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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

4. Sonnntag nach Trinitatis, 17.07.2011

Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 50:15-21, verfasst von Luise Stribrny de Estrada

 

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.

Liebe Schwestern und liebe Brüder!

Er hatte einen Traum. Einen Traum, in dem sie aufs Feld gingen, um die Ernte einzubringen. Alle banden sie ihre Garben, so wie es damals üblich war. Aber plötzlich erwachten die Garben zum Leben. Seine Garbe stellte sich in die Mitte und stand kerzengerade, während sich die Garben der anderen im Kreis um sie herum stellten und sich vor ihr verneigten wie vor einem König.

Jahre später erfüllte sich dieser Traum. Da war er tatsächlich ein großer und einflussreicher Herr geworden, und die anderen kamen als Bittsteller zu ihm. Überall herrschte Hungersnot, nur er, der Träumer, hatte vorgesorgt und Korn in die Scheunen gesammelt, das er jetzt verkaufte. „Wir sind von weit her gekommen, um bei dir Getreide zu kaufen," sagten sie zu ihm. Er aber fuhr sie an und beschuldigte sie. Er ließ sie zappeln und genoss die Macht, die er über sie hatte. So stellte er sie auf die Probe. Schließlich ließ er sie alle mit dem Getreide nach Hause ziehen - fast alle, denn einen von ihnen behielt er als Geisel da.

Die Rede ist von Josef und seinen Brüdern. Von den Söhnen des Erzvaters Jakobs, die miteinander bis aufs Blut zerstritten waren. Entscheidenden Anteil daran hatte ihr Vater selbst, der Josef gegenüber den älteren Söhnen bevorzugte. Warum? Weil er der lang ersehnte Sohn seiner Lieblingsfrau Rahel war. Der Sohn seines Alters. Und weil er schön an Gestalt und hübsch von Angesicht war. Der Junge bildete sich darauf etwas ein und verließ sich auf die Liebe seines Vaters. Er provozierte seine Brüder, indem er ihnen den Traum von den Garben und andere Träume brühwarm erzählte. „Willst du unser König werden und über uns herrschen?" warfen sie ihm daraufhin an den Kopf. Diesem eingebildeten Kerl wollten sie es zeigen - und sich gleichzeitig an dem ungerechten Vater rächen, der nur noch Augen für seinen Liebling hatte.

Als sich die Gelegenheit bot und sie mit ihm allein waren, packten sie ihn und warfen ihn in einen leeren Brunnen. Sie waren sich noch nicht ganz einig, ob sie ihn töten oder ihn einfach nur dort unten verhungern lassen würden. Unterdessen kamen Kaufleute mit ihrer Karawane vorbei, die auf dem Weg nach Ägypten waren. Ihnen verkauften sie kurzerhand den kleinen Bruder und waren ihn los. Dem Vater erzählten sie, ein wildes Tier habe ihn gerissen und zeigten ihm Josefs blutbeschmiertes Kleid.

Jakob war untröstlich. Er legte Trauerkleidung an und vergrub sich in seinem Schmerz. Alle seine 11 Söhne und seine Töchter kamen, um ihn zu trösten, aber er wollte sich nicht trösten lassen. „Bis zum Ende meines Lebens werde ich um meinen Sohn trauern", erklärte er feierlich.

Der Verlust Josefs prägte die Familie für immer. Er drückte ihr einen Stempel auf, dem keiner entkommen konnte. Tag für Tag sahen die Söhne ihren Vater, wie er mit gebeugtem Kopf und leidvoller Miene herumging. Tag für Tag begegneten sie seinen Blicken, die immer wieder Spuren von Misstrauen zeigten: Ob die anderen Söhne nicht doch etwas mit dem Verschwinden seines Lieblings zu tun hatten? Den Jüngsten der Söhne, Benjamin, hütete er wie seinen Augapfel. Er war das letzte, was ihm von der verstorbenen Rahel geblieben war. Ihm durfte kein Haar gekrümmt werden. Wenn die 10 älteren Brüder unter sich waren, redeten sie hinter vorgehaltener Hand über ihre Schuldgefühle: „Wie konnten wir Josef das antun? Er war doch unser Bruder, unser Fleisch und Blut. Was wohl aus ihm geworden sein mag... Bestimmt muss er als Sklave für irgendeinen reichen Ägypter schuften, wenn er überhaupt noch lebt. Und unserem Vater haben wir die Lüge mit dem wilden Tier aufgetischt, mit der wir jetzt leben müssen. Keinen Tag haben wir seit seinem Verschwinden mehr ruhig geschlafen." Jakobs Familie war traumatisiert. Wenn jemand Josefs Namen in den Mund nahm, zuckten alle zusammen.

Mehr als 20 Jahre später begegnen sie sich wieder. Aber die Brüder ahnen nicht, dass der Herr über die Kornkammern Ägyptens, die rechte Hand des Pharao, ihr Bruder Josef ist. Josef aber weiß gleich, wen er vor sich hat, als sie vor ihm stehen und ihn bitten, ihnen Korn zu verkaufen. Er stellt sie mehrmals hart auf die Probe. Dabei wird ihm deutlich, dass ein Bruder für den anderen einsteht und sie sich nicht gegeneinander ausspielen lassen. Er spürt, wie sehr sie ihren Vater lieben und alles dafür tun wollen, dass es ihm gut geht. Er hört auch mit, wie sie, als sie sich unbeobachtet glauben, über ihre Schuld sprechen, die sie auf sich geladen haben, als sie Josef verkauften. Da ändert er sein Verhalten ihnen gegenüber. Er gibt sich seinen Brüdern zu erkennen und offenbart ihnen: „Ich bin Josef, euer Bruder, den ihr nach Ägypten verkauft habt. Und nun denkt nicht, dass ich euch zürne, dass ihr mich hierher verkauft habt, denn um euch am Leben zu erhalten hat mich Gott vor euch her gesandt." Er vergibt seinen Brüdern und hat das, was geschehen ist, akzeptiert. Er kann darin sogar einen Sinn erkennen und die Handschrift Gottes entziffern. Josef fordert seine Brüder auf, seinen alten Vater nachzuholen, damit die ganze Familie in Ägypten lebt, wo er sie versorgen kann - und so geschieht es.

Nach Jahren stirbt Jakob, der Patriarch, im hohen Alter. Jetzt kann sie der Vater nicht mehr schützen, und Josefs Brüder bekommen es mit der Angst zu tun. Eine neue Zeit ist angebrochen, in der die Brüder unter sich sind und sich arrangieren müssen. Wie wird sich Josef jetzt ihnen gegenüber verhalten?

Hören wir den Predigttext aus dem 1. Buch Mose im 50. Kapitel:

15 Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben. 16 Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach: 17 So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters! Aber Josef weinte, als sie solches zu ihm sagten.

18 Und seine Brüder gingen hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte. 19 Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes Statt? 20 Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. 21 So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen. (Genesis 50,15-21)

Die Brüder können nicht an die Vergebung glauben, die Josef längst vollzogen hat. In ihrer Angst vor ihm greifen sie zu einer Notlüge und bedienen sich ein letztes Mal der Autorität des Vaters. Dieser habe ihnen seinen letzten Wunsch an Josef mitgeteilt: Josef möge seinen Brüdern ihre Sünde vergeben. Daran schließen die Brüder ihre eigene Bitte an: „Vergib uns doch unsere Missetat." Endlich können sie Josef um Vergebung bitten. Endlich schaffen sie es, das zu benennen, was sie ihm angetan haben. Es war Sünde und schwere Schuld. Es hat ihr ganzes Leben überschattet, viele Jahre und Jahrzehnte lang. Und sie bereuen ihre Tat und wünschen sich einen neuen Anfang im Verhältnis zu Josef. Gleichzeitig haben sie Angst vor ihm, der so viel mächtiger ist als sie und fürchten, er könnte sich rächen und sie bestrafen.

Aber Josef spielt seine Macht nicht aus. Er trumpft nicht auf nach dem Motto: „Seht ihr, jetzt kommt ihr doch angekrochen und müsst euch vor mir verbeugen wie in meinem Traum. Ich habe recht behalten damit, dass ich euch überlegen bin." Josef erkennt klar seine Grenzen und gibt Gott, was Gottes ist. „Ich bin nicht Gott", antwortet er ihnen - und das, obwohl die Brüder so wie viele andere von seinem Glanz, seinem Reichtum und seiner Macht geblendet sind. „Ich stehe nicht an Gottes Stelle und maße mir nicht an, über euch ein Urteil zu fällen. Aber in all dem, was zwischen uns geschehen ist, erkenne ich, dass Gott am Werk gewesen ist. Er hat mich vor euch her nach Ägypten geschickt, um unsere Familie, um Israel zu erretten vor der Hungersnot. Hier in Ägypten habe ich ohne es zu ahnen alles für euch vorbereitet, so dass euch die Not nichts anhaben konnte. Ihr habt dazu beigetragen, dass sich Gottes Willen an uns erfüllen konnte. Jetzt im Rückblick erkenne ich, dass unsere gemeinsame Geschichte ihren Sinn hat. Ich habe euch schon lange vergeben."

So redete Josef mit seinen Brüdern. Ob Sie so wie ich Bezüge in dieser Familiengeschichte entdecken, an die Sie anknüpfen können? Eifersucht zwischen den Geschwistern, weil einer bevorzugt wird. Ein Vater, der seine Liebe nicht gleichmäßig an alle verteilt. Menschen, die eine Schuld auf sich geladen haben, die sie jahrelang verfolgt und von der sie nicht loskommen. Eine ganze Familie, die unter dem Schock des zu frühen Todes eines Angehörigen steht. Aber auch: Menschen, die sich verändern und dazu lernen. Einer, der darauf verzichtet, seine Macht auszuspielen und das letzte Wort zu haben. Im Rückblick erkennt er einen Sinn in allem, was geschehen ist. Und gibt Gott die Ehre.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus.

Amen.

 



Pastorin Luise Stribrny de Estrada
Lübeck
E-Mail: pastorin.stribrny@gmx.de

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