Familien werden das Volk Israel und seine zwölf Stämme. Diese Fortsetzung der Geschichte ist wieder etwas zum Nachlesen. Die Fortsetzung beginnt im Zweiten Buch Mose. Bleiben wir für heute bei Josef.

Dass Gott seine Finger im Spiel hat und wie er in Josefs Teil der Geschichte mitspielt, stellt sich erst im Nachhinein heraus. Weder wir Leserinnen und Leser noch erst recht Josef selber wussten, wie die Sache ausgeht, und Gott schien den Dingen ihren Lauf zu lassen. Er griff nicht ein, als die Brüder Josef verkauften, und tat kein Wunder, um ihn vor dem Gefängnis zu bewahren. Allenfalls in den Träumen, die in der Geschichte geträumt wurden, kam Gott zu Wort, aber auch die Träume wurden anders wahr als gedacht. Trotzdem sieht Josef seine Geschichte, als er darauf zurückblickt, in einem neuen Licht. Gott, sieht er jetzt, war die ganze Zeit bei ihm, auch dann, als es nicht nach einem glücklichen Ende aussah. Gottes Nähe war der rote Faden, der sich durch Josefs verwickelte Geschichte zog. „Ihr habt zwar Böses gegen mich geplant", sagt er darum schließlich zu seinen Brüdern und vergisst dabei hoffentlich nicht seine eigenen Fehler, „Gott aber hat es zum Guten gewendet." Wir verstehen zwar nicht ganz, wie er das gemacht hat. Doch Gott ist immer für eine Überraschung gut. Von ihm dürfen wir viel erwarten.

(5) Damit sind wir noch einmal bei euch, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, den Spezialistinnen und Spezialisten fürs Träumen. Dass ihr euch viel vornehmt, verbindet euch mit Josef. Dass ihr noch nicht wisst, was aus euren Träumen wird, habt ihr ebenfalls mit Josef gemeinsam. Vor allem aber Gottes Nähe. Weil Gott für euch da ist, an den guten und den bösen Tagen, handelt die Josefsgeschichte zugleich von euch. Bei Gott sind eure Träume in den besten Händen.



Pfarrer Dr. Martin Schewe
Gütersloh
E-Mail: marschewe@yahoo.de

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