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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

8. Sonntag nach Trinitatis, 14.08.2011

Predigt zu Jesaja 2:1-5, verfasst von Ludwig Schmidt

 

1 Dies ist's, was Jesaja, der Sohn des Amoz, geschaut hat über Juda und Jerusalem: 2 Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden (Nationen) werden herzulaufen,  3 und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns auf den Berg des HERRN gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen. Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem. 4 Und er wird richten zwischen den Nationen und Schiedsrichter sein für viele Völker, und sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. 5 Kommt nun, ihr vom Haus Jakob, lasst uns wandeln im Licht des HERRN!

Liebe Gemeinde!

Es ist eine eindrucksvolle Vision, die in unserem Predigttext beschrieben wird. Danach wird einmal der Tempelberg in Jerusalem in einen Berg verwandelt werden, der höher ist als alle anderen Berge und Hügel. An diesem Wunder werden die Menschen erkennen, dass der Gott Israels der wahre Gott und auf diesem Berg gegenwärtig ist. Deshalb werden dann die Völker herbeiströmen, damit sie Gott belehrt, und sie werden sich so verhalten, wie es seiner Weisung entspricht. Das wird zur Folge haben, dass sie ihre Konflikte nicht mehr durch Kriege lösen wollen, sondern sich für sie dem Urteil Gottes unterwerfen und ihn als Schiedsrichter akzeptieren. Da die Völker keine Waffen mehr einsetzen, werden sie aus ihnen Geräte herstellen, die für die Landwirtschaft nützlich sind und sie werden auch auf eine militärische Ausbildung der Männer verzichten. Es ist eine Vision von einem weltweiten Frieden ohne Krieg und Gewalt, in der sich alle Nationen und Völker miteinander vertragen. Von einem solchen Frieden sind wir weit entfernt. Es gibt auch heute noch militärische Auseinandersetzungen zwischen Staaten und in einigen Ländern Bürgerkriege. Außerdem gefährden Terroristen das Leben und die Gesundheit von Menschen. Sie hassen alle, die nicht ihrer Meinung sind, und wollen möglichst viele von ihnen töten. Die meisten Terroristen setzen dafür als Selbstmordattentäter ihr eigenes Leben ein, weil sie ganz darauf fixiert sind, anderen Schaden zuzufügen. Viele Menschen wünschen sich einen weltweiten Frieden ohne Gewalt, aber die Realität sieht anders aus.

An unserem Bibelabschnitt wird deutlich, warum es einen solchen Frieden noch immer nicht gibt. Hier hat dieser Friede zur Voraussetzung, dass die Völker von dem Gott Israels belehrt werden wollen und bereit sind, sich an seine Weisungen zu halten. Das ist nur möglich, weil sie darauf vertrauen, dass er als Schiedsrichter keine Fehler macht und niemanden benachteiligt. Er wird bei seinem Urteil auch keine eigenen Interessen verfolgen. Deshalb werden die Völker sein Urteil ohne Murren akzeptieren. Sie werden überzeugt sein, dass ihnen Gott mit seiner Entscheidung und mit seiner Belehrung einen Weg aufzeigt, der für sie gut ist. Kein Mensch und keine menschliche Organisation können aber die Aufgabe ausfüllen, die nach unserem Predigttext Gott übernehmen wird. Es gab wohl einmal die Hoffnung, dass die Vereinten Nationen die Konflikte zwischen Völkern schlichten können. Aber die UNO hat sich häufig als machtlos erwiesen. Die unterschiedlichen Interessen der verschiedenen Staaten verhindern immer wieder, dass Entscheidungen gefällt oder durchgesetzt werden. Wenn die UNO doch einmal eingriff, geschah das durch Blauhelme, die die streitenden Parteien voneinander trennten. Es ist kein weltweiter Friede ohne Gewalt möglich, weil die Völker nicht bereit sind, den wahren Gott als die Autorität zu akzeptieren, die ihn garantiert.

Und doch hat Gott bereits begonnen, die Vision in unserem Predigttext zu erfüllen, freilich nicht wörtlich. Der Tempelberg in Jerusalem ist nicht höher als damals und er wird es auch nicht werden, wenn man ihn nicht künstlich erhöht. Unser Bibelabschnitt entstand in einer Zeit, in der man es sich nicht anders vorstellen konnte, als dass der Gott Israels durch ein großes Naturwunder die Völker überzeugt, dass er der wahre Gott ist. Gott ist auch nicht mehr auf dem Tempelberg in Jerusalem in besonderer Weise bei den Menschen, sondern er ist ihnen überall nahe, wo die Botschaft von Jesus verkündet wird. An dieser Botschaft sollen sie erkennen, dass er der wahre Gott ist und in dieser Botschaft empfangen sie seine Weisung, damit sie auf seinen Wegen gehen können. Jesus ist am Kreuz gestorben, um Gott mit den Menschen und die Menschen mit Gott zu versöhnen. An seinem Tod sehen wir, dass Gott die Menschen liebt und es gut mit ihnen meint, selbst dann wenn sie in ihrem Leben schwere Wege gehen müssen. Wenn wir an Jesus glauben, haben wir Frieden mit Gott und vertrauen ihm. Wir befürchten dann nicht, dass uns Gott mit seinen Geboten unterdrücken will. Vielmehr werden sie für uns eine Anleitung zu einem guten Leben, in dem wir den Frieden mit Gott bewahren. Der Friede mit Gott ist kein Friede der Gewalt, der uns von Gott aufgezwungen wird, sondern ein Geschenk, das wir von Gott um Jesu willen erhalten. Weil die Botschaft von Jesus für alle Menschen bestimmt ist, ist der Glaube an ihn nicht davon abhängig, dass man zu einem bestimmten Volk gehört. Gott hatte sich einst mit dem Volk Israel verbunden. Es war sein Volk. Aber mit dem Tod und der Auferstehung Jesu hat Gott diese Grenze aufgehoben. Nun sind alle Menschen sein Volk, die an Jesus glauben. Dadurch verbindet ihr Glaube die Christen aus den verschiedenen Völkern und Kulturen. Weil sie durch Jesus Frieden mit Gott haben, sind sie miteinander versöhnt, obwohl es zwischen ihnen teilweise große Unterschiede gibt. Noch besteht kein Friede zwischen allen Völkern, aber es gibt Frieden zwischen den Christen aus vielen Völkern. Allerdings grenzen sich Christen immer wieder gegeneinander ab und manchmal bekämpfen sie sich sogar, weil sie sich dem eigenen Volk stärker verbunden fühlen als mit Christen aus anderen Nationen oder Kulturen. Auch innerhalb der Kirche gab und gibt es zwischen den verschiedenen Konfessionen heftige Auseinandersetzungen bis hin zu Kriegen. Aber weil sich Gott um Jesu willen mit uns versöhnt und Frieden geschlossen hat, müssen und können wir es akzeptieren, dass Christen aus anderen Völkern und Kulturen anders als wir sind. Alle Christen gehören zu der heiligen christlichen Kirche, die wir im Glaubensbekenntnis bekennen. Deshalb sollen sie in versöhnter Verschiedenheit friedlich miteinander umgehen.

Unser Predigttext macht uns aber auch deutlich, dass die Gewalt, die Menschen ausüben oder erleiden, einmal aufhören wird. Sie gibt es weiterhin, weil sich Gott mit Jesus nicht so spektakulär als der wahre Gott erwiesen hat, wie es in dieser Vision beschrieben wird. Zu der Zeit als Jesus am Kreuz starb, wurden viele am Kreuz hingerichtet und der auferstandene Jesus ist nur wenigen erschienen. Deshalb stehen viele Menschen der Botschaft von Jesus gleichgültig gegenüber oder lehnen sie ab. Aber Gott wird sich nicht für immer damit abfinden, dass er nicht von allen Menschen als der wahre Gott anerkannt wird. Dazu hat er zu viel auf sich genommen, als er Jesus in die Welt sandte und am Kreuz sterben ließ. Gott wird sich einmal gegenüber allen Menschen als der wahre Gott erweisen und dann wird die Gewalt auf dieser Erde ein Ende haben. Bis dahin ist es nicht unchristlich, wenn sich ein Volk mit Waffen schützt. Gewiss, Gott will keinen Krieg, aber Gott will auch nicht, dass ein Volk ein anderes unterdrückt. Ein einseitiger Verzicht auf Waffen würde jene, die ihre Waffen behalten, geradezu dazu einladen, ihren Machtbereich zu erweitern oder zumindest ein waffenloses Volk zu erpressen. Es gelingt gelegentlich durch gewaltlosen Widerstand, Mächtige zum Rückzug zu bewegen, aber die Regel ist das leider nicht. Man kann zwar mit Waffen die Anschläge von Terroristen nicht verhindern, aber immerhin die Möglichkeiten des internationalen Terrorismus einschränken. In unserem Predigttext hat die Abschaffung der Waffen zur Voraussetzung, dass die Völker den wahren Gott anerkennen und nach seiner Weisung leben. Solange diese Voraussetzung nicht gegeben ist, wird man auf Waffen zum Schutz vor der Machtgier und dem Hass von Menschen und Völkern wohl nicht verzichten können. Weil aber Waffen zu Unrecht eingesetzt werden können, ist es wichtig, dass Christen für den Frieden und die Lösung von Konflikten ohne Gewalt eintreten.

Daran sollten wir uns auch in unseren Beziehungen zu Christen und Nichtchristen halten. Der Apostel Paulus schreibt im Römerbrief: „Ist es möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.i Es kommt immer wieder zu heftigen Auseinandersetzungen, weil jemand unbedingt Recht behalten will. Er fühlt sich sonst gedemütigt. Aber das haben wir als Christen nicht nötig, weil unser Wert nicht darin besteht, dass wir uns durchsetzen, sondern dass wir durch unseren Glauben mit Gott verbunden sind. Deshalb können wir uns auch von anderen etwas gefallen lassen, ohne dass wir daran denken, wie wir es ihnen heimzahlen. Die Beziehungen zwischen Menschen werden oft dadurch stark belastet, dass einer mit Worten oder Taten einen Fehler begeht und der anderen ihm diesen Fehler nicht verzeiht, sondern denkt: Das lasse ich mir nicht gefallen. Freilich können wir nicht immer mit anderen Frieden halten. In einem Sprichwort heißt es: „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt." Das war Paulus bewusst. Deshalb schrieb er: „Ist es möglich, soviel an euch liegt, habt mit allen Menschen Frieden." Es kann sein, dass wir mit jemand nicht Frieden haben können. Aber wir sollten uns bei Auseinandersetzungen immer wieder kritisch prüfen, ob wir uns wirklich auf sie einlassen müssen, oder ob wir nicht nur unbedingt uns selbst behaupten wollen. Wenn sie nicht zu vermeiden sind, ist es immer noch die Frage, ob wir sie sachlich führen oder gereizt reagieren und den anderen persönlich angreifen. Als Christen muss uns der Unfriede schon von anderen aufgezwungen werden. Weil wir mit Gott Frieden haben dürfen, sollen wir mit anderen Menschen Frieden halten. Amen.

 



Prof. i.R. Dr. Ludwig Schmidt
Erlangen
E-Mail: gi_schmidt@t-online.de

Bemerkung:
1. Die Lutherübersetzung wird in V. 4a nach dem hebräischen Text korrigiert, da sich daraus eine etwas andere Deutung ergibt.

2. Röm 12,18



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