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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

6. Sonntag nach Trinitatis, 31.07.2011

Predigt zu Deuteronomium 7:6-12, verfasst von Sibylle Rolf

 

  1. Denn du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott. Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind.

  2. Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker - denn du bist das kleinste unter allen Völkern -

  3. sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat er euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten.

  4.  So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten,

  5. und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen.

  6.  So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust.

  7.  Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der HERR, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat.

Liebe Gemeinde,

1 In Babylon saßen wir und weinten...

Ein Vater und sein Sohn sitzen miteinander auf der Erde. Sie kommen von einem Gottesdienst. Es ist heiß und trocken. Gelb ist der Sand, auch hier, in Babylon, so wie in ihrer Heimat Israel. Dort kommen sie her, aber der Junge erinnert sich nicht mehr daran. Zu lange schon wohnen sie in Babylon. Später wird man es das Babylonische Exil nennen. Der Vater ist traurig. Der Tempel ist zerstört, der Ort, an dem Gott nahe war. Der Ort, an dem er gebetet hatte. „An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten" (Ps 137,1), so singt er mit den anderen immer wieder, wenn sie sich daran erinnern, wo sie herkommen. Heute haben sie von der Erwählung Gottes gehört. Du bist ein heiliges Volk. Ich habe dich erwählt.

Der Vater bemüht sich, seinem Sohn alles von Gott zu erzählen, was er weiß. Auch hier, in Babylon, gehören sie zu Gott. Weißt du, mein Sohn, sagt er, Gott hat uns schon einmal aus der Fremde geführt. Wir waren schon einmal in einem Land, in dem wir nicht zu Hause waren. So wie jetzt in Babylon. Damals war unser Volk gefangen in Ägypten. Mose hat uns befreit, und mit Gottes Hilfe hat er uns durch die Wüste geführt. 40 Jahre lang sind wir gewandert. Schließlich haben wir das Gelobte Land erreicht. Unser Land Israel. Und bevor wir dort angekommen sind, hat Mose uns an den Bund erinnert, den Gott mit uns in der Wüste geschlossen hat. Wir sind das erwählte Volk, hat er gesagt, das Volk, das Gott sich aus allen anderen Völkern ausgesucht hat. Ein heiliges Volk. Damals hat er es gesagt, und heute sagt er es. Der Sohn blickt seinen Vater mit großen Augen an. Erwählt?, fragt er. Was bedeutet das? Und warum sind wir trotzdem gefangen genommen worden? Warum ist unser Tempel trotzdem zerstört worden?

Nun, sagt der Vater, erwählt, das bedeutet, dass Gott uns ganz besonders liebt. Wir gehören ihm. Er beschützt uns. Er hält seine Hand über uns. Aber nicht, weil wir so groß oder wichtig wären. Wir sind ein kleines Volk. Auch die größten Männer in unserem Volk sind klein gewesen. Denk an David, unseren König. Den hat Samuel erst mal übersehen, als er ihn salben sollte, weil er so klein war. Oder Mose, der nicht gut reden konnte. Oder all die anderen. Wir sind ein kleines Volk. Aber in Gottes Augen sind wir kostbar. Weil er uns liebt. Erwählt, das heißt nicht, dass wir es immer leicht haben werden im Leben. Erwählt, das heißt, wir werden nicht alleine sein. Gott hält seine Hand über uns. Aber manchmal ist unser Weg auch dunkel und schwer. So wie jetzt. Aber auch aus diesem fremden Land Babylon werden wir eines Tages aufbrechen. Ich bin ganz zuversichtlich. Wir werden zurückkehren in unser Land, und wir werden sogar unseren Tempel wieder aufbauen. Wir werden wieder zu Gott beten in Jerusalem. Wir kehren zurück. Und wieder wird er seine Hand über uns halten.

Also, sagt der Sohn und zeichnet mit seinem Finger eine Schnecke in den Sand. Für Gott sind wir kostbar, weil er uns lieb hat. Du und Mama, ihr habt mich doch auch besonders lieb. Ja, sagt sein Vater und nickt. So ähnlich ist das auch mit Gott. Für Mama und mich bist du der liebenswerteste Mensch auf der ganzen Welt. Sein Sohn sieht ernst ihn an. Aber etwas verstehe ich noch nicht. Was ist das, heilig? Sind nicht vor allem besonders große Menschen heilig? Ich denke, wir sind ein kleines Volk.

Heilig, sagt der Vater, das bedeutet, dass wir uns unterscheiden sollen von all den anderen. Wir sollen nicht alles mitmachen. Wir sollen vor allem keinen anderen Göttern dienen, keine anderen Götter anbeten als ihn allein. Wir sollen seinen Geboten gehorchen und zu ihm halten. Für Gott sind wir kostbar, weil er uns liebt. Wir sollen ihn zurücklieben. Damit es uns gut geht. Weil er uns erwählt hat, hat er einen Bund mit uns geschlossen. Er hat uns versprochen, immer zu uns zu halten. Gott hält diesen Bund. Und wir sollen ihn auch halten. Wir sollen Gott lieben. Weißt du, mein Sohn, unser Volk hat Gottes Bund nicht immer gehalten. Unsere Väter und Mütter haben sich andere Götter gesucht und sie angebetet. Wir wollten lieber einen Gott zum Anfassen. Schon damals in der Wüste, aber auch später, als wir schon in unserem Land gewohnt haben. Wir haben ihm nicht immer vertraut.

Das macht ihn traurig und zornig. Ich verstehe es so, dass wir auch deswegen unser Land und unseren Tempel verloren haben. Weil wir unseren Bund nicht gehalten haben. Darüber ist er traurig. Trotzdem hat er uns nicht alleine gelassen. Wir können auch hier in Babylon zu ihm beten. So wie er auch durch die Wüste damals mit uns gegangen ist. Und so wie damals erinnert er uns heute daran, dass er uns erwählt hat und dass wir heilig sein sollen, so wie er heilig ist. Er wird seinen Bund nicht vergessen. Und weil er uns liebt, will er, dass auch wir diesen Bund nicht vergessen. Er möchte, dass wir ein gutes Leben führen. Weil er uns liebt.

2 Vater und Sohn und der Beginn einer Geschichte

Wie in einem Bild sehe ich sie vor mir: Vater und Sohn, wie sie in Babylon sitzen und miteinander reden. Sie tun, was Väter und Söhne, Eltern und Kinder immer wieder tun: sie sprechen miteinander über Gott. So erzählt die Bibel auch kurz vor unserem Predigttext: (Dtn 6,20-23*) Wenn dich nun dein Sohn morgen nach Gott fragen wird, so sollst du deinem Sohn sagen: Wir waren Knechte des Pharao in Ägypten, und der HERR führte uns aus Ägypten mit mächtiger Hand; und führte uns von dort weg, um uns hineinzubringen und uns das Land zu geben, wie er unsern Vätern geschworen hatte.

Der Sohn (oder die Tochter) fragt den Vater (oder die Mutter) nach dem Glauben, und der Vater erzählt von dem Glauben, der schon seine Väter getragen hatte und in den er hinein geboren wurde. So wächst ein Kind in den Glauben hinein, den Gott mit seinen Eltern und Großeltern und deren Eltern begonnen hatte: den Glauben an die Erwählung eines Volkes durch Gott, den Glauben, den Gott mit einem Bund besiegelt hat, den Glauben, in dem die Gebote Gottes erfüllt werden sollen, damit es den Menschen gut geht. Den Glauben an einen heiligen Gott, der Menschen heilig macht.

Ein großer, aber auch ein gefährlicher Glaube. Erwählt... Wenn jemand kommt und sagt, er sei erwählt, so werde ich misstrauisch. Der, der sich für erwählt hält, will andere von seiner Erwählung überzeugen, notfalls mit Gewalt. Er hat so etwas missionarisch-polizeiliches. Wenn du dich nicht von meiner Erwählung überzeugen lässt, dann... Eine Drohung hängt in der Luft. Und wenn ich erwählt bin, dann bist du es wahrscheinlich nicht. Das gibt mir Macht über dich. Es liefert dich mir aus. Die Drohung wird größer, bis sie zur Gefahr für den anderen wird - immer wieder geschehen.

Gottes Erwählung rechtfertigt keine Gewalt. Israel hat sich seine Erwählung nicht verdient. Nicht weil es so groß ist, ist es kostbar, weil Gott es liebt. Gottes Erwählung kann ich mir nicht verdienen. Gottes liebevoller Blick fällt auf die, die mit menschlichen Maßstäben gemessen armselig, klein oder jedenfalls nicht erwählenswerter sind als andere. Gott erwählt. Nicht die Menschen. Und ich kann mich noch so vordrängeln und rufen: Ich, ich bin erwählt - Gott erwählt, nicht ich.

3 Die Erwählung und die Taufe

Gott hat mit seinem Volk eine Erwählungsgeschichte geschrieben. Warum, so mag sich jetzt jemand fragen, ist dieser Text an einem Sonntag, an dem wir an unsere Taufe erinnert werden, wohl als Predigttext vorgeschlagen? Die Frage ist berechtigt. Ich kann sie nur so beantworten: mit unserer Taufe auf den Namen Gottes sind wir, ist jeder und jede von uns in diese Erwählungsgeschichte Gottes mit hineingenommen. In unserer Taufe sind wir in eine Geschichte getauft worden, die schon vor uns begonnen hat. Lange vor uns. Wie der Junge in Babylon stehen auch wir in einer Geschichte, die nicht mit uns angefangen hat. Unsere Geschichte, die unser Leben umschließt, an der wir ein oder mehrere Kapitel mitschreiben, ist Teil von Gottes Geschichte. Unsere Geschichte ist Teil einer Geschichte, die Gott mit seinem Volk schreibt.

Gottes Erwählung von Israel bleibt bestehen. Jesus Christus, ein Jude, ist Teil dieser Geschichte. Mit Christi Auferstehung hat Gottes Erwählungsgeschichte neue Kapitel bekommen. Gottes Bund öffnet sich für die ganze Welt, für Juden und Heiden. Wir sind Mitbewohner geworden. Mitbürger in Gottes Erwählung. In unserer Taufe sind wir in Gottes Erwählungs-Geschichte hineingetauft und mit ihr verbunden worden. Eine Geschichte, die vor mir angefangen hat. Eine Geschichte, die von Gottes liebevollem Blick begleitet wird. Kostbar bist du mir, ist die Überschrift dieser Geschichte.

Du und ich, erwählt. Aus Liebe. Darauf können wir uns verlassen. Gott hält mir die Treue, auch wenn ich vor ihm davonlaufe. Dafür steht die Taufe, für uns Christen das Zeichen des Bundes und der Erwählung. Es gibt andere Erwählungszeichen; die Taufe ist unseres. Du bist getauft, ein Zeichen dafür, dass Gott dich liebevoll ansieht und dich bei deinem Namen ruft. Du bist erwählt. Nicht weil du großes geleistet hast. Sondern weil Gott dich liebt.

So segne er sein Wort an uns, der dreieinige Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.

Amen.



PD Dr. Sibylle Rolf
68535 Edingen-Neckarhausen
E-Mail: sibylle.rolf@wts.uni-heidelberg.de

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