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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

6. Sonntag nach Trinitatis, 31.07.2011

Predigt zu Deuteronomium 7:6-12, verfasst von Eberhard Busch

 

So spricht hier Gott durch seinen Propheten zu seinem Volk: „Dich hat der Herr, dein Gott, aus allen Völkern für sich erwählt, dass du sein eigen seiest." Wenn wir uns diese Aussage näher überlegen, so kann uns das wohl erschrecken. Heißt das nicht nachgerade: Also liebt Gott durchaus nicht einfach alle?! In der Tat, wir verstehen nicht, was Gottes Liebe ist, wenn wir nicht vor dieser überraschenden Aussage still geworden sind. Wir denken leicht anders: Wenn Gott liebt, dann muss er doch unbedingt alle lieben. Aber muss er denn das? Nein, Gott „muss" keinen einzigen lieben. Ein Anrecht darauf hat ohnehin keiner. Gewiss, „Gott ist Liebe" - das steht sogar in der Bibel (1. Joh. 4,16). Aber er ist es niemandem schuldig, ihn zu lieben. Er würde nicht weniger Gott sein, wenn er es unterlassen würde, sich uns zuzuwenden und sich unserer anzunehmen. Und es würde nicht echt und wirklich Liebe sein, wenn sie sich quasi automatisch über alle ergießen würde.

Gottes Liebe ist aber echt und real. Er liebt die und nur die, die er lieben will, nur die, die er sich dazu aussucht, dass er sie liebt. Wenn er auch nur einen einzigen liebt, obwohl er es ja niemandem schuldig ist, dann einzig und allein darum, weil er ihn dazu „erwählt" hat. Dann darum, weil er ihn nicht übersehen hat. Dann darum, weil er nicht an ihm vorbeigegangen, sondern bei ihm stehen geblieben ist, weil er ihn angesehen hat und auf ihn zugegangen ist und zu ihm sagt: Du! Dich habe ich gern. Mit dir will ich mich verbinden. Mit dir zusammen will ich ein Paar sein. So hörte der Prophet Hosea Gott sagen (2,21): „Ich will mich mit dir verloben in Ewigkeit." Eine Trennung ist da nicht vorgesehen, und sie findet auch niemals statt.

Wer ist der Partner, den Gott sich ausgesucht hat, um mit ihm zusammen Gott zu sein? Man höre und staune: es ist das Volk Israel! So heißt es ja in unserem Bibeltext, wonach Gott ausgerechnet zu diesem Volk sagt: „Dich hat der Herr, dein Gott, aus allen Völkern auf der Erde erwählt zum Volk des Eigentums", das heißt: zu einem Volk, das ihm zugehörig und anvertraut ist. Es steht ihm so nahe wie sein eigener Augapfel (Deutr. 32,10). Es gehört ihm, wie unser Bibeltext sagt, weil er dieses Volk mit starker Hand aus dem Griff des ägyptischen Herrschers herausgeführt hat, nämlich aus der Sklaverei im Reich dieses Gewalthabers. Gott hat das Volk dort herausgeführt, damit es ihm gehöre. Damit ist nicht gemeint, dass Israel jetzt vom Regen in die Traufe geraten ist, von der einen in eine andere Sklaverei. Gott hat das Volk in die Freiheit geführt, damit es nun mit seinem Befreier verbunden sei, damit es in der Zugehörigkeit zu ihm frei sei. Seine Freiheit ist eine Freiheit in der Bindung an ihn und in der Freiheit von allen unterdrückerischen Abhängigkeiten. So ist das Volk Israel bestimmt durch den Willen Gottes in seiner unkündbaren, ungebrochenen, ewigen Verknüpfung mit ihm.

Aber nun geht das Bibelwort aufregend weiter. Nämlich die Frage stellt sich, warum hat Gott ausgerechnet die Israeliten erwählt? Darauf erfolgt die überraschende Antwort: „Nicht hat euch Gott angenommen und euch erwählt darum, dass ihr mehr wärt als alle Völker; denn du bist das kleinste unter allen Völkern." Zu Hochmut gibt es auf Seiten dieses Völkleins keinerlei Anlass. Es hat keinen Vorzug vor den anderen, geschweige vor den mächtigen und hoch entwickelten Völkern, die es rings umgeben. Kein Vorzug militärischer und machtpolitischer Art, aber auch keinen intellektuellen oder moralischen oder körperlichen Vorzug! Was dieses Völklein auszeichnet, ist nur das Eine: es ist „das kleinste"! Wenig, allzu wenig im Vergleich mit all den anderen, die doch sonst diesen oder jenen Vorzug haben! Man könnte eher noch sagen: Hätte es irgendeinen Vorzug vor anderen, so wäre Gott an ihm vorbeigegangen, so wie an jenen anderen irgendwie eindrücklichen Staaten. Denn so ist es ja: Indem Gott sich diesem Kleinsten zuwendet, geht er vorüber an denen, die stark und imposant sind.

Was da gesagt wird, ist nicht zufällig bloß dieses eine Mal von Gott gesagt. Dieser Ton wird immer wieder in der Heiligen Schrift angestimmt. Zum Beispiel im Lied der Hanna, die eine schwere Fügung durchgemacht hat; sie singt nach 1. Samuel 2: Gott, der Herr „hebt auf den Dürftigen aus dem Staub und erhöht den Armen aus dem Kot, dass er ihn ... den Stuhl der Ehre erben lasse, ... aber die Gottlosen müsse zunichte werden in Finsternis; denn viel Vermögen hilft doch niemand." Beachten wir übrigens: und wenn die letzteren noch so religiös wären, sie sind trotzdem Gottlose; denn sie stehen gegen die, mit denen sich Gott verbündet hat. Ihre Gottlosigkeit besteht also darin, dass sie die Armen in den Staub treten. Ein anderes Beispiel findet sich bei Paulus im Neuen Testament, der im 1. Korintherbrief schreibt (1,27): „Was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, dass er die Weise zunichte mache, und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, dass er zuschanden mache, was stark ist." Verstehen wir es recht! Hier wird nicht einfach ein Nachteil in einen Vorteil umgedeutet. Diese Zitate machen vielmehr deutlich, dass die Zuwendung Gottes zu Menschen nicht auf einem menschlichen Entgegenkommen beruht. Die Zuwendung Gottes beruht einzig und allein darauf, dass Gott in seinem freien Erbarmen denen entgegenkommt, die zu einem Entgegenkommen gegenüber ihm gar nicht in der Lage sind.

Diese Wahrheit bringt eine wichtige Folgerung für uns mit sich: Gerade in der Welt von heute wird unser Blick durch die Medien wieder und wieder zu dem hingelenkt, was in unserer Menschenwelt an höherer und höchster Stelle steht: Hin zu einem Fürstenpaar, das Hochzeit feiert, hin zu Sportlern, die schnell rennen oder mit dem Fußball ins gegnerische Tor treffen oder die hart boxen können. Dies und dergleichen mehr wird uns gezeigt und ruft auch prompt unseren Beifall hervor. Aber nun wird uns auf einmal durch das Bibelwort etwas zugemutet: Wir müssen unsere Blickrichtung ändern. Sie wird umgekehrt, so dass wir dem erwählenden Handeln Gottes Folge leisten, so dass wir uns dem zuwenden, was nicht oben, sondern was unten ist, hin zu dem, was schwach und arm und niedergedrückt ist, hin zu denen, die am Boden liegen. Ich sage „wir". In der Tat, weil Gott sich den Niedrigen zuwendet, darum dürfen sogar auch Menschen außerhalb von Israel, ja, darum sind auch wir zum Volk Gottes hinzuberufen. Das liegt nicht an Vorzügen und Verdiensten auf unserer Seite, sondern allein an Gottes Erbarmen. Wie der Genfer Reformator Johannes Calvin bemerkt hat, ist der Grund für unsere Hinzuberufung „wie in einem Strahlenkranz Gottes unvergleichliche Güte, in der er die armen und ganz unwürdigen Menschen so hoch schätzt."

Und Calvin bemerkt in seiner Auslegung des Texte dann weiter: „Je größer die Gnade, mit der jemand ausgezeichnet wurde, um so ernstlicher ist seine Verpflichtung, gottesfürchtig und gerecht zu leben." Denn davon spricht unser Bibelwort zuletzt: „Gott hält den Bund und [bewahrt] die Barmherzigkeit gegenüber denen, die ihn lieben und seine Gebote halten." Es ist hier erneut überraschend, dass das Bibelwort jetzt davon so redet. Aber heißt Gnade denn etwa nicht, dass sie uns bedingungslos gratis geschenkt wird? Doch warum wird dann Gottes Barmherzigkeit denen versprochen, die seine Gebote halten? Bedeutet das etwas anderes als dies, dass Gottes Gnade an Bedingungen geknüpft wird, die der Mensch erst einmal erfüllen muss? Aber passen wir gut auf! Gott ist den Seinen zugewandt aus reiner Gnade, aus bedingungslos erwiesener Barmherzigkeit. Oder wie es unser Bibelwort so schön sagt: Er hat euch angenommen allein deshalb, weil „er euch geliebt hat". Diese seine Liebe ist der einzige Grund für seine Verbindung mit euch. Der Grund dafür ist nicht durch euer Wollen und Können erbracht, sondern allein durch sein Wollen und Können, unser Gott zu sein und zu bleiben.

Diese Liebe Gottes gilt uns bedingungslos. Allerdings ist diese Liebe Gottes nicht folgenlos. Sie geht uns so an, dass wir uns daraufhin nicht auf die faule Haut legen können. Es folgt aus ihr, dass wir uns regen und bewegen. Dazu nennt unser Text dreierlei (V 9): zuerst dies, dass wir erkennen, dass Gott der wahre Gott ist. Es geht dabei um eine Glaubenserkenntnis. Aber wir glauben dabei nicht blind, sondern im Glauben öffnen wir unsere Augen und nehmen den wahr, der sich in seiner Liebe uns zuwendet. Infolgedessen werden wir „ihn lieben", ihn, der uns liebt. Nicht nur der Kopf wird dabei also regsam, sondern auch unser Herz, und zwar so, dass es uns dabei geht nach dem Spruch: „Wes das Herz voll ist, dem geht der Mund über." Und das so sehr, dass wir es voll Freude singen können, wie es in Psalm 108 heißt: „Ich will dir danken, Herr, unter den Völkern, ich will dir lobsingen unter den Leuten." Und schließlich wird es uns dabei so gehen, dass wir „seine Gebote halten". Es geht um Gottes Gebote, nicht um irgendwelche menschlichen Vorschriften. Seine Gebote sind uns Weisungen auf unseren Wegen. Sie weisen uns in verschiedener Weise hin zu unseren Nächsten, zu den uns nahen und den uns fernen, zu den bedürftigen und zu den uns mühsamen Mitmenschen, damit wir für sie eine offene Hand haben und eine feste, tragfähige freundschaftliche Hand.

Es ist keiner unter uns, der in der Fülle der sich hier stellenden Aufgaben nicht als Mitarbeiter an irgendeinem Punkt und in irgendeiner Weise dringend nötig gebraucht wird. Aber in welcher Gestalt auch immer solcher Dienst verrichtet wird, so oder so sind wir dazu erwählt, dass wir Zeugen der aufrichtenden und zurechtbringenden Liebe Gottes sind: Menschen, die zuhören können, Menschen, die sich anderen mitteilen können, Menschen, die ein rechtes Wort zu rechter Zeit sagen können oder die bei Lasten mit anfassen können oder die bei verwickelten Fällen findig sind im Aufspüren von Lösungen. Die göttliche Erwählung wird für uns konkret in unserer Berufung in die Bereitschaft zu solchem bestimmten Tun. Es bleibt wahr, dass Gott nur die liebt, die er dazu erwählt. Und wen er dazu erwählt, das bestimmt er und bestimmen nicht wir. Aber es ist auch wahr, dass der Gott, der uns erwählt, uns beruft und aussendet unter all die vielen, die er jedenfalls doch liebt. Er ruft uns namentlich unter die, die am Boden liegen und die elend zu kurz kommen. Hoffentlich hören wir seinen Ruf und hoffentlich lassen wir uns von ihm aussenden!

 



Prof. Dr. Eberhard Busch
Göttingen
E-Mail: ebusch@gwdg.de

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