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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

10. Sonntag nach Trinitatis, 28.08.2011

Predigt zu Exodus (2. Buch Mose) 19:1-6, verfasst von Sven Keppler


Bald wird der Junge zwölf. Dann muss er sich entscheiden. Marco - so möchte ich ihn nennen - hat in seinem kurzen Leben schon viel erlebt. Er war als kleines Kind häufig geschlagen worden. Die Nachbarn hatten damals das Jugendamt informiert. Und das hatte zum Glück schnell gehandelt. Recht bald wurden Pflegeeltern gefunden. Die Eltern hatten eingewilligt. Widerstrebend zwar, aber immerhin.
Die neuen Eltern versuchten, ihm so viel Geborgenheit wie möglich zu geben. Das war neu für ihn, und es dauerte lange, bis er Vertrauen fasste. Ganz langsam taute er auf. Kurz vor dem Einzug bei der Pflegefamilie hatten seine Großeltern versucht, alles rückgängig zu machen. Hatten das Jugendamt unter Druck gesetzt. Damals hatten die Pflegeeltern zum ersten Mal für Marco gekämpft.
Von da an lebte er bei ihnen. Nicht, dass er von Anfang an glücklich war. Wenn das Essen ihm nicht schmeckte, wenn ihm der Neuanfang zu anstrengend wurde - dann quengelte er, dass er wieder zu seinen Eltern wolle. Sie können sich vorstellen, wie schwer es für seine Pflegeeltern war, das auszuhalten. Marco hatte schnell raus, wie gut er auf diesem Weg seinen Willen durchsetzen konnte.
Aber er war geblieben. Die Pflegeeltern erfüllten ihm manchen Wunsch. Und behüteten ihn, so gut sie konnten. Zum Beispiel, wenn die Jungs aus der Nachbarschaft ihm zu Leibe rücken wollten. Dann schritten die beiden sofort ein, holten Marco nach Hause und beschwerten sich bei den Nachbarn.
Mit der Zeit hatte Marco Vertrauen gefasst. War oft fröhlich und spielte unbeschwert. Aber er fing auch an, den Schutz auszunutzen. Testete mit kleinen, oft charmanten Provokationen, wie weit er gehen konnte - zum Beispiel, wenn es um die Hausaufgaben ging. Langsam musste sich etwas ändern. Er musste anfangen, selbst Verantwortung für sich zu übernehmen. Die Pflegeeltern hatten sich überlegt, dass sein zwölfter Geburtstag ein guter Zeitpunkt dafür wäre.
Sie hatten mit Marco Regeln abgesprochen, an die er sich von jetzt an halten sollte. Neue Pflichten im Haushalt, Aufgabenerfüllung in der Schule und manches mehr. Nichts, was den Jungen überfordern würde. Dass er weiterhin zu ihrer Familie gehören würde, stellten sie sowieso nicht in Frage. Aber dem Jungen musste klar sein, dass das gute Klima in Zukunft stärker von seinem Verhalten abhängen würde. An seinem Geburtstag sollte er sich entscheiden, ob er akzeptiert oder nicht.

Lied: Erneure mich, o ewigs Licht (EG 390)

Liebe Gemeinde, einen weiten Weg zurücklegen, aus einer schweren Lebenssituation entkommen, unerwarteten Schutz erleben, sich nach dem Alten zurücksehnen und doch weiter nach vorne schreiten - all das hat auch das Volk Israel erlebt.
Die Israeliten lebten als Migranten in Ägypten. Dort wurden sie schikaniert und bekamen die härteste Arbeiten zugeteilt. Mit Mose gelang die Flucht. Er führte die Israeliten sogar durch ein Meer, das sich vor ihnen teilte und ihnen den Weg in die Freiheit eröffnete. Wenn sie hungerten, fanden sie Nahrung und Quellen. Wenn sie von Wüstenbewohnern angegriffen wurden, blieben sie siegreich.
Dieser Weg in die Freiheit soll heute Morgen spürbar werden. Ich möchte Sie einladen, mit mir einmal um die Kirche zu schreiten und auch das Kirchenschiff zu durchqueren, wie das Schilfmeer. Dabei werden wir singen: „Der Himmel geht über allen auf." Lassen Sie uns das Lied vor dem Aufbruch zweimal singen. Dann bitte ich Sie, aufzustehen und mir zu folgen. Und dabei das Lied ununterbrochen weiterzusingen: „Der Himmel geht über allen auf, auf alle über, über allen auf."

Die Gemeinde ist zu einer Prozession um die Kirche eingeladen, die auch durch die Kirche führt (vom Nord- zum Südportal). In der Kirche wird Ps 106,1-3.7-12 gelesen als Erinnerung an das Schilfmeerwunder. Während der Prozession wird EG/RWL 611 gesungen.

Der heutige Predigttext steht im 2. Buch Mose, im 19. Kapitel. Die Israeliten haben Ägypten verlassen und sind unter Gottes Schutz bis zum Berg Sinai gezogen. Vor Feinden wurden sie ebenso bewahrt wie vor Hunger und Durst. Ihr Weg kommt nun zu einem ersten Ziel: [lesen: Ex 19,1-6].

Gott ruft den Israeliten die letzten zwei Monate in Erinnerung. Ihr seid befreit worden. Ihr seid immer wieder geschützt und versorgt worden. Alles Leid ist Euch abgenommen worden: Ich habe euch getragen wie ein Adler auf seinen Flügeln.
Und dann stellt Gott dem Volk eine wunderbare Zukunft vor Augen: Ihr sollt eine bevorzugte Stellung haben in der Welt. Ihr sollt auch weiterhin unter meinem Schutz stehen. Euer Gemeinwesen soll erblühen. In eurer neuen Heimat werdet ihr wohlhabend werden und in Frieden leben.
Gott geht sogar noch einen Schritt weiter. Er sagt: Israel soll ein heiliges Volk sein, ein Volk von Priestern. Mit anderen Worten: Es sollen paradiesische Zustände eintreten. Der Riss, der sich zwischen Gott und den Menschen ereignet hat, soll wieder geschlossen werden. Die Störung im Verhältnis von Gott und Mensch soll behoben werden.
Liebe Gemeinde, wenn uns in Versmold heute so etwas vor Augen gemalt würde - was würden wir für ein Fest feiern! In Frieden, Sicherheit und Wohlstand zusammenleben. Ohne Angst um den Beruf und die Ausbildung der Kinder. Zwischen Armen und Reichen würde es einen gerechten Ausgleich geben. Niemand wäre mehr aufgrund seiner Herkunft benachteiligt.
Und all die unbeantworteten Sinnfragen, das Hadern mit Krankheit und Tod, die innere Leere, die Entfremdung von Gott - all das würde aufgehoben sein in einen vertrauensvollen Glauben.
Was würden wir für ein Fest, für ein Stadtfestival feiern, wenn das einträte! Auf allen Bühnen würde nicht nur Musik gespielt, sondern ausgelassen getanzt. Die Händler würden ihre Geschäfte nicht nur zum Verkauf öffnen, sondern voller Glück ihre Waren verschenken. Das Bier würde fließen, aber niemand würde sich betrinken, weil er sein Glück mit einem klaren Kopf genießen wollte.

Allerdings, liebe Gemeinde, allerdings... Bevor diese Verheißungen eintreten, hat Gott noch eine Bedingung gesetzt. „Wenn ihr meiner Stimme gehorcht und meinen Bund haltet, ..." so waren Gottes Worte. Ohne Gegenleistung bleibt die paradiesische Zukunft verschlossen.
Israel stand an einem Wendepunkt. Hinter ihm lag die Zeit des Leidens. Aber auch die Zeit der Befreiung. Diese glücklichen Monate, wo ihm alles geschenkt wurde. Wo es murren konnte und hadern und dennoch sicher geführt wurde. Nun sollte es erwachsen werden.
So ähnlich, wie es bei Marco war. Marcos Pflegeeltern hatten erkannt, dass es dem Jungen auf Dauer nicht gut tat, überbehütet zu sein. Jede Bedrohung von ihm fernzuhalten, fast jeden Wunsch zu erfüllen - das hatte den Jungen zuerst glücklich gemacht. Aber dann auch nörgelig, verwöhnt. Manchmal sogar durchtrieben und undankbar.
Hatte Gott es bei seinem Volk ähnlich empfunden? Jedenfalls hatten auch die Israeliten sich bei jeder Gelegenheit nach Ägyptens Fleischtöpfen zurückgesehnt. Jetzt also forderte Gott auch ein ganz bestimmtes Verhalten von Israel ein. Er wollte mit ihnen einen Bund schließen. Zu dem Bund sollten ganz bestimmte Regeln gehören: die Zehn Gebote, die Fürsorge für Fremde, Witwen und Waisen, Reinheitsgebote und vieles mehr.
Wie würden Sie sich entscheiden, liebe Versmolder? Am Horizont all die wunderbaren Verheißungen. Würden Sie sich dafür auf Regeln verpflichten wie die Zehn Gebote oder die Achtsamkeit auf Gottes Worte?

Die Israeliten haben sich für den Bund entschieden. Feierlich und ernsthaft. Und doch wissen Sie, wie die Geschichte weitergegangen ist. Das Volk hat es nicht geschafft, Gottes Gebote zu halten. Genau so wenig wie alle anderen Menschen. Und die paradiesischen, gerechten Zustände sind nicht eingetreten. Weder in Israel, noch in Versmold, noch anderswo.
Und doch hat Gott seine Treue nicht aufgekündigt. Auch wenn seine schönsten Verheißungen bis heute unerfüllt geblieben sind: Er hat uns Menschen nicht fallen lassen. Wir dürfen glückliche Festivals feiern und Freude dabei haben. Auch wenn die Händler ihre Waren dabei nicht verschenken können.
Ich muss an die Pflegeeltern von Marco denken. Sie müssen gegenüber ihrem Jungen darauf bestehen, dass er sich an Regeln hält. Und sei es nur, um sein Gewissen zu stärken. Natürlich würden sie ihm nicht die Liebe aufkündigen, wenn er wieder einmal bei den Hausaufgaben schummelt. Aber zum Erwachsenwerden muss er begreifen, dass es auf sein verantwortliches Verhalten ankommt. Und er muss verstehen: Wenn ich den Ansprüchen nicht gerecht werde, die an mich gestellt werden, dann kann ich auch nicht erwarten, dass mir alles in den Schoß gelegt wird.
Diese Spannung gilt auch für uns Christinnen und Christen - ebenso wie damals für das Volk Israel. Sie gilt auch für uns als Bürgerinnen und Bürger dieser schönen Stadt. Gott will uns reich beschenken. Aber er erwartet auch etwas von uns. Wenn wir dem nicht gerecht werden, lässt er uns nicht fallen - darauf dürfen wir hoffen. Aber wir sollten nicht denken, dass wir einen Anspruch darauf hätten. Dass Gott zu uns hält, verdanken wir seiner elterlichen Liebe. Amen.



Pfarrer Dr. Sven Keppler
Versmold
E-Mail: sven.keppler@kk-ekvw.de

Bemerkung:
Die Predigt wird im Rahmen eines Freiluftgottesdienstes auf dem Kirchplatz gehalten. Anlass ist ein Stadtfest. Vor der Predigt wird eine Geschichte mit Analogien zum Predigttext erzählt.





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