Göttinger Predigten

deutsch English español
português dansk Schweiz

Startseite

Aktuelle Predigten

Archiv

Besondere Gelegenheiten

Suche

Links

Gästebuch

Konzeption

Unsere Autoren weltweit

Kontakt
ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

6. Sonntag nach Trinitatis, 31.07.2011

Predigt zu Deuteronomium 7:6-12, verfasst von Erika Reischle-Schedler

 

Liebe Gemeinde! Der Jenaer praktische Theologe Klaus-Peter Hertzsch erzählte einmal in einem öffentlichen Vortrag folgende kleine Geschichte: Ein internationaler Schüler-Austausch irgendwo. Da es nicht genügend Familien gab, die ausländischen Gäste aufzunehmen, hatte sich auch eine alleinstehende Frau gemeldet. „Aber bitte", sagte, sie, „gebt mir einen Lausejungen. Mit einem Mädchen fange ich nichts an!" Und dann bleibt am Ende für sie ein hübsches, aber sehr schüchternes und zurückhaltendes Mädchen mit blonden Zöpfen übrig. Die Frau ist so schockiert, dass es kein Wunder ist, wenn in den nächsten drei Tagen kaum ein vernünftiger Kontakt zwischen ihr und dem Mädchen zustande kommen will. Schließlich wendet sie sich wütend an die Organisationsleiterin des ganzen Unternehmens: „Sie wussten, dass ich einen Jungen wollte! Wieso haben Sie das nicht berücksichtigt?" „Liebe Frau", entgegnet die Angesprochene vorsichtig, „Natürlich wusste ich. Aber dieses Mädchen, das kam zielsicher auf mich zu und sagte: Zu ihr will ich, zu niemandem anders. Das Mädchen hat sich Sie ausgesucht, Sie ganz allein. Vielleicht ändert das die Situation, wenn Sie das jetzt wissen!" Allerdings, es änderte die Situation. Denn das war nun der ein wenig herben, in sich verschlossenen Frau noch nicht passiert: Dass jemand, und noch dazu jemand völlig Unbekanntes, ein ausländisches Mädchen, auf den ersten Blick gesagt hatte: Zu ihr will ich, sie ist mir sympathisch. Auf dieser Grundlage allerdings ließen sich neue Erfahrungen machen, Erfahrungen, die für beide, das Kind und die Frau, zum unvergesslichen Erlebnis wurden.

„Ich habe dich ausgesucht, dich, ja dich ausgerechnet, und das nicht, weil du dir ein besonderes Verdienst erworben hättest oder besonders attraktiv wärest - sondern weil ich dich lieb habe!" Es ist dies ein ungeheuerlicher Satz Gottes zu seinem Volk, dem alten Israel damals wie dem neuen Israel, der christlichen Gemeinde, heute. Es wird in unserer Zeit, beinahe möchte ich sagen, entsetzlich viel über Liebe geredet. Und was die Menschen damit meinen, ist so zwiespältig, so vielschichtig, dass man sich beinahe scheut, dieses Wort überhaupt in den Mund zu nehmen: Denn wie viele sagen zu einem anderen Menschen: „Ich liebe dich", und meinen damit gar nicht: „Mir geht es um dich", sondern: „Ich begehre dich, ich will dich für mich haben, und wenn du für meine Zwecke nicht mehr brauchbar bist, dann suche ich mir jemand anders!" „Ich habe dich ausgesucht aus vielen anderen, weil ich dich lieb habe!" Wenn Gott dies sagt, dann sagt er: „Es geht mir um dich. Es ist mein freies Angebot an dich, dass ich mich dir zuwende. Es gibt dafür keine Begründung. Und schon gar nicht hängt es von dir ab, ob ich mich dir zuwende oder nicht. Das heißt auch: Du kannst mich enttäuschen. Das heißt auch: Ich weiß ja deine Schwachstellen, ich kenne dich ja, besser, als du selbst dich kennen kannst, und doch: Ich halte dir die Treue, ich wende mich von dir nicht ab, es komme, was da mag: Ich werde gar noch aus dem Bösen, das du anrichtest, Gutes zu wirken vermögen! Meine Liebe wandelt sich nicht, es mögen sich die Zeiten wandeln, es mögen Menschen kommen und gehen, du magst dein Schicksal anklagen, das du nicht verstehst: Meine Liebe bleibt, du magst sie spüren oder auch nicht: Aber niemals wird sich in aller Vergänglichkeit dieser Welt meine Liebe zu dir zu wandeln vermögen!"

Was Gott seinem Volk Israel zugesprochen hat, spricht er uns allen, einem jeden Einzelnen, zu. Er hat es uns zugesprochen, ein für allemal, in unserer Taufe. Und dieser heutige 6. Sonntag nach Trinitatis ist der Sonntag des Taufgedächtnisses. Wir fragen danach, was es bedeutet, dass wir getauft sind. Und ein Erstes haben wir gesagt: Die unverbrüchliche Treue und Liebe Gottes zu uns, es komme, was da wolle.

Freilich, ein Zweites gehört dazu: Wenn wir die Liebe eines anderen Menschen wirklich erfahren, dann liegt auch uns daran, diese Liebe nicht mit Worten allein, sondern u. a. auch dadurch zu erwidern, dass wir ihn nicht wissentlich und willentlich betrüben mit dem, was wir sagen oder tun. Wir leben einem anderen, wenn wir ihn denn lieben und wenn wir denn seine Liebe erfahren haben, zu Gefallen im besten Sinn dieses Wortes. Wir freuen uns, wenn er sich freut, und wir tun, was wir können, um diese seine Freude vermehren zu helfen. So und noch viel stärker und tiefer verhält es sich auch zwischen Mensch und Gott: Wenn wir von Taufgedächtnis reden an diesem Sonntag, so birgt ja auch die Taufe dieses Element: „Ich sage ab allem teuflischen Werk und Wesen und übergebe mich dir, du dreieiniger Gott." Habe ich denn Gottes große Liebe erfahren, wurde sie mir für mein ganzes Leben zugesprochen, so will auch ich diese Liebe erwidern in Wort und Tat, ich will tun, was Gott mir gebietet, ich will leben nach der Lehre Jesu Christi, der mein Erlöser ist, ich will leben in der Kraft des Heiligen Geistes, der mein Beistand und Tröster sein will.

Unser Predigttext des alten Testamentes bringt dabei noch einen wichtigen zusätzlichen Aspekt: Nämlich, dass es sich für uns selber und für die Generationen nach uns auszahlen wird, den Geboten Gottes entsprechend zu leben, und dass es sich bitter rächt, wenn Menschen meinen, sie könnten Gottes Gebote außer Acht lassen. Gott ist ein Gott, der das Gute für uns will, und nicht unser Verderben. Darum warnt er: „So sollst du nun wissen, dass der Herr, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten; und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen. So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust!" Es wirkt sich eben nicht nur für den einzelnen Menschen aus, was er tut, welche Verantwortung er fühlt und wie er sich für seinen Nächsten einsetzt, es wirkt sich für die Generationen nach ihm ebenso aus. Wie wahr solche Worte sind, erkennen wir spätestens in Zeiten des sich wandelnden Klimas, wo wir gefragt sind, um der Zukunft unserer Kinder und Enkel willen!

Aber kehren wir zum Zentrum unseres Predigttextes zurück: Denn es sollen ja all diese eben gehörten Mahnungen nicht etwa eine harte, drückende Last sein, sondern nur die Antwort auf die unbeschreibbare Liebe Gottes zu dieser Welt und zu einem jeden einzelnen von uns. Weil Gott sich uns mit ganzer Hingabe zuwendet, darum können wir gemahnt werden, seine Liebe in Gesinnung und Tat zu erwidern. Dazu helfe uns der dreieinige Gott. Amen.



Erika Reischle-Schedler
Göttingen
E-Mail: e.reischle-schedler@t-online.de

(zurück zum Seitenanfang)