Göttinger Predigten

deutsch English español
português dansk Schweiz

Startseite

Aktuelle Predigten

Archiv

Besondere Gelegenheiten

Suche

Links

Gästebuch

Konzeption

Unsere Autoren weltweit

Kontakt
ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

8. Sonntag nach Trinitatis, 14.08.2011

Predigt zu Jesaja 2:1-5, verfasst von Heinz Behrends

 

Vorbemerkung: Ich mache in meinem Entwurf die Vision des Propheten an 3 Orten fest, die ich in diesem Jahr besucht habe. Wer die Idee aufgreifen mag, wähle Orte, mit denen er selber ein vergleichbares Bild von Frieden und Versöhnung verbindet.

Baschar al-Assad tritt vor die Kameras der Fernsehstationen und verkündet: „Es tut mir leid, ich habe alles falsch gemacht. Ich beklage die vielen Opfer und bitte die Gefolterten und die Angehörigen der Ermordeten aufrichtig um Entschuldigung. Ich trete zurück und mache den Weg frei für eine demokratische Ordnung." Sein Bekenntnis wirkt ansteckend. Die Militärs in Ägypten setzen freie Wahlen an und geben ihre ergaunerten Geschäfte dem Volk zurück. Die Familie Mubaraks bekennt ihre Verstrickungen. Der gestürzte Präsident darf dereinst mal friedlich im Kurort am Suez sterben. Gaddafi tritt vor sein Zelt und gesteht, dass er des Überlebenskampfes müde geworden ist. Die Rebellen sollen „eine Chance haben, unser Land zu führen, damit der Ertrag unserer großen Ressourcen an Öl allen zu Gute kommt". Die Verantwortlichen von al Qaida sehen ein, dass die Wirkung der Selbstmordattentäter verpufft. Sie blättern die friedlichen Seiten des Korans auf und geben ihre Waffen und Sprengkörper ab. Die Scheich-Familien Arabiens stornieren die Waffenkaufverträge mit deutschen Firmen, tauschen ihre Daimler gegen VW Polos ein und sind stolz darauf.

Schließlich begreift der israelische Ministerpräsident Netanjahu die neue Zeit und erklärt gegenüber der Jerusalem Post: „Es ist genug. Wir hören auf, die Palästinenser zu bedrängen. Wir wollen friedlich leben. Frieden muss gewagt werden. Alle Parteien der Knesset teilen meine neue Einsicht." Er lädt alle zu einem großen Fest nach Jerusalem ein. Die neue Sicht muss gefeiert werden. Niemand darf dabei fehlen.

Undenkbar, aber zu sehen - zu sehen mit Hilfe der Vision des Propheten Jesaja.

Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des Herrn Haus ist, fest stehen und viele Völker werden hingehen und sagen. Kommt, lasst uns auf den Berg des Herrn gehen und seine Weisung empfangen. ...Und sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen."

Undenkbar, kaum zu glauben angesichts der Nachrichten dieser Woche aus Syrien, aus Libyen, aus Afghanistan und dem Jemen, aus Somalia. Kaum zu glauben angesichts der noch wirkenden Trauer wegen der Attentate in Norwegen. Kaum zu glauben angesichts des Zittern der Spekulanten um ihre Werte.

Kaum zu glauben angesichts der aktuellen Situation in der Stadt Jerusalem, von einer hohen Mauer umgeben, um die Palästinenser auszugrenzen, der Taschenkontrollen vor der Klagemauer, der jungen Soldaten mit Gewehren im Anschlag in den Straßen des Basars.

Undenkbar, kaum zu glauben, aber zu sehen, weil Jesaja es sieht.

Ich persönlich habe es in diesem Jahr auf drei Reisen sehen können, schemenhaft zwar, aber erkennbar.

Meine Frau und ich besuchen Anfang Mai unsere Tochter in Jerusalem, die an der Hebräischen Universität Judaistik studiert. Wir wohnen in der Altstadt im Österreichischen Hospiz und schauen von der Dachterrasse auf die Dächer der Altstadt. Nicht fern von uns sehen wir die golden leuchtende Kuppel des Felsendomes. Wir gehen zur Klagemauer, sprechen Mann und Frau getrennt unser Gebet. Wir schauen vom Jüdischen Viertel auf den Tempelberg; die goldene Kuppel strahlt in der Sonne. Wir schauen vom Kidrontal im Norden hinauf zum Tempelberg. Die Kuppel zieht von überall unsere Blicke auf sich.

Am Morgen unseres vierten Tages in der Stadt gehen wir über die lange Rampe an der Klagemauer auf den Tempelberg. Eine Stille umgibt uns, eine große Weite tut sich vor uns auf. Kein Gewehr zu sehen. Muslime gehen in sich versunken in den Felsendom. Wir setzen uns auf eine kleine Mauer und sprechen unser Gebet. Wir erschließen uns den großen Platz. Am westlichen Ende hören wir Kinder auf den Höfen ihrer Schulen spielen. Welche Weite der Tempelberg hat! Das habe ich nicht geahnt, als ich von den vielen Stationen unseres Weges durch die Stadt auf den Berg geschaut habe. Wie viele hier Platz haben. Eine Bild entsteht in mir. Alle Tore, die heute noch verschlossen sind oder bewacht, öffnen sich. Aus Nord und Süd, aus Ost und West kommen die Völker und Religionen und erklären gemeinsam: Wir haben genug von dem ewigen Krieg der Ideologien, die wir mit Gott oder ohne ihn begründen. Das alles soll ein Ende haben.

Die Gespräche nach dem Fest belegen: Ein neuer Geist hat die Menschen erfasst; ein neues Herz ist eingepflanzt; die Hände fassen den Hammer; das Feuer ist nur noch zum Schmieden da. Schwerter werden zu Pflugscharen, Spieße zu Sicheln.

Ich kann es schemenhaft sehen in der Stadt Jerusalem. Die Völker lassen sich von Gott zurechtweisen und gestalten gemeinsam eine Welt, in der nicht mehr gelehrt wird, Krieg zu führen.

Ich erkenne Vor-Bilder der Vision - bei meinem Besuch des Doms in Güstrow, den wir aus Anlass des Ev. Kirchbautages im Juni in Rostock besuchen. Ich höre die Geschichte des Schwebenden von Barlach. Die kleine Stadt Güstrow wollte ein Ehrenmal für die Gefallenen des 1. Weltkrieges schaffen. Sie fragten ihren berühmten Mitbürger, den Bildhauer Ernst Barlach. Er gestaltete ihnen mit dem Schwebenden eine ungewöhnliche Deutung des Gefallenen-Todes und hängte ihn über die Taufe im Dom. Ein Mann in einem Umgang, die Augen sind geschlossen, aber sie schauen, sie haben eine Vision. Sie blicken in einen Raum, der unserer Erfahrung nicht zugänglich zu sein scheint. Mit ganzer Konzentration gibt er sich seiner Vision hin. Sein Mund ist geschlossen. Er schaut. Er könnte viel erzählen vom vielen Leid im Krieg, Leid, dass Menschen zu Boden gedrückt hat, aber er schweigt, um sich ganz dem Geschauten zu öffnen. Seine Hände sind nach innen gewandt. Alles führt in die Innerlichkeit, in eine Vision, die über ihn und den Krieg hinausweist. Seine Füße haben sich vom Grund der Realität abgestoßen und in eine Bewegung begeben. Eine eindrucksvolle Darstellung der Vision des Propheten ist es. Die Vision enthebt ihn dieser Welt; er schwebt einer Welt entgegen, die werden wird.

Eine Pflugschar des Künstlers im Dom zu Güstrow. Sieben Jahre hing er dort, bis die Nazis einzogen. Sie bauten in die Vierung einen Zwischenaltar mit einem braunen Tuch, darauf ein Sonnenrad. Der Führer wurde zum Erlöser erklärt, der das Volk ins Licht führt, das Abendmahl wurde zum Symbol für Blut und Boden. Die Kunst wird missbraucht. 1937 erlässt Hitler neue Richtlinien für die Kunst. Der Schwebende wird aus dem Dom entfernt. Seine letzte Spur ist eine Quittung aus dem Jahr 1941, auf der steht „eine Bronzefigur in Absprache mit dem Bischof der Mecklenburgischen Landeskirche im Gewicht von 250 kg zum Zwecke der Einschmelzung für die Wehrwirtschaft erhalten". Pflugscharen werden zu Schwertern gemacht. Freunde Barlachs habe einen kurzen Augenblick nutzen können, in dem die Skulptur unbeaufsichtigt war und haben einen Nachguß veranlasst. Er hängt im Dom in Güstrow und hat das Prophetenwort wachgehalten. Die erste aufkeimende Friedensbewegung in der DDR hat sich am Prophetenwort und an Interpretationen eines Barlachs orientiert. Am Ende wurden die SS 20 und Pershing II eingeschmolzen. Andere werden immer an diese Tradition anknüpfen können, wenn die Waffenschmieden bedenkenlos produzieren. Die Fabriken in unserem Land machen uns zu drittgrößten Waffenhändler dieser Erde. Doch:

Wo keine Vision, da ist der Vor-Krieg, sagt Kassandra.

Darum bin ich dankbar für Erfahrungen im Vorfeld der Vision von Frieden und Versöhnung, für Vor-Bilder.

Auf dem Rückweg aus dem Urlaub in Süd-Frankreich haben meine Frau und ich letzte Woche wie immer Halt gemacht auf einem Berg, da des Herrn Haus steht und viele Völker hingehen.

Ein unscheinbarer Bergkamm mitten im Burgund. Das aussterbende Dorf, das Frère Roger in den Tagen des 2. Weltkrieges aufsuchte, um dort zu leben und zu beten. Taizé. Er nimmt bald die flüchtenden Juden auf, zwei Brüder gesellen sich hinzu. Sie formulieren eine Regel des Zusammenlebens. Sie wollen leben von ihrer Hände Arbeit; sie wollen einfach leben, dreimal täglich miteinander beten und andere gastfreundlich aufnehmen und sie an ihrem Leben teilhaben lassen, solange sie wollen. Sie machen dabei keine Unterschiede zwischen Rasse, Nation, Geschlecht und Konfession. Wir sitzen im Morgengebet wie allen anderen auf dem Fußboden der Kirche, die wie eine große Halle schlicht gestaltet ist. Mehr als 2.000 sammeln sich an diesem Morgen, vor allem junge Menschen aus Polen, Estland, Italien, Spanien, England, Deutschland, Brasilien und vielen andern Ländern. Sie beten miteinander, singen die eingängigen Lieder, hören das Wort Gottes in vielen Sprachen, schütten nach dem Abendgebet ihr Herz bei einem der 110 Brüder aus. Lesen am Morgen gemeinsam in der Bibel, stolpern in ihrem begrenzten Englisch und verstehen sich gut.

Eine Wallfahrt der Völker auf den Berg. Dass der Gründer und unermüdliche Prediger der Versöhnung Roger von einer Verrückten im Gebet erstochen wurde, hat der Bewegung auf dem Berg weder geschadet noch genützt. Sie bleiben beharrlich im Gebet und im Brotbrechen. Der Wille zum Frieden, das Umschmieden der Waffen fängt mit einer gelebten Spiritualität an. Da liegt meine Hoffnung, während ich dort neben meiner Frau zwischen den vielen jungen Menschen auf dem Fußboden sitze und bete: Die Sehnsucht nach Stille, Frieden, Gemeinschaft wird sich immer Bahn schaffen. Wir werden uns nie mit dem ewigen Krieg zufrieden geben.

Je stärker uns die Nachrichten aus Syrien, Libyen, Afghanistan und Oslo uns bedrängen, umso stärker wird die Vision Jesajas in uns wachsen und leiten.

Kaum zu glauben, aber zu sehen.

 



Superintendent Heinz Behrends
37154 Northeim
E-Mail: Heinz.Behrends@evlka.de

(zurück zum Seitenanfang)