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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

10. Sonntag nach Trinitatis, 28.08.2011

Predigt zu Exodus (2. Buch Mose) 19:1-6, verfasst von Friedrich Weber

 

Liebe Gemeinde,

ist Ihnen eigentlich bewusst, dass das sprichwörtliche „Ich bin doch nicht von gestern" einen biblischen Ursprung hat? Das Wort stammt aus dem Hiobbuch. Dort sagt Hiobs Freund Bildad zu dem geplagten und elenden Mann: „denn wir sind von gestern her und wissen nichts ..." (8,9)

Das mag einen überraschen, denn unserem Anspruch an uns selbst genügt es natürlich keineswegs von gestern zu sein. Wir geben uns ja die allergrößte Mühe, möglichst stets im Bilde, mit unserer technischen Ausrüstung und unserem Outfit up to date und auch sonst nach vorn gerichtet und zukunftsfähig zu sein. Und dass die Bibel von gestern sein könnte, also für das Heute nicht mehr taugt, das können und wollen wir gar nicht denken.

Dennoch: Wir sind mehr von gestern, als wir vielleicht denken, denn wenn man sich unser Leben, seine Zeitstruktur und Gliederung genauer betrachtet, dann fällt einem doch auf, dass unser Tun und Lassen zwar geprägt ist von Plänen, kommenden Terminen und Ambitionen, also eher vom morgen, aber genauso deutlich ist auch, dass wir uns nach hinten, ins Gestern verankert und verwurzelt haben: wir feiern unsere Geburtstage als Wiederkehr des Tages unserer Geburt und je älter wir dabei werden, nutzen wir die Gelegenheit zurückzublicken und Erinnerungen aufzufrischen und auszutauschen. Und wir feiern Hochzeitstage und -jubiläen, treffen uns mit ehemaligen Klassenkameraden, um den wiederkehrenden Schulabschluss nach so und soviel Jahren zu erinnern, legen Fotoalben an oder füllen externe Festplatten mit Bildern, die unserer Erinnerung konservieren sollen und diese Liste ließe sich noch lange fortsetzen.

Auch das Kirchenjahr und nicht zuletzt das Domprogramm sind voller Gedächtnistage. Wir erinnern uns zu Weihnachten an Jesu Geburt und an Gründonnerstag an die Stiftung des Abendmahls, wir denken an die Errichtung und den Fall der Mauer, den Jahrestag des elften September und den des Bombenangriffs auf Braunschweig. Ja man kann vermutlich sagen, wir ritualisieren die Erinnerung als Selbstvergewisserung in jedem Gottesdienst, wenn wir das Credo mit Worten sprechen und Kirchenlieder singen, die durch die Zeit auf uns gekommen sind oder das Vaterunser mit den Worten einleiten „wie dein Sohn uns (einst) gelehrt hat."

Erinnern und Gedenken sind mit anderen Worten konstitutive Elemente unserer Existenz und Identität. Und in ganz besonderem Maße betrifft das natürlich auch unseren Glauben, der ja wesentlich davon zehrt, Überliefertes weiterzuerzählen und sich in eine Tradition zu stellen. So steht auch über diesem Sonntag eine Geschichte aus dem zweiten Buch Mose, die Identität begündet und Erinnerung stiftet und so den Bund Gottes mit den Menschen stabilisiert.

Dort hören wir: Am ersten Tag des dritten Monats nach dem Auszug der Kinder Israel aus Ägyptenland, genau auf den Tag, kamen sie in die Wüste Sinai. Denn sie waren ausgezogen von Raphidim und kamen in die Wüste Sinai und lagerten sich dort in der Wüste gegenüber dem Berge.

Und Mose stieg hinauf zu Gott. Und der Herr rief ihm vom Berge zu und sprach:

So sollst du sagen zum Hause Jakob und verkündigen den Kindern Israel: Ihr habt gesehen, was ich mit den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht.

Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein. Das sind die Worte, die du den Kindern Israel sagen sollst

Unterwegs in der Wüste waren die Menschen ganz auf sich gewiesen, auf ihre Zähigkeit und Ausdauer, auf ihre Hoffnung. Sie kamen, so steht es geschrieben, von Raphidim her. Dort sind sie am Tiefpunkt gewesen, sie waren verzweifelt und erschöpft, am Ende ihrer Kräfte und zutiefst verunsichert, ob sie überhaupt ein Ziel erreichen würden. Es fehlte an Wasser und sie haderten mit Mose. Ein Geschichte, die man angesichts der unzähligen Menschen, die sich durch die ostafrikanischen Dürregebiete schleppen, nur mit Schmerz hören kann. In der biblischen Geschichte war Gott dem Mose mit einem Wunder zuhilfe gekommen. Die Reise hatte fortgesetzt werden können. Man hatte gegen die Amalekiter gekämpft und gesiegt. Am ersten Tag des dritten Monats waren sie in der Wüste Sinai angekommen - alles ist genau benannt, denn unsere Erinnerung braucht Details und Fakten, um sich einzukerben.

Jetzt lagerten die Menschen gegenüber vom Gottesberg. Die Perspektive verändert sich. Die Wüste ist nicht mehr die einzige Wirklichkeit. Es gibt mehr und Anderes, einen Berg.

Und Mose steigt hinauf.

Er war ein Fußgänger und das Laufen und Steigen gewöhnt. Ganz sicher hatte er längst seinen Rhythmus gefunden, der ihm half Kräfte einzuteilen und gut voran zu kommen. Aber Gott ist er wohl zu langsam, denn er wartet nicht ab, bis Mose angelangt ist, sondern ruft ihm entgegen:

Ihr habt gesehen, was ich mit den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht.

Das ist schon eine sehr unmittelbare Ansage. Gott hat keine Zeit zu verlieren; er will nicht warten bis Mose endlich den Berg hoch- und runtergestiegen ist. Er will, dass sich sein Volk erinnert, dass es aus seinen Erfahrungen schöpft und sie nutzt als Geländer und Orientierungshilfe auf Zukunft hin.

Natürlich ist eine Wüstenwanderung mit kompletten Familien und ohne lange Vorbereitung eine Zumutung. Darum braucht es die Erinnerung dessen, was war, um die Gegenwart nicht für das einzig mögliche Leben zu halten. Denn nur wer sich erinnert, dass es einmal anders war, wird für möglich halten, dass es auch anders werden kann und dafür offen sein.

Darum wohnt der Erinnerung eine enorme kritische Kraft inne, die verhindert, absolut zu setzen, wie es jetzt ist. Erinnerung macht es möglich, einzuordnen, was gerade passiert.

Denn jetzt ist eben nicht nur Wüstenzeit, nicht nur Krise, nicht nur Erschöpfung: Gott hat uns auch durchgetragen und Hindernisse beseitigt, er hat uns Tage geschenkt wie auf Adlerflügeln. Es gab immer beides: die Anspannung und Anfechtung, den Zweifel und die Ohnmacht, aber eben auch Schutz und Bewahrung, Geleit und Segen.

Davon können wir zehren.

Das ist ein Grundnahrungsmittel, damit es weitergeht und Zukunft möglich bleibt.

Und dies gilt nicht für die Geschichten von gestern. Es gilt im Großen und Kleinen, in den komplizierten und scheinbar ausweglosen Konflikten eben dort im Nahen Osten, wo diese Geschichte ihren Ort hat genauso wie in unseren Familien, Freundeskreisen oder Arbeitszusammenhängen. Wenn es gelingt aus dem Erinnerungsprozess nicht die Konsequenz zu ziehen, dass es so oder so schon immer war, dass alte Schlachten immer neu geschlagen werden müssen, sondern dass es immer eben auch anders und neu weitergehen kann, dann ist viel gewonnen.

In der Gottesrede schließt sich an die Erinnerung der Bundesgedanke an, denn dieses ist Gottes auserwähltes Volk. Dieser Zusammenhang beschreibt einen weiteren Aspekt der Erinnerung: Sie verleiht Legitimation. Die Erinnerung an die Verheißungen für die Väter begründet die Erwählung Israels.

Aber es funktioniert auch das genaue Gegenteil: Erinnerung entzieht natürlich auch Legitimation. Jeder einzelne Schritt in der Aufarbeitung von Unrechtssystemen trägt dazu bei, Diktatoren ihre Legitimation zu entziehen.

Vielleicht gerade deswegen, sind die Herrschenden immer wieder so erpicht darauf, Erinnerungen zu besetzen und zu interpretieren, also groß zu machen, was ihnen dienlich ist und zum Verschwinden zu bringen, was hindert.

All das kennen wir auch: wir nutzen die Erinnerung an die Anfänge einer Liebe oder daran, wie verzaubert und berückt wir von unseren Kindern waren, als sie klein waren, um uns zu vergewissern, dass noch immer alles gut ist. Genauso aber verdrängen wir, was weh tut und erzählen nicht, was vergessen werden soll.

Wir graben in der Vergangenheit nach Argumenten und nehmen Menschen in die Pflicht, indem wir sie an ihre Wahlversprechen erinnern oder an gemeinsam gefällte Beschlüsse. Genauso sind wir versucht, Details wegzulassen, wenn es gerade nützlich ist.

Beispiele dafür gäbe es viele.

Allein: einlinige Erinnerung entfernt uns von der Wahrheit, sei diese auch noch so mühsam zu ertragen. Gerade das macht das Modell der biblischen Erinnerungsgeschichten für uns so wertvoll, denn sie verklären nicht, sondern erinnern beides: Das Volk, das auf Gottes Geheiß losgeht und das Volk, das gegen ihn aufbegehrt. Den König, der mit Gottes Segen sein Volk regiert und dennoch den rechten Weg verliert. Den Gottessohn, der allen Versuchung widersteht und sich am Ende doch verlassen fühlt. Die biblische Erinnerungskultur ist nicht einseitig. Sie bleibt bei der Wahrheit.

Biblische Geschichten werden nicht erzählt, damit es immer so weitergeht und Bestehendes zementiert werden kann. Im Gegenteil: „Jede neue Generation wiederholt Erfahrungen der früheren, aber die Wiederholung lässt einen Spielraum zur Veränderung. Das unterscheidet diese Geschichten von den antiken Mythen und deren Tragik."1

Das macht uns fähig zu Vergebung und Neuanfang.

Zuletzt aber nicht als Letztes: Die alte Mosegeschichte neigt nicht zur Beliebigkeit, denn Gott hat die Menschen auf Adlerflügeln nicht irgendwo hin verschickt, sondern heimgeholt zu sich. Das bleibt das Ziel, ob durch Wüsten oder über Berge, woran immer wir uns erinnern.

 



Landesbischof Prof. Dr. Friedrich Weber
Wolfenbüttel
E-Mail: marlene.rossmann.lka@lk-bs.de

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